Rezension: Goldfisch
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Der Autor: hYperCubeHD



Der Anime: Goldfisch

Gier. Das übersteigerte Streben nach materiellem Besitz. Verwandt mit dem Egoismus, der Eifersucht und dem Neid. Wenn man dem deutschsprachigen Wikipedia-Eintrag Glauben schenken mag, kann man Gier als einen negativen bzw. negativ konnotierten Begriff bezeichnen. Doch ist diese Betrachtungsweise des Konzepts nicht etwas simpel, etwas undifferenziert, etwas schwarz und weiß?

Diese Frage steht unter anderem auch im Mittelpunkt des Mangas Goldfisch. Beim Werk handelt es sich um einen drei Bände umfassenden Shounen-Manga der deutschen Zeichnerin Nana Yaa. Die 28-Jährige aus Neuss, die bereits in ihrer Jugend mit ihrer künstlerischen Begabung für Aufsehen sorgte und deshalb unter anderem 2008 einen Interview-Auftritt in der Sendung TV Total erhielt, konnte sich durch ihre zahlreichen Doujinshis wie beispielsweise das populäre Boys-Love-Drama Hockey Homo (Crushed!!) einen gewissen Bekanntheitsgrad erarbeiten. Mit Goldfisch stellte sie nun ihren ersten rein kommerziellen Manga für einen Publisher (Tokyopop) und konnte mit Veröffentlichungen auf Englisch und Französisch sogar in den internationalen Raum vordringen. Eine Anime-Adaption durch das Stuttgarter Animationsstudio Studio Seufz wurde zudem ebenfalls bereits angekündigt, jedoch sind hierzu noch keine weiteren Informationen bekannt.


Der Fischerjunge Morrey lebt gemeinsam mit seinem Zwillingsbruder Spencer sowie seinem mutierten Otter Otta ein mehr oder weniger ruhiges Waisenleben. Doch der Zwölfjährige sehnt sich nach mehr! Er würde gerne in die weite Welt reisen und solch Abenteuer erleben wie diese, die ihm sein verschollener Vater immer erzählte. Durch diesen unbändigen Wunsch und einige Zufälle gelangt er eines Tages in den Besitz der Gabe, alles durch Berührung mit seinen bloßen Händen in Gold zu verwandeln. Doch diese Fähigkeit entpuppt sich zugleich eher als Fluch statt Segen, als er mit Schrecken erkennen muss, dass er seinen eigenen Zwillingsbruder in eine Goldstatue verwandelt hat. Gejagt von Artefaktjägern und Menschen, die seine Gabe zur persönlichen Bereicherung nutzen wollen, begibt er sich auf die Suche nach Möglichkeiten, seinen Bruder zurückzuholen und diese verfluchten Goldhände für alle Zeiten loszuwerden.

Wem der Plotpunkt mit den Händen, die alles in Gold verwandeln, bekannt vorkommt, der liegt damit erstmal vollkommen richtig. Dieses Element der Geschichte basiert nämlich auf der bekannten Sage von König Midas. Der mythischen Anekdote nach wünschte sich der gierige Herrscher eben jene Fähigkeit im Austausch gegen die Freilassung des gefangengenommenen Silenos. Da daraufhin sich jedoch auch sämtliche Lebensmittel in Gold verwandelten, drohte Midas der Hungertod, den er lediglich durch die Übertragung der Gabe an den Fluss Paktolos abwenden konnte. Die Integration dieser Fabel ist natürlich vollkommen beabsichtigt, ja so wird die Sage durch den Auftritt des Königs als selbstständiges Bewusstsein des Artefakts direkt in die Lore der Welt integriert. Durch die Entscheidung, diesen Einfluss für das Konzept für jeden Leser offenzulegen, lenkt Nana Yaa geschickt die Aufmerksamkeit auf die inhaltlichen Unterschiede von Goldfisch zur bekannten Midas-Geschichte. Denn Gier ist nicht nur eine der sieben Todsünden, nicht nur eine Charaktereigenschaft für Super-Bösewichte, nicht nur der Grund für den Fall ins Verderben für die fiktive Überzeichnung eines realen Königs von Phrygien. Es ist grundsätzlich erst einmal menschlich.


Diese Aussage des Werks lässt sich vor allem im Protagonisten Morrey finden – dem Substitut für König Midas in der Handlung. Beim Zwölfjährigen handelt es sich um einen Vertreter eines Charakter-Archetyps, der gerade in Shounen-Mangas relativ häufig zu finden ist. Aufgeweckt, freundlich, emotional, nicht ausschließlich egoistisch bis sogar in einem gewissen Maße rechtschaffend – das sind alles Eigenschaften, die Morrey als menschliche Figur in der Geschichte beschreiben würden. Gier passt da nicht wirklich in die Reihe. Und doch entscheidet sich der Junge dazu, seinem Arbeitgeber ein Artefakt zu rauben und sich auf Anleitung einer mysteriösen Stimme die Gabe zu eigen zu machen. Doch warum? Na ja, in einer gewissen Form ist auch Morrey gierig. In einer gewissen Form ist beinahe jeder Mensch gierig. Es geht nur darum, nach was. Im Falle des Protagonisten in Goldfisch ist es die Gier nach dem Abenteuer. Der Wunsch, dieselben Geschichten zu erleben, die sein Vater ihm immer erzählt hat. Der Glaube, dass sein Leben mehr bereithalten muss als den Status quo.

Dass diese Redefinition der Gier als Streben nach einem Lebenssinn als Rahmen für eine recht klassische Shounen-Geschichte fungiert, mag eventuell nicht vollkommen beabsichtigt sein, jedoch funktioniert diese Dynamik ausgesprochen gut. Denn wenn man die Handlung auf einem sehr flachen Level betrachtet, bekommt ja Morrey genau das, was er will. Er geht auf Reisen, erlebt Abenteuer in der verseuchten Welt und kämpft gegen riesige Mutanten. Neben seinem Otter Otta, der ihm auch bei alltäglichen Aufgaben hilft, gewinnt er im Laufe der Handlung die Technikerin Shelly und den Heiler Zaka als Freunde und Mitstreiter für sich und geht dem Geheimnis seines verschwundenen Vaters auf den Grund. Dabei erlagt er immer und immer mehr Kontrolle über seine Goldfähigkeiten und entwickelt dadurch immer stärkere und variablere Kampfmethoden. Klassische Elemente reihen sich an wohlbekannte Faktoren, sodass man fast vergessen könnte, warum Morrey dies eigentlich alles machen muss. Um sich seinen Lebenssinn zu erfüllen? Aus der Freude am Abenteuer? Um einen überausgeprägten Gerechtigkeitssinn zu befriedigen? Nein. Zuallererst geht es ihm darum, seinen Fehler rückgängig zu machen, seinen Bruder zu retten und sich dem Resultat seiner Gier zu entledigen. Er sucht seinen ganz persönlichen Fluss, seinen Paktolos, der ihn von seiner Schuld erlöst.


Was nicht heißt, dass Goldfisch nicht auch einen Bösewicht im klassischen Shounen-Stil hat. Der Kunsthändler und seine Armee an Beschaffern existieren am Anfang der Geschichte eher als Fußnote und werden dann im Verlauf der Handlung Stück für Stück immer mehr in das Werk integriert. Diese mysteriöse Person hat es sich zur Aufgabe gemacht, alle Artefakte in der Welt suchen und einsammeln zu lassen. Unter diese Definition fällt auch Morrey, der zum Erhalt seiner Gabe die sogenannte Midas-Quelle in sich aufnahm und somit von den Beschaffern gejagt wird. Dieser hat eigentlich andere Sachen zu tun, als einen gierigen Sammler und seine Goons zur Strecke zu bringen, jedoch verflechtet sich die Geschichte der beiden im Verlauf des Werkes immer weiter, bis dem Jungen nicht mehr wirklich eine andere Wahl bleibt. Die Konfrontation mit dem Kunsthändler bildet daraufhin den emotionalen und strukturellen Höhepunkt des Werkes, der jedoch auch nicht wieder ohne Verweis auf das Motiv der Gier auskommt. Denn auch der skrupellose und einschüchternde Bösewicht selbst fällt nicht wirklich unter die klassische Definition des Begriffs. Die Präsentation seiner Hintergrundgeschichte bildet einen essentiellen Fokus des 3. Bandes und enthüllt, dass die Habgier, der Sammelwille nur als Substitut für etwas Unerreichbares herhalten muss. Somit geht es erneut um die Kreation eines Lebenssinns, lediglich die Ausgangssituation unterscheidet in diesem Kontext den Prota- vom Antagonisten.

Doch obwohl das mit der Gier alles nicht ganz so schwarz und weiß ist, hat die Fabel von König Midas nicht ganz ihre Aussage verloren. Anstatt eines simplen „Gier ist schlecht“ lässt sich unter Anwendung der vielschichtigeren Definition des Begriffs eine andere Message herauslesen: Trotz aller Träume und Visionen, vergesse nie das wertzuschätzen, was du bereits hast. Nur weil das Leben in seiner aktuellen Form nicht ganz erfüllend sein mag, heißt das nicht, dass man alles wegwerfen sollte. Manchmal reichen bereits kleinste Änderungen, um mit dem Status quo extrem glücklich zu werden. Oder auch: Gier mag nicht vollkommen negativ sein, kann aber auch blenden. In Goldfisch bekommt Morrey all die Abenteuer, nach denen er sich so lang sehnte. Doch aufgrund der etwas anderen Umstände bildet der Junge eine recht negative Sicht auf diese Träume und lernt, dass sein Leben vor dem Erhalt der Goldhände doch eigentlich gar nicht so verkehrt war. Er war glücklich, hat es aufgrund seiner irrationalen Träume von den Geschichten seines Vaters jedoch selbst nicht erkennen oder anerkennen wollen. Diese Selbstreflexion des Protagonisten ist das große Highlight des Werkes und dominiert den Shounen-Manga auf eine solch brillante Art und Weise, dass die etwas schwächeren Elemente der Handlung beim Lesen in den Hintergrund gedrängt werden.


Denn obwohl der Manga tonal und narrativ als gelungen bezeichnet werden kann, ist nicht alles Gold was glänzt. Hust, Entschuldigung dafür. Das Deutlichste, was den meisten Lesern wahrscheinlich negativ ins Auge sticht, ist das unglaublich hohe Pacing, von dem sich auch die meisten anderen Probleme ableiten lassen. Goldfisch war von Anfang an von Tokyopop als drei Bände umfassendes Werk bestellt, jedoch steht dies in einem recht direkten Konflikt mit Nana Yaas Intention, einen klassischen Shounen zu verfassen. Es gibt einen Grund, warum sich japanische Vertreter dieses Genres immer in einem etwas längeren Segment bewegen, sollten sie nicht abgebrochen werden. Gerade im Bereich des Worldbuildings ist der fehlende Raum deutlich zu merken. Die Handlung huscht gestresst von Ort zu Ort, ohne sich jemals wirklich Zeit zu nehmen, die angeschnittenen, überaus interessanten Elemente auf eine befriedigende Art und Weise auszuführen. Ähnliches gilt auch für die Nebencharaktere wie Shelly und Zaka, deren Hintergrundgeschichten und Charakterentwicklungen zugunsten der ausführlicheren Behandlung der Motive und des Protagonisten minimal gehalten werden mussten.

Keine Abstriche machte die talentierte Zeichnerin hingegen bei der visuellen Gestaltung, für deren qualitativ hochwertige Umsetzung sie sich aufgrund des wohl fehlenden festen Release-Zyklus ausreichend Zeit nehmen konnte. Das detailreiche Charakterdesign sprüht vor Kreativität und besitzt einen hohen Wiedererkennungswert. Dies liegt unter anderem an den ausgesprochen expressiven Gesichtszügen, die es schaffen, die Emotionen auf eine dynamische Art und Weise zu vermitteln. Ebenfalls auffällig qualitativ hochwertig präsentieren sich die Hintergründe, die gerade in den natur-lastigeren Locations die Welt des Werks zum Leben erwecken.

Zusammenfassend lässt sich Goldfish als starker Shounen-Manga bezeichnen, der sich vor allem aufgrund seiner Stärken im Theming von der großen Masse an ähnlichen Werken abheben kann. Die Charaktere samt ihrer Eigenheiten auf narrativer und visueller Seite wachsen dem Leser förmlich ans Herz und können über die kurze Länge von nur drei Bändern überzeugen. Lediglich eben diese Länge hindert den Manga daran, in größere Sphären aufzusteigen. Trotzdem ist Nana Yaas Mini-Epos ein potentiell wegweisender Vertreter der aktuell noch immer recht überschaubaren internationalen Manga-Szene, die jegliche Form von selbstgenerierter Unterstützung auf dem Weg zu allgemeiner Legitimität gut gebrauchen kann. Nun ist noch zu hoffen, dass die Anime-Adaption des deutschen Studios Seufz der Vorlage gerecht wird sowie eventuell das Momentum nutzen kann, um Nana Yaa auf der internationalen Bühne vollends zu etablieren. Zu gönnen wäre es ihr.

Cube

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