Rezension: Tsuki ga Kirei
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Der Autor: hYperCubeHD



Der Anime: Tsuki ga Kirei

Man kann sagen, was man will, aber kaum eine Innovation der letzten zwei Jahrzehnte hat das Gesicht unserer Gesellschaft so sehr gewandelt wie die Mobilkommunikation in Textform. Bereits die sogenannten SMS ermöglichten einen noch nie dagewesenen Komfort bei der Nachrichtenübertragung und die Verbreitung der Smartphones seit Mitte des letzten Jahrzehnts beschleunigte diese Entwicklung nur noch. Mit der Verfügbarkeit bezahlbarer sowie schneller Internetverträge für mobile Geräte wurden die teuren und auf eine spezifische Zeichenanzahl begrenzten SMS inzwischen beinahe vollständig von kostenfreien, internetbasierten Messenger-Applikationen wie Whatsapp oder Telegram abgelöst – und damit auch die meisten anderen Formen der Kommunikation. Doch während die meisten heutigen Erwachsenen dem Aufstieg bewusst oder unterbewusst beiwohnten und somit noch die Gesellschaft vor der Dominanz dieses Komfortfeatures kennenlernten, bilden solche Dienste einen festen Bestandteil des Lebens jedes heutigen Jugendlichen. Dies verändert einiges – gerade bei Beziehungen im jungen Alter. Wie lernt man sich kennen? Wann und wie viel hat man miteinander zu schreiben? Wie äußert sich die klassische Schüchternheit, die früher immer ein großes Problem für Pubertierende darstellte? Und wo liegen die Grenzen der Textkommunikation?

Dies sind einige der Fragen, auf die die Serie Tsuki ga Kirei zwar keine Antworten hat, die jedoch dennoch im Mittelpunkt deren Romance-Geschichte stehen. Beim Werk aus der vergangenen Spring-Season handelt es sich um einen Original-Anime von Yuuko Kakihara, der in der Vergangenheit vor allem als Kopf hinter populären Manga-Adaptionen wie Sora no Otoshimono oder Orange in Erscheinung trat. Für die Umsetzung des Scripts nahm Seiji Kishi im Regiestuhl des Studios feel. Platz. Die Serie ist hierzulande beim Simulcast-Anbieter Crunchyroll verfügbar.

Die beiden Mittelschüler Akane Mizuno und Kotarou Azumi haben auf den ersten Blick nicht viel gemein. Erstere ist ein generell eher aufgewecktes, junges Mädchen mit guten Noten und einer großen Leidenschaft für die Leichtathletik, die sie gemeinsam mit ihren Freundinnen im dazugehörigen Club ihrer Schule auslebt. Bei ihrem männlichen Gegenstück in der Geschichte handelt es sich hingegen um einen introvertierten, teils sogar schüchternen Literaturfanatiker, der für seinen Traum, ein berühmter Schriftsteller zu werden, sowohl seine schulischen Leistungen als auch sein Sozialleben vernachlässigt. Und doch fallen sich die beiden Klassenkameraden am Anfang ihres letzten Mittelschuljahres gegenseitig ins Auge – eine beinahe exakte Repräsentation der Liebe auf den ersten Blick. Da beide selbst noch keine Erfahrungen mit Beziehungen haben und wie die meisten Kinder in ihrem Alter generell noch größtenteils lediglich mit Personen des eigenen Geschlechts verkehren, trauen sie sich nicht so wirklich, sich gegenseitig anzusprechen. Durch einige Zufälle kommt es jedoch zustande, dass die beiden Verliebten ihre IDs der Messenger-Applikation LINE austauschen müssen. Über Textnachrichten schaffen die beiden endlich ihre Schüchternheit einander gegenüber abzulegen und eine langsame aber für die beiden durchaus prägnante, erste Romanze beginnt …

So weit, so gut. Bei der Genre-Kombination der Slice-of-Life-Romanze mit Coming-of-Age-Thematik handelt es sich um eine der etabliertesten des gesamten Mediums – und das mit Recht und klarer Begründung. So verfügen Geschichten über die erste Liebe nicht nur bereits grundsätzlich eine gewisse Anziehungskraft für diverse Zielgruppen, sie sind zudem ebenfalls überdurchschnittlich einfach zu verfassen. Es müssen keine vollständig neuen Welten entwickelt werden, der Fokus auf wenige Charaktere ermöglicht die Offenlegung verschiedenster Aspekte einer Persönlichkeit und Logiklöcher, die zugunsten der Handlung erzeugt werden, erfahren eine meist größere Akzeptanz vom Zuschauer, als es in anderen Genres der Fall ist. Grund dafür ist, dass die Progression der Geschichte meist bereits von der Prämisse an vorgeschrieben ist. Auch wenn sich auf dem Weg diverse Verzweigungen und Twists befinden, so scheint das Ziel der Reise von Anfang an klar. Nur wenige Werke dieses Genres schaffen es, diese Vorhersehbarkeit abzulegen, aber das ist vollkommen ok. Oft reicht auch schon der nach dem Erreichen des Hauptziels angesetzte Epilog, dem Werk die nötige Nuance zu verpassen.

Diesen Weg schlägt auch Tsuki ga Kirei ein, schafft jedoch dabei immerhin einen zeitlichen Rahmen für die Handlung. So beschränkt sich der Anime auf das letzte Mittelschuljahr der beiden Protagonisten und unternimmt dabei mehrere kleinere Zeitsprünge. Dies war eine sehr gute Entscheidung, denn es verleiht der Serie eine ihrer größten Stärken: das ordentliche Pacing. Während die Beziehung von Akane und Kotarou realistisch unregelmäßig und sprunghaft voranschreitet, so wird die Entwicklung durch die beinahe für sich selbst stehenden Folgen sehr gleichmäßig vorangetrieben. Je der zwölf Episoden markiert einen bestimmten Meilenstein auf dem Weg des bereits von Anfang an offensichtlichen Hauptziels. Doch auch der Rest der Geschichte funktioniert definitiv überdurchschnittlich gut. Hierfür führt die Serie pro Charakter noch drei weitere Nebenhandlungen mit beinahe deckungsgleichen Grundthemen ein: ein Storystrang zu einem aktuellen Hobby, einer zu einer längeren, eventuell die Beziehung überdauernden Zukunftsentscheidung und einer zu einem Nebenbuhler. Gerade bei letzterem lässt sich die klare Strukturierung diverser Aspekte der Geschichte gut erkennen. Eine Strukturierung, die zwar grundsätzlich der ganzen Serie eine gewisse Eleganz verleihen könnte, aber leider der Natürlichkeit der präsentierten Geschehnisse im Weg steht.

Genau in diesem Punkt liegt nämlich eine weitere klare Stärke des Werkes: Die Charaktere agieren durchweg sehr natürlich. Hierbei sind vor allem die vielen kleinen Angewohnheiten der beiden Protagonisten gemeint, die dem Zuschauer immer wieder ins Auge fallen. Wenn Akane nervös ist, knetet sie beispielsweise auf einem kleinen, wahrscheinlich mit Sand oder Kugeln gefüllten Sack in Form eines Maskottchens herum. Kotarou hingegen legt sich beim Chatten gerne in Embryonalstellung aufs Bett und boxt danach gegen das tief hängende Seil seiner Deckenlampe. Solch kleine Details helfen dem Zuschauer unfassbar, sich in die Charaktere hineinzufühlen. Ein anderer Aspekt, in dem sich besagte Natürlichkeit äußert, sind die Dialoge im Werk. Damit sind keinesfalls die Hintergrundgespräche auf dem Schulgelände gemeint, denn diese sind so schlecht geschrieben und handeln von solch absurden Themen, dass man meinen könnte, der Anime spiele in einer Nervenklinik. Nein, ich spreche von der Kommunikation der beiden Protagonisten miteinander und mit anderen Peers. Man kann die Persönlichkeit der Charaktere sofort von ihrer Stimmlage sowie Wortwahl ablesen und es lassen sich sogar erneut viele kleine Angewohnheiten vermerken. So zitiert Kotarou beispielsweise öfters den japanischen Schriftsteller Osamu Dazai – eines seiner größten Vorbilder.

Wie jedoch bereits eingangs angemerkt, liegt das Hauptaugenmerk des Werkes gar nicht unbedingt auf den gesprochenen Dialogen sondern auf den geschriebenen. Ein großer Teil der Kommunikation in Tsuki ga Kirei findet über die Messenger-Applikation LINE statt, wobei sich die angesprochene Natürlichkeit beinahe nahtlos auch auf diese Variante übertragen lässt – oberflächlich jedenfalls. So wurde merklich darauf geachtet, die Seele der Nutzung solcher Apps einzufangen. Nachrichten sind meist kurz, prägnant, und enthalten typische Chatbegriffe. Auch an den sogenannten Stickern sparen die beiden jungen Verliebten kein bisschen. Was jedoch nicht so ganz aufgehen will, ist die Beantwortung der eingangs gestellten Fragen. So werden zwar die Vorteile durch die Nutzung solcher Kommunikationswege gezeigt – gerade die für schüchterne Personen – die offensichtlichen Nachteile wurden hingegen vollkommen außer Acht gelassen. Warum stellt beispielsweise die andauernde Erreichbarkeit der beiden in Zeiten von Disput kein Problem dar? Warum kommunizieren die Nebenbuhler mit den beiden kaum per LINE, das sollte doch eigentlich auch ein primärer Weg sein, seinem Schwarm seine Gefühle zu beichten? Zudem wird an manchen Stellen beinahe eine Abhängigkeit vom Handy suggeriert ohne sie jedoch negativ zu kommentieren. „Nutzt LINE für eure Beziehung, dann wird alles gut“. So oder so ähnlich wirkt die Aussage des Werkes zu seiner selbst gewählten Thematik.

Und das ist kein Wunder. Wie vielen Lesern bis zu diesem Punkt der Rezension bereits aufgefallen sein müsste, ist das Wort „LINE“ bereits schon an einigen Punkten gefallen. Dies war selbstverständlich Absicht, um eine gewisse Aufmerksamkeit darauf zu lenken, anders als die Produzenten der Serie erhalte ich jedoch für die Nennungen kein Geld. Richtig gehört, die Serie zum Thema „Rolle der Textkommunikation in Beziehungen“ ist förmlich durchzogen von Produktplatzierungen einer Applikation für eben solche Textkommunikation. Und das Werk geht damit nicht einmal subtil um. So war mir persönlich diese eher im asiatischen Raum vertretene Anwendung überhaupt nicht bekannt, bis ich nach gefühlt 100 Nennungen in der ersten Folge dann doch mal auf die Idee kam, im Internet nach ihr zu suchen. Es werden im Verlauf des Animes an vielen Stellen spezifische Features des Dienstes gezeigt und allgemein ist die Screentime der Handybildschirme auffällig hoch. Selbst wenn man sich aus unerfindlichen Gründen somit nicht an der stark einseitigen Darstellung der Thematik stört, sollte doch durch die durchgehende Bombardierung des Zuschauers mit der Produktplatzierung ein fader Beigeschmack im Mund zurückbleiben.

Eine Aussage, die sich so durchaus auch auf die visuelle Gestaltung der Serie anwenden lässt. Diese ist nämlich durchzogen von Licht und Schatten, und zwar sowohl im wahrsten als auch im übertragenen Sinne des Wortes. So präsentiert sich die gesamte Serie in einer recht ausgewaschenen Farbpalette, die man sonst eher von Farbillustrationen auf und in Mangas des Genres findet. Das Charakterdesign ist ziemlich gut gelungen und kann mit den weißen, helligkeitsabhängigen Umrandungen durchaus Eigenheiten aufweisen, die der Zuschauer auch noch Monate später mit dem Werk assoziieren können sollte. Dem gegenüber steht der vollkommen unnötige und keineswegs abgeklärte Einsatz von 3D-Modellen und -Animationen für Personen im Hintergrund. Sicher, die Gestaltung von Menschenmengen benötigt mehr Zeit, jedoch wirken die Bewegungen dieser Figuren so unrund, dass sie selbst vollkommen unscharf vom Zuschauer als störend empfunden werden sollten.

Dies gilt keineswegs für die musikalische Untermalung des Werkes. Der Komponist Takurou Iga legte bei der Kreation seines Soundtracks merklich darauf wert, eine begleitende, hintergründige Rolle zu spielen. Diese erfüllen die langsamen, gefühlvollen Lieder durchaus, ja teilweise sind sogar sie es, die gewissen Szenen vorsichtig erst die richtige Stimmung verleihen. Anders verhält es sich mit dem Opening sowie den Insert-Songs, die allesamt von der Sängerin Nao Touyama beigesteuert wurden. Diese nehmen eine deutlich dominantere Rolle in ihren jeweiligen Einsätzen ein und schaffen es hierbei durchaus, die Atmosphäre des Werkes in musikalischer Form widerzuspiegeln.

Zusammenfassend lässt sich Tsuki ga Kirei als eine gute, wenngleich nicht herausragende Inkarnation des überlaufenen Romance-Genres bezeichnen, die leider die Chance verpasst, ihr simples Grundgerüst mit interessanten Antworten auf die eingangs gestellten Fragen zu erweitern. Dass hier die Möglichkeit wahrgenommen wurde, das Werk mithilfe von einer Produktplatzierung zu finanzieren, zeigt recht deutlich, dass den Verantwortlichen schlichtweg das Vertrauen in das Konzept fehlte. Welch eine Ironie, dass genau durch diesen Schritt eben jenes Konzept sein durchaus vorhandenes Potential nie erreichen konnte.

Cube

KommentierenDanke!


Die letzten 10 Kommentare zu dieser Rezension:


comfix
Sehr gute Rezension zum Werk. Viele deiner angesprochenen Themen sind mir unterbewusst während des schauens aufgefallen, dies merkte ich als ich alle Punkte gelesen hatte. Der Anime hat, wie du bereits sagtest, diese komische Art von 3D für gewisse Dinge die ich nicht wirklich berauschen fand.
Grundsätzlich fand ich den Anime gelungen, obwohl er Schwachpunkte hatte, aber seien wir ehrlich, es gibt keinen perfekten Anime.
Wer das Gerne generell mag wird sich in diesem Anime nicht fehlfinden.

Die Vertonung ist, wie schon angemerkt wurde etwas monoton, hat aber eher einen diskutiven Effekt, was sie sehr gut macht in meinen Augen.


Asuka..
Vielen Dank für die Rezension vor allem für dieses echt schöne Werk!
Tatsächlich kann ich mit sehr vielen zustimmen. Der Anime ist wirklich sehr schön und romantisch, trägt aber hier und da seine Schwachstellen mit sich. Es gibt bessere Romanzen aber der Anime ist nicht schlecht. Auch das CGI musste nicht sein. Der Anime sah zwar schön aus aber das CGI wirkte manchmal stark fehl am Platz. Zumindest ist es nicht grottenschlecht. Es ist noch ertragbar. Wusste wirklich nicht sein.
Wenn man Romance sehr mag, kann man sich den Anime eindeutig geben. :)


Plinfa-Fan
Hm... solchen Anime, in denen ständig Handyscreens eingeblendet werden, bin ich eher abgeneigt. Oft ist es so, dass ich nicht hinterherkomme die Übersetzung zu lesen ohne die Folge zu pausieren und am Ende ist mir das einfach zu anstrengend. Von LINE habe ich schon vorher gehört (soll heißen, ich habs im App-Store gesehen), daher hab ich mich am Anfang der Rezension noch gewundert, aber letzten Endes ist es wirklich Werbung gewesen.

Ich halte übrigens nicht viel von der modernen Art der Kommunikation via Whatsapp und Co. Ich sehe zwar den praktischen Nutzen, aber es ist einfach traurig, wenn man teilweise mit 5 Leuten an einem Tisch sitzt und jeder einzelne starrt beinahe ununterbrochen auf sein Display, anstatt mit seinem Sitznachbarn zu sprechen.

Den Anime werde ich mir wohl nicht ansehen. Danke für die ehrliche Rezension.


mxrio
Schöne Rezension. In die Vertonung habe ich mal reingehört und sie klang ein wenig "monoton". Natürlich ist sowas immer schwer, deswegen möchte ich hier das Engagement noch einmal loben.