Rezension: Mob Psycho 100
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Der Autor: hYperCubeHD



Der Anime: Mob Psycho 100

Das Schicksal: Ein Grundpfeiler der klassischen Philosophie und der Glaube daran, dass für jeden Menschen ein von einer höheren Macht vorbestimmter Pfad existiert, der letztendlich zu Erlösung führt, sowie auch, dass die eigene, ganz persönliche Existenz durchaus einen Sinn hat und nicht ausschließlich auf Willkür basiert. Heutzutage taucht der Begriff nur noch im Zusammenhang mit Religion und Aberglaube auf, in sämtlichen anderen Bereichen wurde er vom Konzept der menschlichen Selbstbestimmung nahezu komplett verdrängt. Dies könnte man jedenfalls meinen, jedoch stellt der inzwischen als veraltet geltende Standpunkt noch immer ein wichtiges Plot-Device in der Unterhaltungsindustrie dar – vor allem in der Kategorie des Shounen-Animes. So scheint den Protagonisten dieser Werke meist entweder schon eine spezifische Laufbahn geebnet oder ein grundsätzlich zu ihrer Persönlichkeit bzw. ihren Fähigkeiten passendes Lebensziel gewählt worden zu sein. Dazu passend verfügen diese Charaktere zusätzlich oft über eine solch positive und ausdrucksstarke Persönlichkeit, dass dem Zuschauer keinerlei Zweifel daran erlaubt werden, ob der eingeschlagene Weg nicht etwa doch eine falsche Entscheidung war. Das Schicksal steht klar über jeglicher Form der Selbstbestimmung.

Eine absolute Gegenposition zu diesem Trend nimmt die vergangenen Sommer erschienene Anime-Serie Mob Psycho 100 ein. Beim zwölf Folgen umfassenden Werk, das unter der Regie des Death Parade-Schöpfers Yuzuru Tachikawa beim Animationsstudio Bones entstand, handelt es sich um eine Adaption des gleichnamigen Mangas von ONE, dessen andere Reihe One Punch Man sich bereits großer Popularität erfreut. Der Shounen-Anime handelt vom 14-jährigen Mittelschüler Shigeo Kageyama (mit Spitznamen Mob), einem unscheinbaren, unsportlichen und unbeliebten Jungen, der äußerlich über keinerlei Emotionen verfügt. Doch der Schein trügt, denn Mob verfügt über übersinnliche Fähigkeiten gewaltigen Ausmaßes! Seine angeborene Begabung ist sogar so groß, dass man ihn ohne Zögern zu den stärksten Lebewesen des Planeten zählen müsste, würde er seinen Kräften freien Lauf lassen. Letzteres zu verhindern, gehört unter anderem zu den selbstzugewiesenen Aufgaben seines selbsternannten Lehrers, dem Trickbetrüger Arataka Reigen, der über keinerlei übersinnliche Fähigkeiten verfügt. Im Austausch gegen die Vernichtung böser Geister, die sein Meister in dessen Job als Fake-Exorzist überraschenderweise von Zeit zu Zeit mal antrifft, erhält Mob neben ein bisschen Geld auch vollkommen unqualifizierten Rat zu seiner Begabung. Doch der introvertierte Junge ist eigentlich überhaupt nicht an der Verwendung seiner Fähigkeiten oder am Annehmen seines Schicksals als nahezu übersinnliches Wesen interessiert, er wäre viel lieber wie sein jüngerer Bruder: ein beliebter, aber auch normaler Mittelschüler.

Wer sich nun durch diese Ausgangssituation an andere, populärere Shounen-Reihen erinnert fühlt, der liegt damit grundsätzlich vollkommen richtig. Denn obwohl das Werk wie bereits beschrieben mit allen Mitteln versucht, eine klare Gegenposition zu den Klischees und Plot-Elementen des Genres aufzubauen, scheint es niemals wirklich zu gelingen, sich konzeptionell vom Standard abzuheben. Die Handlung selbst ist weder in der stark episodisch präsentierten ersten Hälfte noch im späteren, zusammenhängenden und abgeschlossenen Story-Arc wirklich als gelungen zu bezeichnen, aber das ist um einiges weniger schlimm als man zunächst glauben will. Denn bei näherer Betrachtung fällt auf, dass sämtliche Bestandteile der Geschichte – angefangen bei den Charakteren über die eingeführten Systeme bis hin zu spezifischen Schlüsselmomenten – letztendlich nur zur Vermittlung des einen relevanten Grundkonzepts gedacht sind: Mobs Kampf um Selbstbestimmung. Dieser hat nämlich keine Lust darauf, das übermenschliche, ja beinahe schon gottgleiche Wesen zu sein, das die meisten in ihm sehen.

Es ist sogar das genaue Gegenteil der Fall, denn der Jugendliche sieht seine Fähigkeiten eher als Last und Risikofaktor, der unbedingt eingedämmt werden sollte. Letzteres sowie der Einfluss von Reigen resultiert ebenfalls darin, dass Mob den Einsatz seiner Kräfte auch nicht als valide Option ansieht, um sein Ziel der Popularität zu erreichen. So entscheidet sich der Protagonist in einer absoluten Schlüsselszene des Werkes gegen einen Eintritt in den Telepathie-Klub seiner Mittelschule und schließt sich lieber dem Verein für körperliche Ertüchtigung an. Dieses fehlende Bedürfnis, sich auf Basis seiner angeborenen Stärken zu bereichern, und stattdessen den Versuch zu unternehmen, die eigenen Schwächen auszumerzen, stellt gleichzeitig das gesamte Konzept sowie die offensichtliche Message des Animes dar, welche man als durchaus beeindruckend und wahrlich schön bezeichnen kann.

Doch Selbstbestimmung ist nicht immer ganz so simpel, vor allem dann nicht, wenn einige Außenstehende schon fast interessierter an der Zukunft eines Individuums sind als der Betroffene selbst. In dieser Situation befindet sich auch Mob, denn nahezu jeder relevante Charakter der Serie hat es sich förmlich zur Lebensaufgabe gemacht, den Mittelschüler auf seinem Lebensweg zu beeinflussen. Die zwei extremsten Positionen stellen hierbei sein Meister sowie ein anderer Schüler mit übersinnlichen Fähigkeiten namens Teruki Hanazawa dar. Während letzterer den Protagonisten dazu bewegen will, seine Kräfte ohne jegliche Einschränkungen für das Gute einzusetzen, versucht Reigen ihm zu lehren, dass wahre Stärke ausschließlich auf menschlicher, psychischer Ebene existieren kann und physische Vorteile gegenüber anderen Personen keinesfalls mit Gewaltbereitschaft genutzt werden sollten. Um die Umsetzung dieses Konzepts des externen Konflikts auf die Spitze zu treiben, mündet das Werk letztendlich in einem Finale, in dem die Diskussion dieser beiden gleichermaßen moralisch vertretbaren Standpunkte gewissermaßen den Ausgang der gesamten Handlung dominiert und entscheidet.

So ernst die Geschichte bei näherer Betrachtung auch wirkt, so wenig bekommt man davon beim Schauen des Animes selbst mit. Primär handelt es sich bei Mob Psycho 100 nämlich aller Symbolik und Interpretierbarkeit zum Trotz um eine Comedy-Serie. Wie auch schon bei der Integration des Grundkonzepts, weicht das Werk an dieser Stelle erneut vom etablierten Standard des Genres ab und präsentiert seine humoristischen Elemente großteils in einer Form der Unterhaltung, die in der heutigen Zeit leider nur noch spärlich zum Einsatz kommt. Die Rede ist von der sogenannten Visual Comedy, einer fast schon vergessenen Kunstform, die unter anderem als Markenzeichen der britischen Film-Künstler Edgar Wright und Rowan Atkinson gilt. Der Begriff bezeichnet grundsätzlich jegliche Art von Humor, die primär über das Bild transportiert wird; der dazugehörige Ton dient lediglich zur Unterstützung. In Mob Psycho 100 äußert sich das in einer unfassbar kreativen visuellen Gestaltung der zur Unterhaltung dienenden Szenen, die bereits schon rein durch die ausdrucksstarken Animationen der Charaktere sowie durch die dynamischen und vollkommen überzeichneten Stilwechsel des Werks einen jeden Zuschauer zum Lachen bringen sollten.

Dass gerade die visuelle Komponente hauptverantwortlich für den Unterhaltungswert der Serie ist, dürfte einige Leute überraschen; so wurde die Optik in der Vergangenheit vermehrt als hässlich oder qualitativ minderwertig betitelt. Grund zu dieser Annahme bildet dabei meist das sehr simple und etwas abstrakte Design der Charaktere, das sich merklich vom etablierten, aufpolierten Look aktueller Serien unterscheidet. Allerdings ist gerade dessen Entstehungsgeschichte höchst interessant, denn eigentlich repräsentiert die visuelle Gestaltung der Sprites nahezu perfekt die Zeichnungen der Vorlage aus der Feder von ONE. Während man bei der Adaption seines anderen populären Werks den Weg über den kommerziell als Manga vertriebenen Redraw von Eyeshield 21-Zeichner Yusuke Murata wählte und damit einen visuell ansprechenden, allerdings in dieser Komponente auch recht normalen Anime schuf, experimentierte man hier mit dem zugegeben unzweifelhaft hässlichen Stil des Erschaffers und kreierte dabei ein Design, das gleichermaßen simpel wie sympathisch und eigen ist. Letztendlich kommt diese Entscheidung dem Werk sogar zugute, denn erst die detailarmen Charakter-Sprites ermöglichten die extrem dynamische und ausdruckstarke Animation der Figuren, die ein wichtiges Standbein der bereits beschriebenen Visual Comedy darstellt.

Der Vorwurf der schwachen Optik ist damit schon mal vom Tisch, doch ich gehe noch einen Schritt weiter: Bei Mob Psycho 100 handelt es sich um eines der visuell eindrucksvollsten Werke der vergangenen Jahre! So präsentiert sich die Serie zwar durchgehend als kreativ und neuartig in ihrer Gestaltung, jedoch sind es erst die zahlreichen Action-Sequenzen, die die wahre Brillanz dieses Abenteuers aufzeigen. Mal ganz abgesehen davon, dass sich der absichtlich niedrige Detailgrad und die grundsätzlich zum Experimentieren einladende Thematik als wahrer Nährboden für moderne Animationstechniken wie dynamische Kamerabewegungen im pseudo-dreidimensionalen Raum oder auch die sogenannten Yutapon Cubes erweist, ist das Key-Animations-Segment des Produktionsteams förmlich durchzogen mit absoluten Stars des Anime-Bereichs. Neben Yoshimichi Kameda und Yutaka Nakamura, die beide unter anderem an visuellen Meisterwerken wie Fullmetal Alchemist Brotherhood beteiligt waren und gemeinhin als zwei der größten Key-Animatoren aller Zeiten gelten, durften sich auch zahlreiche weitere Talente wie Keiichirou Watanabe oder Yuuki Igarashi in ihrer ganzen Kreativität austoben; Grenzen oder Restriktionen scheint es nahezu keine gegeben zu haben.

Ob dies ebenfalls für die musikalische Untermalung der Serie galt, ist hingegen leider kaum abzuschätzen. Der originale Soundtrack des erfahrenen Komponisten Kenji Kawai (Ghost in the Shell) ist zwar grundsätzlich recht kreativ und bildet mit seinem stellenweise leicht psychedelisch wirkenden Klangbild eine gelungene Begleitung der beeindruckenden Kampfszenen, schafft es allerdings zu keinem Zeitpunkt in der Serie, der Animation die Show zu stehlen. Das Opening „99“ von Mob Choir überzeugt allgemein mit seinen stark Werk-bezogenen Lyrics, wird allerdings ebenfalls von der kreativen visuellen Gestaltung deutlich übertrumpft und bleibt deshalb nicht zu lang im Gedächtnis der Zuschauer.

Zusammenfassend lässt sich Mob Psycho 100 als ein visuelles Meisterwerk bezeichnen, das zudem mit einem stark interpretierbaren Handlungsverlauf, einigen intelligenten Dialogen sowie einem feinen Sinn für Humor für ein spaßiges Schauerlebnis sorgen sollte. Anstatt wie ONEs andere Reihe One Punch Man nur eine Persiflage auf die Klischees des Shounen-Genres sein zu wollen, versucht der Anime durchaus seine Zuschauer zum Nachdenken anzuregen und eine klare Gegenposition zur Naivität und Verwerflichkeit mancher Konkurrenten zu beziehen. Bei letzterem übernimmt sich die Serie dann allerdings leider, denn auch die interessanten Konzepte können nicht verstecken, dass es sich bei der Handlung selbst eigentlich um genau das handelt, was das Werk doch mit solch einer Überzeugung ablehnt. Wen dies nicht stört, der sollte sich dieses Machwerk purer visueller Kreativität jedoch nicht entgehen lassen.

Cube


PS: Wer noch mehr über die Animation von Mob Psycho 100 erfahren will und des Englischen mächtig ist, dem lege ich diese zwei Videos des YouTubers The Canipa Effect aus seiner Reihe Animator Spotlight wärmstens ans Herz.

KommentierenDanke!


Die letzten 10 Kommentare zu dieser Rezension:


Asuka..
Vielen dank für die Rezension!Sie wurde sehr ausführlich geschrieben und ich kann bei vielen Sachen nur zustimmen.Ich glaube ich gehöre ohnehin zu den Personen,die Mob Psycho 100 sogar etwas besser als One Punch Man finden.^^ One Punch Man hat einen genialen Humor aber Mob Psycho 100 war in meinen Augen deutlich interessanter gestaltet.Vor allem der Animationsstil war so anders und doch so genial zur selben Zeit.Leider habe ich das Gefühl,als würde Mob Psycho 100 etwas zu wenig Aufmerksamkeit bekommen.Ich persönlich finde den Anime klasse.:D


Bellgadong-Herr-der-Nodus
Finde ich klasse, gehst genau auf dem Anime ein und erklärst nochmal alles besonders gut, gibst wichtige Informationen und regst Leute an diesen Anime anzuschauen.

Deine Zusammenfassung finde ich auch sehr gut. Mob Psycho hat mir selbst auch sehr gut gefallen und ich würde mich sehr über eine Fortsetzung von diesem Werk freuen.
Gerade gegen Ende der Serie wird der Anime nochmal richtig genial.

Liebe grüße

Bellgadong-Herr-der-Nodus