Rezension: One Outs
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Der Autor: Aston



Der Anime: One Outs

Fürwahr, wenn es um Anime und Manga geht, durfte man mich schon immer als Sportmuffel bezeichnen. Ich konnte mich nie dafür begeistern, wie die Kickers zehn Minuten über das Fußballfeld sprinteten und am Ende nicht einmal dessen Mittellinie erreicht hatten. Genauso wenig wollten mich die kühnen Manöver eines Kuroko no Basket oder Haikyuu!! verlocken. Und zur Zielgruppe von Free!, würde ich mal ganz dreist behaupten, zähle ich schon gar nicht. Warum es aber gerade vor diesem Hintergrund tatsächlich ein Sport-Anime in meine persönliche Top Ten geschafft hat, werde ich euch mit dem folgenden Exkurs näherbringen.

Es war ein simpler Kommentar, der mich neugierig auf den Titel machte: One Outs sei das Death Note der körperlichen Ertüchtigung. Und auch wenn ich mich nie mit Baseball beschäftigt hatte, geschweige denn mehr über das Regelwerk wusste als „Ball treffen und rennen“, so wollte ich der Adaption von Shinobu Kaitanis Manga aus dem Jahre 2008 doch nur aufgrund der genannten Aussage eine Chance geben. Wie passend, dass ausgerechnet Madhouse das produzierende Studio war.

Genug der Aufwärmübungen. Ganz untypisch präsentieren uns die ersten Szenen des Anime Sommer, Strand und Meer. Ein kräftig gebauter Mann mit militantem Kurzhaarschnitt hinterlässt im Laufschritt seine Fußabdrücke im Sand von Okinawa. Sein Name ist Hiromichi Kojima, seines Zeichens der Star-Batter (Schlagmann) der Lycaons, einer professionellen Baseballmannschaft. In seiner mittlerweile 21-jährigen Karriere konnte er bereits diverse Erfolge erringen, darunter die heißbegehrte Triple Crown, welche Battern und Pitchern (Werfern) verliehen wird, die Spitzenplätze ihrer Rolle in verschiedenen Statistiken der Liga erzielen konnten. Nur ein Pokal fehlt in der Sammlung: die Meisterschaft. So gut Kojima als Spieler auch ist, er und sein Team kamen bisher nicht über ihren Platz als Tabellenletzte hinaus und halten sich mehr oder weniger so in der Liga. Den Tapetenwechsel nutzt der Spieler deshalb als privates Trainingslager.
Sein Pitcher verletzt sich jedoch, sodass er sich auf die Suche nach einem Ersatzwerfer machen muss. Durch die zwielichtige Bardame Big Mama gelangt Kojima eines Abends auf ein Spielfeld, auf dem sich eine Gruppe Menschen versammelt hat. Fernab von den neugierigen Augen der Gesetzeshüter tobt hier das One Outs, ein illegales Glücksspiel, welches Baseball in seiner rudimentärsten Form darstellt. Ein Pitcher, ein Batter. Erzielt der Pitcher drei Strikes, ist der Batter out und verliert. Einfach, aber für die Teilnehmer sehr nervenaufreibend. Sofort sticht dem Professionellen ein hagerer, blasser Typ mit wie elektrifizierten blonden Haaren ins Auge, der seine Kontrahenten reihenweise vom Platz schickt. Seine Art sich zu geben, sein Selbstbewusstsein und seine Unnahbarkeit sind es, was ihn neben seinem Aussehen von allen anderen abhebt. Sein Name: Toua Tokuchi. Für Kojima ist der Sport heilig, weshalb es ihn tief in seinem Stolz verletzt, seine Passion so korrumpiert zu sehen. Er fordert Tokuchi heraus … und verliert. Anschließend zieht sich der Profi einige Tage gekränkt in die Berge zurück und sinniert dort gebrochen über seine Fehler, die ihn nicht nur das One Outs, sondern in der Vergangenheit auch die Siegestrophäe gekostet haben. Bei seiner Selbstfindung verletzt er sich an seiner Schlaghand, was ihn nicht davon abhält, Tokuchi erneut herauszufordern. Doch dieses Mal ist der Einsatz deutlich höher: der rechte Arm des Pitchers gegen die Karriere des Star-Batters.

„Wenn ein Japaner vor einer schweren Entscheidung steht, wird er immer abwarten und hoffen, dass die Zeit seine Probleme löst“, ist ein Spruch von Big Mama, der bereits sehr früh in der Serie fällt. Er verdeutlicht die zugrundeliegende Lethargie, der der Mensch leicht unterliegt, wenn er mit Herausforderungen konfrontiert wird, die ihm zu hoch scheinen. Doch gerade das sollte er als Antrieb nutzen. So ist Kojima in seiner zweiten Auseinandersetzung trotz des Handicaps tatsächlich siegreich gegen den bisher ungeschlagenen Werfer. Doch statt ihm den Arm zu brechen, verpflichtet er Tokuchi, Baseball nie wieder als Glücksspiel zu missbrauchen und holt ihn darüber hinaus in seine Mannschaft. Hier fällt der eigentliche Startschuss für One Outs, denn trotz schickem Jersey und jubelnden Fans bleibt der dürre Super-Saiyajin seiner Vorliebe fürs Zocken treu. Hinter dem Rücken seiner Mitspieler handelt er mit dem äußerst korrupten und profitorientierten Besitzer des Teams einen eigenen Vertrag aus. Immer wenn es Tokuchi gelingt, einen gegnerischen Spieler aus dem Spiel zu werfen, bekommt er fortan 5 Millionen Yen ausgezahlt. Im Gegenzug erklärt er sich bereit, für jeden zugelassenen Run das Zehnfache dieses Betrages zurückzuzahlen. Nur ein Narr würde sich auf solch einen Vertrag einlassen. Nur ein Narr, und Tokuchi.

Auf dem Diamanten wird deutlich, wie sich der trickreiche Japaner bisher über Wasser gehalten hat. Er ist eiskalt und berechnend. Wenngleich es tausende Mitstreiter gibt, die ihm körperlich weit überlegen sind, ist sein Verstand messerscharf und seine kühne Bemerkung „Eine geringe Chance bedeutet, sie ist nicht null“ darf wohl gerne als sein Lebensmotto interpretiert werden. In den 25 Folgen scheint Tokuchi stets, ein ganz eigenes Match gegen seine Kontrahenten auszutragen. Mich hat die Realitätsnähe begeistert. Baseball wirkt hier tatsächlich wie ein Sport, der für Menschen gemacht ist. Damit ist gemeint, dass es keine Manöver gibt, die den Gesetzen der Physik widersprechen oder jemand plötzlich einen Home Run erzielt, weil er ganz fest an sich selbst glaubt (sollte das der Fall sein, dann hatte ziemlich sicher ein gewisser Neuzugang die Finger im Spiel). Der Anime glänzt mit feinster Sportpsychologie. Der zum Star-Pitcher avancierende Tokuchi ist nicht nur ein taktisches Genie, das seinen Opponenten immer einen Schritt voraus ist, er ist zudem ein Menschenkenner ohnegleichen. Jede seiner Bewegungen auf und abseits des Feldes scheint kalkuliert. Und so motivierte die Serie auch mich als Zuschauer, jedes Detail genau zu beobachten, weil es gewiss nicht umsonst wertvolle Sendesekunden gewidmet bekam. Der Blondschopf macht es sich beispielsweise zunutze, dass ein gegnerischer Pitcher Angst davor hat, versehentlich Kojimas verwundeten Arm zu treffen und schlussfolgert so, welchen Wurf er wohl vollführen wird.
Natürlich missfällt die plötzliche Siegessträhne der Lycaons deren Besitzer, dem es nicht darum geht, dass seine Mannschaft siegreich ist, sondern die Leute ins Stadion und die Sponsoren zur Kasse treibt. Aus diesem Grund legt er Tokuchi immer wieder Steine in den Weg und wird dabei immer skrupelloser. Als eine Art zweiter Antagonist macht er den Anime um einiges interessanter. Bisher werdet ihr den Eindruck bekommen haben, dass der Pitcher aus Okinawa wie ein unüberwindbares Superhirn inszeniert wird. Das ist nur zum Teil korrekt. Die gegnerischen Teams sind nämlich ebenfalls alles andere als Lückenfüller, die nur zu Vorführzwecken dienen. Nachdem Tokuchi von mehreren konsekutiven Einsätzen zunehmend erschöpft ist, versucht er, das Spiel in die Länge zu ziehen, damit es durch ein aufkommendes Unwetter für ungültig erklärt wird. Dieser Plan wird durchschaut, die andere Mannschaft versucht, das Ende durch schnelle Züge zu erzwingen. Geschickte Taktiken werden auch von der Gegenseite vollführt.

One Outs glänzt mit seiner spielerischen Vielfalt. Die Menge an Ligaspielen, die uns präsentiert werden, können an einer Hand abgezählt werden. Im Gegenzug fühlt sich dafür jedes einzelne intensiv und herausfordernd an. Kein Team wird als unnötig unbesiegbar inszeniert. Sie alle haben ihre Kniffe und Fertigkeiten, die sie einzigartig machen, doch alles hält sich im Rahmen des Möglichen. Sei es eine besondere Wurftechnik, ein spezieller Spieler oder ganz einfach Betrug. Der Anime spielt gekonnt mit den Facetten des Baseballs und hat sogar mich dazu gebracht, mir während des Schauens ein kleines Glossar der wichtigsten Begriffe anzulegen, die immer wieder fallen, wodurch ich jede Menge über den Sport mit dem Schlagholz gelernt habe. Ebenfalls konnten mich die vielen unterschiedlichen Figuren bei der Stange halten. Freund und Feind sind mit markanten Gesichtern und Persönlichkeiten geschmückt, die noch weit nach Ende der Serie im Gedächtnis bleiben werden. Leider ist das Werk jedoch in puncto Charakterentwicklung recht statisch. Zwar gibt es hier und da ein Einzelschicksal, welches durch Tokuchi beeinflusst wird, doch gerade der Protagonist selbst verliert niemals sein Pokerface. Er bleibt durchgehend undurchschaubar und unnahbar, teils morbid. Seine Abhandlung über das Übernehmen von Verantwortung, in der er sagt, dass eine Entschuldigung nach einem Fehler wertlos sei, ist mir besonders im Kopf geblieben. Statt einem bloßen Eingeständnis müsse jeder, der falsch handelt, aktiv die Konsequenzen für sein Fehlverhalten tragen, gar mehr Schmerzen als die erfahren, die durch ihn leiden mussten. Für Tokuchi ist das ganze Leben ein Glücksspiel, in welchem er jedoch der Kartengeber ist. Am Ende des Tages scheint seine leicht sadistische Ader durchzuschimmern.

Der Tatsache verschuldet, dass One Outs greifbar bleiben will, gestaltet sich das visuelle Design der Folgen etwas monoton. Viel mehr Schauplätze als Spielfeld, Umkleideräume und das Büro des Teambesitzers gibt es nicht. Das karge Szenenbild stört allerdings nicht, da die spannende Handlung für mehr als genug Abwechslung sorgt. Unterstützt wird diese von einem zuweilen rohen Soundtrack, der insgesamt sehr gelungen und durch einige immer wiederkehrende Themen gekennzeichnet ist. Von Beats mit Stadionatmosphäre bis hin zu Melodien, bei denen man förmlich die Denkprozesse der Personen vor seinem geistigen Auge ablaufen sieht, ist alles dabei. Besonders Tokuchis Titellied akzentuiert seinen Charakter perfekt. Bitterernst bis zum Schluss ist die Serie aber nicht. Spätestens wenn der Spruch „Wir wechseln Tokuchi als Pitcher ein“ zum Running Gag wird, ist für das ein oder andere Schmunzeln gesorgt.

Einen Platz in meiner Top Ten hat sich dieses Werk aus einem ganz einfachen Grund verdient: Es konnte mich für ein Genre begeistern, dem ich vorher nichts abgewinnen konnte. Wem also nicht sofort der Angstschweiß auf der Stirn steht, wenn von ihm verlangt wird, sich voll und ganz auf diese Schaffenskunst zu konzentrieren, bekommt einen ausgeklügelten Anime dargeboten, der den faustischen Pakt von Seele gegen Ruhm auf seine eigene Art definiert.

Es verbleibt mit Beredtheit
Aston

(Weitere Bilder zum Anime findet ihr in unserer Galerie unter dem Tag One Outs.)

KommentierenDanke!


Die letzten 10 Kommentare zu dieser Rezension:


Sechy
One Outs ist einfach nur geil! :D
Ich hab mir diesen Anime schon 3x angesehen und würde es auch nochmal machen.
Es würde mich persönlich auch mega freuen wenn eine 2te Season erscheinen würde wo es weiter geht.
Doch daran zweifle ich =(


Aston
@Chael98

Leider sagen mir beide Titel nichts. Demzufolge habe ich sie auch beide nicht rezensiert. Vielleicht ergibt es sich eines Tages einmal. Was ich aber eigentlich sagen wollte, ist, dass mich das Argument deines Freundes kaum wundert. Ich gebe hier zu bedenken, dass der erste Band des Manga bereits 1998 erschien und Kaitanis erstes größeres Werk war. Das sollte man im Hinterkopf behalten, bevor man den Zeichenstil als per se schlecht tituliert.


Chael98
Das hast du sehr schön auf den Punkt gebracht. Ich habe nur auf die Stelle gewartet wo ich aufhüpfen und dir widersprechen kann - so bin ich eben - aber sie kam nicht ^^.
Sehr schöne Zusammenfassung, bzw. Review.
Hast du zufälligerweise "Dusk Maiden of Amnesia" gesehen oder "The Devil is a Part-Timer"?
Wenn ja: Hast du dazu schon eine Review gemacht?
Da dies die erste ist, die ich von dir lese habe ich mich noch nicht erkundigt. Wen dem also so ist, ignoriere die oben genannten Fragen einfach. ^^
(Zum Thema Manga: Ich habe von einem Freund erfahren, dass er gleich gut sei, aber am Anfang echt grottig gezeichnet, was sich aber im Laufe der Zeit ändert.)
Dankeschön,
lg Chael


Aston
@Sniperace

Danke für einen weiteren deiner Kommentare. Was den Manga angeht, so spiele ich auch mit dem Gedanken, diesem noch einmal Zeit zu widmen, da mich ein Kommentar auf YouTube doch auf einen vermeintlichen Plot Twist neugierig gemacht hat. De facto geht die Handlung über die des Animes hinaus und da die Spannung in der Serie nicht abbrach, bin ich guter Dinge, dass der Manga nur besser sein kann.
Wenn du hingegen noch einige Impressionen zum Anime bekommen möchtest: Ich habe fast zwei Dutzend Bilder während des Schauens getätigt und hier auf Proxer in der Galerie hochgeladen. Du findest sie unter dem Tag "One Outs".


Sniperace
Danke für die Rezension und für deine Mühe, Aston. Gerade One Outs ist von der Beschreibung ein wenig anders wie der typische Sportanime, weswegen ich immer schon was dazu hören wollte.

Den kennen tu ich den Anime noch nicht, interessanter geworden ist er durch die Rezension aber schon. Ein paar kleine Spoiler hat sie zwar enthalten aber eher Solche die den Anime für mich interessanter machen. Ich bin allerdings am Überlegen ob ich nicht den Manga ansteuere.
Schön auch mal was von den Charaktereigenschaften der Figuren zu hören, hier war es sehr ausführlich:)

Die ausgewählten Bilder wirken auch sehr interessant, scheint recht netter Madhouse Stil zu sein.


Schöne Grüße
Sniperace