Rezension: Giovanni’s Island
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Der Autor: Jack.



Der Anime: Giovanni no Shima

Es war ein bedeutender Tag, als der japanische Kaiser in seiner Radioansprache die bedingungslose Kapitulation Japans vor den Alliierten bekannt gab. Was folgte, waren eine lange Besatzungszeit und der Verzicht des Tennos auf seinen göttlichen Status. Die heutige Rezension wirft jedoch einen Blick auf eine Begebenheit nach dem Zweiten Weltkrieg im Land der aufgehenden Sonne. Es ist die Rede vom Kurilenkonflikt, in dessen Verlauf die Sowjetunion nach einem Beschluss der Jalta-Konferenz das kleine Inselarchipel nördlich von Hokkaido mit Truppen besetzte. Das historische Drama Giovanni’s Island zeigt die Einzelschicksale von Bewohnern einer der Inseln und scheut nicht vor emotionalen Szenen menschlichen Miteinanders.

Giovanni’s Island entstand im Jahre 2014 als Anime-Film aus dem Hause Production I.G, wobei Mizuho Nishikubo, welcher unter anderem bereits als Leiter der Animation für Ghost in the Shell tätig war, als Regisseur fungierte. Hierzulande ist das Werk bei Universum Anime erhältlich.

Die beiden Brüder Junpei und Kanta leben zusammen mit ihrem Vater Tatsuo und ihrem Großvater auf der Insel Shikotan. Der Sturmangriff der Roten Armee trifft die Familie völlig unerwartet. Ihr Haus wird beschlagnahmt, die ehemaligen Bewohner werden in den Stall zu den Tieren verfrachtet. Die Tage vergehen beschwerlich und voller Sorge, was schon bald dazu führt, dass die Gruppe von der Tristesse umgarnt wird. Allein die unregelmäßigen Besuche des aufgedrehten Onkels Hideo, der die Kinder mit geklauten Spielsachen wie kleinen Lokomotiven versorgt, kann sie aufheitern. In der hiesigen Schule wird derweil getrennt zwischen Sowjets und Japanern unterrichtet, als Junpei das russische Mädchen Tanya aus Versehen auf dem Schulhof anrempelt und damit beinahe einen Streit zwischen den Parteien anzettelt. Was die Jungen nicht wissen, ist, dass es sich bei der Guten um die Tochter des Kommandanten handelt, der die Insel eingenommen hat. Glücklicherweise nimmt sie den kleinen Stoß gar nicht so schwer und freundet sich mit den Brüdern an.

Die Annäherungen zwischen Junpei, Kanta und der Familie von Tanya laufen äußerst fröhlich ab und führen später fast zu familiären Zuständen, wodurch sich die Kinder dort sehr wohl fühlen. Doch das Liebesfest währt nicht lange und kommt nach der Aufdeckung eines Schmugglerverstecks der Japaner rasch zu einem Ende. Rädelsführer Tatsuo wird in ein Arbeitslager der Sowjetunion deportiert, obwohl er durch seinen Einsatz lediglich die Bevölkerung mit Reis versorgen wollte, um sie vor dem Hunger zu bewahren. Auch die restlichen Einwohner werden bald darauf in ein anderes Lager gebracht und müssen dort täglich menschenschindende Arbeit verrichten. Die Kinder erfahren schließlich, dass ihr Vater nicht nach Sibirien, sondern nur an einen Ort jenseits der Berge ihrer Station geschleppt wurde, und ziehen im eiskalten Winter los, um ihn zu retten.

Dramatische Momente flattern unentwegt in verschiedener Intensität vor den Bildschirm. Diese beginnen mit der Angst vor den Plünderern und setzen bald darauf mit der schwierigen Neugestaltung des Lebens der Bewohner fort. In jedem ihrer Gesichter lässt sich eine große Unsicherheit vor der Zukunft ablesen sowie die Frage danach, ob es überhaupt Sinn ergibt, noch weiter auszuharren oder doch lieber die Flucht anzutreten. Denn so oder so gehen die Lebensmittelvorräte langsam zur Neige, sodass die Menschen selbst Maßnahmen ergreifen und welche vom Festland organisieren müssen. Wenn gerade einmal nicht patrouilliert wird, entzünden Junpei und Kanta deshalb ein Feuer, um ihrem Onkel Hideo ein sicheres Zeichen zu geben, dass die Lage rein ist. Während Hideo jemand ist, der sich für die Flucht ausspricht, bleibt Tatsuo dagegen streng und arbeitet Pläne aus, wie der Bevölkerung nachhaltig geholfen werden kann. Seine Kinder werden indes in das Haus des Kommandanten eingelassen und dort freundlich behandelt, bis es zur Deportation des Vaters kommt. In dieser Hinsicht wird auf unterschiedliche Weise gezeigt, wie die von der Besatzung gebeutelte Familie mit der neuen Situation zurechtkommt und ihre eigenen Erfahrungen mit den Sowjets macht.

Der zweite Teil des Films bricht mit dem bisherigen Aufkommen von Heiterkeit und stellt vielmehr die Hoffnung in den Vordergrund, die in diesen schwierigen Tagen nicht mit dem Fatalismus vertauscht werden sollte. Das Arbeitslager, in dem sich Junpei und Kanta befinden, trimmt besonders die Erwachsenen zu malochenden Sklaven, deren Lebensgeister Tag für Tag im Angesicht des menschenschindenden Daseins schwinden. Da ihr Vater ihnen alles bedeutet, bringen die Kinder sich durch einen gedankenlosen Alleingang in anhaltende Todesgefahr. Doch mit ihnen ist der Glaube an bessere Zeiten, der wiederkehrend durch den Inhalt eines Buches namens „Night on the Galactic Railroad“ von Kenji Miyazawa in den Träumen der Brüder abgebildet wird, die mir sehr gefallen haben und viel zur Emotionalität des Werks beitrugen. Dieses Erbstück ihres Vaters enthält nicht nur die Charaktere Giovanni und Campanella, wovon auch ihre eigenen Namen abgeleitet worden sind, sondern stellt auch ihre Sehnsüchte und Hoffnungen durch einen großen galaktischen Zug dar, der sie an jeden Ort fahren kann, den sie sich wünschen.

Wenngleich die Handlung durch diese zweiteilige Art einen sehr interessanten Perspektivwechsel vorweisen kann, um die Probleme von Einzelpersonen anschaulich zu machen, kann das Werk nicht für sich in Anspruch nehmen, tiefgehende Charakterstudien zu beinhalten. So sind Junpei und Kanta zwei Protagonisten, mit denen eher durch die Ereignisse als durch nennenswerte Hintergrundgeschichten mitgefühlt werden kann. Ähnlich verhält es sich mit dem Vater Tatsuo; ein strenger und aufrichtiger Japaner, für den die Flucht keine Lösung darstellt und der sich deshalb auch andauernd mit Hideo streitet, welcher entgegengesetzte Ansichten vertritt. Auf längere Sicht störend wirkte für mich allerdings nur Tanya, weil sie fast wie eine blonde Puppe rüberkommt, der es nicht nur an Mimik mangelt, sondern vor allem an irgendwelchen spannenden Eigenschaften. Dadurch dass sie nur russisch sprechen kann, ist die Freundschaft seit Anbeginn durch eine Sprachbarriere beeinflusst, was nicht gerade für umfassende Konversationen sorgt. Für Junpei und Kanta stellt dies jedoch weniger ein Hindernis dar, da sie sich auch so irgendwie auf das Nötigste verständigen können. Das Mädchen selbst lebt luxuriös und reichhaltig in den ehemaligen Räumen der japanischen Familie. Die Brüder werden also zum Essen eingeladen und scheitern dabei kläglich bei ihrem ersten Mal mit Messer und Gabel, tanzen mit ihren Eltern auf ein russisches Lied oder gehen mit dem Mädchen zusammen flanieren. Leider kann diese Freundschaft damit als Mittel zum Zweck für wenig mehr als diese heiteren Momente sorgen, welche die Jungen mit den Sowjets sympathisieren lassen. Außerdem kommt Tanya nach der Abführung der Japaner in die Lager nicht mehr vor, weil sie auf der Insel zurückbleibt.

Die Sowjets bieten gerade durch diese Abkehr von Plünderei und Mord auch einen Raum für scheinbar friedliches Miteinander, wie die liebevolle Aufnahme der beiden Jungen beweisen kann. Des Weiteren sorgen sie auch für Abschnitte, die beim Zuschauer einen Grund zum Schmunzeln aufkommen lassen. So stürmen die Sowjets am Anfang des Animes die örtliche Schule, wobei die japanische Lehrerin überhaupt nicht den Anschein macht, mit dem Unterricht aufzuhören, sondern im Gegenteil sogar noch eine zu lösende Rechnung an die Tafel schreibt. Der sowjetische Kommandant befördert die Situation ins Makabre, indem er die Gleichung gekonnt vollendet und damit alle Schüler überrascht, die mit Schlimmerem gerechnet hatten als einer eingenässten Hose. Trotz dieser Vorkommnisse finden sich aber auch andere Stellen, an denen beispielsweise darauf hingewiesen wird, dass sich Frauen angesichts drohender Vergewaltigungen verstecken müssen. Mit dieser zweiteiligen Darstellung werden die Besatzer gleichzeitig nicht in all ihren negativen Aspekten verschont, aber auch nicht als brutale Monster abgestempelt, wodurch der Zuschauer dazu ermuntert wird, sich eigene Gedanken zu machen.

Die Problematik der Mimik wurde bereits bei dem Mädchen Tanya thematisiert. Auch in der Gesamthaltung der Gesichter kann Giovanni’s Island nicht behaupten, sonderlich innovativ zu sein. Gleichsam verhält es sich mit bewegenden Objekten wie beispielsweise Wolken, die eher klobig und damit unauthentisch wirken. Über diese Wermutstropfen konnte ich jedoch hinwegsehen, da die Lichtverhältnisse in dem Werk verschiedene malerische Konturen schaffen und damit beispielsweise die Holzwände eines Klassenzimmers verschwimmen oder bei einem Sonnenuntergang in einem Haus mit den Schatten der Dachkonstruktion eine sehr reizvolle Szenerie erschaffen wird.

Insgesamt arbeitet das Werk mit wenig Hintergrundmusik und eher mit Geräuschen, mit denen ich über die Dauer des Films nicht unzufrieden war. An einer Stelle, als die japanischen und sowjetischen Schüler in getrennten Räumen unterrichtet werden, stimmen beide Klassen ein Lied der anderen Sprache an, was für einen sehr süßen Moment sorgte. Dieser Gesang, der bald kanonartig fortgeführt wurde, konnte Ausländer und Einheimische näher zusammenbringen.

Schlussendlich ist Giovanni’s Island ein historisches Drama, das auf bewegende Weise das Schicksal von zwei japanischen Brüdern zeigt und dabei diese Epoche der Besatzung darzustellen versucht. So ist es weniger ein Film mit vielschichtigen Charakteren als eine besonders gefühlsbetonte Art der Darstellung einer historischen Zeit und eines Ortes, der für gewöhnlich weniger Betrachtung findet, da Japan zumeist eher im Zusammenhang mit den Amerikanern besprochen wird. Zurück bleibt ein Gefühl, dass man stets nach dem schwachen Zweig der Hoffnung greifen sollte, auch im Angesicht der Ausweglosigkeit des Krieges.

Heute ist nicht alle Tage; ich komm wieder, keine Frage.

Jack.

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