Rezension: About Death
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Der Autor: Korijee



Der Anime: Jugeume Gwanhayeo

Was kommt eigentlich nach dem Tod? Diese tief philosophische und in gewisser Weise spirituelle Frage haben schon viele Gelehrte und Geistliche zu beantworten gesucht, und wie ihr alle wisst, sehen auch wir Redakteure von Proxer.Me uns in der langen Tradition, die wichtigen Fragen des Lebens in unseren wöchentlichen Rezensionen zu beantworten. Doch ich bin es gar nicht, der darüber nachdenkt, ich begnüge mich lediglich mit dem näheren Betrachten eines Werkes, das eben jene Fragen aufwirft und in eine Geschichte verpackt, die verspricht, spannend und augenöffnend zugleich zu sein. Ob dieses Versprechen erfüllt wird, erfahrt ihr in dieser Rezension über About Death.

About Death ist der Name eines südkoreanischen Webtoons, eines Manhwas, der Autoren Sini und Hyeono aus dem Jahre 2012. Geschrieben in 22 episodischen Kurzgeschichten kann man es wohl am ehesten dem Genre Drama zuordnen, wenngleich man es wohl auch als Dokumentation des menschlichen Seins bezeichnen könnte.

Die Geschichte dreht sich um niemand geringeren als Gott höchstselbst, der auf der Schwelle zwischen dem Diesseits und dem Jenseits auf Menschen wartet, die den Höhepunkt ihrer Existenz erreicht haben: das Ende. In jeder der zahlreichen Kurzgeschichten trifft er auf eine dieser verstorbenen Seelen, um mit ihr über alles zu sprechen, was ihr auf dem Herzen liegt: die Vergangenheit, die Gegenwart, die Zukunft. Über Liebe und Hass. Über Familie und Freunde, Feinde und Verlorene. Über Wünsche und Träume. Über die harte Realität. Über das, was sein könnte, was war, und was niemals wirklich werden wird.
Obwohl die Story in episodischer Manier präsentiert wird, fühlt sie sich wie eine fortlaufende Erzählung an. Dies liegt vor allem an einem konstanten, harmonischen Fluss der Atmosphäre und Stimmung, die gleichzeitig die größte Stärke des Werkes darstellt. So bleibt der Hauptcharakter, Gott, immer der gleiche, und zwischen den einzelnen Kapiteln werden häufiger Querverweise gezogen.

About Death ist eindeutig ein Manhwa, der als gefühlvoll bezeichnet werden kann. Hier geht es nicht um Action oder um Humor, nicht um eine große Schlacht oder die Rettung der Welt. Nein, hier stehen einfach nur ganz individuelle Schicksale im Mittelpunkt – die persönliche Geschichte eines Lebens, die regelmäßig zu Tränen rührt. Dabei ist die Aufmachung nicht unnötig sentimental, die Emotionen beim Leser werden stattdessen durch reine Erzählkunst geweckt.
Jede Episode stellt eine vollständige Geschichte dar, mit Einleitung, Twist, Höhepunkt und Finale. Selten habe ich Werke gesehen, die derart dicht und perfekt erzählt sind, die im wahrsten Sinne des Wortes in jedem einzelnen Kapitel einen Twist präsentieren und eine bessere Charakterentwicklung auf fünf Seiten zusammenschreiben als manche Anime in 26 Folgen. Dabei wird eine ungeahnte Spannung und Befriedigung generiert. „Wie interessant kann ein Manhwa sein, in dem sich zwei Typen einfach nur die ganze Zeit unterhalten“, denkt ihr euch möglicherweise. Das gleiche dachte ich auch. Ich nahm About Death in meine Readlist in der Erwartung auf, einen langsamen, in gewisser Weise schweren Text zum Nachdenken zu beginnen, doch er sollte sich als geniale Aneinanderreihung von Pointen, Weisheiten, unerwarteten Wendungen, Andeutungen sowie atemberaubenden Auflösungen entpuppen; mit befriedigendem Finale und dezenter Moral am Ende jedes einzelnen Kapitels.

Sicher, die perfekt erzählten, emotional ergreifenden Geschichten sind der große Pluspunkt dieses Manhwas, doch was bringt das, wenn es schlicht hässlich gezeichnet ist? Alles, sagen manche. Nichts, sagen andere. Ich dagegen sage einfach nur, dass die Zeichnung von About Death gewöhnungsbedürftig ist. Die vor allem mit Leere glänzenden Hintergründe bieten den Schauplatz für die zwar detaillierten und gut wiedererkennbaren, doch aus der Sicht von Grafik-Fetischisten wohl eher hässlichen Charaktere. Der etwas zittrige Stil und die manchmal fast schon beiläufig erscheinende Strichführung geben den Figuren einen skizzenhaften Look, der ihrer Fähigkeit, mit Mimik Gefühle zu übermitteln, jedoch kaum einen Abbruch tut. Wie für Manhwa üblich, sind vereinzelte Objekte oder Panels in Farbe gehüllt, der Großteil der Bilder dagegen präsentiert sich in kontrastreichem Schwarz-Weiß mit wenig bis gar keinen Graustufen. Liebe zum Detail bewies man hier vor allem beim Protagonisten, falls man ihn überhaupt so nennen kann: Gott. Seine in jedem Kapitel unterschiedlichen, oftmals humoristischen Kleidungsstücke sowie sein allgemeiner Look, der ein wenig an einen Hipster-Künstler-Nerd-Hybriden in seinen späten 20ern erinnert, machen diesen Charakter zu einem der optisch einprägsamsten und gleichzeitig interessantesten im gesamten Werk. Zusammenfassend wird man möglicherweise anfänglich seine Probleme mit der Optik haben, doch sich gleichermaßen schnell daran gewöhnen und sie sogar lieben lernen.

Ein weiterer wichtiger Punkt, dem wir uns widmen müssen, ist die musikalische Untermalung. Ja, richtig gelesen, wir reden hier nicht von einem Anime, sondern noch immer von einem Webtoon. Jedes einzelne Kapitel wurde mit einem eigenen Soundtrack veröffentlicht, den ihr euch entweder auf der offiziellen Seite gemeinsam mit dem Manhwa kostenlos zu Gemüte führen oder einfach Google darum bemühen könnt. Gut gemeint, wie ich finde, doch leider nicht ganz so gut umgesetzt. Die verschiedenen Stücke bestehen fast ausschließlich aus Piano-Solos, hin und wieder jedoch unterstützt durch die Gitarre. Die meisten von ihnen unterscheiden sich nicht sonderlich voneinander und fallen alle in die gleiche „Musik für sentimentale Momente“-Sparte, was auch mein größter Kritikpunkt ist. So tragen die Soundtracks selten zur eigentlichen Handlung bei und dienen in den meisten Fällen nur als zusätzliches Werkzeug, um auf die Tränendrüsen des Lesers zu drücken. Wer atmosphärisch auf so etwas steht, der wird sicher daran Gefallen finden, alle anderen dagegen verpassen nichts.

Die wahre Besonderheit von About Death liegt letztendlich in seinem Gesamtbild. Jede der einzelnen Geschichten erzählt uns von Menschen, die mal lernen, mal stur bleiben, mal zornig sind, mal trauern, mal den Tod verwünschen, ihn andermal herbeisehnen. Manche entwickeln sich, manche bleiben, wie sie sind. Doch sie alle geben uns etwas auf den Weg, das wir erst realisieren, wenn wir ganz am Ende des letzten Kapitels sind und diese vielen kleinen Teile zu einem großen Ganzen zusammen formen: wir realisieren, dass uns der Manhwa eigentlich nichts über die Charaktere erzählt hat, sondern etwas über uns selbst. Und wir fragen uns, was wir zu Gott sagen werden, sobald die Zeit gekommen ist und wir vor ihm stehen.

Eine gewöhnungsbedürftige, doch mit Liebe und Aufwand produzierte Zeichnung, ein Soundtrack, der leider weniger fruchtet, und eine Geschichte, die euch tief berühren und nach jedem Kapitel aufs neue sprachlos zurücklassen wird. Das ist About Death. Egal ob ihr an das Leben nach dem Tod oder die Wiedergeburt glaubt, ob ihr Agnostiker seid wie ich oder gar die Existenz eines Gottes verneint, eines sollte euch allen klar sein: das ist ein verdammt guter Webtoon und wenn ihr nicht zumindest die ersten zwei, drei Kapitel lest und ihm eine Chance gebt, dann seid ihr voll doof.

das war
Korijee

KommentierenDanke!


Die letzten 10 Kommentare zu dieser Rezension:


Marjam
Ich bin dir wirklich dankbar, dass du diesen Manhwa gelesen hast - sonst würde ich ihn vermutlich immer noch nicht kennen xD

Nein, wirklich. Vielen Dank, Kori. Ich habe den Manhwa tatsächlich durch diese Rezension entdeckt und er ist in meinen Augen ein Meisterwerk der ganz eigenen Art. Ich glaube selber nicht wirklich an einen Gott, aber die Geschichten der einzelnen Menschen hier haben mich wirklich unendlich berührt. Das eine oder andere Mal hatte ich sogar Tränen in den Augen und musste wirklich schlucken. Wunderschön fand ich auch, wie alles immer wieder irgendwie doch zusammenhing bei diesem Werk.

Den Soundtrack habe ich erst danach entdeckt, bin dafür aber sehr dankbar- er ist wirklich wunderschön. Die Musik passt perfekt zu den Kapiteln und schenkt dem ganzen eine ganz andere Farbe. Allerdings kann ich diesen Webtoon auch mit anderer, ruhiger Musik empfehlen (am besten Klaviermusik^^), oder einfach in völliger Stille. Er liest sich recht schnell, aber trotz allem hat er so viel Bedeutung und kann so viel in einem hervorrufen, dass es wirklich unglaublich ist

Danke für die Rezension. Und danke für den damit verbundenen neuen Webtoon, den ich hier genießen durfte

Tuturu~
Marjam


Esmoariku-lukito
Hallo Korijee,

erstmal danke für die tolle Rezesion.
Ich persönlich kenne den Manhwa nicht, werde ihn mir jedoch in nächster Zeit zu Gemüte führen. Das Thema spricht mich an, wen eigentlich nicht?
Dieses Kommentar wird nicht sehr lang und auch kaum zum diskutieren gedacht sein. Doch eine innere Stimme sagt mir, ich sollte dich wissen lassen, dass du es tatsächlich geschafft hast: Dies ist die erste Rezesion auf Proxer, welche ich mich überwinden konnte gänzlich durchzulesen.
Ich bin kein lesefauler Mensch, lese sogar sehr gerne, jedoch bin ich kaum an Rezesionen interessiert, da ich mir Medien jeglicher Art gerne unvoreingenommen vornehme.
Diese Rezesion jedoch ist so wunderschön geschrieben! Ehrlich, die Bildung deiner Sätze hat mich in einen Lesefluss gezogen, den es mir nicht mehr möglich war, zu durchbrechen. Wie ein richtig gutes Buch, dass man nicht mehr aus der Hand legen kann.
Ich bin keine Lehrerin - nicht im entferntesten - aber was ich hier schreibe mag sich so anhören ^^ Ich mag die Struktur deines Textes, wie die einzelnen Passagen enden und den einfach gehaltenen Schluss.
Zum Inhalt habe ich nichts zu sagen, als dass er mich gut an das Werk herangeführt und neugierig gemacht hat.
Vielleicht freust du dich ja über das weniger aufschlussreiche als lobende Kommentar, welches ich hier zurücklasse.

Liebe Grüße,
deine Esmoariku-lukito ;-)