Rezension: Melo Holic
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Der Autor: Korijee



Der Anime: Melo Holic

Vor Kurzem war Valentinstag, da wir uns hier aber auf Proxer befinden, haben wir den 14. Februar sicher alle allein mit einer Schachtel voll Eis vor dem Computer verbracht und Anime gestreamt, nicht? Nun, es soll angeblich auch Leute geben, die etwas haben, das man gemeinhin als „Beziehung“ bezeichnet (irre, ich weiß). Doch was ist das eigentlich: Liebe? Wikipedia verrät mir, Liebe sei „im Allgemeinen die Bezeichnung für die stärkste Zuneigung und Wertschätzung, die ein Mensch einem anderen entgegenzubringen in der Lage ist.“ Aber, stimmt das wirklich? Das Werk, das ich heute rezensieren will, gibt uns eine geringfügig andere Antwort auf die Frage nach der Definition.

Melo Holic lautet der Name des Manhwas (ein Manga aus Südkorea, den man von links nach rechts liest). Erschienen im Jahre 2010 in mehr als 70 Einzelkapiteln kann man ihn den Genres Romance und Thriller zuordnen, wobei das diskutabel ist. Verantwortlich für den Webtoon ist Team Getname, ein Zusammenschluss aus zwei koreanischen Autoren, die inzwischen zu meinen Favoriten zählen und deren andere Werke, Hanged Doll und Superior Day, ich ebenfalls bereits rezensiert habe. Ob auch Melo Holic ihrem Ruf gerecht wird, erzähle ich euch hier.

Yoo Eun Ho ist Lehrer für Literatur an einer öffentlichen High School. Und da ihr seinen vollen Namen sicher bereits wieder vergessen habt, nenne ich ihn im Folgenden einfach Yoo. Obwohl er 28 Jahre alt ist, hat er nicht wirklich viel Erfahrungen mit Frauen. Das liegt vor allem an einer Sache: seinen übernatürlichen Fähigkeiten. Denn Yoo kann, wenn er Körperkontakt herstellt, die Gedanken eines jeden Menschen lesen. Was sich praktisch anhört, empfindet Yoo eigentlich nur als Last, denn im Allgemeinen sind die Gedanken der Menschen um ihn herum nichts weiter als verletzend. Aufgrund seiner Gabe trägt er durchgehend Handschuhe und war nie fähig, sich jemandem zu öffnen. Deprimiert und einsam auf einer Parkbank sitzend und mit Vogeldreck beschmiert, bemerkt er eines Tages eine junge Frau neben ihm, die sogar noch trauriger wirkt als er selbst. Liebe auf den ersten Blick? Nicht wirklich. Aber zumindest der Beginn einer Liebesgeschichte, die zwar rosarot und lustig beginnt, doch schnell zu tödlichem Ernst wird.

Wer etwas mit dem Autorengespann bekannt ist, dem sollte klar sein, dass eine einfache Liebesgeschichte aus der Feder Getname sicher keine einfache Liebesgeschichte ist, nur weil sie wie eine einfache Liebesgeschichte aussieht. Melo Holic ist zuallererst einmal eine Parodie. Die Autoren versuchten ganz klar, jedes Klischee und Muster, welches für das Romance Genre typisch ist, auf die Schippe zu nehmen und mit einem Augenzwinkern zu verarbeiten. Nach eigenen Aussagen ist ihnen das – bis auf die Tatsache, dass keiner der Protagonisten eine unheilbare Krankheit bekommt – auch gelungen. Wer Melo Holic liest, darf sich also auf einen stark beginnenden Comedy-Anteil freuen, dessen Humor jedoch bei mir persönlich nicht ganz so ins Schwarze traf und der im Verlauf der Geschichte sowieso immer geringer wird, um dem Thriller-Anteil Platz zu machen. Und jener hat es in sich.

Spannung, Twists und ungeahnte Enthüllungen halten die dramaturgisch perfekt proportionierte Story am Laufen, ohne lange Leerstellen oder merkliche Plotholes zu erzeugen. Geschickt arbeiten die Zeichner mit Andeutungen und Hinweisen, die vorausschauen und spekulieren lassen, jedoch Dinge nie vorwegnehmen. Ebenso scheuen sie nicht davor zurück, schlichtweg zu lügen und falsche Informationen im Dialog unterzubringen, denn der Leser weiß niemals mehr als der Protagonist erfährt. Dies erzeugt eine ungemein erdrückende Stimmung der Verunsicherung, in der Gefahren angedeutet werden und man keinem Fakt wirklich trauen darf. Ein Schachzug, der besonders den Horror-Segmenten zugutekommt, denn Melo Holic schafft es trotz seinem Dasein als Romanze über die Dauer der Story hin und wieder ganz schön zu gruseln. Dabei ist es niemals so explizit und blutig wie Superior Day, kann aber durch Geschichte wie auch Zeichnung schocken und verunsichern.

Eben jene Zeichnung ist der wahre Held, wenn es um Stimmungsaufbau geht. So gelingt es niemandem mit Perspektiven und Panel-Anordnung derart viel Atmosphäre zu erzeugen wie Team Getname. Ob das nun gelegentliche Einbauten von Realfotographien, das bewusste Nutzen des Zwangs zum Herunterscrollen beim für Webtoons typischen langen Seitenformat oder die intelligente Nutzung von Fokus und Unschärfe sind. Dramaturgie wird hier groß geschrieben und durch einige verstörende Motive und Symbole ergänzt, die mir hin und wieder einen kalten Schauer über den Rücken jagten.
Die für Manhwa normale, komplett kolorierte Zeichnung als Gesamtes ist dagegen Geschmackssache. So hat sie zwar ihren Charme, ist sauber und von hoher Qualität, doch nach wie vor nur von zwei Webtoon-Zeichnern erstellt worden, nicht durch ein professionelles Mangaka-Team, wodurch der Stil für Fans von detaillierten Hochglanzzeichnungen sicher sauer aufstoßen mag. Die Hintergründe sind simpel gehalten und die Charaktere optisch recht unspektakulär, wenn auch markant in dem Sinne, dass sie Wiedererkennungswert generieren.

Besonderes Augenmerk wurde hierbei auf die Erschaffung nachvollziehbarer und intelligenter Personen gelegt. Wenn ihr, wie ich, Horrorfilme hasst, in denen die Protagonisten sich aufteilen oder dumm herumrennen und stolpern, anstatt Hilfe zu holen, dann werdet ihr Melo Holic lieben, denn es hat schon etwas Befriedigendes, wenn der Hauptcharakter jedes Mal zuerst die Polizei ruft – und diese dann auch kommt und kompetent handelt – anstatt allein loszuziehen. Für ein handlungszentriertes Werk keine Selbstverständlichkeit, machen die Charaktere, insbesondere Hauptperson Yoo, eine realistische Entwicklung durch. Vom einsamen Miesepeter, der Liebe verachtet, wächst unser Literatur-Lehrer an seinen Schicksalsschlägen und den Gefahren, die ihm begegnen.

Abgeschlossen wird die twistreiche Story durch ein Ende, das bis zur letzten Seite verblüfft und tatsächlich unerwartet kam. Dabei nimmt es den Leser nicht an die Hand und bietet einiges an Interpretationsbedarf, nur um schließlich doch noch meine Ausgangsfrage zu beantworten … was ist eigentlich Liebe?

Hab ich mich nun in Melo Holic verliebt? Nun, so würde ich es nicht ausdrücken, aber zumindest fällt mein Fazit ziemlich positiv aus. Wer über die äußere Erscheinung hinwegsieht, die für viele Leser schlicht nicht qualitativ hochwertig genug sein wird, und wer nicht erwartet, vom Comedy-Anteil vom Hocker gerissen zu werden, der erlebt mit Melo Holic eine Liebesgeschichte, die eigentlich gar keine ist. Stattdessen entpuppt sie sich als spannender, unvorhersehbarer Thriller, der einige Gruselmomente enthält und mit Twists und Cliffhangern eine intensive und dichte Atmosphäre erzeugt. Ein Blick lohnt sich allemal.

das war
Korijee

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