Rezension: Bungo Stray Dogs
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Der Autor: hYperCubeHD



Der Anime: Bungou Stray Dogs

Die Leipziger Buchmesse ist erfolgreich wie eh und je. So konnte die Veranstaltung in diesem Jahr mit gewaltigen 208.000 Lesewütigen vor Ort erneut einen neuen Besucherrekord aufstellen. Eine große Rolle beim Erreichen dieser Zahlen dürfte hierbei die sogenannte Manga-Comic-Con gespielt haben, die in ihrer erst vierten Auflage dieses Mal starke 105.000 Besucher vorweisen konnte. Mangas scheinen langsam, aber sicher ihren Platz in der deutschen Literaturgemeinde gefunden zu haben. Doch nicht alle betrachten diese Entwicklung mit Wohlwollen, so forderten einige Schriftsteller und Journalisten wie Carsten Otte in diesem Jahr erneut eine klare Ausgliederung der japanischen Comics und animierten Adaptionen, da sie das Gesicht des Mediums als Ganzes verfälschen würden. Ist der Manga wirklich unvereinbar mit der klassischen Literatur? In Japan nicht unbedingt, denn obwohl dort ebenfalls noch eine gewisse Sonderstellung für dieses Segment der Unterhaltungsmedien existiert, ist es doch inzwischen unwiderruflich in der Mitte der Gesellschaft angekommen. Kein Wunder also, dass es dort immer mehr Werke gibt, die den Versuch wagen, diese beiden unvereinbar wirkenden Gattungen zusammenzuführen.

Eines dieser Werke stellt die Anime-Serie Bungo Stray Dogs dar. Im 2016 erschienenen Titel sowie dessen Manga-Vorlage aus der Feder von Kafka Asagiri und Harukawa35 kämpfen Detektive mit Superkräften gegen die Mafia und andere zwielichtige Organisationen. Hört sich erstmal recht normal an. Der Clou hierbei ist jedoch, dass so gut wie jede in der Geschichte auftretende Figur einen bekannten Schriftsteller repräsentiert. Neben klassischen und modernen japanischen Autoren erhielten sogar einige internationale Literaten einen Platz in der Handlung; bei Letzteren musste jedoch meist der Name geringfügig angepasst werden. Selbstverständlich hört die Charakterisierung bei jenen nicht auf. Vom Aussehen, über Kleidung, Rolle und Verhalten bis hin zu den Superkräften – alles basiert zu gewissen Teilen auf dem Leben sowie den bekanntesten Werken der dargestellten Personen.

Beispielsweise handelt es sich bei der gleichnamigen Inspiration zum Protagonisten Atsushi Nakajima um einen Autor, der 1942 bereits schon im jungen Alter von nur 33 Jahren starb, dessen wenige Werke sich aber trotzdem großer Beliebtheit erfreuten. Das populärste Erzeugnis des Schriftstellers trägt den Titel „Sangetsuki“ und handelt von einem Menschen, der sich in einen Tiger verwandelt. Höchstwahrscheinlich als Antwort auf Franz Kafkas philosophische Erzählung „Die Verwandlung“ konzipiert, erzählt das Werk die Geschichte eines Mannes, der von seiner eigenen Beseeltheit und Sehnsucht in den Wahnsinn getrieben wird. In der Story von Bungo Stray Dogs ist Atsushi ein (vergleichsweise) junges Waisenkind, das über die Fähigkeit verfügt, sich in einen Tiger zu verwandeln. Da er diese Kraft nicht kontrollieren kann, wird er überall abgelehnt und findet zu Beginn der Geschichte ein neues Heim in der Armed Detective Agency. Der Aufgriff der existenziellen Motive aus „Sangetsuki“ ist hierbei unverkennbar, auch wenn mit der urbanen Interpretation der Wertier-Legende ein weiterer, fremder Aspekt eingebracht wurde. Nicht jeder Realitätsbezug des Werkes stellt sich als so offensichtlich und konstruiert dar, jedoch lassen sich der 24 Folgen umfassenden Serie des Studios Bones durchaus einige geschickt verpackte Anspielungen und Informationen entnehmen.

Als Aufhänger zur Präsentation der vielschichtigen Charaktere dient eine Handlung, die gerade anfangs eher im Rahmen einer episodischen Struktur agiert, dieses sehr einengende Konzept jedoch glücklicherweise später gegen kürzere Story Arcs eintauscht, die mit einem recht losen Gesamtplot verknüpft zu sein scheinen. So bricht durch die Aufnahme von Atsushi in die Armed Detective Agency sobald ein waschechter Krieg der Detektiv-Organisation gegen die skrupellose Port Mafia vom Zaun, denn auch die mit Superkräften ausgestattete Verbrechergruppierung hat Interesse am Besitz des Wertigers. Dies ruft dann letztendlich ebenfalls die internationale Organisation The Guild auf den Plan und ein unerbittlicher Dreifrontenkampf entflammt. Im Chaos stehen dem Protagonisten andere Charaktere (mit Realitätsbezug) wie beispielsweise der Dichter Doppo Kunikida, Meisterdetektiv Ranpo Edogawa sowie vor allem der Suizidfanatiker Osamu Dazai zur Seite. Gerade letzterer agiert als wahrhaftiger Mentor für den ehemaligen Waisenjungen, jedoch scheint er eine ganz persönliche Verbindung zur Port Mafia zu haben, gerade zum übersinnlichen Terroristen Ryuunosuke Akutagawa. Wem kann Atsushi wirklich vertrauen?

Wie bereits erwähnt, stellt die Präsentation des vielschichtigen und qualitativ hochwertigen Charakterpools den klaren Mittelpunkt sowie primären Zweck der Handlung dar. Dies ist auch grundsätzlich gut so, schließlich agieren die mit verschiedensten Superkräften ausgestatteten Darstellungen realer Persönlichkeiten als das tragende Konzept des Werkes. Dass ein solch hoher Fokus durchaus Freude bereitet, liegt größtenteils darin, dass dem Zuschauer immer wieder tiefe Einblicke in diverse Figuren gewährt werden, die in einem stringenteren Handlungsverlauf nicht möglich gewesen wären. Die Kehrseite der Medaille enthüllt sich allerdings genau dann, wenn die Serie stellenweise den Versuch unternimmt, eben solch eine zusammenhängende Geschichte zu erzählen. Nicht dass der angesprochene Dreifrontenkampf uninteressant wäre, jedoch erzeugen der allgemein hohe Charakterfokus sowie die durch das literaturbezogene Konzept oft recht philosophisch angehauchten Monologe die Erwartung, dass sich hier nun eine Geschichte der Selbstfindung und der Persönlichkeitsbildung entwickeln würde. Doch anstatt dessen bleiben die Charaktere recht statisch, jegliche Entwicklungen sind grobkörnig und nicht wirklich elegant integriert. Dies ist durchaus verschenktes Potential, denn gerade der gebildetere Teil der Zuschauerschaft wird aufgrund des Ungleichgewichts zwischen dem Anspruch des Konzepts und der Integration dessen in die Handlung allgemein eher ernüchtert sein.

Anstatt den eigentlich durch die starke Ausgangssituation bereits geebneten aber anspruchsvollen Weg der Charakterstudie zu gehen, fokussiert sich die Serie lieber auf zwei Aspekte, die zugegebenermaßen die breite Masse eher ansprechen werden: Action und Comedy. Gerade letzteres nimmt einen nicht unerheblichen Teil des Geschehens ein und funktioniert größtenteils auch recht anständig. Der große Fokus auf die Charaktere ermöglicht es dem Werk, mit Leichtigkeit diverse Running-Gags zu implementieren, die auch noch im späteren Verlauf der Handlung ein Lächeln auf das Gesicht eines Zuschauers werfen sollten, der sich voll und ganz dem Unterhaltungsfaktor des Animes hinzugeben vermag. Dem beleseneren Fan, der sich vor allem aufgrund des interessanten Konzepts auf das Werk eingelassen hat, dürfte hingegen stellenweise das Lachen im Hals stecken bleiben. Vor allem die Suizidwitze des Charakters Osamu Dazai (herausragend gesprochen von Mamoru Miyano) stechen als doch eher negatives Beispiel dafür hervor, wie man mit solch Realitätsbezügen umzugehen hat. So beging das gleichnamige reale Gegenstück Anfang des 20. Jahrhunderts durchaus mehrere Selbstmordversuche – drei davon sogar als „shinju“ (Doppel-Selbstmorde), wie auch in der Serie an manchen Stellen recht geschmacklos angedeutet wird. Zwei seiner Suizidpartnerinnen starben. Nach mehreren überlebten Überdosen von Medikamenten sowie einem gescheiterten Versuch, sich selbst zu erhängen, ertränkte er sich 1948 letztendlich erfolgreich in einem Fluss. Der Versuch des Autors, diese Gegebenheiten in den Charakter sowie die Superkraft seines Osamu Dazai zu integrieren, ist grundsätzlich lobenswert, die Umsetzung jedoch in einem Maße von schwarzem Humor getränkt, dass es beinahe als Verharmlosung von solch psychischen Krankheiten gesehen werden kann. Ob es sich bei dieser Entscheidung nun um einen tiefsinnigen Kunstgriff oder um plumpe Provokation handelt, ist schwer auszumachen, jedoch dürfte der Aspekt durchaus als Abschreckung einer Zielgruppe fungieren, die Bungo Stray Dogs grundsätzlich positiv gestimmt sein sollte.

Glücklicherweise existiert neben dem spannenden Konzept aber noch ein weiterer Blickfang der Serie: Das wundervolle Charakterdesign. In einer Zeit, in der gefühlte 70% aller Animes demselben Einheitslook folgen, orientiert sich der zuständige Designer Ryou Hirata stark an den Zeichnungen der Manga-Vorlage von Harukawa35 und erschafft dabei durch das Hinzufügen eigener Elemente wahrlich einzigartige Sprites. Die nach unten hin spitz zulaufenden Gesichtsformen erzeugen gemeinsam mit den darauf angepassten Mündern einen 3D-Effekt, der beinahe magisch wirkt. Haare sowie Kleidung wirken zu keinem Zeitpunkt fest oder unrealistisch, sondern fallen dynamisch und flattern hypnotisierend im Wind. Die verwendete Farbpalette wirkt ausgewaschen sowie stylisch und erzeugt gemeinsam mit den modischen Klamotten ein (definitiv angestrebtes) Film Noir-Feeling. Und gerade die Augen stellen mit ihrer Rautenform und der außerweltlichen, zweifarbigen Kolorierung ein klares Alleinstellungsmerkmal des Werkes dar, an das sich der Zuschauer sogar noch Jahre später erinnern müsste. Schwächen lassen sich hier lediglich in der Skalierung finden, bei der nicht selten Gesichter sogar komplett weggelassen werden – verständlich, trübt aber den Gesamteindruck erheblich.

Dies kann man hingegen nicht von der Animation behaupten. Wie es von Studio Bones nach den vergangenen Jahren beinahe zu erwarten ist, präsentieren sich die Action-Szenen auf einem qualitativ sehr hohen Niveau. Dem Studio gelingt es beinahe perfekt, die wundervollen Sprites in flüssige Bewegungen zu versetzen. Hierbei ist gerade der sehr abgeklärte Einsatz von CGI zu loben, denn nur durch diesen können viele der Fähigkeiten überhaupt so gut dargestellt werden. Einen großen Teil bei der gelungenen Integration dieser oft missverstandenen Technik bildet die starke Bild-Komposition. Bungo Stray Dogs nutzt hierbei sehr klar definierte Lichtquellen, deren Schatten nicht nur durchweg korrekt sowie gut ausgeprägt dargestellt, sondern sogar auch bei der Auswahl der Perspektiven berücksichtigt werden. Hierfür betrachtete Takuya Igarashi seine Szenen eher aus dem Blickwinkel eines Regisseurs im Live-Action-Bereich anstatt nur aus Sicht der Animateure. Gemeinsam mit der stilistisch verwendeten, durchweg starken Überbelichtung der Szenen, die zudem auch am jeweiligen Bildschirmrand in szenenabhängigen Farben signalisiert wird, bildet sich ein Spiel von Licht und Schatten, das nur wenige TV-Animes in dieser Qualität vorweisen können.

Die musikalische Untermalung des Werkes präsentiert sich allgemein recht wechselhaft. So passen die verschiedenen Segmente des OSTs von Taku Iwasaki zwar immer zu den zugewiesenen Szenen, jedoch eignet sich kein einziges der Lieder für ein Hören außerhalb des spezifischen Kontextes. Dies lässt die Musik sehr zweckmäßig wirken, verhindert allerdings gleichzeitig, dass sie in Szenen in den Vordergrund gerückt werden kann. Ein klares Gegenstück dazu stellen die jeweils zwei Openings und Endings der Serie dar. Bei den Liedern von GRANRODEO, SCREEN mode und Luck Life handelt es sich um starke Vertreter der japanischen Populärmusik, die gemeinsam mit der brillanten visuellen Untermalung einen starken Ein- und Ausklang jeder Folge bilden.

Zusammenfassend lässt sich Bungo Stray Dogs als ein Werk bezeichnen, das sich seines eigenen Potentials nicht bewusst ist. Das Grundkonzept der Autoren ist absolut genial und wurde stellenweise wundervoll umgesetzt, in gewissen Aspekten ist jedoch etwas zu wenig Respekt für die größtenteils bereits verstorbenen Schriftsteller vorhanden. Die Adaption des Studios Bones ist gewohnt brillant und bietet stilistisch oft atemberaubende Szenen, doch leider vermag es die Handlung nicht, den naheliegenden Weg der Charakterstudie voll einzuschlagen. Liebhaber von bildgewaltigen Actionszenen sollten den Anime jedoch keinesfalls links liegen lassen und auch Fans des Konzepts werden sich mit der richtigen Einstellung durchaus unterhalten fühlen – unterhalten und gleichzeitig eventuell etwas ernüchtert.

Cube

KommentierenDanke!


Die letzten 10 Kommentare zu dieser Rezension:


Deviltoon
Vielen Dank für die Rezension - endlich mal wieder ein Werk, das auch ich gesehen habe. ^^

Ich kann mich deiner Beurteilung zu großen Teilen anschließen. Bungou Stray Dogs ist eine Serie mit deutlichen Stärken, aber auch markanten und stets präsenten Schwächen. Der Comedy-Anteil hat mir leider nicht zugesagt, und das, obwohl ich die Geschichten zu den einzelnen Autoren zu diesem Zeitpunkt nicht kannte. An dieser Stelle auch noch einmal ein Dank für die Aufklärung in dieser Hinsicht.
Insgesamt wirkten die Witze auf mich eher erzwungen und weder charmant noch originell - stellenweise hatte ich eher das Gefühl, dass die Witze dermaßen flach waren, dass nicht einmal ich mich zu einem Lacher hinreißen ließ.

Staffel 2 hat hier einiges besser gemacht und es war in meinen Augen die deutlich stärkere Staffel. Die erste Staffel wirkte auf mich eher wie ein erster, holpriger Gehversuch, während die Fortsetzung diese Fehler effektiv ausgebügelt hat. Dennoch lohnt sich die Serie und ist allemal einen Blick wert.