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THEMA: Last Exile

Last Exile 2 Wochen 2 Tage her #837754

  • Nicht_Peter
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Ich kann mich noch gut daran erinnern, wie mein Vater mich und meinen Bruder zum Tag der offenen Tür des Luftwaffenstützpunkts Lagerlechfeld mitgenommen hat als ich noch klein war. Die Flugshow, bei der die Piloten spektakuläre Manöver mit ihren Maschinen vorgeführt haben, hat mir bereits den Atem geraubt, doch das wahre Highlight des Tages war eine andere Attraktion: Auf dem Rollfeld des Flugplatzes stand ein alter, längst ausgemusterter Jagdflieger. Über eine Leiter durfte ich in das enge Cockpit der Maschine hineinklettern, um auf dem Pilotensitz Platz zu nehmen. Auch wenn der Vogel schon lange nicht mehr flugfähig war, so hat dieses Gefühl mein achtjähriges Ich förmlich weggeblasen. Der abgewetzte Schleudersitz, der sogar meinen kleinen Körper fest umschloss, der metallene Steuerknüppel und die Pedale vor mir, die unzähligen analogen Instrumente und Kippschalter, die mit damals nichtssagenden Bezeichnungen wie „ALT“ oder „SPEED“ beschriftet waren – diese Eindrücke hatten mich vollkommen überwältigt. Wie es wohl wäre, einmal selbst am Steuer zu sitzen! Mechaniker in dreckigen Overalls werfen einen letzten prüfenden Blick auf die Technik und recken ihren Daumen in die Höhe, der stechende Geruch von Flugbenzin dringt in der Nase, das Visier des schweren Helms auf meinem Kopf geschlossen, aus dem Lautsprecher knistert ein „Ready for Take-off!“ - und dann zündet das mächtige Strahltriebwerk in meinem Rücken, ein Dröhnen in den Ohren, der Jet setzt sich langsam in Bewegung. Immer schneller zieht die Startbahn vor meinen Augen vorbei, der Schub drückt meinen Körper in der Lederkluft immer tiefer in den Sitz hinein. Bis sich dann schließlich der Jagdflieger in die Lüfte erhebt und mit Überschallgeschwindigkeit durch den strahlend blauen Himmel über Bayern donnert.

Vielleicht hat diese ganz besondere Ästhetik alter Flieger auch Regisseur Kouichi Shigira inspiriert, als er im Jahr 2003 bei Studio Gonzo den Original-Anime Last Exile schuf. 26 Folgen lang begleiten wir die jungen Piloten Claus Valka und Lavie Head bei ihren Kurierflügen in einer postapokalyptischen Steampunk-Welt. Sie steuern allerdings keinen alten Bundeswehr-Starfighter, sondern ein sogenanntes Luft-Vanship, eine stromlinienförmige Retro-Flugmaschine im Stil der 30er Jahre. Dabei verlieren sie ihr großes Ziel nie aus den Augen: die Durchquerung des Grand Streams, in der (passablen) deutschen Synchronfassung der Große Strom, ein gigantischer planetarer Wirbelsturm. Eines Tages treffen sie im Rahmen eines besonders gefährlichen Auftrags auf Alex Row, staatlich geprüfter Möchtegern-Badass sowie Kapitän eines Kriegsschiffs der Flotte von Anatorai. An Bord der Silvana erleben sie gewaltige Schlachten gegen das verfeindete Königreich Düsis, brechen auf zu neuen Ländern und lüften das Geheimnis der Gilde, der mächtigen, technologisch weit überlegenen Herrscherkaste, die alle zwischenstaatlichen Konflikte der Welt kontrolliert.

Last Exile ist ein Oldschool-Abenteuer-Anime, und zwar alles andere als ein schlechter. Der Reiz einer solchen Erzählung liegt im Normalfall weniger in einer atemlosen, eng gepaceten Story. Vielmehr geht es darum, anhand des persönlichen Schicksals der Hauptfiguren die fiktive Welt zu entdecken, faszinierende Eindrücke festzuhalten, die beschriebene Steampunk-Ästhetik alter Flugmaschinen in Bildern einzufangen. Das gelingt Last Exile hervorragend. Claus und Lavie bilden ein eingespieltes, von Grund auf sympathisches Team, deren glaubwürdig dargestellte Hartnäckigkeit, sich in der harten Welt da draußen alleine durchzuschlagen, schnell die Herzen der Zuschauer gewinnt. Die stärksten Szenen sind die kleinen Momente, in denen die beiden eifrig an ihrer Maschine schrauben, sich mit raubeinigen Mechanikern und anderen Piloten austauschen, durch den Nebel hindurch zu navigieren und mit Morsesignalen zu kommunizieren. Unter anderem durch solche liebevollen Details und dem konsequent eingehaltenen Grundsatz Show don't tell erwacht die Welt aus rostigem Wellblech so überzeugend zum Leben, jedoch tragen zu diesem Eindruck noch eine ganze Reihe anderer Faktoren bei.

Die Serie ist anlässlich des 10-jährigen Jubiläums von Studio Gonzo entstanden, und es ist unverkennbar, dass die Animatoren sich angesichts dessen besonders intensiv in ihre Arbeit reingehängt haben. Im Ergebnis schaut der Anime noch immer zu großen Teilen absolut fantastisch aus, trotz stolzen 16 Jahren auf dem Buckel. Bemerkenswert sind hierbei nicht nur die detailreichen und stimmungsvollen konventionellen Zeichnungen von Charakteren und Hintergründen sowie der unverkennbare, herrlich abgewetzte, europäisch angehauchte Look von Charakterdesigner Range Murata, sondern insbesondere der aufwendige Einsatz von 3D-CGI. In einem Zeitalter, in dem die allermeisten Animationsstudios noch mit digitaler Produktion experimentieren mussten, war diese Serie eine der ersten Kostproben, was mit der neuen Technik so alles möglich ist. Auch wenn einige Objekte trotzdem seltsam unförmig wirken, hat Last Exile Maßstäbe gesetzt, was seinerzeit in punkto flüssiger Bewegung, Shading und Partikeleffekten möglich war. Insbesondere die groß angelegten Luftkämpfe zwischen den verfeindeten Flotten bestechen durch einen enormen Aufwand und ein Qualitätsniveau, das teilweise selbst heute noch seinesgleichen sucht.

Erwähnenswert ist in diesem Zusammenhang auch der Soundtrack von Dolce Triade, einem Trio mit Hitomi Kuroishi als bekanntester Stimme, die schon in Planetes oder Code Geass bewundert werden durfte. Auch hier verleihen die einfühlsamen, stimmungsvollen Klänge auf ... Griechisch? den emotionalen Szenen den letzten Schliff, während in den epischen Schlachten das Orchester im wahrsten Sinne des Wortes auf die Pauke hauen darf. Ihr Ending Over the Sky bildet einen angenehm ruhigen Ausklang, während das einzigartige Opening von Shuntaro Okino namens Cloud Age Symphony unter anderem mit den tranceartigen Tönen eines waschechten Dudelsacks bereits in den ersten 15 Sekunden Lust darauf macht, selbst in ein Luft-Vanship zu steigen und den blauen Himmel über Norkia zu durchqueren.

Also ein rundum gelungener, wunderschöner Anime, der das Herz eines jeden Flieger-Fans höher schlagen lässt? Nicht so schnell.

Den Machern hat es offenkundig irgendwann nicht mehr ausgereicht, einfach „nur“ eine faszinierende Abenteuer-Story und bittere Kriegsgeschichte zu erzählen, nein, sie wollten mehr. Der ursprüngliche erzählerische Leitfaden – zwei Underdog-Piloten wollen den Grand Stream durchqueren – wird zwischendurch vollkommen zurückgefahren, nur um dann gegen Ende mehr oder weniger aus dem Nichts wieder aufzutauchen. An seine Stelle tritt ein viel stärkerer Fokus auf politische Querelen im Königreich und Claus´ Aufstieg zum Flieger-Ass, welche beide als Story-Elemente meist kaum plausibel wirken und sich nicht organisch in die bisherige geerdete Erzählung einweben wollen. Ab einem gewissen Zeitpunkt wird es schwer, mit der Story noch mitzukommen – nicht deshalb, weil sie sonderlich komplex wäre, sondern eher deswegen, weil anscheinend Löcher in ihr klaffen, sie merkwürdig unvollständig wirkt. Insbesondere die Motivation der Figuren für einige jähe Verhaltensänderungen bleibt stellenweise äußerst unklar. Dadurch wird im weiteren Verlauf immer deutlicher, dass es sich hier schlichtweg um Plot Conveniences handelt, damit die Story trotzdem noch irgendwie zusammenhält – was sie jedoch aufgrund der genannten Lücken und Verwirrungen leider trotzdem nicht tut.

All das wäre kein Beinbruch, wenn Last Exile sich bewusst auf seine größte Stärke, den Abenteuer-Aspekt, konzentrieren würde. Derartige Stories sind nicht zwangsläufig darauf angewiesen, dass die Handlung logisch in sich geschlossen ist, weil hier der Fokus viel stärker auf der Atmosphäre liegt; einen Eindruck, ein Gefühl zu vermitteln. Aber genau das ist zum Ende hin eben nicht mehr der Fall: Hier geht es mehr und mehr um die politischen Zusammenhänge der fiktiven Welt. Diese voll und ganz nachvollziehen zu können ist nun nicht gerade einfach, wenn die Drehbuchautoren C auf A folgen lassen … und dann über einen Abstecher nach G nochmal wieder zu A zurückkehren. Last Exile fehlt es für die Geschichte, die das Werk anscheinend erzählen will, schlichtweg an Kohärenz, an einem roten Faden, der sich von vorne bis hinten durchzieht. So bleibt der geneigte Zuschauer nach dem gerushten Ende mit einem irgendwie unbefriedigten Eindruck zurück. War das jetzt wirklich schon alles?

Trotzdem kann ich nicht absprechen, dass mir Last Exile im Großen und Ganzen gut gefallen hat. Sicherlich scheitert der Anime insbesondere im späteren Verlauf ein Stück weit an sich selbst und der überzogenen Ambition seiner Macher, allerdings kann er dieses Manko selbst dann noch recht gut überspielen durch die hervorragende Animation und musikalische Untermalung. Die Serie ist ein handwerklich gelungener Abenteuer-Schinken, der nostalgisch an die Ästhetik des alten, rostigen Starfighters in Tarnlackierung stimmt, der damals in der prallen Sonne auf dem Rollfeld von Lagerlechfeld stand und einen kleinen Jungen zu faszinieren vermochte – nicht mehr, aber eben auch nicht weniger.
Letzte Änderung: 2 Wochen 3 Stunden her von Nicht_Peter.
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