• Seite:
  • 1

THEMA: Madame Butterfly

Madame Butterfly 2 Monate 1 Woche her #837567

  • MrSalomon
  • MrSalomons Avatar Autor
  • Redakteur
  • Redakteur
  • Beiträge: 96
  • Dank erhalten: 324
Ein äußerst außergewöhnliches Werk, das hier auf der Agenda steht. Da fragt man sich doch, wie beginne ich diesen Text am besten? Mit einer Anekdote über die Ursprünge der Animationstechnik? Einer kleinen Geschichtsstunde zu Japan Ende des 19. Jahrhunderts? Oder ganz dramatisch, indem ich von Leid und enttäuschten Hoffnungen berichte? Nein, viel mehr will ich euch einmal kurz erklären, warum ich mir gerade diesen Anime ausgesucht habe. Nur die allerwenigsten von euch werden ihn kennen und ganz sicher kann man ihn nicht als Teil der aktuellen Popkultur betrachten. So manch einer könnte einen Blick in dieses zwölfminütige Werk werfen, oder sogar den ganzen Film sehen, und würde sofort abstreiten, dass es sich um einen Anime handelt. „Der ist ja gar nicht bunt“, „hier wurde überhaupt nichts gezeichnet“ oder „wo bleiben die Animationen“ sind Bemerkungen, die der unwissende Konsument leicht mit diesem Werk in Verbindung bringen könnte. Aber ich will euch hier mit Madame Butterfly vor Augen führen, was Anime eigentlich alles sein kann.

Bei Madame Butterfly handelt es sich um einen 1940 erstellten Kurzfilm, produziert vom National Film Center Japan (heute: National Film Archive of Japan). Adaptiert wird eine noch ältere Vorlage, Puccinis Oper Madame Butterfly von 1904. Der Anime fasst die Handlung der zweieinhalbstündigen Oper in nur zwölf Minuten zusammen und kommt dabei völlig ohne Text aus. Dieser Umstand macht es dem unbedarften Zuschauer nicht ganz einfach, der Handlung zu folgen und lässt einiges an Interpretationsspielraum übrig. Dieser Interpretationsspielraum ist allerdings nicht mal unbedingt erwünscht, wollte man doch die Vorlage möglichst genau adaptieren, nur eben in einer anderen Darstellungsform. Aus diesem Grund möge man mir die Spoiler verzeihen, wenn ich euch im nächsten Absatz die Handlung von Madame Butterfly bis zum Ende erkläre. Diese Freiheit erlaube ich mir, nachdem der Kurzfilm mir beim zweiten Mal selbst wesentlich besser gefallen hatte, als ich die Handlung der Oper nachrecherchiert habe. Euch die tatsächliche Geschichte dieses Werkes nahezubringen, ist somit das zweite Ziel dieser Rezension.


Wir befinden uns in Japan, in einem kleinen Ort, in einem schicken Häuschen. Hier lebt eine junge Frau zusammen mit ihrem dreijährigen Sohn. Sie hegt und pflegt ihn und gemeinsam scheinen sie ein behütetes Leben zu führen. Doch der Blick dieser Frau, die den liebevollen Spitznamen Butterfly trägt, ist stets in die Ferne gerichtet. Bis sie eines Tages, nach über drei Jahren des Wartens, endlich die ersehnte amerikanische Flagge am Horizont erblickt. Butterfly und ihr Kleines freuen sich auf ein baldiges Wiedersehen und machen das Haus und sich selbst zurecht. Während sie warten und warten und der ersehnte Besuch einfach nicht zu kommen scheint, obwohl das Schiff doch bereits angelegt hat, erinnert sich Butterfly an die Vergangenheit. Sie war ein Hausmädchen auf diesem Anwesen, auf dem sie auch heute noch lebt. Und gemeinsam mit dem Haus ging sie in den Besitz des Marineleutnants Pinkerton, welcher das Anwesen erworben hatte. Doch sehr schnell wurde aus Butterfly mehr als nur ein Hausmädchen, sie und Pinkerton verliebten sich und heirateten. Kaum verheiratet gesteht Pinkerton, dass er bald schon wieder in See stechen muss. Butterfly ist verzweifelt, doch ihr Gatte verspricht eine baldige Rückkehr. Monate und Jahre ziehen ins Land, Butterfly bringt einen kleinen Sohn zur Welt und gemeinsam warten sie auf die Rückkehr Pinkertons. Wieder in der Gegenwart, können wir erleben, wie Pinkerton endlich sein Heim aufsucht. Doch was sehen wir da? Er kommt nicht allein, nein, er hat eine amerikanische Frau an seiner Seite, genauer: eine amerikanische Ehefrau. Seine Ehe mit Butterfly betrachtet er längst als annulliert, bei japanischen Ehen dieser Zeit über diesen Trennungszeitraum nicht unüblich. Für ihn ist Butterfly nur noch eine einfache Haushälterin. Völlig zerstört und am Ende schreibt Butterfly einen Abschiedsbrief, den sie ihrem Sohn überreicht, der ihn an seinen Vater weitergeben soll. Anschließend begibt sie sich zum Schrein und greift nach dem Samurai-Dolch ihres verstorbenen Vaters. Auf der Klinge stehen sinngemäß die Worte: „Ehrenvoll sterbe, wer nicht länger mehr leben kann in Ehren“. Mit diesem Dolch und durch ihre eigene Hand geht Madame Butterfly zu Ende.


„Das ist ja eine ganz nette Geschichte, Salomon, aber warum wurde hier nichts gezeichnet? Ein Anime ohne eine Zeichnung?!“ Du hast völlig recht, merkwürdige Stimme in meinem Kopf. Hier wurde nicht ein einziger Strich gesetzt. Somit können wir zumindest die Bezeichnung „Zeichentrickfilm“ getrost hintenanstellen. Verwendet wurde eine Technik namens Silhouetten-Animation. Jeder hier kennt sicherlich Schattenspiele, die Silhouetten-Animation funktioniert genauso. Mit Draht verbundene Pappfiguren werden hinter einer weißen Folie für eine Szene in Stellung gebracht, eine dahinter platzierte Lichtquelle sorgt für die sichtbaren Silhouetten auf der Folie. Die Szene wird fotografiert und im nächsten Schritt minimal verändert, wie in einem Stop-Motion-Film. Über die Anzahl der Bilder erhält man schließlich seinen fertigen Film, wie eben auch jeder andere Film aus einer Vielzahl von Bildern besteht. Nur die Entstehungsart der Bilder unterscheidet sich. Aber kann dieses Schattenspiel wirklich als Anime bezeichnet werden? Ja, warum denn nicht? Anime kommt schließlich von Animation und Animation beschreibt den Vorgang, wie leblosen Dingen Leben eingehaucht wird. Von Hand gezeichnet muss da nichts werden. Dass komplette CGI-Filme als Anime durchgehen, ist inzwischen auch langsam akzeptiert, die Beliebtheit solcher Filme mal beiseitegelassen.

Pappfiguren, kein Ton, keine Farben... bekommt man hier denn überhaupt eine richtige Stimmung erzeugt? Ganz ehrlich, Madame Butterfly wird euch nach diesen zwölf Minuten nicht nach einer Forsetzung rufen lassen, das gibt die Geschichte einfach nicht her. Aber eine gezielte Stimmung zu erzeugen, die der dramatischen Story der zugrundeliegenden Oper gerecht wird, gelang den Schöpfern dieses Kleinodes allemal. Beispielsweise beim Einsatz von Schmetterlingen zeigt sich die Technik unerwartet filigran und es gibt sogar eine kurze Szene, in die ich mich so ein ganz klein wenig verliebt habe. Butterfly hat eben das lang ersehnte Schiff entdeckt und hält ihr kleines Kind an den Händen, das freudig auf und ab hüpft. In diesen wenigen Sekunden scheint so viel Zuneigung zu stecken, wie es nur wenige moderne Regisseure und Animatoren auf die Leinwand zaubern können. Das flackernde, unstete Licht und die anhaltenden Gesänge im Hintergrund schaffen eine schöne und zeitgleich melancholisch Atmosphäre, der man sich problemlos hingeben kann, falls man sich entsprechend auf den Film einlässt. Gerade der Sound spielt hier eine wichtige Rolle, da er durch das völlige Weglassen von Text immer im Vordergrund zu hören ist. Die melodischen Töne erinnern das Publikum auch nochmal an die Vorlage, wenn im Gegensatz zur tatsächlichen Oper auch keine richtigen Worte gesungen werden.


Madame Butterfly entzieht sich für mich jeglichem Bewertungssystem, das irgendwie versucht Sinn zu ergeben. Weder kann ich dieses Werk in Adjektiven wie „gut“ und „schlecht“ einteilen, noch kann ich eine sinnvolle Empfehlung für eine bestimmte Zielgruppe nennen. Viel mehr empfehle ich dieses Werk euch allen, falls ihr einfach mal die Lust verspürt, ein kleines Stück Kulturgut zu genießen. Lehnt euch zurück, dimmt das Licht und erlebt die traurige Geschichte Butterflys, die Puccini vor über 100 Jahren bereits im Westen auf die Bühne brachte. Wenn euch währenddessen bewusst wird, was Anime eigentlich alles sein kann, habe ich mein Ziel voll und ganz erfüllt. Und nach nur zwölf Minuten könnt ihr euch auch schon wieder in die Welt von Ruffy, Kirito und Gon stürzen.

Dem Leser noch einen wunderschönen Tag
MrSalomon
Letzte Änderung: 2 Monate 5 Tage her von MrSalomon.

Madame Butterfly 2 Monate 5 Tage her #837703

  • JunLin
  • JunLins Avatar
  • Nichtskönner
  • Nichtskönner
  • Beiträge: 6
  • Dank erhalten: 1
Ich habe mir dieses Jahr in Köln 'Miss Saigon' angeschaut. Miss Saigon ist ein Musical, das ebenso wie Madame Butterfly auf der französischen Novelle Madame Chrysanthemum beruht.

Es war wirklich ein schönes und zugleich trauriges Stück. Sehr zu empfehlen, ob zum lesen oder anschauen.

Madame Butterfly 2 Monate 4 Tage her #837711

  • AnimeGeass
  • AnimeGeasss Avatar
  • Mitglied
  • Mitglied
  • Was ist los? Willst du nicht schießen?
  • Beiträge: 82
  • Dank erhalten: 183
" Nur die allerwenigsten von euch werden ihn kennen und ganz sicher kann man ihn nicht als Teil der aktuellen Popkultur betrachten."

Also mich wundert es, dass außerhalb von Japan dieses faszinierende und einzigartige Werk überhaupt noch jemand kennt außer mir.
Zu min. ist mir noch nie jemand untergekommen und oftmals werden Animes gut und gern vergessen, vorallem wenn die sogar vor dem 2. Weltkrieg ihren Release hatten.

Bei mir schon einige Zeit her als ich ihn gesehen habe, aber kaum ein heutiger "Anime" kann mit solch einem Werk überhaupt mithalten meiner Meinung nach.
Ich suche oftmals Trost in den alten Werken.
Leider ist das oftmals mir viel Zeitaufwand und schmerz verbunden. Entweder findet man nur noch einzelne Folgen bis Szenen bis hin zu Animes die nicht einmal mehr eine Tonspur besitzen oder gar komplett vergessen sind bis hin zu ein paar Bildern.

Oftmals steckt auch eine traurige Geschichte hinter Mangakas, Schöpfer oder Animes/Mangas an sich. Man merkt in den alten Werken wirklich noch die Leidenschaften und Liebe der vergangenen Generation, wovon nur noch wenige Leute leben.
Es stimmt mich immer traurig einen Anime sehen zu wollen es aber nicht möglich ist weil dieser einfach gesagt verloren ging oder in Vergessenheit geraten ist.

Würde viele ans Herz legen Madame Butterfly anzuschauen, diese "kurze" Zeit sollte man aufopfern um ein schönes Werk zu genießen. Hat mich schwer überrascht das hier wirklich jemand darüber schreibt. Krass.^^
Folgende Benutzer bedankten sich: Ialdabaoth
  • Seite:
  • 1
Moderatoren: LaynaForummodKniveskinehYuriko.FauliRocktTazzels
Powered by Kunena Forum