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THEMA: Night on the Galactic Railroad

Night on the Galactic Railroad 3 Wochen 6 Tage her #836497

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Was sind eigentlich Kinderfilme? Beinahe jeder einzelne Mensch wirft früher oder später dieses Wort in den Raum, um die Natur eines Spielfilms oder einer Serie zu erklären, und wir alle verstehen instinktiv, was derjenige damit meint. Aber was meint er? Die Zielgruppe eines Genres bringt zwar gewisse Konventionen in diesem hervor, je kleiner das Milieu desto spezifischer die Eigenheiten, doch „Kinder“ sind ein ziemlich breites Publikum. Warum erwarten wir dann kein entsprechendes Spektrum an Settings, Charakteren und Geschichten, die im Rahmen von Kindermedien erzählt werden können? Die allgemeine Annahme scheint zu sein, dass sie auf oberflächliche Unterhaltung abzielen, sie nicht die Nuancen einer Thematik erforschen, sondern die hyperaktiven Raufbolde mit bunten Farben und lauten Geräuschen genug ablenken sollen, damit Mutter oder Vater auch mal ihre Ruhe haben können. Mit dem Haustier unterhält man sich, als würde es unsere Sprache verstehen, doch den eigenen Kindern traut man nicht einmal zu, einen in Ansätzen anspruchsvollen Film zu genießen. So oder so ähnlich erging es vielleicht auch dem Dichter Kenji Miyazawa. Denn obwohl er als einer der bekanntesten Kinderbuchautoren Japans gilt, schrieb er alles andere als seichte Unterhaltung. Heute werden wir uns mit seinem berühmtesten Werk beschäftigen: Night on the Galactic Railroad.

Dabei ist der Weg zu diesem Erfolg bereits recht ungewöhnlich. Miyazawa verfasste einen großen Teil des Skriptes um 1927, beendete die Geschichte jedoch zu Lebzeiten nicht. Erst nach seinem Tod wurde sie als Teil eines Sammelbands unfertig veröffentlicht und fand über Zeit zu ihrem Ruhm. Das i-Tüpfelchen darauf stellte der abendfüllende Animefilm von Gisaburou Sugii aus dem Jahr 1985 dar, produziert von Group TAC.

Giovanni hat kein leichtes Leben. Seine Mutter ist krank und sein Vater weit weg auf einer beschwerlichen Reise. Das Einzelkind muss also parallel zu seinem Schulleben in einer Druckerei arbeiten und entfremdet sich so von seinen Altersgenossen, die ihn obendrauf noch deswegen hänseln. Einzig sein Kindheitsfreund Campanella scheint noch zu ihm zu halten. Eines Nachts, während er einsam und melancholisch den Sternenhimmel über seinem Heimatdorf betrachtet, steigt aus diesem ein Zug herab und fährt den armen Jungen beinahe über den Haufen. Im Inneren trifft er auf Campanella und begleitet ihn auf einer Reise mit der namensgebenden galaktischen Eisenbahn zu bekannten Sternzeichen wie dem Skorpion oder dem Kreuz des Südens. Doch dieser Trip ist alles andere als eine abenteuerliche Heldenreise. Nicht, weil die Geschichte nie vollendet wurde, sondern weil Giovannis Probleme keine sind, die man durch so etwas Simples wie das Besiegen eines Bösewichts beseitigen könnte. Der Film bietet tiefe Einsicht in seine emotionale Welt und zeigt, wie er mit Situationen der Machtlosigkeit, wenn er schon nichts an ihnen ändern kann, wenigstens lernt umzugehen.


Eines der nachhaltigsten Motive des Werks ist die Idee der Trauerbewältigung sowie der Selbstaufopferung. Miyazawa war gläubiger Buddhist und verlor 1922 seine jüngere Schwester Toshi, ein Trauma, das tief in diesem Werk verankert wurde. Neben dem buddhistischen Gedankengut findet man auch Anspielungen an biblische Symbolik, vor allem das Kreuz und der Himmel als Ort des Lebens nach dem Tod. Das mag ziemlich schwer und dunkel für einen Kinderfilm klingen und … das ist es auch. Ich war offen gesagt überrascht, mit welch einer Ruhe und Nuanciertheit man an diese selbst für Erwachsene oft lähmende Thematik herangeht. Die Ästhetik mag an Animal Crossing erinnern, doch das tatsächliche Erlebnis gleicht eher einem Film wie 2001: Odyssee im Weltraum. Denn bis auf die Katzenmenschen (die übrigens nicht in Miyazawas originaler Geschichte vorkommen, jedoch für recht abwechslungsreiche Charakteranimation sorgen) scheint kein Kompromiss für eine jüngere Zuschauerschaft gemacht worden zu sein. Die milden Emotionen der Tiergesichter kombiniert mit den seltenen und kargen Dialogen können es teilweise sogar schwieriger machen, die Lage einer Situation zu lesen. Hier merkt man auch den Unterschied zwischen der puristischen Natur gewöhnlicher Animes, die jede Szene auf ihre elementarsten Bestandteile herunterbrechen, und der Herkunft dieser Adaption aus klassischer Literatur, die detaillierte Beschreibungen für ihre Schauplätze hergibt und eher besonnen durch diese fortschreitet. Sogar die einzelnen Kapitelunterbrechungen samt Zwischenüberschriften wurden im Film erhalten.


Die literarische Verspieltheit findet sich in der Adaption vor allem in der audiovisuellen Umsetzung wieder. Die atmosphärische Inszenierung beginnt schon in den künstlerisch hochwertigen, stilisierten Hintergründen von Giovannis europäisch inspiriertem Heimatdorf und werden über den Verlauf der Handlung immer gewaltiger. Von in Nebel gehüllten, gewaltigen Leuchttürmen, über die erschreckende Inszenierung des Untergangs der Titanic, bis hin zur allesverschlingenden Dunkelheit des Kohlensacks. Damit verbunden findet man in einigen Einstellungen sogar rudimentäres CGI (oder vielleicht auch einen mir unbekannten Compositing-Trick), welches sich für sein Alter von 34 Jahren ausgesprochen gut gehalten hat. Begleitend zur galaktischen Bebilderung findet man einen wirklich stellaren Soundtrack. Die ungewöhnlichen Kompositionen stammen von Haruomi Hosono, Mitbegründer der elektronischen Pionierband Yellow Magic Orchestra (quasi Japans Antwort auf Kraftwerk). Hosono kombinierte ganz in diesem Geiste klassische japanische Trommeln, Flöten und Saiteninstrumente mit atmosphärischen Synthesizern sowie tiefen Bässen und evoziert damit noch am ehesten Vangelis‘ Arbeit in Blade Runner statt irgendeinen bekannten Anime-Sound. Zusammen mit dem bedachten Tempo der Adaption können so aus scheinbar mondänen Szenen gewaltige Emotionen gezogen werden.


Night on the Galactic Railroad ist nicht nur ein historischer Meilenstein, der Anime-Legenden wie Leiji Matsumoto und Hayao Miyazaki direkt inspiriert hat, sondern auch ein ausgesprochen interessantes Erlebnis für sich und sollte daher keinem Anime-Fan vorenthalten bleiben. Meine persönliche Empfehlung für die atmosphärische Maximierung™ ist es übrigens, den Film auf einem möglichst großen Bildschirm in kompletter Dunkelheit zu schauen.

Einen schönen Tag euch noch!

Euer Tazzels

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Letzte Änderung: 3 Wochen 3 Tage her von Tazzels.

Night on the Galactic Railroad 3 Wochen 2 Tage her #836601

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Bei mir ist es nun schon einige Monate her als ich den Film das letzte Mal gesehen habe.
Ich kann mich aber noch gut daran erinnern wie enttäuscht er mich zurückgelassen hat.
Meine Freundin ist nebenbei sogar eingeschlafen...
*o-???*
Der Synchronsprecher von Giovanni wirkte so komplett desinteressiert an allem was geschah es war echt ermüdend mit der Zeit.
Vielleicht kann ich den Kunstaspekt ja nicht genug wertschätzen. Die Visuals hatten schon Ihren Reiz aber im Großen und Ganzen würde ich den Film jetzt keinem weiterempfehlen.
Trotzdem danke für die nette Zusammenfassung!
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