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THEMA: Mahoujin Guru Guru

Mahoujin Guru Guru 2 Monate 3 Wochen her #834020

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Wenn einem heutzutage eine Art von Anime geradezu um die Ohren gepfeffert wird, dann Fantasy-Anime. Nicht im Sinne von Siegfried und die Nibelungensage, keine mittelalterlichen Ritter und holde Maiden, nicht einmal die von Tolkien popularisierte, „moderne“ Version eines Fantasy-Abenteuers, nein. Kontemporäre Fantasy wird inzwischen um vier verschiedene Ecken gedacht. Sie lassen sich inspirieren von Light Novels, die ihre Ideen aus Videospielen ziehen, die sich wiederum auf Gesellschaftsspiele berufen und diese stammen oft von Romanreihen ab. Dass auf diesem Weg ein Teil des ursprünglichen Reizes verloren geht, sollte nicht überraschend kommen. Daher lasst uns heute eine Abkürzung nehmen, um etwas vielleicht Verlorenes wiederzuentdecken. Keine Angst, es geht hier nicht um irgendwelche Groschenromane aus den 20ern, wir sind nach wie vor auf einer Seite für Anime- und Mangakultur; doch ein kleines Stück zurück geht es schon.

Präzise ins Jahr 1992, in dem Hideyuki Etous Manga Mahoujin Guru Guru seinen Anfang nahm. Zwei Jahre später erschien eine erste Adaption des Werkes als Animeserie durch Nippon Animation, noch unmittelbar während der Publikation des Quellmaterials. Dementsprechend langsam und unvollendet blieb das Werk auf den Fernsehbildschirmen, zumindest bis ins Jahr 2017. Ähnlich wie es zurzeit mit Fruits Basket praktiziert wird, wurde dem Werk ein komplett neues und vollständiges Remake spendiert, dieses Mal von Prestige-Studio Production I.G unter der Regie von Hiroshi Ikehata.

Wenn es nach Nike ginge, hätte sein Abenteuer wohl nie angefangen. Obwohl er sein Leben lang auf den Moment vorbereitet wurde, der auserkorene Held zu werden und den Dämonenkönig mit dem furchteinflößenden Namen Giri zu besiegen, könnte er eigentlich ganz gut darauf verzichten. Gut also, dass sein kompromissloser Vater den unwilligen Sohn ins Abenteuer schleudert. Wortwörtlich, denn er wird mithilfe einer großen Steinschleuder in die Arme der angehenden Magierin Kukuri katapultiert. Das muss Schicksal sein! Können sie zusammen stark genug werden, um Giris Armee der Dunkelheit zu besiegen?

Wie man es sich nach dieser Beschreibung denken kann, liegt der Fokus von Mahoujin Guru Guru im Humor. Der Begriff „Parodie“ impliziert immer einen gewissen Spott gegenüber dem Original, doch von Häme ist hier kaum eine Spur. Ähnlich wie etwa One Punch Man Stereotypen des Shounen nicht einfach nur ausstellt sondern intelligent aufnimmt und sogar verbessert, ist Mahoujin Guru Guru eine Liebeserklärung an das Fantasy-Genre und oldschool RPGs. Und wenn ich oldschool sage, meine ich oldschool. Kein Otaku-Nerd, der in Bücher gesogen wird und auch kein Unbekannter in schwerer Rüstung, der Goblin-Genozid befürwortet. Um ehrlich zu sein, gibt es gar keine Goblins, Orcs oder andere graue Massen an homogenen Mobs. Die Monster, Dämonen, Feen und Geister, welche sich Nike und Kukuri in den Weg stellen oder auch an ihrer Seite kämpfen, sind ein kunterbunter Haufen. Ihre comichaften Designs ziehen starke Inspiration aus japanischen Klassikern wie Dragon Quest, Legend of Zelda, Ys und Wonder Boy. Daher kommen auch die Klischees des auserkorenen Kinderhelden und der Prophezeiung seines Sieges über den Dämonenkönig. Doch hier offenbart sich, wie scharfsinnig der Anime mit diesen verstaubten Konzepten umgehen kann. Trotz des überwältigenden Comedy-Anteils, der teils in Lichtgeschwindigkeit am Zuschauer vorbeifliegt (man beachte die Kürzung von 83 auf gerade einmal 24 Folgen), wird hier eine vollwertige Abenteuergeschichte erzählt. Gerade zu Beginn gewinnt das Duo aus Magie-Novizin Kukuri und nicht-wirklich-Held Nike eher durch glückliche Zufälle oder allgemeine Inkompetenz der dunklen Armee Giris. Doch über den Verlauf der Episoden, das überwältigen vieler Dungeons und einer erstaunlich niedlichen Romanze, entwickelt sich das Paar beinahe zu etwas, das man „kompetent“ nennen könnte; jedoch stets mit herausgestreckter Zunge und neckischer Victory-Pose.


Falls einem die, für Parodiewerke eher ungewöhnliche, tatsächlich zufriedenstellende Charakterprogression nicht reicht, kann man sich über zahlreiche Locations freuen. Trotz ihrer fragwürdigen Qualifikation stecken unsere Helden nie lang an einer Stelle fest und schreiten alle paar Episoden in ein neues Gebiet vor. Diese reichen von mittelalterlichen Burgen zu zerklüfteten Ruinen, eisigen Bergen und orientalischen Wüstenoasen. Was all diese Setpieces auszeichnet, ist ein simples, aber effektives Design; weit weg von den grotesken Auswüchsen des High-Fantasy-Bereichs. Das trifft glücklicherweise auch auf die Designs der Figuren zu: keine massigen Rüstungen mit lästigen Dornen und darauf gesprenkelten Klingen. Nikes Klasse ist schließlich der Dieb; mit hoher Agilität, listigen Tricks und stilvollen Angriffen wie dem Kira-Kira-Schwert oder der Kakkoii-Pose. Noch kreativer ist Kukuris Magie, das namensgebende Guru Guru. Damit kann sie merkwürdige Gestalten beschwören, wie etwa eine Katze, die mit ihrem unausstehlichen Gejammer Gegner außer Gefecht setzt, oder einen Hasenzirkus, der deren Neugier ausnutzt um sie gefangen zu halten. Das Highlight bietet wohl eine ausführlich inszenierte Musical-Nummer zur Verteidigung der Stadt Alahabica. Doch Nike und Kukuri sind nicht allein: abgesehen vom hilfreichen Geist Gipple, der die schnulzigen Szenen zwischen den beiden gerne mal entschärft, trifft das Team auf eine Reihe von erstklassigen Nebencharakteren, die sich für einige Arcs auch schon mal der Party anschließen; darunter die Priesterin Juju, die unter ihrer emotionskargen Maske eine geradezu explosive, sarkastisch-sadistische Persönlichkeit versteckt, oder Nahkampfmagierin Runrun, deren Design und Outfits wirklich alle meine Bases berühren.


Das größte Lob gebührt der schlicht großartigen visuellen Gestaltung des Animes. Die simplen, ikonischen Charakterdesigns, die farbenfrohen, poppigen Hintergründe und konstant gute Animationsqualität, die es tatsächlich schafft, mit dem wahnsinnigen Humor mitzuhalten; Production I.G hat aus dieser (zumindest im Westen) beinahe vergessenen IP deutlich mehr rausgeholt, als einem der Blick auf das Cover verraten würde. Es sieht tatsächlich sogar besser als das Original aus. “Uhm, duh. Das Original ist ja auch älter.” mag nun ein Teil der Leserschaft denken, doch in meinen Augen gibt es nun mal nichts schöneres als klassische Cel-Animation; echte Acrylfarben auf Celluloid-Folie. Dem Remake also diese Leistung zuzusprechen, entspricht höchster Anerkennung von meiner Seite. Doch dass dieser Anime im digitalen Zeitalter angekommen ist bedeutet nicht nur, dass er sauberer aussieht, man hat tatsächlich sinnvolle und geniale Anwendungsbereiche für Computereffekte gefunden. Die Rede ist nicht von grellen Special Effects, sondern dem Zoomlevel der Charaktersprites. Falls das jetzt nicht wirklich eindrucksvoll klingt, lasst mich erklären: Die Sprites (also die 2D-Modelle im Vordergrund) sind digitale Zeichnungen, bestehen also aus einzelnen Pixeln. In einem gewöhnlichen Anime sind diese Zeichnungen natürlich entweder so hoch aufgelöst oder Anti-Aliased, dass man diese einzelnen Quadrate nicht mehr sehen kann. Doch wird in Mahoujin Guru Guru in einen Sprite hineingezoomt, verwandelt sich das Bild flüssig in eine Pixel-Art-Version des Originals. Dieser scheinbar simple Trick ist nicht nur der beste Running-Gag des Animes, sondern auch eine tolle Referenz auf die Wurzeln in der 8-Bit Gaming-Generation.


8-Bit und Chiptune kann auch der gelungene Soundtrack liefern. Es ist wirklich erstaunlich, zu wie vielen verschiedenen Serien der eigentlich recht spezifische Sound der Technoboys Pulcraft Green-Fund passt. Einst lobte ich ihren elektrischen Soundtrack als perfekte Untermalung des futuristischen Cyberpunks von Pandora in the Crimson Shell, doch der kitschige 80er Retro-Sound passt natürlich auch wie gegossen zu einer Videospielparodie eben dieser Ära. Richtige Enthusiasten werden die Synthesizer, die von NES bis CD-Audio reichen, sicherlich sogar bestimmten Spielen zuordnen können.

Falls euch meine Rezension noch nicht überzeugt haben sollte: Schaut diesen Anime! Vielleicht habt ihr wie ich damals im Sommer 2017 einen flüchtigen Blick darauf geworfen, gedacht “Joa, das gucke ich mal” und nach dem Vorschlaghammer namens Made in Abyss erst einmal alle Erinnerungen und Emotionen verloren. Aber es ist noch nicht zu spät! Mahoujin Guru Guru wartet auf euch und all die Heulsusen, die ungeduldig nach der dritten Staffel Konosuba rufen. Direkt vor eurer Nase befindet sich, mit Verlaub, das bessere Werk. :P

Einen schönen Tag euch noch!

Euer Tazzels

– "Wer zuletzt lacht, hat den höchsten Ping."
Letzte Änderung: 2 Monate 1 Woche her von Tazzels.
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