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THEMA: After the Rain

After the Rain 8 Monate 1 Woche her #830107

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Seufz. Animes zu schauen ist wirklich anstrengend. Das mag nach Jammern auf hohem Niveau klingen, aber ich meine es ernst. Keine meiner Freizeitbeschäftigungen beansprucht dermaßen meine Aufmerksamkeit. Nichts aber auch nichts darf sich parallel abspielen, schließlich muss ich zuhören und zuschauen. Nicht für einen Moment darf ich auch nur abblicken, sonst würde ich die Untertitel verpassen. Gefangen zwischen zwei Zuständen: nicht Weeb genug, um japanisch zu verstehen, doch nicht Pleb genug, um sich Dubs zumuten zu können. Aber genau das kann letztendlich zum Segen werden. Denn wer permanent gen Bildschirm blickt, der findet unendlich viele Wege, das Geflimmer darauf wertzuschätzen. Mit keinem Medium habe ich mich je zuvor so kritisch auseinandergesetzt, doch in keinem auch so viele unterschiedliche Wege der Unterhaltung gefunden. After the Rain ist da keine Ausnahme. Ein Anime, der sich inhaltlich nur schwer festmachen lässt und mir doch so viele kleine Freuden bereitet hat.

In Yokohama, der Stadt des endlosen Regens, lebt Akira Tachibana, die 17-Jährige mit den endlosen Beinen. Weil sie diese Prachtstücke nach einer unglücklichen Verletzung aber nicht mehr für den Laufsport benutzen kann, arbeitet sie nun in einem Familienrestaurant. Und als hätte sie sich von ihren Altersgenossen noch nicht genug abgesetzt, verliebt sie sich dort auch noch unsterblich in den 45-jährigen Manager Masami Kondou. Ein ungleiches Pärchen, das für eine interessante Romanze und Coming-of-Age-Story sorgt. Vielleicht jedoch nicht gleich auf die Weise, an die man zunächst denken würde.

Fangen wir also einmal ganz am Anfang an. Nicht Episode 1, sondern der Grund warum ich hier sitze und schreibe. 2018 war ein ziemlich leeres Jahr und hat mich ehrlich gesagt etwas aus meiner Schaugewohnheit herausgeworfen. Zu Silvester hatte ich ganze drei Serien beendet, mit denen ich auch zufrieden war, aber abseits davon schien das Ödland der Anime-Industrie kaum etwas zu bieten. Das dachte ich zumindest, bis ich auf die Crunchyroll Anime Awards aufmerksam gemacht wurde. Eigentlich interessiert mich das Event ähnlich wenig wie jede andere Award-Show, doch etwas irritierte mich trotzdem. Erstmalig nahm das Komitee die professionell klingende Kategorie „Beste Regie“ mit auf und trotz der recht überschaubaren Auswahl fehlten doch genau die Serien, die sich bei solch einem Begriff vor meinen Augen manifestieren. Nach wie vor scheint es (verständlicherweise) viel Verwirrung um die Bedeutung und Auswirkung solcher Rollen zu geben. Darum lasst uns heute einen genaueren Blick darauf werfen, wie die wohl wichtigste, aber auch mysteriöseste Person einer Produktion das letztendliche Produkt beeinflussen kann.

Erfahrung; damit fängt es bereits an. Und Ayumu Watanabe hat sie. Mit alten Animes, Animes, die alt aussehen sollen, und auch welche mit ungewöhnlichen Romanzen. All dies sollte auch After the Rain (oder auch Koi wa Amaagari no You ni) werden, also lag die Wahl auf ihn nicht allzu fern; zumindest näher als auf das Fantasy- und Action-fokussierte Wit Studio. Doch auch mit Art Director Shun’ichiro Yoshihara hatte man jemanden an Bord, der sich für den Retro-Look von Animes wie JoJo Part 1-2 und Kotetsujo no Kabaneri auszeichnen darf.

Besonders Akiras große Augen und lange Beine werden gekonnt in Szene gesetzt.

Schon im Design des originalen Mangas sieht man die Inspiration durch Legenden wie Rumiko Takahashi und all den anderen großen Namen der 80er, die ich leider nicht gut genug kenne. Was ich jedoch kenne, ist ihre Arbeit und ihr Einfluss auf Frauenporträts in der Animeszene; nicht zuletzt auch auf die ähnlich lange Komi-san. Diese immense Vertikalität setzt sich auch im Hintergrund fort. Noch nie habe ich eine japanische Großstadt auf diese Weise inszeniert gesehen, mit großen Hügeln und noch größeren Wolkenbergen, die den typischen Betondschungel sowie auch Akiras Sozialleben plötzlich ganz fern wirken lässt. Vor ihr steht ein steiler Weg, doch im Gegensatz zu Kondou hat sie einen Ausblick.


Was dem Zuschauer diese Bilder jedoch letztendlich verkaufen muss, ist die Komposition. Die einzelnen Shots haben eine Tiefe und Detail, die man so eher aus Filmen kennt. Die extrem asymmetrische Beziehung zwischen Akira und Kondou lockert nicht nur das Format der komödiantischen Romanze auf, da aufgrund des unklaren Beziehungsstands keine wirkliche Frustration über mangelndes Fortschreiten aufkommen kann, sie erlaubt auch die Nutzung von natürlichen Barrieren wie Türrahmen, Lampen, Bordsteinen oder auch der Bahnsteigkante zur Symbolisierung von emotionaler Distanz. Dass der Regen da, zumindest symbolisch gesehen, eher kurz kommt, mag überraschen. Doch dass er in einer Show mit ausgerechnet diesem Namen so unspektakulär inszeniert wird, hat mich tatsächlich ins Grübeln gebracht.

Mal trennt ein kühles Neonlicht die warm umleuchteten Turteltäubchen, mal die Fuge einer Holzbrücke.

Zeit ist wohl einer der unterschätztesten Faktoren einer TV-Produktion; erst recht, wenn es in der Geschichte um ein Paar mit 28 Jahren Altersunterschied geht. Die Taktung einer Teenagerin, die bis zuletzt noch Sprinterin war, gegen einen Mann mittleren Alters, der seiner Jugend hinterher sehnt, ist alles andere als einfach. Dass die Interaktionen zwischen den beiden trotzdem nicht ungewollt hölzern wirken, spricht durchaus für die Qualität des Skripts, doch vor allem auch für das Editing. Gutes komödiantisches Timing macht aus einer schmerzhaften Verletzung und einem Arbeitsunfall plötzlich einen komplett neuen visuellen Scherz. So wird aus einer peinlichen Situation für Kondou die Tanzeinlage eines Restaurant-Managers, der nicht weiß, wie man mit zerbrochenem Geschirr umgeht.


Nun muss man an jeder dieser Stellen natürlich den jeweils Verantwortlichen loben: Jun Mayuzuki als originaler Mangaka, Shun’ichiro Yoshihara als Art Director, Haruhi Gotou als Cinematograph, Kiyoshi Hirose im Schnitt sowie die zahlreichen Storyboarder und Episodenregisseure. Und auch wenn er gefühlt aus nur zwei (jedoch exzellenten) Stücken besteht, verdient natürlich auch der Soundtrack von Ryo Yoshimata an dieser Stelle Anerkennung, ebenso wie die Arbeit von Synchronsprecherin Sayumi Watabe für ihre überzeugende Performance als Kana Hanazawa.

Wo aber die ultimative Stärke dieses Animes liegt und meine Argumentation letztendlich hinzielt, ist die Arbeit des Regisseurs Watanabe, der die bereits guten Einzelbausteine zu fantastischen und denkwürdigen Sequenzen vereint. So werden durch Framing und Editing drei unterschiedliche Bewegungen zu einem Build-Up, kluges Sounddesign verwandelt Hände in schließende Bahnschranken und als Punchline wird Akira selbst zum Zug.


Den einen oder anderen mag es vielleicht irritieren, wie wenig ich in dieser Rezension vom eigentlichen Handlungsverlauf der Serie berichtet habe. Keine Sorge, After the Rain mag nur gemächlich voranschreiten, doch mangelt es nicht an interessanter Charakterisierung und echter Emotionalität. Aber das hättet ihr auch alleine herausfinden können. Meine Aufgabe ist es schließlich, den Blick zu schärfen und das vermeintlich Unsichtbare sichtbar zu machen. Vielleicht wissen dann auch die „Experten“, worauf es tatsächlich ankommt.

Einen schönen Tag euch noch!

Euer Tazzels

– "Wer zuletzt lacht, hat den höchsten Ping."
Letzte Änderung: 7 Monate 2 Wochen her von Tazzels.

After the Rain 7 Monate 2 Wochen her #830713

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Danke für die Rezension Tazzels:)
*o-gj*

In der Tat einer der Anime, die mit unheimlicher Atmosphäre bestechen, vielen Dank, dass Du da das ganze etwas genauer beleuchtet hast, und die Verantwortlichen genannt hast. Ich würde noch anmerken, es ist auch kein Wunder bei den Leuten und vor allem bei dem Studio ...... wo I.G seine Finger mit drin hat, egal ob jetzt als Studio, als Mutterfirma, oder ob als Unterstützung bei den Produktionen anderer Studios (ein paar der besten Hanebado Szenen ....), da ist Atmosphäre meistens nicht weit (und wenn es auch nur über den Dialog geht, sie schaffen es immer wieder).

War einer der Anime, der unheimlich viel Freude und Spannung vermittelt hat, in seiner Season. Die Figuren, die Interaktion, wie auch die Szenen waren einfach der Hammer. Und alles mit so einem feiner Umsetzung. Mein Favorit war ja die Szene währen des Sturms ...... da ist mir schon ein Schauer über den rücken gelaufen.


Live is good
Sniperace
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After the Rain 7 Monate 2 Wochen her #830720

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Danke Tazzels für die super Rezension mit überragender Vertonung wie üblich. Inhaltlich hab ich nicht wirklich was hinzuzufügen, nur eine Frage beschäftigt mich, die ich durch Genuss des Animes in näherer Zukunft nicht beantworten könnte: Inwiefern hat Watabe Sayumi denn eine Performance „als Hanazawa Kana” abgelegt? Soll letztere ein Cameo in der Serie machen, hat sich aber nicht selbst gesprochen oder… es gibt eine Menge Möglichkeiten.
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After the Rain 7 Monate 2 Wochen her #830722

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Ich habe erst nicht gerafft, was du mit dem lustigen Zug-Wortspiel meinst, aber das Video hat mich eines besseren belehrt. Echt erstaunlich, was dir alles für Stilmittel aufgefallen sind. Die Distanz zwischen den Figuren durch Bahnsteige zum Beispiel. Oder auch Akiras Perspektive auf die Stadt, welche den Punkt symbolisiert, an dem sie sich gerade im ihrem Leben befindet. Das sind alles Sachen, die mir bis eben noch gar nicht bewusst gewesen sind, welche aber wunderbar zeigen, wie viele Ideen wirklich in die einzelnen Szenen eingeflossen sind, die man auch erst auf dem zweiten, dritten Blick erkennt.

Dabei hätte man all diese Details gar nicht unbedingt gebraucht. Ich will sie natürlich nicht missen, aber allein die Figuren des Animes und deren Interaktionen haben mich bis zum Ende beeindrucken können. So einen sympathischen Kerl wie der liebe Mr. Kondo ist mir jedenfalls in noch keinem anderen Anime begegnet. Allein für ihn lohnt sich der Anime meiner Meinung nach schon, wobei es natürlich zum Großteil seine Gespräche mit Akira sind, die ihn so unterhaltsam machen. Die restlichen Figuren sind größtenteils auch gut ausgearbeitet, aber der "alte" Kauz (45 finde ich eigentlich nicht so alt, für Anime-Standards ist es das aber schon) hat's mir einfach angetan. (Oh Gott, bin ich etwa verliebt!?)

Ich habe mal in den ersten Manga-Band reingelesen. Und auch, wenn die Prämisse die selbe ist, so erzielt der Anime doch eine andere, meiner Meinung nach wesentlich atmosphärischere Wirkung. Man merkt einfach, dass die Verantwortlichen hier "mehr" aus der Vorlage gemacht haben. Von daher glaube ich zu verstehen, was du mit der Wichtigkeit von Watanabes Regiearbeit meinst. Letztendlich haben seine Änderungen viel mehr zu meiner Unterhaltung beigetragen, als ich zuerst dachte.

Danke für die Rezension! Ein wundervoller Anime mit toller Botschaft, der es einfach verdient hat, erwähnt zu werden. Ich finde es gar nicht schlimm, dass du kaum auf die Handlung eingegangen bist, im Gegenteil. Genauso muss eine Rezension meines Erachtens aussehen: Sie muss einfach nur neugierig machen, statt gleich alle Karten offen auf den Tisch zu legen.
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After the Rain 7 Monate 2 Wochen her #830724

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Cilli02 schrieb:
Danke Tazzels für die super Rezension mit überragender Vertonung wie üblich. Inhaltlich hab ich nicht wirklich was hinzuzufügen, nur eine Frage beschäftigt mich, die ich durch Genuss des Animes in näherer Zukunft nicht beantworten könnte: Inwiefern hat Watabe Sayumi denn eine Performance „als Hanazawa Kana” abgelegt?

Das war lediglich eine scherzhafte Anspielung darauf, dass ich (und auch ein paar weitere Leute) Sayumi Watabes Stimme zunächst mit der von HanaKana verwechselt haben; was übrigens auch als Lob interpretiert werden darf, denn ich bin Fan von Hanazawas Arbeit.
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After the Rain 7 Monate 2 Wochen her #830740

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Vielen Dank für die tolle Rezension!
Sie hat mich total neugierig gemacht, was heißt, dass der Anime definitiv auf meine Watchlist kommt. Besonders gespannt bin ich, wie der Altersunterschied thematisiert wird, da dies doch ein Thema ist, das oft - wenn überhaupt - mit der Kneifzange angefasst wird.
Ich bin gerade auf der Suche nach Anime, in denen man mehr finden kann als der erste Blick zeigt :)

Liebe Grüße, Franzy

After the Rain 7 Monate 2 Wochen her #830747

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Ich hab den anime vor einigen monaten gesehen. Mir hat der anime im großen und ganzen ziemlich gefallen. Einige szenen speziell waren echt top. Ist auch mal ein bisschen was anderes vom thema her, oder zumindest war es das für mich.
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