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THEMA: Thunderbolt Fantasy

Thunderbolt Fantasy 8 Monate 2 Wochen her #830095

  • Soulykun
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„Manchmal ist es doch ganz gut faul zu sein!“ denkt man sich wohl nicht wirklich oft. Trotzdem hatte ich vor einigen Monaten wieder eine Begegnung (nicht der dritten Art), die ich allein meiner Faulheit zu verdanken habe. Denn obwohl ich dem Crunchyroll-Twitter-Account schon seit (wahrscheinlich) Jahren folge, ohne jemals mit ihm zu interagieren oder einen Mehrwert aus den Airing-Updates zu ziehen, war es stets zu viel Arbeit den „Entfolgen“-Button zu drücken. Doch eines Tages ist das Unvorstellbare geschehen: Ich habe eine interessante Show unter der schieren Flut an Lizenzen und Uploads entdeckt. Ja, wirklich! Zwar war ich eher daran interessiert, warum sie jetzt auch komische Serien mit Puppen lizenzieren aber … Moment, was, Puppen?

Tatsache! Thunderbolt Fantasy – bitte nicht mit Granblue Fantasy verwechseln, wie ich es irgendwie immer schaffe – ist eine Kollaboration zwischen dem taiwanesischen Puppen-Studio Pili und diversen japanischen Produktionsfirmen. Als Resultat wurde sie deshalb nicht nur von Crunchyroll lizenziert, sondern auch von Gen Urobuchi (sein richtig epischer Spitzname „Butcher“ sollte ebenfalls geläufig sein) geschrieben und erhielt mittlerweile einen Film, eine zweite Staffel und eine dritte ist bereits in Produktion. Klingt merkwürdig? Ist es auch, genauso wie alles andere an diesem Werk.

Man muss nur einen Blick auf die Inhaltsbeschreibung werfen und wird schon an den Namen verzweifeln, erlaubt mir daher eine kleine Kostprobe: Dān Fěi und Bruder Fěi beschützen das Schwert Tiān Xíng Jiàn, welches natürlich die Kraft hat, irgendein Böses aufzuhalten. Jedoch ist Miè Tiān Hái leidenschaftlicher Schwertsammler und sendet deshalb natürlich seinen bösen Xuán Guǐ Zōng-Clan, um Tiān Xíng Jiàn (was oder wer war das noch mal?) zu stehlen! Nur Shāng Bù Huàn, Lǐn Xuě Yā und andere ellenlange Namen können ihn jetzt noch aufhalten.

Nicht nur ist die Vertonung für mich jetzt um einiges interessanter geworden, aber endlich sind die Namen aus dem Weg und ich muss sie nie mehr schreiben, copypasten oder aussprechen; in Anbetracht der belanglosen Geschichte ein Glück für alle. Zwar mag sie, wie schon eingangs erwähnt, von Gen Urobuchi geschrieben sein, doch selbst seine normalen Stärken kommen hier nie wirklich zum Vorschein. Während er größtenteils unnötig brutale und dunkle Geschichten auf Papier bringt, die im Endeffekt entweder nirgendwo hinführen, schon in ihren Grundprinzipien nicht funktionieren oder schlichtweg keine guten Charaktere aufweisen, haben sie alle meistens eine Stärke: gutes Pacing. Zumindest war dies bis vor wenigen Jahren der Grund, weshalb ich manche seiner Kreationen recht gerne mochte, nur zeichnen neuere Werke wie die Godzilla-Anime-Trilogie ein ganz anderes Bild seiner Fähigkeiten und natürlich ist auch Thunderbolt Fantasy keine Ausnahme dabei. Anscheinend schien er im Glauben, dass es noch nie eine klassische Adventure-Story im Wuxia-Setting gab, bei der sich verschiedenste Charaktere gegen ein gemeinsames Böse stellen müssen. Als Resultat verbringt die Serie teilweise mehrere Minuten mit … Nichts. Nicht nur besteht unsere Truppe der unaussprechlichen Namen aus einer Ansammlung an wandelnden Klischees, sie werden außerdem nie müde, diese hervorzuheben: Teilweise sind sie folgenlang davon überrascht oder verwundert, dass es sich bei einer Person um eine Dämonin handelt oder der mysteriöse Samurai mysteriös ist. Ausnahmslos jedes Mitglied des Casts, jeder Dialog und jeder Twist, der auf dem Weg zum Berg des Bösen passiert, ist ein einziges Klischee oder leicht veränderte Variante eines. Doch irgendwie scheint sich Urobuchi nicht bewusst zu sein, dass diese Geschichten nur funktionieren, wenn man ihnen keine große Beachtung schenkt. Anders kann ich mir zumindest nicht erklären, warum die Serie sonst ganze Episoden mit absolut belanglosen Charaktermomenten verbringt, von denen weder Figur noch Zuschauer profitieren.

Dabei verzichtet man sogar teilweise komplett auf Action, was bei Thunderbolt Fantasy umso bedauerlicher ist. Obwohl Taiwan keine Animes produziert – oder ziemlich mäßige Abklatsche wie China – besitzt dieses Land eine ganz eigene Form der Unterhaltung: Puppen-Serien. Schließlich hat es einen Grund, warum es bis heute dutzende davon im taiwanesischen Fernsehen gibt: Sie sind verdammt noch mal episch und ja, sie verdienen diese Bezeichnung vollkommen. Denn wenn ein Aspekt diese Serie rettet, ist es die Animat- … hm, nein … vielleicht die Puppition? Gibt es das überhaupt? Na ja, egal.

Tatsächlich hat die Serie mehr mit westlichen Fernseh-Serien gemein als mit Animes, zumindest was die Machart anbelangt. Zwar mag der Ein oder Andere vermuten, dass es sich hier aufgrund der Puppen und der Tatsache, dass sie einen Proxer-Eintrag besitzt, um Stop-Motion-Animation handelt aber nein! Vergleichbar mit klassischem Puppen-Theater kommen hier Handpuppen zum Einsatz, mit denen alle Szenen – egal ob ruhiges Gespräch oder wildes Duell – in Echtzeit „gespielt“ und gefilmt werden. Ich kann immer noch nicht fassen, wie es die menschlichen Puppenspieler schaffen, allein die dutzenden schnellen und komplizierten Schwertkämpfe zu „spielen“, bei denen die Puppen sogar an Seilen durch die Sets fliegen. Gleichzeitig sind sie aber nicht nur unfassbar kompetent bedient, sondern auch mindestens genauso beeindruckend gebaut. So kommen ebenfalls eine Reihe an Practical-Effects zur Verwendung wie echter Rauch aus den Pfeifen oder echtes Kunstblut, das nur so aus abgeschnittenen Gliedmaßen spritzt.

Damit ist eine Grundlage geschaffen, die sich tatsächlich auch alleine sehen lassen könnte. Jedoch wären blutige Puppenkämpfe, denen man ihre jahrhundertealte Tradition ansieht, immer noch recht langweilig, oder? Nicht wirklich, das hält Pili aber nicht davon ab die Postproduktion dazu zu verwenden, so viele Effekte, Partikel, Explosionen, eine Hülle an passend epischen Musikstücken und schnelle Cuts wie möglich einzubauen und verdammt, zum Glück haben sie das getan. Nur so konnten sie Thunderbolt Fantasy zu dem machen, was es ist: Die über-überinszenierteste Show, die ich seit langem gesehen habe. Während ich in den meisten Werken allein schon die dutzenden Cuts und Special-Effects, aufgrund der fehlenden Übersicht, kritisieren würde, wird dies hier mit schlauem Directing und – zumindest in der Blu-ray Fassung vorhandenen – 60Fps verhindert. Auf dem Papier mag die erhöhte Bildzahl zwar noch wie ein Gimmick wirken, jedoch kann der Zuschauer erst wegen ihr eine gewisse Übersicht in dem Wust an Lichtern, Effekten, Dialogen und Blut behalten, auch wenn es unmöglich ist dabei etwas zu Essen, glaubt mir, ich habe es versucht.

Müsste ich Thunderbolt Fantasy beschreiben, würde ich folgendes sagen: Dieses Puppentheater ist zwar kein Anime, aber oftmals mehr Anime als Anime Anime sein wollen könnte. Es ist überladen, schnell, adrenalingeladen und technisch auf einem ganz eigenen Level; vorausgesetzt man greift nicht auf die absolut furchtbar aussehenden Stream-Fassungen zurück (… darf ich das hier überhaupt sagen?). Zudem ist es ein Einblick in eine Kultur, die uns im Westen aufgrund der fehlenden Lokalisierungen nicht mal wirklich geläufig ist. Ich hätte mir nur eine Sache gewünscht: dass Gen Urobuchi das Skript und nicht die Spannungskurve gebutchert hätte.

Letzte Änderung: 8 Monate 1 Woche her von Soulykun.
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