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THEMA: Yokohama Shopping Log

Yokohama Shopping Log 1 Jahr 1 Monat her #824748

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Es ist ganz und gar nicht verwunderlich, dass Anime in seiner nun über 100 Jahre alten Tradition einige Serien hervorgebracht hat, die beinahe identische Thematiken behandeln. Bei so vielen verschiedene Möglichkeiten diese zu genießen, sollte es noch weniger verwundern, dass zwei solcher Werke trotzdem völlig unterschiedlich genossen werden können. In meinem jüngsten Touzai-Artikel sprach ich unter anderem über Girls Last Tour und dessen ungewöhnliche Auslegung des Abenteuergenres in einer postapokalyptischen Slice-of-Life-Show. Diese Idee saugte Autorin Tsukumizu natürlich nicht aus dem Äther, Inspiration für das Aussehen ihrer Welten suchte sie beispielsweise im düsteren Cyberpunk-Manga Blame!. Viel interessanter finde ich allerdings die ruhige, nahezu meditative Stimmung und die Konzentration auf vermeintlich banale Kleinigkeiten. Slice-of-Life ist, wenn auch nicht exklusiv japanisch, einer dieser Aspekte, die man oft mit Anime verbindet. Es ist gewissermaßen das japanische Ethos: „Mono no Aware“, die Vergänglichkeit der Dinge.

Yokohama Shopping Log. Ein sanfter Titel, auch wenn er nicht gleich über die Zunge rollt. Doch kaum ein Werk verkörpert die Vergänglichkeit und leichte Melancholie aller Dinge so sehr wie dieser Manga und seine zwei-episodige OVA von 1998. Denn Protagonistin Alpha ist der Inbegriff von Überfluss. Damit meine ich nicht, dass sie als Charakter in dieser Geschichte nicht notwendig oder gar uninteressant ist. Die junge Dame ist schließlich ein Android und (stellvertretende) Besitzerin eines Cafés! Aber genau das braucht niemand mehr in ihrer Zeit. Ähnlich wie in Humanity has declined (dessen Rezo ihr hier lesen könnt) befindet sich die menschliche Gesellschaft nämlich bereits mitten im Prozess des Untergangs. Städte sind überflutet, Regierungen aufgelöst und die Menschen sind zufrieden.

... ähm was?

Yokohama Shopping Log will uns nicht zum x-ten Mal das Trauerlied vorsingen und Warnungen aussprechen. Es suhlt sich in der Idylle und Ursprünglichkeit seiner Welt und lullt den Zuschauer mit bittersüßen Episoden aus Alphas Leben regelrecht ein. Einen kleinen Ausflug mit dem Mofa machen, hier ein Foto schießen, dort den Sonnenuntergang genießen. Obwohl das Endzeitsetting schon ausgelutschter als jeder Schnuller ist, fasziniert es mich ungemein, welch eine andere Erfahrung dieser Anime bietet. Wie Worldbuilding hier funktioniert lässt sich vielleicht noch am ehesten mit Werken wie Mushishi vergleichen: kleine visuelle Fetzen, eingebettet in langatmigen und entspannenden Landschaftsaufnamen, die in der Animewelt ihres Gleichen suchen. Rein animationstechnisch entspricht die OVA in etwa dem Standard der Zeit (wenn auch mit einigen interessanten Perspektiven), aber gerade die Hintergründe sind ein wahres Schmankerl: Pflanzen wiegen in einer sanften Brise, überflutete Straßenlaternen schimmern wie Sterne unter der Meeresoberfläche und der Abendhimmel verwandelt sich in ein Aquarell aus Lila- und Blautönen. Tagsüber flippt die helle, beinahe ausgewaschene Farbpalette alle Schalter in meinem Hirn direkt auf „Urlaubsmodus“. Untermalt wird diese liebliche Atmosphäre von detailreichem, äußerst realistischem Sounddesign. Es ist generell faszinierend, wie feinsinnig jede Szene inszeniert wird. Mitten im Gespräch schiebt sich mal zufällig eine Wolke vor den Himmel und hüllt die Umgebung in einen sanften Schatten, wenige Sekunden später bricht die funkelnde Sonne wieder hindurch. Wer dahinter ein bestimmtes Muster vermutet, den muss ich enttäuschen; bemerkenswert ist es trotzdem.


Nach diesen Eindrücken sollte klar werden, dass sich der ursprüngliche Vergleich zu Girls Last Tour viel eher als Kontrastierung eignet. Auch wenn beide Werke letztendlich Ausdruck eines gewissen Optimismus sind, bietet Yokohama Shopping Log einen weitaus positiveren Blick auf die Welt. Am deutlichsten wird das bei der Verwendung der Kamera. Nicht der imaginären „Kamera“, wie man im Feld der Animation gerne die Bewegungen des Bildausschnitts nennt. Nein, ich rede von einer Digitalkamera, die in beiden Werken vorkommt, jedoch eine grundverschiedene Funktion besitzt. Während sie in Girls Last Tour selbst Objekt der Faszination ist und den Mädchen in der leeren Welt etwas zu tun gibt, weist sie Alpha auf die zurückgekehrte Schönheit der Welt hin. Macht sie doch eigentlich nur einen kurzen Trip zur Meeresbucht, um ein möglichst schönes Foto zu schießen, merkt sie am Ende, dass das Erleben des Moments selbst das Wichtigste an ihm war. Was bleibt einem theoretisch unsterblichen Androiden auch anderes übrig? Statt einen starken Fokus auf die Menschen sowie deren ideologisch-psychologische Bedeutung zu legen und schwer verdauliche Konzepte zu behandeln, driftet Yokohama Shopping Log gerne ab. Aber das ist kein Verbrechen, denn genau dieses Abdriften ist hier schließlich Programm. Nicht jeder einzelne Anime muss komplizierte Emotionen und Albträume aufarbeiten; manchmal braucht man einfach nur eine warme Kuscheldecke. Und diese Rolle vollends zu erfüllen, kann letztendlich sogar schwieriger sein.

Alphas kleine Ausflüge sind sicherlich nichts für Leute, die Dramatik, Plot, Pacing, Charakterentwicklung oder irgendeine dieser Sachen für absolut notwendig halten. Wahrscheinlich wäre man unverzüglich aus dem Produktionsteam gefeuert worden, hätte man damals auch nur eines dieser Worte in den Mund genommen. Diese Serie ist der reinste Ausdruck einer Ästhetik, die man in der modernen Internetkultur gerne als „w h o l e s o m e“ bezeichnet. Und rein gar nichts soll davon ablenken; kein Humor wie bei Non Non Biyori, keine Mystik wie in Mushishi, keine aufdringliche Musik und auch nur das Allernötigste an Dialog. (Ironischerweise allesamt Aspekte, an denen das eher dürftige Sequel Quiet Country Cafe scheitert. Aber das ist eine Geschichte für einen späteren Tag.) Was bleibt mir hier noch großartig zu sagen? See for yourself!

Einen schönen Tag euch noch!

Euer Tazzels

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Letzte Änderung: 1 Jahr 1 Monat her von Tazzels.
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