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THEMA: Megalo Box

Megalo Box 1 Jahr 1 Monat her #824212

  • Soulykun
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Rocky – ohne Zweifel ein Uhrgestein der Sportfilme. Die Geschichte um ihn, und seinen Werdegang vom unbekannten Amateur bis hin zur Legende, wirkt aus heutiger Sicht mehr als nur ausgelutscht. Wahrscheinlich ist dies der Fall, weil exakt diese Geschichte schon in den 70ern dutzende Male erzählt wurde. Trotzdem hält sich das Klischee des Underdogs bis heute in diversen Genres und Medien; im Westen sowie im Osten. Schließlich erzählen klassische japanische Sportmangas wie Hajime no Ippo nichts anderes. Warum sollte man sich heutzutage also überhaupt über einen neuen Box-Anime freuen, wenn er wieder genau dasselbe erzählt?

Ich konnte nie viel mit Sport-Animes anfangen, folgen sie doch größtenteils fast immer vorhersehbaren Schemata, ohne sich sonderlich voneinander abzuheben. Außerdem, wer mag denn bitte Sport? (Ist ja schließlich Mord) Und trotzdem war die Serie, auf die ich mich letzte Season am meisten freute, das Jubiläumsprojekt zum 50. Geburtstag von Ashita no Joe. Warum eigentlich? Wahrscheinlich allein aufgrund der zuvor veröffentlichten Key-Visuals, denn wenn der von TMS Entertainment produzierte Anime Megalo Box in kürzester Zeit eines beweist, dann, dass er Stil hat.

Boxen – eine Sportart, in der Stärke, Können und Talent zweier Boxer aufeinandertreffen; pur und ungezügelt. Doch während wir uns noch damit zufriedengeben, wird der einfache Faustkampf wohl kaum die nach immer extremeren Wettkämpfen lechzende Menge in Zukunft befriedigen können. Was passiert also, wenn dauerhaft mehr Blut und Gewalt verlangt wird? Megalo Box, Boxen mit Exoskeletten. Junk Dog (kurz JD) lebt in genau solch einer Welt. Als Untergrund-Boxer verdient er mit seinem Trainer Nanbu Geld durch das absichtliche Verlieren von Kämpfen. Natürlich trifft er jedoch eines Tages auf den Champion Yuri, der schnell zu seinem Nemesis wird, und so beginnt seine Reise an die Spitze als Joe sowie der Weg zum alles entscheidenden Kampf zwischen den beiden.

Ab der ersten Folge sollte jedem klar sein, auf was man sich hier einlässt: einen Underdog-Anime. Bei einer derartig generischen Inhaltsbeschreibung ist das ja auch kein Wunder. Tatsächlich trifft diese sogar ziemlich gut zu, denn Megalo Box hält sich fast bis zum Ende überraschend nah an der altbekannten Formel. Nichtsdestotrotz wäre es falsch, ihn als klischeehaft zu bezeichnen. Denn die wahre Stärke des Anime ist das, was er aus all den etablierten Stationen jener legendären Underdog-Geschichte macht.

Auf dem Weg nach oben muss Joe natürlich eine beträchtliche Anzahl an Kontrahenten besiegen. Anstatt diese aber als simple Hindernisse zu präsentieren, wird sich hier auf die tatsächlichen Charaktere fokussiert. Zwar lässt der Anime keinen Klischee-Gegner aus, er schafft es jedoch tatsächliche Menschen aus ihnen zu machen. Angefangen mit Aragaki, der Verkörperung des vergessenen Schülers, dessen erster Auftritt so scheint, als wäre nichts weiter als ein eindimensionales, rachesüchtiges Abziehbild zu erwarten. Überraschenderweise werden dessen innere Narben aber plötzlich Dreh- und Angelpunkt der Geschichte. So lernt man von seinem Dienst im Militär, wie er schwer verletzt und schließlich von seinem ehemaligen Trainer Nanbu augenscheinlich vergessen wurde. Daraus webt der Anime einen glaubhaften Werdegang, von einem im Stich gelassenen, zerrütteten Menschen, der seinen einzigen Ausweg im Selbstmord sieht, bis hin zur Person, die Joe letztendlich gegenübersteht. Durch solche überraschend einzigartige Neuinterpretationen, hinterfragt Megalo Box die Notwendigkeit, jene altbekannten Klischees immer auf dieselbe Art umzusetzen. Schließlich ist ein Mensch viel zu facettenreich in seinen Reaktionen und Konflikten, um stets nur einer Rolle zu entsprechen. Genau deshalb beweist das Werk erfolgreich, dass man selbst aus langweiligen Klischees noch interessante, vielseitige Charaktere kreieren kann.

Leider kann sich Megalo Box aber auch nicht vollends den Schwächen dieser vorhersehbaren Handlung entziehen. Während die zentralen Charaktere in neuem Glanz strahlen, können speziell die Boxkämpfe kaum mithalten. Hauptsächlich ist das der Fall, weil der Anime sich anscheinend nie recht entscheiden kann, was er mit ihnen eigentlich erreichen will. Dadurch, dass sich Megalo Box dermaßen dem Underdog-Schema verschreibt, nimmt es fast die gesamte Spannung aus den eigentlichen Kämpfen, weshalb sie hauptsächlich als bildlicher Höhepunkt der einzelnen Konflikte eingesetzt werden. Andererseits möchte man anscheinend kein reines Charakterdrama schaffen, wodurch jedes Duell aus unglaublich langen, reinen Actionszenen besteht. So wird Joe fast die komplette Zeit blutend und keuchend in die Ecke gedrängt, während Flashbacks über den Bildschirm flimmern. Abschließend, weil das in einer Underdog-Geschichte nicht anders sein kann, gewinnt er dann mit einem einzigen Treffer. Wenn man bedenkt, dass fast jeder Kampf exakt so verläuft, wirken die Siege nicht nur recht unglaubwürdig, sondern mehr als nur übereilt. Besonders, weil die fast überinszenierten Showdowns im Kontext keinen wirklichen Sinn erfüllen, außer Bombast zu liefern.



Dafür kommen in jenen Passagen Megalo Boxs visuelle Stärken umso mehr zur Geltung. Statt auf einen etablierten Standard á la A-1 Pictures zurückzugreifen, kreiert der Anime seinen ganz eigenen kruden Stil. So sehen die fast schon „schmutzigen“ Bilder aus, als hätte man lediglich die kolorierten Skizzen animiert, was für viele auf den ersten Blick nicht nur befremdlich, sondern auch billig wirken mag. Doch was passt besser zu einem Oldschool-Anime über die brutale, rohe Sportart Boxen? Was könnte besser die ungebändigte Gewalt der ungeschliffenen Kontrahenten darstellen? Gleichzeitig kann sich das Werk durch den unbestreitbaren Retro-Look ebenfalls von den dutzenden Shows jeder Season abheben und – noch viel wichtiger – über seine Animationen hinwegtäuschen. Denn trotz all der Mühe und Arbeit, handelt es sich hier nicht um eine wirklich fantastisch animierte Serie, vielmehr zieht sie ihre Stärke aus der gesamten Inszenierung. Zwar ist der Artstyle nahezu perfekt, um schnelle Bewegungen, in denen die genauen Details kaum erkennbar sind, darzustellen, aber erst das wirklich kompetente Directing kann wirklich Geschwindigkeit und Flow in die Kämpfe bringen. Zudem wird ein anderer, fast genauso essenzieller Part jeder guten Serie nicht vernachlässigt: der Soundtrack. Mabanuas Mix aus kräftigen Bässen und eingängigen Rhythmen erinnert an vielen Ecken an Hip-Hop oder sogar Stücke aus dem exzellenten Devilman Crybaby. Vermischt man diese drei Aspekte, erhält man einen Anime, der speziell in den Kämpfen allein durch seine exzellente Inszenierung beeindruckt.

Was bei genauerem Hinsehen jedoch umso mehr auffällt, ist die Menge an Symbolik und tatsächlich interessantem Foreshadowing. Obwohl der Fokus auf manche Aspekte anfangs recht sinnbefreit wirkt, wie das zuvor erwähnte Gear, das kaum einen Unterschied in den Kämpfen macht, dient tatsächlich alles einem tieferen Zweck. So wird beispielsweise Essen in einer Folge benutzt, um das Ende eines Charakter-Arcs anzudeuten. Auch übergreifende Themen werden auf interessante Weise verbildlicht: So dient das Gear primär zur Darstellung des „Kampfes“ zwischen Joes Talent, da er recht früh sein Exoskelett ablegt, und der anderen leistungsorientierten Boxer. Als Resultat werden einem Folgen präsentiert, die oftmals nicht nur ihre komplett eigene Symbolik als Ergänzung zur bereits vorhandenen bieten, sondern ebenfalls genug Tiefgang besitzen, um selbst beim zweiten Schauen Neues für den Zuschauer zu bieten.

Letztendlich stellt sich für viele aber immer noch die Frage, warum der Anime derart krampfhaft versucht, der klassischen Formel mit alldem neues Leben einzuhauchen und seine Geschichte infolgedessen so stark limitiert. Ganz einfach – weil Megalo Box‘ eigentliche Intention als 50. Jubiläumsprojekt für Ashita no Joe genau das voraussetzt. Während das Original in seinen dutzenden Folgen schon fast das japanische Äquivalent zu Rocky schuf, das mit dem Tod des ultimativen Underdogs endete, möchte dessen Neuinterpretation speziell in dieser Hinsicht etwas ändern. Denn vergleicht man die beiden Enden miteinander, wird eines immer deutlicher: Megalo Box besitzt eine deutlich andere Sichtweise auf die Underdog-Geschichte. Anstatt das Erreichen des finalen Kampfes als einen derartigen Höhepunkt zu inszenieren, dass es sich selbst lohnt, dafür zu sterben, wird er hier vielmehr als Schlussakt eines Arcs verwendet. Ähnlich wie Devilman Crybaby verwendet die Serie die grundlegenden Aspekte des Urwerkes, präsentiert jedoch eine komplett neue, modernere Interpretation auf – in diesem Falle – den Underdog. Denn so sehr das Stereotyp es auch vermuten lässt, lebt dieser eben nicht immer für den Kampf, sondern wird durch ihn bereichert. Es ist der Moment, für den seine Existenz lebt, doch nicht sein komplettes Leben existiert. Ohne zu viel zu verraten, fokussiert sich das Ende nicht auf den Schlag, aber auf dessen Wirkung.

Megalo Box ist stylisch, unglaublich stylisch. Wahrscheinlich ist es auch genau dieser Stil, der viele auf den ersten Blick entweder abschrecken oder verzaubern wird. Speziell diejenigen, die schon mit Klassikern der 90er vertraut sind, werden sich wohl hier wiederfinden. Nichtsdestotrotz ist der Anime weit mehr als nur eine Old-School Sportserie. Vielmehr interpretiert er die altbekannte Formel mithilfe altbekannter Mittel neu. Zwar ist es kein vollkommenes Charakterdrama wie Ping Pong the Animation, was an manchen Stellen auch seine größte Schwäche sein mag, allerdings eine der Serien, die mir die wirkungsvollsten Charaktere seit langem in diesem Setting präsentierte. Denn hinter all der Coolness liegt eine unglaublich kompetente, mühevoll konstruierte Erfahrung, die speziell durch ihre Verbindung zu Ashita no Joe interessante neue Sichtweisen auf das Genre gibt.


Letzte Änderung: 1 Jahr 1 Monat her von Soulykun.

Megalo Box 1 Jahr 1 Monat her #824327

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Großartiger Anime, wie richtig erwähnt ein Traum für Leute, die Oldschool Anime kennen, doch auch ein Werk eines Studios, dass nicht umsonst zu ältesten gehört.
Ich feiere TMS für diesen Anime, weil sie hier zeigen, was alte Stärken sind und weil sie hier ihre internationale (genug Disney, Marvel, Warner Bros u. France Serien die TMS atmen - grade die legendären) wie auch nationale langjährige Erfahrung mit rein bringen. Ohne TMS würde heute Vieles anders aussehen. Dazu muss man nur Ufotable fragen, die sind nämlich Ex TMS Leute ........ und die haben dort auch gelernt was man zum Erfolg braucht (wie die schiere Größe, Mitarbeiterzahl oder sichere Franchise).

Man erkennt auch gut, dass die Regie sehr auf optische Werte setzte, kein Wunder bei der Wahl. You Moriyama.
Wer einen Hiroshi Shimizu (ex Ghibli) fürs Charakterdesign (unter anderem auch Michiko & Hatchin) bekommt .......... schon ein Name.
Überhaupt, liest man sich die Truppe hinter dem Anime durch, so sieht man, das Ganze ist ein Altwerk. So viele sehr erfahrene Leute, die schon sehr lange dabei sind haben hier mitgearbeitet. Würde ich darauf eingehen, es würde hier die Grenzen sprengen.
Das erkennt man an der Optik, den Szenen aber auch an der Story, den Figuren usw.

Alleine die Tatsache, dass die Antagonisten gut gelungen und getrieben sind, ist Gold wert. Am Ende des Tages ist es nämlich ein recht kurzer Anime, was eigentlich eine Schwäche darstellt und wo zu Gunsten von Hauptfiguren, dann oft auf die Gegner vergessen wird - hier sicher nicht.
Die Querverweise auf die Vorlage sind natürlich auch vorhanden, was es umso mehr zu einem Erlebnis macht, grade wenn man Ashita no Joe kennt. Und doch zitiert diese Anime nicht nur die Vorlage. Ich könnte es jetzt aufzählen, doch dazu empfehle ich den Forumsthread, nix für ungut, doch es dauert seine Zeit sowas nieder zu schreiben.

Überhaupt ist die Balance hier perfekt gegeben, der Anime wendet Beispiel gegen Ende einen Kunstgriff an, um das Ganze spannend zu machen ohne aber jemals zu beliebig zu wirken. Auch ist die Mischung aus bittersüßen Drama und ......... nun ja, ich spoilere mal nicht;)


Soulykun
Denn trotz all der Mühe und Arbeit, handelt es sich hier nicht um eine wirklich fantastisch animierte Serie

Die Animation passt schon wenn man mich fragt. Ich würde sagen, sie ist ebenfalls gut gelungen (ist aber meine persönliche Meinung). Beim Rest gebe ich Dir aber mehr als recht, diesen Anime hier als gutes Beispiel nennen, wie wichtig, das Zusammenspiel von Szenen Planung, Optik, Regie, Symbolik usw. ist.
was für viele auf den ersten Blick nicht nur befremdlich, sondern auch billig wirken mag.

Auf mich ja nicht, doch diese Meinung kenne ich, vielmehr ist die Optik so gar aufwendiger, als anders rum. Wobei man der ganzen Sache eines nicht absprechen kann, sie versuchen es schon etwas (zu?) heftig. Mir persönlich würde etwas weniger besser gefallen, dann könnte man auch von wirklichen Oldschool reden. Insgesamt ist der Mix aber mehr als genial.
einen etablierten Standard á la A-1 Pictures

Ich hoffe nicht, dass A-1 der Standard ist ........ wirklich nicht .........:( Wenn man nämlich den Durchschnitt von diesem Studio her nimmt, dann sehe ich keine Hoffnung für Anime in der Zukunft:( A-1 macht ein paar gute Anime, der Rest ist für die optischen Mistkübel, die Regie ist beliebig und wirr, der dauernde und chaotische Wechsel zwischen verschieden Animatoren funktioniert einfach nicht. Ganz davon zu schweigen dass sie viel zu viel wirklich billige Optik einwerfen, was mich schon zum Abbrechen gebraucht hat.


Soulykun
Abschliessend möchte ich Dir für die Rezension DANKE sagen, nicht nur weil sie mir in so vielen Punkten von der Seele spricht, sondern weil es auch einer dieser Anime ist, den man sich ansehen sollte. Und von daher hat er eine Rezension verdient.
*o-gj*


Live is good
Sniperace


Und ja, ich packe meine Voodoo Puppe aus, da es mir schon wieder so scheint, als will sich Keiner finden, Der hier Etwas beisteuert:(
Ist ja nur ein Thread und ein Forum ............ und ist ja nur Arbeit, die sich hier Jemand macht ..........:(
Es wäre natürlich belebend, wenn hier ein wenig unterschiedliche Meinungen zu hören währen und andere Ansichten zur Sprache kommen ...... aber ist ja "nur" ein Forum .......
Letzte Änderung: 1 Jahr 1 Monat her von Sniperace.
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