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THEMA: Perfect Blue

Perfect Blue 4 Jahre 1 Monat her #676765

  • Jack.
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Manchmal verhält es sich bei Filmen wie mit einer SMS, die mit Autokorrektur abgeschickt wurde. Ich muss sie zweimal anschauen, ehe ich den Inhalt vollends verstehe. Perfect Blue hat das tatsächlich geschafft. Doch wie so oft werden solche Werke in ihrer Popularität eher kleingehalten und schaffen es nicht, dem Zeitgeist der kurzweiligen Unterhaltung zu folgen. Es gibt andere Wege, Filme zu inszenieren, um kommerziell erfolgreich zu werden. Aber geht es uns wirklich darum? Nein. Deshalb möchte ich euch heute mit Freuden einen Psychothriller der Extraklasse vorstellen.

So, dann wollen wir den Stein doch mal ins Rollen bringen. Perfect Blue gehört einer älteren Sorte von Anime-Filmen an. Keine Bange, so alt nun auch wieder nicht. Genauer gesagt wurde das Werk 1997 unter der Regie von Satoshi Kon veröffentlicht, der dabei erstmals die Rolle als Regisseur einnahm. Für die Produktion war das Studio Madhouse verantwortlich. Vielleicht sagt euch der Film Black Swan aus dem Jahr 2010 etwas? Wenn Ja, dann werdet ihr bestimmt erstaunliche Parallelen im Story-Verlauf wiedererkennen.

Im Mittelpunkt der Handlung steht die Popsängerin Mima Kirigoe. Als Teil des Dreiergespanns der Girlgroup CHAM besteht ihr Leben zum Großteil aus Singen, den Fans und dem Druck ihrer Managerin. Sie ist zwar beliebt, doch ein richtiger Durchbruch bleiben ihr und der Band verwehrt. Zudem sind Spaß und Erfolg bekanntermaßen zwei Paar Schuhe. Ihr Agent, der in größeren Maßstäben denkt, verschafft ihr kurzerhand eine Nebenrolle in einer Krimiserie. Noch auf der Bühne kündigt sie daraufhin ihren Rücktritt an, von nun an will die junge Frau im Filmbusiness arbeiten. Treue Anhänger von Mima sind von dieser Entscheidung jedoch wenig begeistert, unter anderem erhält sie auch Drohbriefe, die sie als Verräterin betiteln. Eine Fanpost entpuppt sich gar als Briefbombe. Glücklicherweise übersteht sie diese Torturen und ihr Agent schafft es, den Produzenten davon zu überzeugen, die Rolle auszubauen. Dazu verlangt es aber nach weiterem Einsatz von Mima. In einer Vergewaltigungsszene soll sie zeigen, dass sie zu mehr bereit ist. Doch mit diesem Schritt wird ihr bewusst, dass die Veränderungen sie geradezu erschlagen. Wieder und wieder erscheint ihr das Bild einer anderen Mima, die selbst behauptet, die Echte zu sein. Völlig aus heiterem Himmel veröffentlicht jemand auf einer Internetseite ihre intimsten Gedanken. Personen, mit denen sie auf der Arbeit viel Kontakt pflegt, werden ermordet. Was soll das alles und was hat sie damit zu tun?

Unser Hauptcharakter ist zwar ehrgeizig, nebenbei aber ein ziemliches Naivchen. Schneller als ihr lieb ist, merkt unsere Protagonistin, dass die Schauspielerei ein völlig neues Pflaster ist. Zunächst einmal hat sie mit einer ganz anderen Art von Druck und Stress zu kämpfen. Während es ehemals darum ging, möglichst in die Charts zu kommen, ist es in ihrer Rolle als Anfänger-Schauspielerin vor allem wichtig, sich zu beweisen. Noch dazu ist sie nur an der Meinung ihres Agenten und ihrer Managerin interessiert. Mit dem Gedanken, es doch jedem Recht machen zu wollen, beschäftigt sie sich mit Vielem, am wenigsten aber mit ihren eigenen Vorstellungen und Zielen.

Wer bin ich? Wie sehe ich mich selbst und wie sehen mich andere?

Nebst der Tatsache, dass sie sich für eine der Szenen freiwillig vor laufender Kamera missbrauchen lässt, trifft sie außerdem die Entscheidung, sich bei einem Aktfotografen ablichten zu lassen. Während sowohl Fans als auch Reporter damit hausieren gehen, taucht in ihren Gedanken immer wieder eine zweite Mima auf. Diese hält ihr andauernd vor, wie besser ihr früheres Leben doch war und dass der von ihr eingeschlagene Weg falsch ist. Wie ein Floh im Ohr verschwindet die Erscheinung einfach nicht, raubt ihr jedwede Erholung und führt bald dazu, dass sie zwischen Realität und Fiktion nicht mehr unterscheiden kann. Sie scheint sich zu ihrer Arbeit nur noch zu zwingen und verrichtet diese wie eine Maschine im Dauerlauf. Des Weiteren kommt es ihr nicht gerade zugute, weitere Szenen zu spielen, in denen sie eine Mörderin mit gespaltener Persönlichkeit darstellt. Ihre alten Bandkameradinnen schaffen ohne sie den lang ersehnten Durchbruch. Die Morde nehmen kein Ende. Und jeden Tag glaubt sie aufs Neue die groteske Fratze eines Stalkers zu erblicken, der sich mit argwöhnischen, dunklen Fischaugen an ihr ergötzt. Unbewusst frisst sie alles in sich hinein und rutscht in eine Identitätskrise.

Wo beginnt Fiktion? Wann vermischt sie sich mit der Realität?

Die Fans sind dabei untrennbar mit dem Idol verbunden und üben als Konsumenten sogar die größere Macht aus. Die Masse zu verärgern ist selten eine gute Idee, auch wenn es manchmal nicht anders geht. Die besonders Hartnäckigen und Verblendeten unter ihnen greifen zuweilen zu Mitteln, die den Rahmen sprengen. Sie projizieren ihre Wünsche und Gefühle in solchem Ausmaß auf ihren Liebling, dass sie dem Wahnsinn verfallen und für den Angebeteten zu einer Gefahr werden können, insbesondere wenn es sich dabei um einen unerfahrenen Einsteiger handelt.

Als zentrales Handlungselement erleben wir also fast durchgehend den Wandel von Mima. Wir beobachten sie bei jedem ihrer Schritte, vom leichtgläubigen, unbefleckten Mädchen zur erwachsenen Frau, von der Aussteigerin aus dem Musikgenre zur Schauspielerin im Delirium. Und dann das Finale, welches alle meine Erwartungen übertroffen hat. Die Morde, die Einträge auf der Internetseite, alles scheint soweit aufgeklärt, doch der Zuschauer ist trotzdem völlig von den Socken. Er ist so damit beschäftigt, bei den schnellen Wechseln zwischen Wirklichkeit und Surrealem nicht den Faden zu verlieren, dass er erst einmal alles zu einem einheitlichen Gesamtbild zusammenfügen muss.

Wer außerdem als Betrachter gut aufgepasst hat, zieht neben der Verbindung von Realität und Traum noch weitere Schlüsse. Mima, so scheint es, ist nichts weiter als ein Objekt, ein Spielzeug, das nach Belieben manipuliert wird. So wie Glas zerbrechlich ist, ist es auch die Psyche. Unter dem künstlichen Image, das ihnen auferlegt wird, werden die Popsternchen nach allen Regeln des Kapitalismus vermarktet. Und nicht nur sie belastet es, auch manche Fans driften mit ab. Sie flüchten aus der Realität. Wie bei einem Knotenpunkt hängt so alles zusammen.

Setzt der Film derlei Maßstäbe, sollte er natürlich auch animationstechnisch einen hohen Standard aufweisen. Und das tut er, jedenfalls für die damalige Zeit. Perfect Blue fährt mit einem unverkennbaren, minimalistischen Stil auf, der alles Überflüssige auf ein Mindestmaß reduziert und sehr auf realistische Gesichtszüge setzt. Es wird nicht gescheut, sich über Schönheits- und Verniedlichungsraster hinwegzusetzen. Und doch kommt es mir vor, als schaffe der Anime auch Gegensätze in der Gestaltung einzelner Charaktere. Haben wir einerseits unsere hübsche Protagonistin, sehen manche Fans so aus, als wären sie die Nerds der ersten Stunde. Insbesondere der fanatische Stalker wirkt wie ein verwitterter und vergessener Einzelgänger, den die Zeit völlig überholt zu haben scheint.

Des Weiteren wird in hohem Maße mit Spiegeln gearbeitet, was ich sehr geliebt habe. Ob es nun der gewöhnliche Gebrauchsgegenstand im Zimmer ist oder ein Fenster in der Bahn, an fast allen erdenklichen Stellen stehen sich Fiktion und Realität aus Mimas Wahrnehmung gegenüber. Was mich etwas gestört hat, war lediglich der weniger dynamische und lebhafte Hintergrund. Dort, so scheint es, wurde leider an der Produktion gespart.

Zuschauer, die sich gerne vom musikalischen Einsatz überzeugen lassen, dürfen auch gespannt sein. Im Grunde könnte man die Soundtracks zweiteilen. Unverkennbar sind die knalligen J-Pop-Songs der Band zu Beginn. „Angel of Love“ heißt ein besonders auffälliges Stück der Gruppe, welches für mich eine aufgedrehte, japanische Fahrstuhlatmosphäre mit sich trägt. Düster und psychedelisch ist hingegen der Track „Virtua Mima“, der die packenden Thriller-Momente kennzeichnet. Mit dem Fortschreiten des Films wird auch die Musik immer verstörender.


Zugegeben, Perfect Blue ist keine leichte Kost. Hat man die Story und das verzwickte, schwer zu verstehende Finale jedoch einmal durchgekaut, lässt einen der Anime so schnell nicht wieder los. Zusammenfassend: ein fesselnder Psychothriller mit nachdrücklicher Gesellschaftskritik, der die Verflechtung von Fiktion und Realität behandelt. Mit diesen Elementen wird für mich ein Gesamtpaket geschnürt, welches das Werk fast perfekt macht. Perfect Blue eben. Und an alle Johnny Depps oder Leonardo DiCaprios unter euch oder die, die es mal werden wollen: Es ist sicher kein leichter Weg bis dahin.

Heute ist nicht alle Tage, ich komm wieder, keine Frage.

RamboJack


Letzte Änderung: 4 Jahre 1 Monat her von Jack..

Perfect Blue 4 Jahre 1 Monat her #677660

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Der erste Anime in dem ich nackte Brüste gesehen habe. Aufgrund meines dadurch entstandenen Schocks habe ich den Anime immer noch nicht gesehen xD
Aber jetzt, wo ich den Anfang deiner Rezession gelesen habe, ist mein Interesse danach geweckt, was mir da eigentlich durch die Lappen ging...

Perfect Blue 4 Jahre 1 Monat her #677663

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*o-gj*
Danke für die Rezension, RamboJack:) (oder sollte ich Pink Panter sagen;)


Bei diesem Animefilm darf man sagen Oldie but Goldie.

War sehr nett und erinnert an etliche der wirklich Klassiker in der Thriller Branche. Die Animation ist zwar etwas älter war aber damals super von Madhouse unter der Regie von Satoshi Kon (RIP - 2010) umgesetzt.
Kein Film für Jedermann, mit verstörenden Szenen und einem düsteren Ende.


Dazu zwei Tatsachen:

Der Regisseur von "Black Swan", Darren Aronofsky, kaufte am 21. Oktober 2011 die Rechte für diesen Film. Es gibt viele Parallelen zwischen "Black Swan" und "Perfect Blue"...........Du hast es eh schon angeschnitten RamboJack.
Ein Oscar Film mit asiatischer, in diesem Fall ein Anime, Vorlage, häufiger zu finden als Vielen bewusst ist.
Siehe:
Battle Royale (Buch ist am besten) - Die Tribute von Panem – The Hunger Games, zwar kein Oscar aber erwähnenswert (Wo die Schriftstellerin schwört sie hätte nie was davon gehört ....... jaja)
Infernal Affairs - Departed – Unter Feinden

Katsuhiro Otomo, Regisseur von Akira, agierte dabei als Special Adviser!


Schöne Grüße
Sniperace
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Perfect Blue 4 Jahre 1 Monat her #677802

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Ich hatte bisher noch nicht von diesem Anime gehört. Ein großes Dankeschön, dass du mich auf ihn aufmerksam gemacht hast!
Ich werde mir diesen Film wohl demnächst zu Gemüte führen. Ich bin auch schon sehr gespannt auf die Parallelen zu Black Swan.

Lg Kuto
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Perfect Blue 6 Monate 1 Woche her #830938

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Es war echt gut zu schauen. ich liebe solche movies von Anime

Perfect Blue 5 Monate 4 Wochen her #831302

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gibt ne uncut und ne rated version für unterschiedlich starke gemüter soweit ich gelesen hab
hier ne bespoilerte liste mit einigen cuts

www.schnittberichte.com/schnittbericht.php?ID=4873
Letzte Änderung: 5 Monate 4 Wochen her von chillmal93.
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