Autoritäre Systeme und internalisierte Unterdrückung von Tazzels
Upsala, da sollte ein Bild sein :/

Autoritäre Systeme und internalisierte Unterdrückung
– Die Bedeutung des Themings für Stories, Teil 2 –


von Tazzels am 17. Oktober 2019


Disclaimer: Dieser Artikel ist ein Zweiteiler! Für eine vollständige Evaluation der folgenden Argumentation und Werkanalysen sollten beide Teile beachtet werden.
Im letzten Artikel sprachen wir über die Bedeutung thematischer Fokussierung und Konsistenz, oder wie ich es genannt habe, „Theming“. Dabei wurde klar, dass sich The Promised Neverlands Narrativ zwar wenigen und eher einseitigen Themen annimmt, diese allerdings konsequenter in eine geschlossene, für sich funktionierende Story verpacken kann als ein Werk wie Shinsekai Yori, welches sich in seinen zahlreichen Konzepten, Ideen und Strängen verheddert. Man könnte jedoch meinen, dass der Vergleich ein wenig hinkt, da die beiden Serien schließlich nie den gleichen Anspruch hatten, weder an den Leser noch an sich selbst. Es ist also hilfreich, noch ein drittes Werk hinzuzuziehen, um unser Spektrum zu vervollständigen.

 

 
Never Let Me Go, in Deutschland auch unter dem Namen „Alles, was wir geben mussten“ bekannt, ist ein Roman von Kazuo Ishiguro und in vielen Gesichtspunkten eine der besten Darstellungen eines repressiven Systems aus dessen Innern heraus. In seiner Prämisse gleicht es auf dem ersten Blick am stärksten The Promised Neverland: Es geht ebenfalls um eine Gruppe von Waisenkindern, die das Geheimnis hinter ihrer Existenz erfahren. Doch in seiner Ausführung beansprucht das Werk eher die Rolle, unter der ich Shinsekai Yori beurteilt habe. Keine Action, kein spannender Konflikt; niemand wird sich während des Lesens die Fingernägel weich kauen, denn das Werk will eine realistische Coming-of-Age-Story darstellen. Gerade das Wort „realistisch“ bedarf hier jedoch erneut einer Erklärung. Wie bereits erwähnt, besitzt die innere Logik eines Werkes seine eigene Qualität, ist für die Beurteilung des Metakonstruktes Storytelling jedoch wenig hilfreich. Wenn ich also das Verhalten der Charaktere, den Verlauf der Geschichte und sogar das Writing selbst als „realistisch“ bezeichne, dann berufe ich mich nicht darauf, ob Tat B eine logische Konsequenz von Tat A ist, sondern inwiefern beide die bestmöglichen Reflexionen dieser Art von Geschichtserzählung sind. Und hier könnte es etwas hitzig werden, denn Never Let Me Go opfert einige essenzielle Elemente konventioneller Leser-Attraktion, um seiner thematischen Konsistenz Priorität zu geben.

Die größte Überraschung dürfte wohl die zahme Attitüde der drei Protagonisten Kathy, Tommy und Ruth sein. Im Gegensatz zu Shinsekai Yori, welches uns seine rebellische Seite erst viel zu spät präsentiert, um angemessen darauf zu reagieren, verzichtet Ishiguro auf diesen Aspekt. Obwohl die geklonten Waisen in Never Let Me Go zu nichts Weiterem dienen als wandelnde Lebensversicherungen, sie ein lebendiger Lagerplatz für Spenderorgane sind, offenbart sich (zumindest ihnen) kein eindeutig böses System. Da der Fokus, noch viel stärker als in Shinsekai Yori, auf der Charakterstudie und dem internen Drama liegt, wird die Geschichte schlicht nie als ein Konflikt mit der Außenwelt inszeniert, auch wenn sie das nach der Auslegung des Lesers sein sollte. Denn obwohl uns das Werk vorsichtig und langsam in die Umgebung des Hailsham-Internats einführt und Kathy als eine nachvollziehbare Erzählerin etabliert, sollte für jeden Leser früher oder später der Punkt kommen, ab dem die Identifikation mit ihr beinahe unmöglich wird.

 
Das ist der Sinn der Sache. Das Werk kann uns nicht sagen, wie wir über die Ereignisse und Schicksale der Charaktere denken sollen, weil es nicht aus unserer Perspektive geschrieben sein soll. Das Theming ist in diesem Fall die Charakterisierung eines systematisch unterdrückten Menschen, die sogenannte internalisierte Unterdrückung. Um es konsistent zu halten, muss daher unsere subjektive Wertung der Hierarchiestruktur („Klone sollten Menschenrechte haben!“) außen vor gelassen werden. Die Gedanken der Charaktere sollten ohne ethische Bevormundung im Vordergrund stehen. Ähnlich wie in Psycho-Pass wird dem Rezipienten sein liberalistisches Podest unter den Füßen weggezogen, er muss dem autoritären System und seinen Einwohnern auf Augenhöhe begegnen. Obwohl Shinsekai Yori mit seinem post-apokalyptischen Setting, 1000 Jahre in der Zukunft, deutlich weiter von unserer jetzigen Gesellschaft entfernt ist als die alternative Zeitlinie von Never Let Me Go, in welcher lediglich der medizinische Fortschritt schneller vorangeschritten ist, setzt das erste Werk im Gegensatz zum zweiten eine Menge unseres heutigen Wertesystems voraus. Von Saki werden ähnliche Reaktionen wie vom Zuschauer erwartet, obwohl sie unter völlig anderen Bedingungen in einer fremden Zivilisation aufgewachsen ist. Diese Entscheidung ist nicht ungewöhnlich, es ist ein häufig anzutreffender Kompromiss, um eine emotionale Bindung des Zuschauers zu garantieren. An dieser Stelle würde es sich nicht richtig anfühlen, Shinsekai Yori übermäßig zu kritisieren, zumindest wenn es ähnlich wie The Promised Neverland mit einem überwiegend unterhaltungsorientierten Skript aufwarten könnte. Doch im Vergleich mit anderen Gesellschafts- und Charakterstudien wie Never Let Me Go fehlt dem Anime einfach das kompromisslose, absichtlich entfremdende Theming, um etwas tatsächlich Nachhaltiges bieten zu können.

 

Es ist nie einfach, die richtige Balance zwischen Unterhaltung und intellektueller Integrität zu finden. Ich könnte es niemandem übel nehmen, wenn er Never Let Me Go oder seine adäquate Hollywood-Adaption gesehen hat und nach wie vor Shinsekai Yori als das unterhaltsamere Werk empfindet. Kathy, Tommy und Ruth haben nämlich keine coolen Psy-Fähigkeiten, das Ende ist statt spannendem Twist eher enttäuschend-bedrückend und Monsterratten gibt es auch keine. Am Ende bleibt es schließlich einem selbst überlassen, was man von seinem Medienkonsum erwartet: eine thematisch einheitliche Vision, oder lieber ein wildes Potpourri aus Sci-Fi Tropen. Und ihr müsst mir glauben, das ist diesmal wirklich nicht herablassend gemeint.
Der Autor: Tazzels

KommentierenDanke!


Die letzten 10 Kommentare zu dieser Rezension:


Hui00
hahaha das bin genau ich, was benessto geschrieben hat.
ich seh Shin Sekai Yori. Ich klicke.
Ich bin eine einfache Person


benessto
Ich seh Shinsekai Yori. Ich bin happy.

PS: Dafür schreibe ich sogar meinen ersten Kommentar ever. lol