Warum Logik allein nicht reicht – Die Bedeutung des Themings für Stories, Teil 1 von Tazzels
Upsala, da sollte ein Bild sein :/

Warum Logik allein nicht reicht
– Die Bedeutung des Themings für Stories, Teil 1 –


von Tazzels am 17. Oktober 2019


Disclaimer: Dieser Artikel ist ein Zweiteiler! Für eine vollständige Evaluation der folgenden Argumentation und Werkanalysen sollten beide Teile beachtet werden.
Die größte Hürde in jeglicher Diskussion ist meistens nicht die tatsächliche ideelle Meinungsverschiedenheit der Teilnehmer sondern, wie so oft, Kommunikationsprobleme. Auch die Diskussion über Anime ist davon nicht befreit. Als jemand, der sich nicht nur rein freizeitlich damit beschäftigt, sondern Medienwissenschaften tatsächlich studiert, kann es oft schmerzhaft sein, einen Blick in die vorherrschenden Online-Diskussionen zu werfen. Wer so tief in der Theorie steckt, dass der reine Gedanke an moralische Gewichtung des Geschmacks oder „objektive Kritik“ im besten Falle wie ein schlechter Witz klingt, dem kommt es oft so vor, als würde er sich an diesen Leuten komplett vorbeibewegen. Doch genau das nehme ich als das vorherrschende Problem des amateurhaften Mediendiskurs wahr. Wenn man sich schon nicht sicher sein kann, in welchem Rahmen das Gegenüber seine Kritik formuliert, wird der Inhalt dieser beinahe automatisch falsch aufgenommen. Und zum Teil sind dafür sogar die professionellen Stimmen verantwortlich. Zum Beispiel wenn überwiegend unterhaltungsorientierte Kritiker wie YourMovieSucks oder RedLetterMedia einen beliebten Film Szene für Szene sezieren, sogenannte Plotholes suchen und einen „Gotcha!“-Moment erzwingen. Das mag für unterhaltsamen YouTube-Content sorgen, hat mit tatsächlicher Medienanalyse aber wenig zu tun (und ist auch überhaupt nicht deren Ziel). In ein praktisches Szenario übertragen, sehe ich somit oft Leute, die über die Story eines Animes nur anhand dessen Plausibilität innerhalb des Werkuniversums urteilen. Alles ist gut, solange die innere Logik eines Plotpunktes schlüssig ist. Doch wenn Kritiker wie ich über die Story eines Werkes reden, dann machen wir das nicht aus der Perspektive eines Einwohners jener Welt, sondern von Außen und mit dem Wissen, dass es sich hierbei um eine rein fiktive Konstruktion handelt. Diese Methodik möchte ich im folgenden Artikel auf ein besonderes Element des Storytellings, dem sogenannten Theming, übertragen und im Verlauf zeigen, wie man anhand dieses Ansatzes drei gänzlich verschiedene Werke miteinander vergleichen kann.

 

 
Starten wir mit dem neusten und zugleich unkompliziertesten Beispiel: The Promised Neverland.
Ein wenig Kontext hilft hier. Der Anime, welcher in der diesjährigen Winter-Season begann, basiert auf einem Manga aus dem prestigeträchtigen Weekly Shounen Jump, das beliebteste an Kinder und Jugendliche gerichtete Manga-Magazin Japans. Wie kaum wo anders folgen die Geschichten hier einer klar bekannten Struktur, teilen viele thematische Eigenschaften und müssen vor allem eines tun, um nicht ihren Platz zugunsten einer anderen Reihe zu verlieren: unterhaltsam sein. Hier hilft es, eine starke Prämisse zu etablieren und unmittelbar Konflikt und somit Spannung aufzubauen. The Promised Neverland stellt hierbei ein Paradebeispiel dar. Das Gracefield-Waisenhaus ist nicht nur aus Perspektive der Geschichte selbst ein gut abgeschirmtes und kontrolliertes Umfeld, sie ermöglicht es auch, aus einer Meta-Perspektive ohne übermäßige Exposition in das Leben der Protagonisten einzusteigen und an ihrer Seite neue Informationen über ihre Umgebung zu lernen. Somit können wir bereits am Ende der ersten Episode den zentralen Konflikt des Werkes etablieren: Die Kinder lernen, dass sie lediglich als Futter herangezüchtet werden und wollen mit diesem Wissen aus dem Waisenhaus (und damit dem für sie schädlichen System) fliehen. Aufgrund der nicht nur körperlichen, informativen, sondern systematischen Unterlegenheit wird der Konflikt nie als direkte Konfrontation zwischen den Kindern und Pflegern/Monstern inszeniert, sondern als verdeckte Operation, eine Art „Battle of the Minds“ und kann somit trotz der Einfachheit der Idee theoretisch beliebig lang gezogen werden (auch wenn der Manga in absehbarer Zeit bereits endet). Die Prämisse (in diesem Falle Kinder, die sich gegen das autoritäre System, in welchem sie aufgewachsen sind, wehren) dient also einem klaren Zweck: Unterhaltung durch einen unmittelbaren aber anhaltenden Konflikt. Diese Story könnte man nun natürlich auf die oben angeführte Weise auseinanderpflügen. Warum würde man das Risiko eingehen, Kinder mit Fähigkeiten aufziehen, die ihnen Möglichkeiten zur Flucht geben? Warum die Kinder überhaupt sozialisieren?


 
Nun wird irgendjemand einlenken und mir erklären, dass dies in-universe alles Sinn ergibt und die Hirne der Kinder nur gut schmecken, wenn sie genau so erzogen werden, blahblahblah … Doch diese Leute sehen den Wald vor lauter Bäumen nicht. Es ist aus der Meta-Perspektive auf die Story als fiktive Konstruktion völlig irrelevant, ob der Plotpunkt logisch gerechtfertigt ist oder nicht, sein Fundament basiert nach wie vor auf einer Bequemlichkeit des Autors, die „unpassenden“ Aspekte seiner Charaktere einfach nur zu begründen statt die Story komplett umzuschreiben. Doch auch diese Argumentation verfehlt den eigentlichen Punkt: Ich finde die Ungereimtheiten im Falle von The Promised Neverland nicht störend, da sie nicht einfach nur Bequemlichkeit, sondern eine Zweckmäßigkeit darstellen. Der Zweck dieser Prämisse, das Thema, ist nicht die akkurate Darstellung und Kommentierung einer Gesellschaft in der menschliche Kinder zum Verzehr herangezüchtet werden, sondern der spannende Konflikt einer Gruppe Underdogs gegen einen übermächtigen und mysteriösen Gegner. Plotholes und -conveniences herauszupicken ist eigentlich eine Methode, um auf viel größere, systematische Probleme eines Werkes hinzuweisen. Die Ungereimtheiten in The Promised Neverland sind allerdings kein systematisches Problem, denn sein Theming ist konsistent: spannende Unterhaltung statt realistischer Gesellschaftskritik.

 

Doch viele Leute unterschätzen den Wert der Konsistenz des Themings gegenüber der scheinbaren Tiefe der Themen selbst. Enter Shinsekai Yori.
Ich bin mir allein aufgrund der durchgehend hohen Bewertungen des Werkes bewusst, dass ich mich hiermit direkt in eine Schlangengrube begebe, doch ich mag Shinsekai Yori nicht. Gar nicht. Ich hege sogar einen gewissen Groll gegen diesen Anime und viele Leute werfen mir, vielleicht zurecht, vor, dass ich böswillig gegen ihn argumentiere. Ich habe allerdings auch schon kompromissbereite Statements seiner Verteidiger erhalten: „Ja, der Anime besitzt inkonsistente Animationsqualität“, „Ja, der Anime hat einige Logikfehler“ oder sogar „Er geht nicht immer konsequent mit seinen Ideen um“. Doch das reicht nicht. Denn im Gegensatz zu The Promised Neverland weisen diese Unzulänglichkeiten dieses Mal auf ein allumfassendes, allgemeines Problem in Shinsekai Yori hin: inkonsistentes Theming.

 
Ich könnte den ganzen Tag hier sitzen, kleine Nitpicks aus der Serie heraussuchen und sie euch auf arrogante Weise präsentieren (und glaubt mir, das habe ich in der Vergangenheit schon oft genug getan), doch dafür müsste ich nicht nur den Anime selbst rewatchen (worauf ich nun wirklich keine Lust habe), sondern würde nur einen Schwarm von Verteidigern heraufbeschwören, die mir erklären, warum alles Sinn macht, wenn ich doch nur die Logik des Werks richtig verstehen würde. Doch das Problem mit Shinsekai Yori liegt deutlich tiefer.
Wie auch in The Promised Neverland präsentiert uns Shinsekai Yori eine Gruppe von Kindern, die in einer repressiven, autoritären Gesellschaft aufwachsen, welche ihnen nur sehr kontrollierte und stark propagandierte Informationen zur Außenwelt gibt. Doch diese Gesellschaft ist deutlich nuancierter als das Schwarz und Weiß von „böse Monster“ und „gute Kinder“. Deswegen dauert es allein bis Folge 4, um die Wahrheit zu offenbaren und den zentralen Konflikt in Gang zu setzen. Doch … was genau ist dieser zentrale Konflikt? Die Progression durch die Story dieses Animes ist nicht nur unfassbar anorganisch (eine KI, welche die Kinder nur zufällig treffen, erzählt ihnen die gesamte Hintergrundgeschichte in einem unerträglich plumpen, folgenlangen Monolog), sondern auch komplett inkonsequent. Die Kinder lernen die Wahrheit, ohne je danach gefragt zu haben (soweit stimmt es noch mit The Promised Neverland überein), doch können sie im Nachhinein nichts damit anfangen, da sie, im Gegensatz zum Zuschauer, kein Verständnis vom ursprünglichen Zustand der Menschheit haben. Will dieser Anime einen spannenden Konflikt aufbauen, sorgt die Handlungsunfähigkeit der Protagonisten zu Stillstand, will der Anime ein Mysterium aufbauen, hat er dem Zuschauer gerade nützlichere Informationen als seinen Figuren gegeben und damit einen großen Teil des Geheimnisses bereits gelüftet (mal abgesehen davon, dass diese Informationen bereits in der Inhaltszusammenfassung präsent sind). Bleibt noch eine Möglichkeit: Der Anime will Charakterstudie und Gesellschaftskritik bieten.


 
Nehmen wir also an, dass uns Shinsekai Yori etwas Nachhaltiges über das Verhalten seiner Figuren und die Struktur ihrer Gemeinschaft sagen möchte (Spoilerwarnung an dieser Stelle für die gesamte Serie). Saki, Maria, Shun, Satoru und Mamoru wachsen in einer post-apokalyptischen Welt auf, in der isolierte Stämme von Espern scheinbar friedlich mit den natürlich unterwürfigen Monsterratten leben. Nun kommen jedoch zwei prominente Konflikte auf: Die Menschen scheinen untereinander nicht so friedlich zu agieren wie es zunächst scheint und auch ihre Beziehung zu den Monsterratten ist problematischer als eine reine Win-Win Situation. An dieser Stelle sei gesagt: Der Anime hat eine Menge guter und interessanter Ideen. Ich nehme stark an, dass dies auch der Grund für seine allgemeine Beliebtheit ist. Doch Shinsekai Yoris größtes Problem ist das Stricken von konsequentem Theming.




 
In diesem Werk steckt die Geschichte von Shun, einem Jungen, der nicht in die strengen Kategorien seiner Gesellschaft passt und sich letzten Endes für das Wohl seiner Freunde aufopfern muss. In diesem Werk steckt auch die (leicht homophobe) Geschichte von Saki, die lernt mit ihren körperlichen Neigungen umzugehen; die Geschichte von Squealer, einer Monsterratte, die in ihrer eigenen Gesellschaft lebt und diese aus den Fesseln der Sklavenschaft befreien will. Das klingt nun alles andere als uninteressant, im Gegenteil: Daraus könnte man problemlos mehrere gute Animes produzieren. Doch Shinsekai Yori erzählt keine einzige dieser Geschichten besonders effektiv. Wir folgen diesem großen Clusterfuck mit einer vagen Passivität, erfahren praktisch jeden Storybeat aus der Perspektive des falschen Charakters. Wie interessant wäre es doch, Shuns psychologischen Konflikt und seinen Abstieg zum sogenannten Karmadämon hautnah zu erleben? Doch wir schauen nur von außen zu, bis er ab der Hälfte unzeremoniell aus der Serie fliegt. Wie spannend wäre es doch, Squealer tatsächlich bei seiner Revolution durch das Reich der Monsterratten und seinem anschließenden Kampf gegen die unterdrückenden Menschen zu begleiten. Doch wenn wir erfahren, was in Wahrheit hinter seinen Motiven steckt, ist der Anime bereits zu Ende.


 
Allein der letzte Twist, der einem so selbstsicher noch innerhalb der letzten paar Minuten auf die Nase gebunden wird, spricht wahre Bände. Er präsentiert eine Konsequenz, welche die Handlungen der Charaktere in eine komplett neue Richtung lenken muss. Nun hat Saki keine Entschuldigung mehr. Ihre Gesellschaft ist auf einer Lüge aufgebaut und muss umgestürzt werden. Nur bekommen wir als Zuschauer diesen Umsturz nicht zu sehen. Auch die Re-Evaluation der bisherigen Story (bzw. der „Rewatch Value“) wird nicht verbessert; eher das Gegenteil. Denn der Twist revidiert praktisch das einzige tatsächlich konsequente Thema dieses Animes, nämlich die Misshandlung von Tieren. Welch ein Schlag ins Gesicht.
Theming ist das zentrale Problem Shinsekai Yoris. Den meisten Leuten scheint es zu reichen, eine Menge isoliert betrachtet guter Ideen zu sehen, doch die Ambitionen eines narrativen Mediums sollten höher liegen. Nicht unbedingt darin, eine einheitliche Geschichte zu erzählen, jedoch immer darin, eine einheitliche Vision zu haben.
Das war noch nicht alles! Im zweiten Teil dieses Artikels präsentiert euch Tazzels ein drittes Werk, welches das Aufwachsen in einer isolierten, autoritären Gesellschaft nicht nur detaillierter darstellt, sondern vor allem mit seinem konsequenten Theming glänzt. Bleibt gespannt!
Der Autor: Tazzels

KommentierenDanke!


Die letzten 10 Kommentare zu dieser Rezension:


Tazzels
NimrodPE schrieb:
Auf das Wort "Clusterfuck" will ich jetzt gar nicht eingehen, denn ich kenne es nicht, finde aber, eine objektive Rezension benötigt keine F-Wörter.
Zunächst einmal ist dieser Text keine Rezension, sondern ein Essay, zum anderen habe ich nie in Anspruch genommen, Objektivität zu bieten. Ich habe zu Beginn des Textes sogar ausdrücklich betont, dass "objektive Kritik" für mich keinen Wert hat (mMn sogar unmöglich ist). "Clusterfuck" ist übrigens die comichafte Übersteigerung eines "Durcheinanders". Dass dieser Umgangssprache kein Platz in der Fachliteratur gehört, hindert mich allerdings nicht daran, einen spielerisch rechthaberischen Ton in einem Unterhaltungstext zu präsentieren. Falls dies den ein oder anderen abschreckt, ist das zwar schade, aber auch Berufsrisiko. (Nicht, dass ich hiermit irgendwie Geld verdiene)

NimrodPE schrieb:
Wie kommt man darauf, Shinsekai Yori mit "Tierrecht/-misshandlung" in Verbindung zu bringen? (PS und Achtung Spoiler: Die Antwort "Monsterratten" ist hier falsch - sollte dies doch die Antwort darstellen, hat der Rezensent den Anime nicht zu Ende gesehen oder eine der wichtigsten Szenen nicht verstanden.
Die Antwort ist "Monsterratten", aber lass es mich erklären.
Warnung - Spoiler! [Klicken zum Anzeigen]


Endaris schrieb:
Insgesamt habe ich den Eindruck, dass der Blick durch die Medienwissenschaftler-Briller recht einseitig bezüglich der Frage ist, was Unterhaltung eigentlich ist, was ich mir als Zuschauer davon wünsche etc.
Ich denke eigentlich, dass ich alleine in diesem Text mindestens zwei differenzierte Unterhaltungskonzepte etabliert habe und versucht habe, SSY (so gut es geht) auf Augenhöhe zu begegnen, bzw. ihn anhand mehrerer möglicher Unterhaltungskonzepte zu bewerten, von denen er jedoch keinem so eindeutig und konsequent folgt, wie etwa The Promised Neverland (egal, wie anspruchsvoll die beiden Werke nun sein mögen). Ich hätte mir aber tatsächlich mehr Mühe geben können, Lesern ohne Vorwissen einen besseren Überblick über die Werke zu bieten (oder zumindest SSY, da dir die Beschreibung zu TPN ja gefallen hat), das fällt einem aus der Perspektive des "Eingeweihten" oft schwer, richtig zu balancieren.


Endaris
Da ich in meinem Leben ziemlich ziemlich viel Unterhaltungsliteratur gelesen habe und ich somit mit einigen Erzählkonzepten vertraut bin, war der Titel schon etwas clickbait und ich hab draufgeklickt.

Ich habe beide Shows nicht gesehen, möchte dir aber zurückmelden, dass die Beschreibung der Konstruktion von The Promised Neverland gut bei mir angekommen ist.
Ich möchte anmerken, dass mich persönlich "Ungereimtheiten" aber definitiv stören, da sie eine Immersion in den Konflikt eindeutig erschweren und das vollkommen unabhängig davon, ob man der Meinung ist, dass es um "de[n] spannende[n] Konflikt einer Gruppe Underdogs gegen einen übermächtigen und mysteriösen Gegner" oder "die akkurate Darstellung und Kommentierung einer Gesellschaft in der menschliche Kinder zum Verzehr herangezüchtet werden" geht.
Weiterhin würde ich persönlich an der Stelle fragen "Why not both?!".
Letztlich kommt es als Zuschauer bei der Bewertung darauf an, was man in dem Anime sucht und wenn der Anime so etwas im Setting anbietet, darf man meiner Ansicht nach durchaus erwarten, dass mit dem Setting nicht in flapsiger Manier gebrochen wird.

Aus deinem Rant über Shinsekai Yori (und ja, auch wenn du es nicht dazu machen wolltest, es kommt so rüber) habe ich aber nur wenig greifbares herauslesen können.
Das, was ich herauslesen konnte, erschien mir etwas fragwürdig. Meine Unkenntnis der Show macht es mir an der Stelle allerdings unmöglich deine Aussagen wirklich deuten zu können. Hier hätte ich mir zweierlei Dinge gewünscht: Zum einen mehr Sachlichkeit. Zum anderen eine abstraktere Analyse, die mehr zum Ziel hat, das Konzept des Themings anhand eines Beispiels zu übermitteln, anstatt sich über die mir nicht erschließbaren Mängel eines konkreten Anime zu beschweren und zudem noch konkrete Vorschläge zu genau diesem konkreten Anime zu machen, die ich auch absolut nicht einschätzen kann.

Insgesamt habe ich den Eindruck, dass der Blick durch die Medienwissenschaftler-Briller recht einseitig bezüglich der Frage ist, was Unterhaltung eigentlich ist, was ich mir als Zuschauer davon wünsche etc.
Ich denke, du hast hier einige Prämissen, die zum Verständnis deiner dargelegten Sichtweise sehr wichtig sind, unterschlagen. Ich vermute eher unabsichtlich, ist aber nichtsdestotrotz ziemlich schade für den Post.


NimrodPE
Kurz nach Mitternacht fehlt mir etwas die Energie und die Zeit (meine Pizza wird kalt), um einen rhetorisch passenden Leserbrief zu posten, aber ich finde, dass die Kritik zu "Shinsekai Yori" dem Anime nicht gerecht wird und zwar aus folgenden Gründen:
"Wir folgen diesem großen Clusterfuck mit einer vagen Passivität, erfahren praktisch jeden Storybeat aus der Perspektive des falschen Charakters." - Es ist beabsichtigt, dass der Anime mit "vager Passivität" erzählt, denn er kritisiert ganz eindeutig sog. "Heile-Welt-Gesellschaften", die ihren Mitgliedern nur das Schönste vorgaukeln und dabei Information vorenthalten. Genau so und nicht anders nimmt der Zuschauer ja auch die Welt des Anime wahr: Aus Sakis Augen und aus ihren alleine, die sich Folge um Folge mehr ihrer aufgezwungenen Unmündigkeit erwehrt. Von "erfahren praktisch jeden Storybeat aus der Perspektive des falschen Charakters" kann also nicht die Rede sein, denn die Story wird rein aus Sakis Sicht erzählt. Auf das Wort "Clusterfuck" will ich jetzt gar nicht eingehen, denn ich kenne es nicht, finde aber, eine objektive Rezension benötigt keine F-Wörter.

"Nur bekommen wir als Zuschauer diesen Umsturz nicht zu sehen. Auch die Re-Evaluation der bisherigen Story (bzw. der „Rewatch Value“) wird nicht verbessert; eher das Gegenteil. Denn der Twist revidiert praktisch das einzige tatsächlich konsequente Thema dieses Animes, nämlich die Misshandlung von Tieren. Welch ein Schlag ins Gesicht." Ob der Rewatch-Value verbessert wird oder nicht, ist subjektiv von jedem Konsumenten zu beurteilen. In meinem Falle war der Rewatch-Value um vieles tiefer, was aber nicht am Anime lag, sondern dass ich meine Erinnerungen nicht löschen kann, sprich, ich kenne bereits alles. An dieser Stelle muss ich Tazzels aber Recht geben: Eine zweite Staffel, welche die ausgeblendeten Geschehnisse der letzten Episoden behandelt, wäre mehr als nur wünschenswert. Handkehrrum muss ich mich aber schon fragen, was dieser Anime mit "Misshandlung von Tieren" zu tun hat, respektive wo der Rezensent das gesehen haben will. Shinsekai Yori setzt sich von Anfang bis Ende mit der Frage auseinander, was eine gute Gesellschaft konstatiert und wie diese zu führen ist. Wer z.B. "Der Staat" von Plato und anverwandte Werke gelesen hat, dem werden zwangsläufig einige Mechanismen zur Kontrolle von Sakis Gesellschaft auffallen. Von "Tierrechten" und/oder "Tiermisshandlung" fehlt jede Spur im Anime und nichts für ungut, ich schätze nämlich die Beiträge des Rezensenten sehr, aber dieser Kritikpunkt macht mich jetzt gerade so perplex, dass ich ein drittes Mal fragen muss: Wie kommt man darauf, Shinsekai Yori mit "Tierrecht/-misshandlung" in Verbindung zu bringen? (PS und Achtung Spoiler: Die Antwort "Monsterratten" ist hier falsch - sollte dies doch die Antwort darstellen, hat der Rezensent den Anime nicht zu Ende gesehen oder eine der wichtigsten Szenen nicht verstanden.)


Tazzels
ArcaneWolf schrieb:
Außerdem ist es echt fragwürdig, wenn man sich auf narrative Strukturen bezieht, ohne Referenzen zu nennen.
Über welche Art von Referenz reden wir hier? Beispiele aus den Werken habe ich ja wohl geboten. Oder redest du über Sekundärliteratur zum Thema narrative Strukturen?


ArcaneWolf
Ich empfehle eine Korrekturlesung des Textes. Außerdem ist es echt fragwürdig, wenn man sich auf narrative Strukturen bezieht, ohne Referenzen zu nennen.