Finde deine Ästhetik! von Tazzels
Upsala, da sollte ein Bild sein :/

Finde deine Ästhetik!
von Tazzels am 22. August 2019

Kritiker konzentrieren sich am liebsten auf die Elemente eines Werks, die am leichtesten in Textform festhaltbar sind: Story, Themen, Dialog, T E X T. Allesamt Aspekte, die in „prestigeträchtigen“ Medien wie Büchern hochgehalten und daher auch auf Anime übertragen werden, um diese auf ähnliche Weise zu legitimieren, jedoch ironischerweise recht kontraproduktiv sind, um dessen einzigartige Stärken hervorzuheben. Ich weiß, ich lehne mich hier weit aus dem Fenster, aber ich behaupte einfach einmal, dass Fans von Animation diese eher aufgrund eines (zumindest groben) Verständnisses von „Ästhetik“ mögen als einer gemeinsamen narrativen Struktur. Doch dies soll kein trockener, rein konzeptueller Theorietext werden; ich will euch praktische, tatsächlich anwendbare Tipps geben. Ich kann euch aus eigener Erfahrung sagen, dass es deutlich einfacher ist, Animes zu finden, die einem persönlich gefallen, wenn man genau weiß, welche Formen von Ästhetik einem liegen. Und dies ist wiederum einfacher, wenn man sich auch traut, etwas über die technische Seite der Dinge zu lernen.

Es ist eine dunkle Kunst, doch glaubt mir eins, ihr werdet es nicht bereuen.
Upsala, da sollte ein Bild sein :/


Wie der einzelne Animefan entscheidet, was er als nächstes auf seine immerzu wachsende Watchlist packt, ist natürlich höchst individuell, doch die meisten Zuschauer werden sich in einem dieser Lager wiederfinden können: die Genres durchfliegen, die Kurzbeschreibung lesen, die erste Episode schauen oder sogar gleich drei, da man sich ja wirklich sicher sein will, nichts verpasst zu haben. Dem geübten Auge sollte jedoch schon eins reichen: die Visuals betrachten.

Upsala, da sollte ein Bild sein :/
„Stop! You violated the law!”
„Genau! Wie willst du anhand eines einzigen Bildes denn bitte wissen, wie der ganze Anime ist, heh? So was von OBERFLÄCHLICH!“

Ah, „oberflächlich“, welch ein schönes Wort. Zusammen mit Sprichwörtern wie „Beurteile ein Buch nicht nach seinem Einband“ wurde es mit Sicherheit von Leseratten erfunden, die bemängeln, dass Titel und Klappentext nicht zur Beurteilung eines Buches reichen. Doch warum sind Titel und Klappentext dann so prominent auf der Außenseite jeder Veröffentlichung? Es wäre schön, in einer Utopie zu leben, in der alle die Zeit und besonders Nerven dazu hätten, jedes einzelne Buch der Welt zumindest anzulesen. Doch weil sich das so schwer gestaltet, hat der Mensch ein angeborenes Talent: die Vorselektion. Upsala, da sollte ein Bild sein :/

Bei einem Buch mag es sich noch schwierig gestalten, nur anhand des Titels ein Gespür für die literarische Ästhetik des Werks zu bekommen, doch gerade in einem hochstilisierten Medium wie Anime ist es teilweise so herrlich einfach ein Gespür für die visuelle Ästhetik zu finden. Manchmal reicht ein einziges Bild. Abgesehen davon, dass die Inhaltsbeschreibung und Genreauflistung oft nicht vom Autor selbst stammen, verrät der Blick auf den Artstyle meist so oder so genug über diese Aspekte eines Werks. Unabhängig davon, ob die Ästhetik einem persönlich gefällt, ist das hier eine Isekai-Light-Novel Adaption, das hier ein Shounen-Manga und das hier Idol-Kram, alles mit dementsprechend zu erwartendem Writing. Die Ästhetiken sind nicht „automatisch“ Teil dieser Anime-Prototypen, sie werden idealerweise so gewählt, dass sie bestmöglich ihre Art von Storytelling unterstützen oder, wenn wir realistisch bleiben, weil sie so am besten bei ihrem Zielpublikum vermarktet werden können. Animes mit unkonventionellem Stil tragen diesen nicht nur als Fassade, sondern werden diese Unkonventionalität auch in Aspekten wie ihrem Writing oder Directing widerspiegeln. Deswegen freue ich mich auch so sehr, wenn ich in den Ankündigungen ein neues Projekt mit bizarrem Design sehe. Nicht, weil mir diese Stile unbedingt immer persönlich zusagen (auch wenn ich ausgesprochener Fan von losen, comichaften Charakterdesigns bin), sondern weil sie oft von einem Werk mit ebenso besonderen Ambitionen begleitet werden. Upsala, da sollte ein Bild sein :/

Ok, aber wie lerne ich es, diese Dinge zu erkennen und zuzuordnen? Ganz einfach: Erfahrung. Je länger man sich in der Anime-Szene aufhält, desto präziser kann man die visuelle Ästhetik eines Werks einschätzen. Doch mit der Zeit kommt noch etwas viel Wichtigeres: Man entwickelt seine eigenen Präferenzen. Denn Animes in Schubladen einordnen zu können ist nur eine Seite dieser Fähigkeit, die richtigen Schubladen für sich selbst zu finden die andere. Ich kann euch selbstverständlich nicht dabei helfen, eure individuelle Ästhetik zu manifestieren, doch ich kann euch in drei Akten, so präzise es geht, meinen persönlichen Stil beschreiben und euch so vielleicht die richtigen Werkzeuge für eure eigene Suche in die Hand legen.


Akt I: Visuelle Ästhetik

Akt II: Thematische Ästhetik

Die Resonanz mit bestimmten Ästhetiken basiert nicht auf einer rein sinnlichen Wertschätzung dieser Stilrichtungen. Design-Entscheidungen haben immer eine Verbindung mit den thematischen Elementen desselben Mediums. Yuji Kanekos rauer, handgezeichneter Background-Stil in Kill la Kill sieht nicht einfach nur cool aus, er geht Hand in Hand mit dessen Thema der Rebellion gegen Autorität. Ähnlich verhält es sich mit einem der Werke aus meiner Top 10, das sich visuell wohl am stärksten vom warmen und farbenfrohen Stil absetzt, welchen ich in Akt I beschrieben habe: Girls Last Tour. Die kargen, grauen, brutalistischen Ruinen der zerstörten Megametropole dürften objektiv eigentlich kaum meiner persönlichen Ästhetik entsprechen, jedoch lösen diese Bilder in mir eine ganz andere, thematische Resonanz aus: Ruhe. Die Zeit um Hauptfiguren Chito und Yuuri scheint wie eingefroren, ihre Präsenz völlig konsequenzlos. Das ist meine Art von Isekai, wenn ich zwischen den beinahe identisch aussehenden Betonklötzen meines Campus umherwandere und mich für einen Moment auf absolut nichts anderes konzentrieren muss als das Erleben des Moments selbst. Ein anderer Anime, der diese Romantisierung des Alltäglichen perfektioniert hat, ist Nichijou. Auch wenn er auf den ersten Blick außer den Moe-Designs nichts mit Girls Last Tour gemein hat, schaffen es beide Werke mit ihrer eigenen Ästhetik eine ähnliche Thematik von zwei unterschiedlichen Seiten zu behandeln.

Pandora in the Crimson Shell ist ein Werk, welches rein erzählerisch kaum an das Gewicht seiner Muttergeschichte Ghost in the Shell herankommt. Doch allein die Tatsache, dass er relevante Sci-Fi-Konzepte wie den Transhumanismus, die technologische Modifikation des Menschen, mit Elementen des Moe und Slice-of-Life kombiniert statt der üblichen dunklen Cyberpunk-Geschichte, macht ihn zu einem meiner Lieblingsmanga. Denn Transhumanismus war für mich stets eine Utopie statt der gängig dargestellten Dystopie. Upsala, da sollte ein Bild sein :/

Dieses Konzept von thematischer Ästhetik habe ich bereits in einem vergangenen Touzai-Artikel unter dem Namen „ästhetisches Moment“ („das Moment“ im Sinne eines Gesichtspunkts) behandelt. Unter dieser Idee lassen sich die Visualisierungen abstrakter Konzepte zusammenfassen: die Unumkehrbarkeit seiner Handlungen durch eine Schlucht, in die man nur hinab- aber nicht hinaufsteigen kann, in Made in Abyss, die Erforschung von philosophischen Konzepten wie dem Konstruktivismus durch das Betreten von Emotions- und Traumwelten in Black Rock Shooter, Yumekui Merry und Flip Flappers oder auch nur der Wille zu innerlicher Veränderung durch das Erscheinen eines komplett entgegengesetzten Charakters.


Akt III: Charakterästhetik

"Don't let your dreams be memes!"
-Shia LaBeouf
Der Autor: Tazzels

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Die letzten 10 Kommentare zu dieser Rezension:


on3lastst3p
Das Auge isst mit^^
Ja ja, ich weiß Animes sind kein Futter, aber funktioniert so ähnlich.
Zu erst bekommt man ein komisches Gefühl in der Magengegend und dann fängt das Sabbern an.
Ja so läuft das bei mir auch wenn ich ein Cover sehe.
Ich muss dir zu stimmen, für mich ist ein gutes Buch auch etwas komplett anderes als ein guter Anime.

Nun gut ich wünsch euch was
LG


Tazzels
Konstantinus schrieb:
Als jemand der Grafikblind ist und es nur zu offensichtlichen Grafikeinbrüchen sieht gibt es ehrlich gesagt wenig, was ich nur wegen Grafik aufgeben würde. Das einzige was ich sofort deshalb aufgab und mir spontan einfällt ist Pop Team Epic. Sonst schaue ich eigentlich alles dessen Story mir gefällt.

Ich bin mir nicht sicher, worauf genau du antwortest, aber mein Beitrag soll sicher niemanden dazu motivieren, interessante Anime abzubrechen, nur weil sie nicht visuell beeindruckend sind. Da ich recht eindeutig gezeigt habe, wie Visuals und Story unzertrennlich sind, geht es übrigens nicht nur darum, ob ein Anime "gut" oder "schlecht" aussieht, sondern ob er die Stärken seiner Story mit voller Kraft wiedergeben kann. "Grafikblind" klingt in dem Falle eher wie eine schlechte Entschuldigung dafür ignorant zu sein. Es fängt schließlich bereits mit der kleinsten Beobachtung an.


Konstantinus
Als jemand der Grafikblind ist und es nur zu offensichtlichen Grafikeinbrüchen
Warnung - Spoiler! [Klicken zum Anzeigen]
sieht gibt es ehrlich gesagt wenig, was ich nur wegen Grafik aufgeben würde. Das einzige was ich sofort deshalb aufgab und mir spontan einfällt ist Pop Team Epic. Sonst schaue ich eigentlich alles dessen Story mir gefällt.


Sniperace
Sailor Moon.
Wenn man bedenkt, dass Toei ursprünglich in Erwägung zog, keine klassische Cel-Animation zu nutzen, weil es zu dieser Zeit schon anders rum (digital) möglich war (von Disney in den 80er entwickelt und spätestens 90 perfektioniert), man sich jedoch dagegen entschieden hat, weil die Verantwortlichen es schlichtweg für den einzigen Weg hielten, die Vorlage so umzusetzen, wie es diese auch verdient ...........
Die richtige Zeit (etwas später und die die Entscheidung wäre vermutlich anders gefallen) und die richtigen Leute (denen Ästhetik und der Animator als Künstler noch bewusst und wichtig war) und ein Studio, dass noch nicht seinen Geist verloren hatte .......

Ach Toei, was ist nur aus Dir geworden? Studios in China und auf den Philippinen (angeblich ihr "wahres" Hauptstudio) und sich nicht zu blöd grausame Folgen, ohne jede Seele, on air gehen zu lassen ...... dabei ohnehin nur mehr von Franchise Namen leben und sie erbarmungslos ausschlachten .....
All die Kunst ist verloren gegangen, all die Kniffe, mit denen man, selbst wenn Zeit, Mannschaft und Budget begrenzt waren es trotzdem geschafft hat, Szenen zu erschaffen, die so einfach im Gedächtnis blieben. Doch die Leute sind vermutlich aufgestiegen, im Ruhestand, bei anderen Studios, haben nix zu sagen oder haben sich schlichtweg selbst aufgeben.


yumiie
Wie gründlich du bist. Deine Detailverliebtheit mag ich total und lässt mich nicht so alleine fühlen, denn ich achte auch auf solche "Kleinigkeiten", wie du sie hier benennst. Woher die Faszination für ältere Anime kommen (also 80iger 90iger) liegt auch unter anderem daran, dass die Menschen zu dieser Zeit ein großartiges Gefühl für Timing, Storytelling und Perspektive hatten. Das fehlt manchen(nicht allen! Es gibt auch jetzt Meisterweke) Filmen und Anime heutzutage komplett.
Denken wir nur allein an die "Openings" von Hollywood Filmen. Man sieht eine Landschaft, die Großstadt, Menschentreiben oder reine Natur.. dazu einen gutes Lied. Allein dieses Stilmittel macht Bock auf mehr. Bei Anime sind es wirklich die präzisen Zeichnungen und das Gefühl von Detailaufnahme, close up bis Panorama. Wenn man sich den 1. Sailor Moon Film ansiehst, wie Sailor Moon auf diesem Brocken steht mit dem Kristall in der Hand... aus welchen Winkeln man sie sieht etc. Und jetzt denk an Sailor Moon Crystal den Endkampf... absoluter Bullshit gewesen. Null Ahnung vom Animieren und allgemein haben die neuen Verantwortlichen keine Ahnung, was Sailor Moon ausgemacht hatte. Neben der wahnsinnig tollen Musik spielen vor allem Charakterdesign und Farbsetzung sowieso die Art des Erzählens so eine große Rolle und genau das bekamen die nicht hin.Weils irgendwelche Ahnungslosen sind, die dahinter sitzen... ohne Herzblut. Nur schnelles Geld im Sinn. egal ich schweife ab.
Jedefalls: Großartiger Artikel! Ich danke dir dafür :)


Blockio
Wirklich interessant, mal wieder ein sehr gelungener Artikel. War zwar an sich nichts dabei, was ich nicht auf irgendeiner Ebene schon wusste, aber es hat mir ein paar Details vor Augen geführt, die mir davor noch nicht so richtig klar waren


Sniperace
Na super, jetzt hast Du mich wieder mit einer alten Sucht angefixt .......
....... ergo werde ich jetzt wieder jeden Tag meine Dosis Card Captor Sakura brauchen und Allen im Forum auf die Nerven gehen, wie gut Madhouse Ende der 90er war und warum früher ohnehin Alles besser war .... nur ein paar der Nebenwirkungen ..... ich will gar nicht an den möglichen Schlafentzug denken ........
Danke Tazzels .....

Nein, ernsthaft, super gemacht, Danke für die Erinnerungen ... ist schon (sehr) lange her, hab ich mir immer aufgenommen und wie ich damals sauer war, als die zweite Staffel von den meisten Sendern verschmäht wurde ....