Rezension: The Door Into Summer
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Der Autor: Wassily



Der Anime: Natsu e no Tobira

Eine der schlimmsten Krankheiten, die das Menschengeschlecht seit jeher heimsucht, ist und bleibt die Pubertät. Überschießende Hormone, ein völlig verblendetes Weltbild, eine erblühende Sexualität et voilà: Eine existenzielle Krise jagt die nächste. Wer sich gerne mit fernöstlicher Animationskunst auseinandersetzt, kommt nicht an einem kolossalen Pool an Teenagern – sei es in der Community oder im Medium selbst – vorbei. Da Anime ihre Figuren gerne hochstilisieren, finden sich nicht allzu häufig wirklich nachvollziehbare Leiden. Selten fühle ich eine Verbundenheit, wenn die Probleme junger Heranwachsender daraus bestehen, dass sie ihren Clan rächen müssen, Piratenkönig werden wollen oder in Wahrheit Geister sind. Doch was geschieht, wenn ein Teenie-Drama wirklich das porträtiert, was es eigentlich zum Gegenstand hat?

So hat es sich der Titel der heutigen Rezension genau dies zur Aufgabe gemacht, nämlich das Leid von heranwachsenden Jugendlichen auf die Leinwand zu zaubern. Bei The Door Into Summer handelt es sich um einen einstündigen Spielfilm aus dem Jahre 1981. Es wäre wohl nicht vermessen, zu behaupten, dass der Zahn der Zeit diesen Anime längst verschlang und in die Vergessenheit beförderte, allerdings führt die Tür nicht nur in den Sommer, sondern auch zu einem Ensemble an außerordentlich interessanten Persönlichkeiten. Entstanden in einer Kollaboration der Studios Toei Animation und dem damals frisch gegründeten Madhouse adaptiert dieses Werk den Manga von Keiko Takemiya, einer Pionierin der Shoujo- und Boys Love-Mangas. Unter der Regie von Mori Masaki, der bereits mit Barfuß durch Hiroshima einen Film mit erschaudernder Wirkkraft erschuf, wurde The Door Into Summer verwirklicht. Selbst Yoshiaki Kawajiri, der als einer der renommiertesten Regisseure des 20. Jahrhunderts gilt, war hier beteiligt.

Doch genug zur Produktion; von was erzählt The Door Into Summer? Inmitten des Frankreichs des 19. Jahrhunderts finden die Schuljungen Marion, Jacques, Lind sowie Claude zusammen und gründen den Club des Rationalismus. Mit einer kindlichen Naivität vertreten sie einen moralischen Kodex, der von Strenge und klaren Leitlinien reguliert ist. Doch als der titelgebende Sommer seine Türen schließlich öffnet, zerfällt das Weltbild, das zuvor noch so klar in Schwarz und Weiß trennen konnte. So beginnt das Drama, das den Namen Pubertät trägt. Vor allem der Protagonist Marion wird durch erotische Beziehungen und Liebesgeständnisse aus seiner Komfortzone gerissen. Hierbei bekommt er – sowie die anderen heranwachsenden Jungen – zu spüren, was es wirklich heißt, erwachsen zu sein.

Bei einem einstündigen Film sollte es eigentlich offenkundig sein, dass ein Drama lediglich in seinen wesentlichen Punkten kurz und prägnant aufgebaut werden kann, um es in derselben Kürze wieder aufzulösen. Interessanterweise wählt The Door Into Summer einen Ansatz, der eigentlich von Anfang an zum Scheitern verdammt ist. Die vier im Fokus stehenden Knaben erleben zwar alle ihre eigene Tragödie, allerdings widmet sich der Film beinahe in seiner völligen Gänze nur Marion. Als logische Konsequenz ergibt sich eine leicht zu vergessende Besetzung, da keiner anderen Figur – möglicherweise abgesehen von Claude – ein angemessenes Maß an Aufmerksamkeit geschenkt wird. Somit werden Figuren zur Schau gestellt, deren Authentizität keineswegs ausgearbeitet wurde, jedoch ihre Funktion in der Handlung durchaus erfüllen können. Im Endeffekt ist es wohl keine schreckliche Einbuße, dass lediglich Marion im Rampenlicht steht; schließlich ist der Einblick in die Gedankenwelt eines pubertären Jungen schon dramatisch genug.

Durch unerwartete Wendungen wird das Leben des blonden Schönlings völlig auf den Kopf gestellt. Zwar überzeichnet der Film seinen Plot gerne in extremer Form, jedoch gestaltet sich die grundlegende Struktur der Erlebnisse als äußerst realitätsnah. Sei es in den Sequenzen der sexuellen Erweckung oder in den schockierenden Realisierungen über die Natur seiner Umgebung; Marion beginnt, die Welt zu erkennen. Die klaren Formeln, die er früher auf sein Leben anwenden konnte, zerfallen in völliger Bedeutungslosigkeit. Geplagt und überfordert von allem, was mit ihm geschieht, treffen wir auf Gefühle von Verängstigung und Demütigung, die nur zu vertraut wirken. Diese extremen, rohen Gefühle werden so stark in den Vordergrund gerückt, sodass die Frage aufkommt, ob denn die Pubertät nichts anderes als ein schwarzes Loch sei. Gelegentlich wirkt die ganze Darstellung der zerfressenden Verzweiflung und des sich immer weiter steigernden Dramas völlig übertrieben, allerdings ist exakt dies der Punkt. Als ein Teenager nimmt man sich selbst und seine Umgebung so extrem wahr. In der Gefühlswelt gibt es keine Kleinigkeiten, denn alles ist von brachialer Größe; und so bekommt auch Marion das zu spüren. Sowohl die inneren als auch die äußeren Konflikte Marions werden gekonnt inszeniert und machen das inhaltliche Glanzstück des Werks aus.


Doch noch stärker glänzt die visuelle Gestaltung des Spielfilms – und das im wahrsten Sinne des Wortes. Mit einer brillanten Shoujo-Ästhetik wird die Leinwand geküsst. Seien es die gottgleichen Close-Ups, die gelungene Shot Composition, die liebevoll mit Wasserfarben gestalteten Hintergründe, die weiche und dennoch zugleich kraftvolle Farbpalette oder die Inszenierung der dramatischen Höhepunkte; rein optisch ist The Door Into Summer beinahe durchgehend ein wahres Vergnügen. Vor allem müssen an dieser Stelle die überaus gelungenen surrealen Szenen genannt werden, die durch ihre experimentelle Art das Publikum einsaugen. Allerdings finden sich einige Momente, in denen der Film einfach nur faul, schlecht und uninspiriert aussieht. Zuweilen werden die Augen mit flackernden Sprites attackiert, die wohl Bewegung suggerieren sollten, ihren Zweck jedoch vollkommen verfehlen. Andere Szenen wiederum erwecken aufgrund einer lahmen und ungelenken Inszenierung den Eindruck, als würden sie nicht vom Fleck kommen. Verhältnismäßig überwiegen jedoch glücklicherweise die beeindruckenden Szenen. So darf durchaus behauptet werden, dass das gesamthafte Schauerlebnis des Films dank der phänomenalen Bilder, die das Publikum zu bezirzen wissen, durchaus positiv im Gedächtnis bleibt.

Zuletzt darf noch ein Lob für die musikalische Untermalung ausgesprochen werden. Dass der Komponist Kentarou Haneda ein Mann ist, der sein Fach versteht, wird hier deutlich. Mit blumigstem Geigen- und Klavierspiel wird das französische Flair, die ästhetische Szenerie sowie die innere Zerrissenheit der Figuren wundervoll unterstrichen. Vor allem in den Momenten, in denen das Werk auf die Bremse tritt, kommt die Stärke der Musik vollends zur Geltung. In diesem Sinne lassen sich gewisse Szenen völlig von den Klängen tragen, was den visuell schwächeren Sequenzen dazu verhilft, nicht völlig im Schatten des restlichen Films zu verschwinden.

Nach dieser Stunde war mir eines klar: The Door Into Summer ist – im Gegensatz dazu, wenn der GEZ-Mann klingelt – eine Türe, bei der ich es nicht bereue, sie geöffnet zu haben. Auch wenn der Film manchmal an den höchsten Sphären kratzt, handelt es sich hier keineswegs um ein Meisterwerk. Zu oft kann der Anime sein Pacing nicht kontrollieren, zu oft sieht das Ganze mehr nach französischem Käse als nach Wein aus, zu oft fehlt die Tiefe. Doch all diese Schwächen verhindern nicht, dass man in dieses atmosphärische und glaubwürdige Drama eintauchen und sich gar verlieren kann. Das Werk ist nichts anderes als ein Liebesbrief an die überfordernde, schreckliche, wichtige und doch so geliebte Lebensphase mit dem Namen Pubertät. La vie est drôle.

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