Rezension: In This Corner of the World
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Der Autor: Layna



Der Anime: Kono Sekai no Katasumi ni

Auf der Suche nach Animes mit realistisch umgesetzten historischen Themen erschöpft sich die Auswahl rasch. Oft werden keine authentischen Geschehnisse gezeigt, sondern überzeichnete und zugunsten von Unterhaltung und Humor inkorrekte Storys. Einige Werke heben sich jedoch äußerst positiv hervor, wie etwa das schonungslose Kriegsdrama Die letzten Glühwürmchen von Studio Ghibli. In dieselbe thematische Kerbe schlägt der Film In This Corner of The World, welcher die schwierige Thematik des zweiten Weltkrieges hier auf der Mikroebene der darunter leidenden Zivilbürger betrachtet. Ob die Manga-Adaption enttäuscht oder es doch schafft, es der Qualität des erwähnten Ghibli-Klassikers gleichzutun, erfahrt ihr in meiner heutigen Rezension.


Die junge Frau Suzu mag eine naive Sicht auf die Welt haben und ungeschickt sein, doch sie gibt sich jegliche Mühe, allen gesellschaftlichen Anforderungen zu entsprechen. So zieht sie 1944 schweren Herzens von ihrer Heimatstadt Hiroshima in das nahegelegene Kure, um hier den Geschäftsmann Shūsaku zu heiraten. Doch ihr Leben dort ist nicht einfach. Nicht zuletzt, da der Pazifikkrieg in Ostasien tobt; die Nahrung wird zunehmend stärker rationiert, Luftangriffe werden eingeleitet und die Lage für die Zivilisten spitzt sich von Woche zu Woche zu. So nimmt der Alltag der jungen Frau seinen Lauf; ein von Furcht bestimmter Alltag, in dem jeder Tag der letzte sein könnte.

Ein Blick auf das Filmplakat von In This Corner of the World ließ zunächst weder hohe Erwartungen zu, noch auf eine derart ernste Thematik schließen: „Wird bestimmt ein nettes Drama, aber der Zeichenstil ist nicht so das wahre“, waren meine leicht abwertenden ersten Gedanken. Etwas Neugierde packte mich durchaus, so fand ich meinen Weg in den Film. Auch die ersten Minuten bestätigen den ernüchternden Eindruck; durch die hellen, wasserfarbigen Töne und die teils falsche Anatomie der Charaktere wirkt die Inszenierung beinahe kindlich und unbeholfen. Zu Beginn mag man sich daran stören, doch sobald man sich in die Geschichte und den Charakter Suzu eingefunden hat, wirken Zeichnungen und Animationen im Zusammenspiel gewollt und überraschend stimmig. Die Unschuld der Protagonistin und ihre optisch fantasievoll umgesetzten Tagträume unterstreichen das und bestätigen, dass der optische Stil ihre Innenwelt wiederspiegelt.
Während des Großteils der Spielzeit dreht sich die Geschichte lediglich um den Alltag der Charaktere. Besonders Protagonistin Suzu wächst einem zunehmend ans Herz und man beobachtet sie ebenso belustigt wie mitfiebernd, wie sie naiv ihr zunehmend hartes Leben meistert. Doch dieser kindliche Touch kontrastiert zunehmend mit der harten Realität, welche die Geschichte aufwirft. Dies wird natürlich nicht durch die Optik alleine bewirkt; die Dramaturgie der Story tut ihr übriges. Die Folgen des Krieges nehmen zunächst schleichend, im späteren Verlauf drastischer, schreckliche Züge an. Innerhalb der letzten Minuten werden die anfänglichen Eindrücke der Betrachter geradezu erschüttert.
Man sollte jedoch anmerken, dass jeder Zuschauer mit einer minimalen historischen Bildung von Beginn an erahnen kann, worauf der Film hinauslaufen wird. Er beginnt 1944. In Hiroshima. Zwei Informationen, die Assoziationen an schreckliche Ereignisse aufwerfen, die tatsächlich passiert sind. Die drohende Katastrophe wird durch Suzus Alltag zunächst verschleiert, sodass man dazu neigt, dies mit einem „könnte doch gut gehen“ zunächst abzutun. Doch wird es das …?


Wer den 2016 in Japan erschienenen Anime aus dem Hause MAPPA ansehen möchte, wird aktuell schwer fündig. Er konnte im Januar auf dem Akiba Pass-Festival des Publishers peppermint anime gesehen werden. Die Lizenz für den Film hat sich wiederum Ghibli-Publisher Universum Anime geschnappt und dieser plant nun Kinovorstellungen: Am Montag, den 17. Juli, wird er in deutscher Synchronfassung in vielen deutschen Kinos sowie in Wien zu sehen sein, der Vorverkauf hat bereits begonnen. Ein DVD- und Blu-ray-Release wird sehr wahrscheinlich ebenfalls folgen.

In This Corner of The World bietet eine stimmige und (meines Wissens) weitestgehend korrekte Darstellung historischer Ereignisse. Die Umsetzung ist darüber hinaus dramaturgisch derart gut gelungen, dass sich eine herzerwärmende und tragische Geschichte transportieren lässt, die durchaus mit Die letzten Glühwürmchen mithalten kann; auch wenn die beiden Filme verschiedene Schwerpunkte haben. Im Ghibli-Klassiker durchleben die Kinder schnell so manche Schicksalsschläge, während In This Corner of the World vor sich hinplätschert. Das ist keinesfalls negativ gemeint; der Alltag der Kriegszeit ist abwechslungsreich und spannend inszeniert. Doch bei der Vermarktung wird es der Film schwer haben; gerade wegen des Zeichenstils und des eher seichten Eindrucks, welchen man von Filmplakaten und Trailern erhält, unterschätzt man den Film und lässt ihn gegebenenfalls links liegen. Bis mir im Kino sitzend langsam dämmerte, um welchen harten Tobak es sich wirklich handelt, erwartete ich selbst nicht viel. Doch nun kann ich das Kriegsdrama zweifellos jedem empfehlen, der keinerlei Gräuel gegenüber historischer Geschichten hegt und über nicht allzu schwacher Nerven verfügt.

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Die letzten 10 Kommentare zu dieser Rezension:


Asuka..
Danke für die Rezension! Sehr schön geschrieben und auch hilfreich. Ich habe mir den Film noch gar nicht angeschaut, obwohl ich den eigentlich schon längst auf dem Schirm hatte. Tatsächlich kam leider immer wieder was dazwischen, weshalb ich nie dazu kam es zu schauen. Ich hatte schon ohnehin ein schönes Werk erwartet und dank der Rezension kann ich mir auch hierbei definitiv sicher sein. Ich werde es mir auf jeden Fall noch anschauen. Diesen Film will ich einfach nicht verpassen und links in der Ecke vergammeln lassen.