Rezension: When Marnie was There
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Der Autor: Layna



Der Anime: Omoide no Marnie

Mit der Veröffentlichung des sensiblen Dramas „When Marnie was There“ beginnt das renommierte Studio Ghibli seine selbstauferlegte Neustrukturierung mit Themen um Einsamkeit und Identitätsfindung. Am Stichtag des 14. Juni 2014, der japanischen Premiere des Films, werden die Zeichenutensilien im Studio auf unbestimmte Zeit niedergelegt und hinter den Toren begibt man sich selbst auf eine Art Identitätssuche. Wann und ob endlich ein neues Werk angekündigt wird, gilt es nun geduldig abzuwarten.
Die langjährigen Fans werden sich nun zweifellos fragen, ob diese Pause mit nachhallendem Knall oder dezenter Ruhe eingeläutet wird. Werfen wir also einen prüfenden Blick auf das vorerst letzte Werk des japanischen Disney-Pendanten!

Das 12-jährige Mädchen Anna leidet wegen ihres Asthmas nicht nur an physischen Problemen. Ihr unfreiwilliges Einzelgänger-Dasein macht ihr psychisch ebenfalls schwer zu schaffen. Ihre Eltern verstarben schon früh bei einem Verkehrsunfall und zu ihrer sorgsamen Pflegemutter Yoriko kann sie einfach kein tiefes Vertrauen aufbauen. Durch jeglichen fehlenden sozialen Halt steuert sie geradezu auf eine innere Krise zu.
Yoriko erkennt dies und schickt sie den Sommer über zu ihren Verwandten nach Hokkaido; einer ländlichen Gegend, deren frische Luft auch ihr Asthmaleiden lindern soll.
Was sie dort erlebt, ist erstaunlich und zweifellos surreal. Magisch angezogen von einer alten, wunderschönen Villa am Ufer des Wattenmeeres besucht sie diesen Ort regelmäßig. Zunächst träumt sie lediglich von dem blonden Mädchen, das sie durch ein Fenster des Anwesens sieht und deren Haar ruppig gebürstet wird. Doch als sie eines Abends mit einem Boot zur Villa rudert, erscheint dieses Mädchen leibhaftig vor ihr. Es hilft ihr anzudocken und versteckt sich mit ihr vor dem Hausmädchen; dieser Ort scheint plötzlich bewohnt und belebt, das Mädchen keine bloße Traumvorstellung.
Dem Mädchen, das sich als Marnie vorstellt, gelingt schnell der Zugang zu Anna, welche ihrerseits Vertrauen aufbaut. Doch ein sonderbares Ereignis jagt das nächste. Inmitten von Gesprächen befindet sich Anna manchmal plötzlich an einem anderen Ort, unweit vom ursprünglichen. Selbiges geschieht auch mit Marnie. Nach Abschluss eines Treffens liegt Anna mehrmals ohnmächtig im Freien auf dem Boden, unwissend, wie dies geschehen konnte. Marnie erscheint ihr so wirklich, doch weniges spricht für ihre Existenz.
Sie erfährt fortwährend mehr über Marnies schillernd wirkendes, doch eigentlich trauriges Schicksal sowie Annas eigener Familiengeschichte.


Der Einstieg in das Werk gelingt etwas zäh, was besonders den fehlenden einprägsamen Charakterdesigns zuzuschreiben ist. Die Identifikation mit den Leiden der Protagonistin Anna fällt durchaus leicht und selten habe ich eine authentischere Darstellung eines introvertierten Charakters gesehen. Doch es fehlt ihr an markanten Eigenschaften und der Story zunächst an Zugkraft, um das ganze erste Drittel des Films problemlos tragen zu können. Erst mit dem Auftreten des titelgebenden Mädchens Marnie erscheint ein Charakter mit interessanter Ausstrahlung und mysteriösem Hintergrund; sie regt zum gebannten Verfolgen der Ereignisse sowie zum Grübeln an. Das Mysterium um ihre Existenz lässt auch Anna, die als einzige von Marnie und der zeitweise bewohnten Villa zu wissen scheint, wieder in interessanteres Licht rücken; sie scheint offensichtlich mit dem Mysterium verwoben.
Der Film entwickelt seine eigene Dynamik und wartet mit einer gehörigen Prise Mystery und einer sehr guten Erzählung auf.
Die Hoffnung, dass sich die Handlung am Ende wie ein Puzzle zusammenfügt, wird jedoch nur teilweise befriedigt. Leidet Anna an tiefgreifenden psychischen Problemen, sodass es zu Halluzinationen und Blackouts kommt? Oder handelt es sich bei Marnie etwa um einen Geist? Was entsprang tatsächlich der Wirklichkeit, was war geträumt? Ein bisschen bleibt einem der Film solche Antworten schuldig. Die erklärbaren Ansätze werden geliefert, aber nicht alles lässt sich komplett logisch zusammenfügen. Vielleicht mag man das Werk als modernes Märchen auslegen, was den Anspruch mindert, jedes übernatürliche Detail logisch aufzuklären.

Während das Studio mit dem Vorgänger „Die Legende der Prinzessin Kaguya“ bezüglich der Animationen und Zeichnungen gelungen frische Wege einschlug, wartet When Marnie was There wieder mit dem seit fast drei Jahrzehnten vertrauten Ghibli-Stil auf. Dadurch sticht der Film optisch nicht hervor, bereichert jedoch mit bekanntem Charme und hochwertiger Qualität. Ich persönlich würde mich jedoch sehr über etwas mehr Mut freuen. Gerade durch die ungeahnte optische Kraft des Vorgängerwerkes wurde bewiesen, dass man nicht „nur“ durch gewohnte Wertigkeit befriedigen, sondern mit neuem Einfallsreichtum geradezu begeistern kann.


Abgesehen vom Mitbegründer des Studios, Toshio Suzuki, befindet sich keiner der großen Namen im Mitarbeiterstab. Der Regisseur Hiromasa Yonebayashi ist zumindest kein völlig unbeschriebenes Blatt. So war er an der Produktion vieler Ghibli-Werke beteiligt und nahm bei Arrietty – Die wundersame Welt der Borger erstmals auf dem Regiestuhl platz. Ein sehr bedeutsamer Posten, den er als bis dato jüngsten bei Studio Ghibli einnehmen durfte.
Die Vorlage ist auf das gleichnamige Werk der britischen Kinder- und Jugendbuchautorin Joan G. Robinson von 1967 zurückzuführen. Die Umsetzung mag für sehr kleine Kinder zeitweise etwas zu gruselig und verworren daherkommen, ist aber zweifellos für angehende Jugendliche kein Problem mehr. Wie von Ghibli gewohnt, wird eine breite Zielgruppe abgedeckt, sodass auch Familien ihren Spaß haben.
Leider können wir unsere Familie hierzulande aktuell weder in die Kinos zerren noch zum Kauf des Films motivieren; er ist schlichtweg noch nicht lizenziert. Es bleibt zu hoffen, dass entsprechende Lizenzvereinbarungen zeitnah gelingen und Universum Anime uns mit gewohnt guter Synchronisierung beglückt.

Dem Studio stehen außergewöhnliche Settings und Fantasywelten tendenziell besser als sensible und bodenständige Schicksale. Nicht umsonst verfügen beispielsweise „Prinzessin Mononoke“, „Das wandelnde Schloss“ und „Chihiros Reisen ins Zauberland“ über die mitunter besten Film-Reputationen weltweit.* When Marnie was There ist zweifellos mit etwas Magie angereichert und schöpft auch genau daraus seine Qualitäten. Doch neben den großen Klassikern des Studios wird klar: Die Königsklasse vermag er nicht zu erreichen. Dafür fehlt es an unverwechselbar einprägsamen Elementen. Zweifellos ist der Vergleich mit den ganz großen Werken gefährlich, denn wo der Film ihnen gegenüber blass wirkt, überstrahlt er dennoch problemlos den Großteil sonstiger Anime-Produktionen. Doch wer die Pause des Studio Ghibli mit großem Knall beginnen möchte, sollte womöglich in die Historie zurückblicken und zu einigen altbekannten Klassikern greifen.


*Die drei genannten Filme befinden sich, neben weiteren Ghibli-Werken, in der IMDB-Rangliste der 250 besten Filme weltweit. Die Bewertung ermittelt sich aus User-Votes. Zum Zeitpunkt der Veröffentlichung dieser Rezensionen besetzten die Ghibli-Filme folgende Plätze:
Platz 32: Chihiros Reisen ins Zauberland (2001) (363.058 Votes)
Platz 62: Die letzten Glühwürmchen (1988) (118.031 Votes)
Platz 70: Prinzessin Mononoke (1997) (195.085 Votes)
Platz 142: Das wandelnde Schloss (2004) (185.700 Votes)
Platz 189: Nausicaä – Prinzessin aus dem Tal der Winde (1984) (83.223 Votes)
Platz 229: Das Schloss im Himmel (1986) (85.449 Votes)

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