Rezension: Millennium Actress
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Der Autor: RamboJack



Der Anime: Sennen Joyuu

Kommt euch das bekannt vor? Ihr habt als glücklicher Käufer billige Schmuckstücke erworben, verzierte Kunstgegenstände auf dem Weihnachtsmarkt besorgt oder euch auf dem Flohmarkt allerhand Krempel beschafft. Und wo landet das meiste nachher? Weggeschlossen in einer der untersten Schubladen, die die Stube zu bieten hat. Dem Film Millennium Actress geht es dabei ein bisschen anders als diesem entbehrlichen Kram mit Charme. Er ähnelt eher einem kostbaren, leider verstaubten Buch, das wieder einmal gelesen werden muss. Zumindest gehe ich nach dem Schauen davon aus, wenn ich die dazugehörigen Bewertungen auf unserem Netzwerk betrachte. Doch auch so bleibt das Werk eher etwas hinter anderen Titeln desselben Regisseurs zurück. Aber warum? Um diese Frage zu beantworten, greife ich heute wieder einmal tief in die Trickkiste.

Satoshi Kon ist der Name, der vorneweg genannt werden muss. Mit Millennium Actress war es bereits der zweite Film, bei dem er Regie geführt hat. Im Jahr 2001 feierte das Werk seine erste Ausstrahlung. Wie schon in Perfect Blue, was ich bereits hier auf Proxer.Me rezensiert habe, war das Studio Madhouse dafür verantwortlich, Kons Ideen in die Tat umzusetzen.

Und schon wieder haben wir es mit einem Regisseur zu tun. Doch dieses Mal begleiten wir den Dokumentarfilmer Genya Tachibana, der es sich zur Aufgabe gemacht hat, eine ehemalige und einst sehr erfolgreiche Schauspielerin zu interviewen. Leichter gesagt als getan. Die inzwischen in die Jahre gekommene Chiyoko Fujiwara hat sich an einem sehr abgeschiedenen Ort niedergelassen. Nach einem langen Marsch querfeldein, sehr zum Leidwesen seines ständig jaulenden Kameramannes, erreicht Genya schließlich sein Ziel. Dort angekommen überreicht er der alten Dame einen goldenen Schlüssel, den sie vor vielen Jahren einmal verloren hat und der ihren Erinnerungen wieder ordentlich auf die Sprünge hilft. Gleich darauf beginnt sie wie aus dem Nähkästchen von ihrer Zeit als unbedarftes Mädchen zu erzählen: In einer angespannten Phase in Japan, vor dem zweiten Weltkrieg, lernt die junge Chiyoko einen Maler kennen und verliebt sich in ihn. Unglücklicherweise währt die Eintracht nur kurz, denn bei dem Fremden handelt es sich um einen Andersdenkenden, der vom Regime gesucht wird. Bei seiner Flucht verliert er eben jenen Schlüssel, der Chiyoko Jahre später selbst abhandenkommt. Sie startet eine Schauspielkarriere und beginnt währenddessen, in jugendlichem Eifer nach dem Mann zu suchen und wird es bis ins hohe Alter nicht leid, auf seine Rückkehr zu hoffen.

Nun aber einmal Butter bei die Fische. Ja, wahrscheinlich fällt es euch wie Schuppen von den Augen … so einer extragroßen Portion an Klischee begegnen wir sonst nur selten in einer Storybeschreibung. Doch wie sagt man so schön? Der erste Eindruck kann durchaus trügen, denn ungeachtet dieses vielleicht ernüchternden Einstiegs finden wir uns nicht in einem von Rosamunde Pilchers Schnulzenromanen wieder. Nein, glaubt mir!

Denn handlungsspezifisch ist das Werk durchaus originell. So wird dieses Interview nicht in einem gewöhnlichen Dialog abgehandelt, sondern wir erleben verschiedene Lebensabschnitte von Chiyoko hautnah mit. Zudem demonstriert Satoshi Kon wieder das, was er am besten konnte. Er schafft eine irreführende, leicht psychedelische Atmosphäre, indem er die Rückblenden in zwei Bereiche gliedert. Da hätten wir zunächst einmal Chiyokos Gedanken und Erinnerungen an längst vergangene Tage und zwischendurch ihre verschiedenen Auftritte im Filmbusiness. Dieser Schwall an Informationen ergießt sich rasend schnell über uns, wird aber immer wieder kurz vom Hier und Jetzt unterbrochen. Die Realität kann als Ankerstelle dienen, um sich von den schnellen Wechseln von Film und Retrospektive zu erholen. Damit wird nämlich selbst der geübteste Zuschauer ordentlich zu schaffen haben. Oft ist kaum zu unterscheiden, was nun geschauspielert und echt ist, da alles ungemein verwoben dargeboten wird. Des Weiteren werden die Szenen nicht chronologisch nach Chiyokos Werdegang gezeigt. Trotz dieser scheinbar unzumutbaren Hürden gibt es aber auch Polster zum Anlehnen. Angefeuert wird das nicht zuletzt durch die Tatsache, dass der Regisseur Genya und sein Assistent selbst als Figuren auftreten. Während Chiyoko als Mädchen vor der Kamera beispielsweise eine Prinzessin spielt, schlüpfen die anderen beiden dabei einfach in irgendwelche Rollen. Dadurch wird das Interview auf eine persönlichere Ebene verlagert und sie werden damit selbst zu einem Teil der Dreharbeiten. Einmal vom Sofa auf die Bühne gewandert, wird natürlich so Manches mit humoristischen Einlagen kommentiert. So kamen mir die Spaßvögel fast wie Zeitreisende vor, dabei malen sie sich nur aus, selbst vor Ort gewesen zu sein.

Ähnlich wie schon in Perfect Blue handelt es sich um ein sehr charakterzentriertes Werk. Alle Augen sind auf Chiyoko gerichtet. Bedauerlicherweise erfährt ihr Geliebter nicht gerade eine Rundumbeschreibung. Wer war dieser Mensch wirklich? Nachdem er plötzlich wie vom Erdboden verschluckt ist, wird die Chance, mehr über ihn zu erfahren, endgültig zunichte. Ferner erscheint er nur wie ein Relikt aus alten Tagen, lediglich in der Erinnerung von Chiyoko existierend, wobei auch sie ihn im Laufe ihres Lebens allmählich vergisst.

Doch haben wir einerseits den verwegenen Kavalier, der außer seiner Existenz sowie ausgefeilter Malkunst nichts Reichhaltiges an Hintergründen zurücklässt, wie ist es dann mit Chiyoko? Zuerst war ich überfragt, welchen Sinn ihre andauernde Suche nach dem Künstler im Nachhinein eigentlich noch gehabt haben sollte. Eine Schauspielkarriere wächst und gedeiht, erreicht schließlich ihre Blütezeit, nur um einige Zeit später wieder zu vergehen. Ähnlich verhält es sich mit dem Heiraten und einer geeigneten Lebensgrundlage für das hohe Alter. Einmal verdorrt, wird eine Blume ignoriert, stehen gelassen, im schlimmsten Falle gar zertrampelt. Und so wird auch Chiyoko ihre eigene Vergänglichkeit bewusst sowie die Tatsache, dass ihr die Herren der Schöpfung nicht ewig hinterher schwärmen werden. Wieso soll sie den Rest ihres Lebens einem Menschen nachtrauern, von dem sie nicht einmal weiß, ob er noch lebt? Ein Mann, von dem nicht mehr als vage Erinnerungen übrig geblieben sind. Werden wir zu Beginn in dem Glauben gelassen, in einer schnulzigen Romanze über unerfüllte Liebe gelandet zu sein, merken wir nach und nach, dass es womöglich nicht zwingend der verschwundene Mann ist, den sie so vermisst. Vielmehr ist es die Kindheit, in der sie ihn zum ersten Mal traf. Eine völlig andere Zeit, in der sie solche naiven, idealistischen Gefühle unbeschwert mit sich tragen konnte, ohne ernsthaft darüber nachzudenken.

Wenn es außer den möglichen Interpretationen noch etwas gibt, an das ich nach dem Filmabend gerne noch einmal zurückgedacht habe, sind es die Gesichtszüge der Personen. Obgleich der Zeichenstil nicht wirklich außergewöhnlich ist, so werden die Charaktere zumindest mit ausdrucksstarker Mimik versehen. Mitreißende Momente gibt es in dem Anime trotz der Liebesgeschichte nicht zuhauf, und wenn es sie gibt, werden sie hervorragend in Szene gesetzt. Zudem versteht es Satoshi Kon, weibliche Protagonisten mit dem gewissen Etwas auszustatten. Nicht oft treffe ich auf Hauptpersonen, die auch die Anmut besitzen, diese Rolle einzunehmen. Zusammen mit den fabelhaften Schnitttechniken, um die Erzählebenen des Animes auseinanderzuhalten, hat das Werk also auch technisch etwas zu bieten.

Musikalisch blieb mir vor allem der Track „Chiyoko's Theme“ im Kopf hängen, da er auf fröhliche, besinnliche Art den Film einläutet. Im Verlauf des Songs fängt das Werk bedächtig an und liefert dazu erste Eindrücke, um uns auf den Hauptteil zu freuen.


Millennium Actress wirkt wie ein Rohdiamant. Mit viel Potenzial für etwas Glanzvolles und Poliertes, jedoch ungeschliffen und nicht für ein größeres Publikum bedacht. Ein Juwel, das einmal seinen Weg in eine verstaubte Vitrine gefunden hat, aber nicht mehr herausgeholt wird. Sollte es unter euch jetzt tatsächlich einige Interessierte geben, dann befreit dieses Werk doch einfach aus seinem Schlummer. Nehmt dazu einfach einen Schlüssel zur Hand. Wenn’s geht aber keinen goldenen, den verliert ihr bloß wieder.

Heute ist nicht alle Tage, ich komm wieder, keine Frage.

RamboJack


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Die letzten 10 Kommentare zu dieser Rezension:


LOKKIS-KROLL
sehr aufgesagt!! für jeden der diesen animov nicht kennt der sollte ihn sich unbedingt anschauen!!! *o-gj*
einer der meisterwerke von Shatoshi Kon und einer meiner lieblingsanimovs *o-roll*
eine liebe die bis ins unendliche geht.... *o-hero*
*o-heul* scheut ihn euch selbst an dann werdet ihr es verstehen, ihr werdet verstehen wie wahre liebe eigentlich ist!!