Rezension: Die Legende der Prinzessin Kaguya
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Der Autor: Layna



Der Anime: Kaguya-hime no Monogatari

„Der Frühling kehrt zurück?“ – Diese Worte klingen ungläubig. Ganz als ob diese Jahreszeit nie wiederkehren sollte. Ein kalter, toter Winter zog in das Leben der Prinzessin Kaguya ein, welches doch wortwörtlich wie ein Sprössling im Frühling begann. Isao Takahatas neuster Streich, Die Legende der Prinzessin Kaguya, führt die Zuschauer in die Welt des japanischen Volksmärchens, das wunderschön und tragisch zugleich ist. Dabei ist das 2013 erschienene und Oscar-nominierte Werk des renommierten Studio Ghibli mit einem ungewohnten Zeichenstil inszeniert, der einen umso tiefer in die wundersame Welt zieht, die im unscheinbaren Alltag eines traditionell lebenden Paares ihren Anfang findet …

Eines Tages entdeckt der Bambusschneider Okina während seiner täglichen Arbeit etwas Ungewöhnliches: Ein Baumbusstamm beginnt zu glühen! Innerhalb findet er eine winzige Prinzessin, die er behutsam in seine Hände bettet und zu seiner Frau Ouna nach Hause bringt. Die Prinzessin verwandelt sich in ein Baby, welches fortan von den beiden aufgezogen wird. Wie zu vermuten handelt es sich um kein normales Kind. Das Mädchen lernt schnell und wächst in rasanten Schüben. Rasant wie Bambus. Nicht umsonst erhält sie von den Jungs des Dorfes schon von klein auf den Rufnamen „kleiner Bambus“. Reich an Energie und Neugierde erkundet sie die Wälder und findet in der Gruppe Jungs schnell gute Freunde. Währenddessen macht Okina weitere Entdeckungen bei seiner Arbeit. Er findet einen beträchtlichen Haufen Gold sowie einen Schwall teurer Gewänder. Für ihn sind die Zeichen eindeutig: Das Mädchen wurde ihm für ein anderes Leben als dieses ländliche gesandt. Unweigerlich macht er sich an die Arbeit, ihr ein Leben als Prinzessin in der Stadt zu ermöglichen. Regelmäßig zieht er mit dem Gold los, um den Bau eines prunkvollen Hauses voranzubringen. Dunkle Wolken ziehen über das Leben des jungen Mädchens, als ihre Zieheltern ihr aus heiterem Himmel mitteilten, sie würden sofort und ohne Verabschiedung losziehen. Das bisher namenlose Mädchen wird Prinzessin Kaguya getauft und von der strengen Hauslehrerin Lady Sagami die Gepflogenheiten einer Prinzessin gelehrt.
Von Euphorie getrieben, scheint ihr Ziehvater ihren Widerwillen nicht wahrhaben zu wollen. So wird sie fortwährend in eine Welt gezwängt, in die sie nicht hineinpasst. Widerwillig fügt sie sich ihrem Schicksal, trägt aber umso mehr den Wunsch in sich, all dem zu entfliehen. So beginnt ihr Leben als Prinzessin mit all dem Reichtum und namenhaften Interessenten, den Formalitäten und Verboten.


Auf faszinierende Art zeichnet der Film ein Bild der armen sowie reichen traditionellen Gesellschaft Japans in die Köpfe der Zuschauer. Von wundervollen Kimonos, über Architektur bis hin zu Normen und Lebensstilen taucht man in die Welt des traditionellen Settings ab.
Die Geschichte spinnt ein Bild egoistischer Menschen, welche die Prinzessin als Symbol von Wohlstand und Ehre an sich reißen möchten. Das Leid des Mädchens sowie diverse Lügen werden schamlos zugunsten des gesellschaftlichen Ansehens in Kauf genommen. Reichtum und Prominenz sind wertlos, wenn das bedeutet, sich von Glück, Freiheit und Ausgelassenheit zu entsagen. Personen wie ihr Jugendfreund Sutemaru, ihre stets drollig grinsende, namenlose Assistentin und besonders Kaguya selbst, die ihren alten Charme nie zu verlieren scheint, erhellen das Bild der düsteren Charakterlandschaft.

Mit den Zeichnungen des Werkes geht Takahata eine sehr gewagte Stiländerung ein. Sie wirken unfertig und skizzenartig, so sind die Outlines teilweise unsauber, die Strichführung überdeutlich erkennbar. Die Szenerien laufen seitlich weiß aus. Farblich werden helle Töne mit wenigen, kräftigen Farbakzenten genutzt. Durch diesen Stil wirkt der Film wie aus Konzeptzeichnungen aus Aquarell zusammengesetzt. Der erste Eindruck mag dadurch ernüchternd sein, so ist die typische Ghibli-Optik über all die Jahre hinweg sehr konstant gewesen. Nun wird einem ein Film präsentiert, der von Anfang bis Ende dem Stil eines Rohwerkes anmutet. Ist dies ein uneleganter Stilbruch oder eine erfrischende Bereicherung?
Schnell wird der gewöhnungsbedürftige Eindruck erhellt: Isao Takahata wusste genau um die Kraft dieser Darstellungsform. Die Bilder entwickeln ihre eigene Energie und Dynamik. Besonders überzeichnete Szenen, wie die Traumflucht der Prinzessin Kaguya vor ihrem ungeliebten Schicksal, wirken kraftvoll, übertragen gekonnt die Emotionen und nehmen einen gebannt in die Welt ihrer Tragik auf. Dafür bedarf es keines Gesichtsausdruckes oder gar Wortes. Geschwindigkeit und Überzeichnung der Bilder sowie das Abstreifen zahlreicher Kimonos als Symbol der Entsagung des Lebensstils, inszenieren diese Schlüsselszene kraftvoll und ausdrucksstark. Der Stil setzt eine Energie frei, die einige Szenen im Film zu meinen liebsten Animemomenten avancieren lassen.
Für die Fans des bewährten Ghibli-Stils sollte ich tröstend anmerken, dass sich das Studio nicht komplett von ihrem bewährten Konzept abwendet. Zweifelsohne sind die Zeichnungen der Charaktere unverkennbar typisch Ghibli. Die Kombination von altem und neuen bringt einen erfrischenden Schwung mit sich, der jegliche Skepsis schnell abzuwerfen weiß.
Die Animation der außergewöhnlichen Bilder ist wie gewohnt professionell. Die Szenen sind stets lebhaft und die Bewegungen dynamisch, was einen faszinierenden Kontrast zu den skizzenhaften Zeichnungen bietet. Einzig bei weitläufigen Landschaften wirken einige wenige Szenen etwas flach, als würde kein dreidimensionaler Raum geschaffen werden; vermutlich ein Beiwerk des skizzenhaften Zeichenstils, das nicht vermeidbar ist.

Die hochgelobte Musik ist seit jeher ein wichtiges Aushängeschild des Studio Ghibli. So ist auch der Titelsong „Inochi No Kioku“ der japanischen Interpretin Nikaido Kazumi unweigerlich als gelungen zu bezeichnen. Dem Zuschauer dringt jedoch vielmehr der mehrmals im Film gesungene Song „Warabe Uta“ (Nursery Rhyme) bzw. die abgeänderte Version „Tennyo no Uta“ (Song of the Heavenly Maiden) ins Ohr, der mit asiatischen, nostalgischen und leicht mystischen Klängen aufwartet. Sowohl die gesungene als auch die rein orchestrale Version transportiert die Dualität von Lebensfreude und Tragik, dem Kernthema des Films, wunderbar.

Titelsong "Inochi No Kioku" von Nikaido Kazumi"Warabe Uta" und "Tennyo no Uta" (Orchesterversion)

Der Mitbegründer des Studio Ghibli, Isao Takahata, veröffentlicht mit Die Legende der Prinzessin Kaguya erstmals seit 14 Jahren einen Film. Zuletzt erschien unter seiner Regie im Jahre 1999 Meine Nachbarn die Yamadas. Auch das tragische Kriegsdrama Die letzten Glühwürmchen ist seiner Vita zuzuordnen. Die lange Zeitspanne zwischen dem neusten und letzten Werk ist nicht unbegründet: So beträgt die Produktionszeit über 8 Jahre! Mit einer Spielzeit von 137 Minuten überholt Die Legende der Prinzessin Kaguya den bisher längsten Film des Studios, Prinzessin Mononoke, um etwa 10 Minuten.
Neben seinem Platz auf dem Regiestuhl nimmt Takahata gemeinsam mit Riko Sakaguchi die Rolle des Drehbuchautors ein und schuf auf Grundlage des japanischen Volksmärchens Taketori Monogatari (Die Geschichte vom Bambussammler) das Originalkonzept des Films.

Vom deutschen Publisher Universum Anime lizenziert, zog Die Legende der Prinzessin Kaguya am 20. November 2014 in ausgewählte deutsche Lichtspielhäuser ein. Leider in sehr wenige und zumeist zu einer schlechten Spielzeit, was den geringen Bekanntheitsgrad des Films bedauerlicherweise gut widerspiegelt. Ein DVD- und BD-Release folgt am 24. April dieses Jahres.
Die stets kritisch beäugte deutsche Synchronisation von Animes ist bei Ghibli-Produktionen wie gewohnt sehr solide. So können auch die großen Sub-Fans der deutschen Tonspur gerne eine Chance geben. Die im Film verwendeten Lyrics wurden ebenfalls ins Deutsche übersetzt. Dies raubt ihnen zwar ein wenig den japanischen Charme, doch die Umsetzung ist gelungen und die Entscheidung richtig, schließlich gliedern sich die Liedzeilen inhaltlich in die Geschichte ein.

Neben insgesamt 22 Nominierungen wurde Die Legende der Prinzessin Kaguya laut IMDB-Einträgen bisher für sechs Awards ausgezeichnet, vorwiegend für amerikanische Preisverleihungen. Zu diesen zählt unter anderem eine Oscar-Nominierung für die Kategorie „Bester Animationsfilm“! Leider gewann, wie schon im Vorjahr, ein Disney-Film statt ein Werk Ghiblis. Zweifelsohne kann man dem charmanten Film Baymax zu seinem Sieg beglückwünschen. Doch es ist bedauerlich, dass so wenig Diversität bei den Ausgezeichneten dieser Animationsfilme vorherrscht. Unseren experimentellen Film um die Prinzessin Kaguya oder den Nischenfilm Song of the Sea auszuzeichnen, hätte ein Zeichen gesetzt, den gewagten und sehr gelungenen unbekannteren Filmen eine Bühne zu verschaffen.

Der Film schließt das Lebenswerk von Altmeister Isao Takahata vermutlich noch nicht ab. Mit seinen 79 Jahren deutete er bislang nicht an, zeitnah den Ruhestand anzutreten, anders als Ghibli-Legende Hayao Miyazaki es kürzlich tat. Trotzdem scheint das Schicksal des Studios nun leider ungewiss. Kürzlich wurde bekannt, dass aktuell keine neuen Projekte geplant sind, es könnte also still um Ghibli werden. Mit Gorō Miyazaki (Der Mohnblumenberg), dem Sohn Miyazakis, und Hiromasa Yonebayashi, Regisseur von Ghiblis neustem Film When Marnie was There, ist die Hoffnung um neue fantastische Werke natürlich nicht vergebens. Auch Toshio Suzuki war als Produzent an vielen wichtigen Werken maßgeblich beteiligt. Nach Miyazaki gebe es das Studio ohne seinen Einfluss nicht in heutiger Form. Trotz aller Wermutstropfen wird die Mitarbeit von Hayao Miyazaki, der jüngst einen Oscar für sein respektables Lebenswerk erhielt, sehr fehlen.

Die Legende der Prinzessin Kaguya reiht sich mühelos in die ansehnliche Reihe grandioser Ghibli-Filme ein. Sowohl Fans als auch Skeptiker sollten sich nicht von der optisch ungewohnten Inszenierung abschrecken lassen. Was einem hier geboten wird mag wohl leider polarisieren, doch besonders der Mut der jeder Zeichnung des Films innewohnt, berechtigt den Film dazu, sich zu den besten Animefilmen der vergangenen Jahre zählen zu dürfen.

KommentierenDanke!


Die letzten 10 Kommentare zu dieser Rezension:


Hudrator
Layna schrieb:
Mit den Zeichnungen des Werkes geht Takahata eine sehr gewagte Stiländerung ein. Sie wirken unfertig und skizzenartig, so sind die Outlines teilweise unsauber, die Strichführung überdeutlich erkennbar. Die Szenerien laufen seitlich weiß aus. Farblich werden helle Töne mit wenigen, kräftigen Farbakzenten genutzt. Durch diesen Stil wirkt der Film wie aus Konzeptzeichnungen aus Aquarell zusammengesetzt. Der erste Eindruck mag dadurch ernüchternd sein, so ist die typische Ghibli-Optik über all die Jahre hinweg sehr konstant gewesen. Nun wird einem ein Film präsentiert, der von Anfang bis Ende dem Stil eines Rohwerkes anmutet. Ist dies ein uneleganter Stilbruch oder eine erfrischende Bereicherung?

So ganz neu ist es ja nicht das Ghibli und vor allem Herr Takahata auf ungewöhnlichere Zeichenstile zurückgreifen.
Als Beispiel dafür "Meine Nachbarn die Yamadas". *o-gj*
Ich finde es sehr schön neue Stile zu sehen. Allerdings muss es auch immer zum Gesamtwerk passen. Ich könnte mir nun wirklich keine Cyberpunk-Mecha-*irgendwasinderZukunftspielendes* in diesem Zeichenstil vorstellen.


Layna
Danke für eure Kommentare (:

Es ist schön zu lesen, dass euch vor allem Zeichenstil und Musik sehr gefallen!

Die Story könnte in der Tat manch einem nicht gefallen; Sie entspricht doch einem recht typischen Märchen, so sind manche Teile des Films etwas klischeehaft und vorhersehbar aufgebaut. Mitsamt des Zeichenstils ist Kaguya eher ein polarisierendes Werk. Ich persönlich war Dank der Inszenierung davon keinesfalls gelangweilt, obwohl ich nicht der Typ bin, der Storys dieser Art besonders mag.
So kann ich, wenn auch etwas bedauernd, verstehen, wenn manch einer sich nicht so ganz mitreißen ließ, wie es scheinbar bei Nomo der Fall war. Man muss sich von Beginn an offen auf das Setting einlassen; Ist das bewältigt, eröffnet sich einem ein tolles und gar nicht mal so oberflächliches Märchen. Demnach: Optimistisch herangehen und dem Film vielleicht noch eine Chance geben :3

ganhifu: Du liest vermutlich Auszüge aus dem Japanischen, nicht wahr? Mich würde interessieren, inwiefern Ghibli vom Originalmärchen abweicht oder eben nicht. Doch vermutlich gibt es das nicht auf Deutsch :/ Aber vielleicht kannst du deinen Eindruck dazu ja mal hier niederschreiben, sobald du den Film gesehen hast - Wäre toll! :3

Liebe Grüße~


ganhifu
Ich bin auf diesen Film schon sehr gespannt, wir haben die Geschichte im japanisch Unterricht durch genommen. Ob im Film Kaguya Hime am Ende auch von Außerirdischen entführt wird...ich bin wirklich neugierig *o-???*


Nomo
Hab den Film im Kino geschaut und muss sagen das ich echt enttäuscht war, der film war einfach nur langweilig und vorallem das ende war einfach nur sinnlos , hab ehrlich gesagt mehr erwartet von ghibli.. Für mich der langweiligste anime film den es gibt. Hab mich im Kino nur rumgequält.


Sniperace
*o-gj*
Wohl eins der Anime Werke. die man fast haben muss.

Selbst wenn einem die Story nicht gefallen sollte, alleine wegen der sehr sehr schönen Inszenierung ist dieser Anime ein "Pflichtkauf" fürs DVD Regal. Einfach weil man den Mut zu etwas "Anderen" und die wirklich wunderbare Umsetzung selten bekommt und auch vermutlich so in dieser Art überhaupt nicht mehr bekommen wird.

Bravo.

Ich werde mir hier trotzdem vermutlich nur eine gebrauchte DVD zulegen, denn wirklich mein Ding ist dieser Anime nicht. Aber wiegesagt, aufgrund der Optischen Umsetzung und was ich jetzt schon so gehört und gelesen hab, auch von der Story recht gut, dieser Anime ist fast schon Plicht. Wer ihn nicht kaufen möchte, der sollte sich diesen Anime zumindest einmal ansehen. Sonst verpasst man was und ein breiter Horizont kann sicher nicht schaden;)


Danke für die Rezension:)

Schöne Grüße
Sniperace


vicdiekick
Ich habe ihn vorgestern gesehen. Ich habe ihn aber schon viel früher sehen wollen. Die Legende der Prinzessin Kaguya ist eine wirklich tolle Geschichte. Ich hatte auch Tränen in den Augen als der Film fertig war. Der Zeichenstyle ist so süss und mal was anderes! *o-heul* *o-run*


mryugideck
Schöne Rezension mal wider ;)

Ich finde vorrallem die Musik und den Zeichenstil des Films ausgesprochen gut gelungen *o-schlürf*
Das Ghibli Studio ist und bleibt eines meiner Lieblinge *o-wahaha*

Wer Zeit hat, sollte ihn sich mal anschauen *o-yay* , ist was schönes für Zwischendurch.

Sayonaraaa~ *o-run*


LordChico
Sieht sehr interessant, sehr schön und sehr faszinierend aus! Es handelt sich hier um etwas sehr spezielles, da ich noch nie in meinem Leben mit so etwas konfrontiert wurde, bezüglich Zeichenstil! Zudem kommt, dass die Musik (Warabe Uta) echt hammer ist!!! Vielen Dank für die Info!
Gruß Chico *o-bye*

EDIT by kineh:
Smileyspamm entfernt