Rezension: Jigoku Shoujo
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Der Autor: Hijikata-Chizuru



Der Anime: Jigoku Shoujo

Die Hölle – ein Wort, mit dem jeder etwas auf seine eigene Weise verbindet. Ungerechtigkeit, Trauer und Hass werden oft mit dem Gedanken seiner ganz persönlichen Hölle verbunden oder mit der Vorstellung, jemanden in eine zu schicken. Gerade in unserem Zeitalter hört man täglich von solchen Situationen, in denen diese Worte eine große Rolle spielen. Man muss nur einen Blick nach draußen werfen, den Fernseher anschalten oder einfach die Augen aufhalten – ob in der Schule oder im Supermarkt, Ungerechtigkeit findet man überall. Doch je häufiger man diesen Worten Beachtung schenkt und diese am eigenen Leib erfährt, desto öfter denkt man an Vergeltung. Was ist Rache und wie weit kann ich damit gehen? Ist sie moralisch vertretbar?

In Jigoku Shoujo (dt. Höllenmädchen) geht es um genau diese Fragen und um eine bestimmte, vielleicht sogar grausame Methode, Vergeltung für eine als Unrecht empfundene Tat zu nehmen und seinen Peiniger im wahrsten Sinne des Wortes in die Hölle zu schicken.

Die Animeserie feierte 2005 ihre Erstausstrahlung auf zahlreichen Fernsehsendern, unter anderem Animax, MBS etc.. Verantwortlich war das Animationsstudio Studio Deen und die Regie übernahm Takahiro Omori (Hotarubi no Mori e). Das Werk umfasst 26 Episoden und besitzt 4 Staffeln.

Jeder hat schon einmal eine Person gehabt, die er hasst. Ist vielleicht von anderen gemobbt worden oder hat schon weitaus schlimmeres erlebt. Was ist nun, wenn du die Möglichkeit bekommst, diese Peiniger verschwinden zu lassen? Sie die gleichen Qualen durchleben zu lassen und in die Hölle zu schicken, hört sich im ersten Moment der Rachegelüste bestimmt nicht schlecht an. Und all das nur mit einem Klick auf einer Webseite. Es geht das Gerücht um eine bestimmte Internetseite rum, die, wenn man sich um Punkt Mitternacht einloggt, für dich Rache nimmt. Es ist die Seite der Höllen-Korrespondenz – und dahinter stecken das Höllenmädchen Enma Ai und ihre Helfer. Doch so ganz ohne Preis ist ihre Arbeit dann doch nicht...



„Verdammt man eine Person in die Hölle, so erscheinen zwei Löcher. Wenn die Rache vollstreckt ist, bist du verpflichtet einen Ausgleich zu zahlen. Gehst du diese Vereinbarung ein, wirst du nach deinem Tod, ebenso in die Hölle hinabsteigen.“ So warnt Enma Ai ihre „Klienten“ vor dem, was ihnen nach ihrem Tod bevorsteht. Für immer im Höllenfeuer zu schmoren und zu leiden ist nichts, was man mal eben auf sich nimmt, aber genauso auch nichts, was man anderen so einfach antut. Jigoku Shoujo konstruiert in diesem Werk ein unheimliches Szenario: im Austausch gegen die eigene Seele, bekommt man die Gelegenheit, einen beliebigen Menschen in die Hölle steigen zu lassen. Es ist eine Serie, welche von den Abgründen der Menschlichkeit berichtet. Was tun Menschen anderen an, damit diese so traumatisiert und verstört sind, dass sie nichts anderes mehr als Hass empfinden können, ist dabei eine Frage, die durch die verschiedenen Situationen im Anime behandelt wird. In gewisser Weise steigert sich das Werk in diesem Punkt. Vom Schulmobbing bis hin zum Mord, von der billigen, undurchdachten Rache, bis hin zum Lebenswunsch einer Person. Fast alle Beweggründe, die wir hier in diesen Episoden zu sehen bekommen, sind gut durchdacht und erzählen Geschichten, die durchaus auch so in der Wirklichkeit passieren könnten. Allerdings ist eine Vorgeschichte zu jeder Geschichte auch zwingend notwendig, um die Nachvollziehbarkeit gewährleisten zu können, sowie den gewissen Grad an Realismus zu behalten. Eine Person einfach so in die Hölle schicken und sich selbst gleich mit? Da muss etwas dahinterstecken. Dies hat der Anime sehr schön ausgearbeitet und es gibt nur einzelne wenige Folgen, in denen das Handeln der einzelnen Figuren nicht nachzuvollziehen ist.

Doch bevor ich nun tiefer in den Inhalt des Werkes gehe, sind hier noch grundlegende Informationen zum Aufbau: der Anime hat eine sehr außergewöhnliche, nicht häufig zu sehende Herangehensweise. Zuerst ist die Serie episodisch aufgebaut. In jeder Episode bekommt der Zuschauer eine neue, einzelne, von anderen Folgen unabhängige Geschichte zu sehen. Es gibt die vier Hauptcharaktere, welche in jeder Folge auftauchen und dann noch zwei weitere, welche erst gegen Ende eine wichtige Rolle spielen werden. Enma Ai spielt als Höllenmädchen hier die wichtigste Rolle des Animes, gefolgt von ihren drei loyalen Helfer. In jeder Episode sehen wir eine andere verzweifelte Seele, welche sich an Enma Ai wendet, um Rache zu nehmen. Dieses Prinzip ist für eine lange Zeit ein und dasselbe und es könnte beginnen langweilig zu werden, doch genau dann fängt der Anime an die „Hauptgeschichte“ einzufädeln, in welcher zwei neue Charaktere vorgestellt werden, die im Verlaufe nun öfter auftauchen und den Anime zu ordentlich Spannung verhelfen. Wie ich bereits vorher erwähnt habe, steigert sich die Serie in dem, was sie macht. Die Vorfälle der Folgen verändern sich, es ist nicht mehr nur ein leichter Schulstreich, welcher zur Verzweiflung führt – es geht weitaus tiefer in die Materie rein. Tiefer in den Abgründen eines Menschen.


Das Werk versucht hier nicht nur Spannung aufzubauen, sondern auch das gewisse Gefühl von Horror. Obwohl ich nicht sagen würde, dass es Horror im Sinne von üblichen Horrorfilmen ist, die wir uns zu Halloween anschauen, sondern eher dieses tiefe Gefühl etwas Schreckliches gesehen zu haben. Es wird viel mit der Atmosphäre gearbeitet, so ist diese beispielsweise stets düster und zum Schaudern. Es graut einem schon beinahe, wenn man das Verhalten der Figuren reflektiert und eventuell selbst darüber nachdenkt, wie es wohl sein würde, wenn einem dasselbe passiert. Es ist kein Werk, welches dem klassischem Horror nachempfunden ist und es stecken viele versteckte Botschaften hinter einzelnen Handlungen, die man erst einmal begreifen muss, um die Grausamkeit dahinter zu verstehen.

Dieses Gefühl wird durch den außergewöhnlichen Zeichenstil verstärkt. Gerade die Augen sind sehr ausdrucksvoll. So schauen sie den Zuschauer manchmal ganz leer an, ohne jegliche Gefühle, schon beinahe tot. Manchmal allerdings sind diese von Hass oder Trauer nur durchflutet. Es wird ebenso viel mit Farben gearbeitet, welche stets dunkel und schlicht gehalten sind. Es ist ein spezieller Zeichenstil mit einer faszinierenden Wirkung. Die Animationen sind sehr flüssig. Hier darf man nicht vergessen, dass dies ein Anime aus 2005 ist und dass die Animationen und der Zeichenstil nicht zu vergleichen mit den heutigen ist. Dafür sieht alles noch etwas realistischer und klassischer aus.

Der Soundtrack hat die düstere Stimmung immer unterstützt. Sie ist nicht nur eine Untermalung einzelner Elemente, sondern kann auch sehr gut für sich alleine stehen. Es ist ein Ohrwurm, den man einfach nicht mehr aus dem Kopf bekommt und welcher genial eingebunden ist und zu einer Gänsehaut führt. Falls man ein Fan melancholischer, düsterer Musik ist, sind Opening und Ending ebenfalls eine schön anzuhörende Option.

Was genau macht denn nun eine Rache von solchem Ausmaß vertretbar? Ist es das überhaupt? Ja diese Fragen werden in dem Anime zwar behandelt, aber eine Antwort, muss der Zuschauer schon selbst finden. Doch was definitiv klar ist, ist, dass dieses Werk keine Verschwendung ist. Wer gerne mal auf tiefgründigeren Bahnen fährt, der kann sich hier ordentlich den Kopf zerbrechen und gleichzeitig eine kleine Portion Schauder und Gänsehaut mitnehmen. Obwohl die Serie episodisch aufgebaut ist, erzählt sie gegen Ende eine zusammenhängende, überaus spannende Geschichte, welche nicht zu unterschätzen ist. Enma Ai, unser Höllenmädchen, wird gerade am Anfang für viele Rätsel und Fragen sorgen, und ich hoffe sehr, dass sich viele Leser hier dazu entschließen, sich diesen Fragen zu stellen. Anschauen lohnt sich!

KommentierenDanke!


Die letzten 10 Kommentare zu dieser Rezension:


一匹狼
Eine sehr gelungene Rezension! Jigoku Shoujo ist einer meiner absoluten Liebslingsanimes (zumindest die ersten beiden Staffeln) und es freut mich, dass da jemand einen ausführlichen Blick hineingeworfen hat. Ich würde nur noch ein paar Dinge ergänzen.

In der Rezension ist davon die Rede, wie der Anime die Abgründe der Menschlichkeit darstellt - ich würde sogar noch einen Schritt weitergehen und behaupten, dass er in Gewisser Hinsicht sogar das Wesen der Menschlichkeit zeigt. Wie schon gesagt wurde, hat eigentlich jeder Mensch irgendwann schon einmal gehasst, selbst wenn es "nur" im Kindesalter war. Die Frage wäre auch, ob Hass sich überhaupt vom Alter abhängig verändert. Wenn man nach dem Anime geht, dann eigentlich nicht - es gab Folgen, in denen Kinder jemanden verdammten, es gab auch solche, in denen es Erwachsene waren. Das Ergebnis war letztlich das gleiche. Es ist jedoch nicht so, dass man ausschließlich Hass zu sehen bekommt - über die Episoden hinweg bekommt man praktisch das gesamte Spektrum menschlicher Emotion zu Gesicht. Was so interessant an all dem ist, ist, dass sie sich alle offenbar im Punkt des Hasses bündeln (oder es zumindest können): Freude kann zu Hass führen, wenn sie verschwindet; Traurigkeit, wenn sie bleibt; Liebe, wenn sie nicht erwidert wird... Andere Gefühle haben nicht solche durchgehend fließenden Grenzen.

Dann wäre da noch die Frage, ob Rache in einem Ausmaß wie in Jigoku Shoujo vertretbar ist. Auch da gibt meiner Meinung nach der Anime selbst einige Andeutungen, die den Zuschauer zu einer Antwort hinführen, also muss er sie nicht zwingend für sich selbst finden.
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Hier wird, finde ich, gezeigt, dass Enmas Vorgehen nicht die Lösung sein kann, aber: nicht unbedingt, weil der Grundgedanke dahinter das Problem wäre, sondern eher weil die Rachegefühle (leider) so menschlich sind, dass die Menschheit dadurch in eine Endlosschleife der eigenen Vernichtung gerät. Solange Hass existiert, und das wird wohl immer so sein, wird Jigoku Shoujo Menschen zur Hölle geleiten. In dieser Hinsicht zeigt uns das Werk, wie fehlerhaft nicht etwa ihr Vorgehen ist, sondern wir selbst. Wir selbst sind es, an dem wir vergehen, nicht an Enmas Verträgen. Das Ganze ist natürlich metaphorisch zu sehen. Was der Anime zeigt, ist, dass die Rache selbst das Problem ist und nicht ihr Katalysator. Zumindest wirkte es auf mich so.

Zum Schluss würde ich noch erwähnen, was mir an der Reihe negativ aufgefallen ist. Die ersten beiden Staffeln waren wirklich gut, ein wenig problematisch wurde es aber ab der dritten. Meiner Meinung nach war die Hauptstory (unabhängig von den Geschichten einzelner Folgen) nach der zweiten Season eigentlich mehr als zufriedenstellend abgeschlossen. Was von da an versucht wurde, um weitere Fortsetzungen erscheinen zu lassen, wirkte auf mich allzu oft ein wenig erzwungen, ganz besonders bei der letzten Staffel. Ich fänd's interessant mal zu sehen, ob das auch anderen so ging.


YunoHinamori
Vielen Dank für deine Rezension.
Ich kann dir in allen genannten Aspekten einfach nur zustimmen, Jigoku Shoujo ist auch meiner Meinung nach ein Werk, das jeder mal gesehen haben sollte.
Anfangs war ich mir noch unsicher, wie sich diese episodische Geschichte denn über 4 Staffeln erstrecken soll aber mit jeder Folge wurde ich süchtiger nach dem Anime. Er hatte irgendwie eine Art, die mich fesselte, irgendwann wollte ich nur noch wissen, welchen Charakter man nun begleitet und warum er seine Motive hat.
Ich muss aber auch sagen, dass die 2.Staffel und die 3.Staffel sehr gut waren. Gerade das Opening und das Ending können sich echt hören lassen und haben mich immer in diese düstere Stimmung versetzt (insbesondere die Songs von Staffel 3).
Alles in allem lässt sich sagen, ja ich liebe Jigoku Shoujo, gerade wegen seiner menschlichen Situationen und dass ich das Gefühl hatte mich in die Charaktere hineinversetzen zu können (auch später in Ais Helfer)
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