Rezension: Flip Flappers
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Der Autor: Tazzels



Der Anime: Flip Flappers

Flip Flap, Flip Flap. Da ist er wieder: der eine Anime, der euch einfach nicht aus dem Kopf gehen will. Ich spreche hier nicht unbedingt von einer Lieblingsserie, sondern der Show, die selbst nach langer Zeit noch irgendwo durch die weiten Leeren unserer Hirne saust und die Synapsen elektrisiert. Es geht nicht darum, sie in die höchsten Höhen zu loben oder sie jedem letzten Menschen aufzuzwingen. Ihr wollt euch einfach nur mitteilen; eure Gedanken da draußen haben. Es ist nun schon fast eineinhalb Jahre her, seit ich die letzte Episode von Flip Flappers gesehen habe, und noch immer verspüre ich exakt diesen Drang. Um meine Gedanken festzuhalten und euch zu übermitteln, erschien mir ein plumpes „Review“ allerdings nicht passend. Denn manchmal reichen „gut“ oder „schlecht“ beziehungsweise „ja“ oder „nein“ einfach nicht aus. Das Wissen um die tiefgreifenden Thematiken eines Animes und vor allem deren Ausführung tragen so stark zur Seherfahrung bei, dass ich diesmal etwas tiefer mit euch abtauchen möchte: in die vielfältigen Ebenen dieser Serie, aber auch an die Stellen, an denen ihr die Luft ausgeht. Wer trotzdem möglichst unvoreingenommen an das Werk gehen möchte, der sei hiermit gewarnt.

Bleiben wir zunächst noch in der „Safezone“ und beginnen mit den gewohnten Eckdaten: Der Anime erschien mit 13 Episoden in der Herbstseason 2016 und war das dritte Projekt des jungen Studios 3Hz. Den Regiestuhl nahm zum ersten Mal Kiyotaka Oshiyama ein; das Konzept zur Serie stammt von Yuniko Ayana, die nach Manga- und Light Novel-Adaptionen wie Denpa Onna to Seishun Otoko oder Kiniro Mosaic nun zum ersten Mal ein originales Drehbuch verfassen konnte.

Lernen ist nicht nur langweilig, es wirkt wie reine Zeitverschwendung. Besonders für jemanden, der nicht weiß, was er in der Gesellschaft überhaupt erreichen kann. Cocona ist so eine Schülerin. Ob im geborgenen Haushalt ihrer Großmutter oder dem Windschatten ihrer deutlich aufmüpfigeren Freundin Yayaka; ihr Leben dreht sich ständig im Kreis. Diese First-World-Problems werden jedoch schnell zu ihrer kleinsten Sorge, als ihr die mysteriöse Papika begegnet. Das mehr als hyperaktive Mädchen büxte vor Kurzem aus einer geheimen Untergrundbasis aus und fand auf Anhieb Interesse an der vermeintlich normalen Cocona. Vereint können die beiden nämlich in eine Reihe von Fantasiewelten namens „Pure Illusion“ abtauchen; eine verrückter als die andere. Von der Idee, sich mit einer aufdringlichen Fremden in gefährliche Abenteuer zu stürzen, ist Cocona jedoch (verständlicherweise) gar nicht begeistert. Ungeachtet davon stellt sie die Geheimorganisation „Flip Flap“ trotzdem ein, damit sie zusammen mit Papika wertvolle Artefakte aus Pure Illusion birgt. Auf ihren Reisen durch die märchenhaften Welten müssen Cocona und Papika nicht nur als Team zusammenwachsen, sondern finden sich auch zwischen den Fronten von Flip Flap und der feindseligen Sekte „Asclepius“ wieder.

Trotz des eher dünnen Storyfadens, oder besser gesagt, genau wegen dieses, weiß der Anime gut zu unterhalten. Jede Folge profitiert immens von der inhaltlichen Freiheit und entführt uns in brandneue Umgebungen, die fantasiereich und kunstvoll gestaltet wurden sowie mit einer passenden episodischen Handlung gefüllt sind. Innerhalb dieser sorgt die konfliktreiche Dynamik der Mädchen oft für die spaßigsten Momente. Cocona und Papika könnten kaum unterschiedlicher sein, was sich schon deutlich in deren Designs äußert: Die ordentliche, zurückhaltende Cocona trägt stets ihre Schuluniform mit hoch abschließenden Strümpfen und einer Armbanduhr; ihre Haare in einem bravem Bob-Schnitt. Die hemmungslose Papika hingegen hat lange chaotische Haare und hält in ihren generell recht liberalen Outfits nicht einmal Schuhe für nötig. Fast schon animalisch wirkt ihr ausgeprägter Geruchssinn und der ständige Drang nach körperlichem Kontakt, welcher der schüchternen Cocona viel zu weit geht.


Flip Flip, Flap Flap. Man muss nicht wirklich tief schauen, um die recht deutlichen Implikationen einer homosexuellen Beziehung zu finden. Die vielen Abenteuer in Pure Illusion erfüllen für Cocona die Funktion einer Selbstfindung, oder sogar Selbsterweckung. Statt sich der gewöhnlichen Route zu bedienen, nämlich die Protagonistin mit gesellschaftlicher Ablehnung zu konfrontieren, geht der Anime einen ganzen Schritt weiter. Coconas Konflikt stammt vor allem aus ihrer eigenen Unsicherheit und selbstauferlegten Tabus. Jede Folge, und damit jede Instanz von Pure Illusion, dient als Analyse einer dieser Emotionen. Als Hasenmädchen wird sie bereits in der zweiten Folge mit ihren inneren Trieben konfrontiert, symbolisiert durch den tierischen Drang an Gegenständen zu nagen. Schon in der nächsten Episode plagt sie der daraus resultierende Gedanke: Die Angst, Kontrolle über ihre neuen Emotionen zu verlieren. Die Antagonistin dieser Pure Illusion-Welt, die sich einen persönlichen BDSM-Harem hält, repräsentiert die Pervertierung aller körperlichen Triebe. Das bedeutet nicht, dass der Anime Fetische oder Sexualisierung verteufelt, sondern vielmehr deren verzerrte Darstellung in unserer Gesellschaft. Eine Mädchenschule aus der fünften Episode bietet konkreteren Metakommentar, indem mit den genretypischen Yuri-Klischees abgerechnet wird. Die horror-artigen Schülerinnen halten Cocona und Papika in ihren mit Lilien geschmückten Räumen fest, lassen sie mädchenhafte Tätigkeiten verrichten und provozieren geradezu körperliche Nähe. Sie übernehmen also die Rolle eines Yuri-Autors sowie dessen „shippende“ Fangemeinde. Diese endlose Klischeehaftigkeit, in der Handlung durch eine Zeitschleife symbolisiert, wird gegen Ende der Episode jedoch buchstäblich durchbrochen. Denn der Anime ist nicht daran interessiert, die Beziehung der beiden Mädchen als „Yuri“ abzustempeln, sondern stellt die Verbindung zwischen Cocona und Papika als „absolute Liebe“ dar; losgelöst von Konformität und Geschlechterkonvention.

Aus allen Fantasiewelten der Pure Illusion, aber auch der Realitätsebene selbst, kristallisieren sich zwei eng verwandte Kernthemen heraus: Kunst und Wahrnehmung. Die Kunst im Sinne der Auslebung von Freiheit und Kreativität kann man natürlich als weitere Queer-Metapher interpretieren. Die Hobby-Malerin Iroha, eine von Coconas Mitschülerinnen, vertritt mit ihren Gemälden allerdings eine allgemeinere Idee: die Schöpfung von Emotionswelten und das Abbilden der eigenen Wahrnehmung. Diese Kunstsymbolik findet man auch in Pure Illusion wieder: beim Ein- und Austreten fallen die Mädchen durch eine dickflüssige schwarze Masse, die mehrfachen Schichten von Ölfarben ähnelt. Die Fantasiewelten selbst basieren außerdem auf verschiedenen Kunststilen, Filmen und Büchern. Der Anime macht zahlreiche Anspielungen auf Klassiker wie Alice im Wunderland, Mad Max und The Shining, selbst Shows wie Gurren Lagann und Super Sentai sind nicht sicher. Diese Referenzen wurden nicht nur aus komödiantischem Grund eingebaut; sie spiegeln gewissermaßen die Beeinflussung unseres Denkens durch Popkultur wieder. Denn letztendlich basieren die Umgebungen immer auf der Psyche der Charaktere. Selbst- und Fremdwahrnehmung nehmen einen hohen Stellenwert in Coconas Charakterentwicklung ein und werden dabei in beinahe psychologischem Maße erforscht. In der sechsten Episode schlüpfen Cocona und Papika gemeinsam in die Rolle eines kleinen Mädchens. Sie existieren gleichzeitig in ein und demselben Körper und doch erleben sie getrennt die Höhen und Tiefen ihres Lebens. Durch das „Spielen“ einer fremden Person lernen sie eine wichtige Lektion über die Persönlichkeitsbildung und somit auch sich selbst; ein interessanter Selbstverweis auf die Rolle von Film und Fernsehen in der kindlichen Entwicklung. Mit Blick auf die Fremdwahrnehmung begegnet Cocona in der siebten Folge unterschiedlichen Versionen von Papika, erschaffen aus ihrem eigenen Unterbewusstsein. Ist die Persönlichkeit des Gegenübers wirklich fassbar oder besteht unser Bild von ihnen nur aus einer Ansammlung von Eigenschaften und Stereotypen? Das Eintauchen in diese Emotionswelten wird nicht einmal auf Menschen begrenzt. So werden die beiden Heldinnen auch von Coconas Haustier, dem Hasen „Uexküll“, begleitet. Dessen eher ungewöhnlicher Name stammt übrigens vom deutschen Biologen Jakob Johann von Uexküll. Warum das wichtig ist? Nun liebe Schüler, erlaubt mir einen kleinen Exkurs. Uexküll beschäftigte sich ebenfalls mit der Wahrnehmung und stellte zahlreiche wissenschaftliche Theorien zu ihr auf. Ein Lebewesen existiert demnach in dessen eigener Umwelt, die sich lediglich aus der persönlichen Wahrnehmung bildet. Das geht sogar so weit, dass Uexküll von „subjektiver Zeit" und „subjektivem Raum“ redet. Klingt das bekannt? Das Konzept von Pure Illusion lässt sich mit Leichtigkeit von diesen Theorien ableiten und sogar noch weiterspannen. Denn das wichtigste Detail der Fantasiewelten ist, dass eben nicht nur „Fantasie“ dahintersteckt. Cocona und Papika merken auf ihren Abenteuern, dass Handlungen in Pure Illusion auch Einfluss auf die Realität haben. Ähnlich wie etwa in Black★Rock Shooter beeinflussen sich die Welten gegenseitig, statt voneinander abgekoppelt zu existieren.


Flip Flap, Flop Flop. Ich könnte und würde noch gerne eine ganze Weile so weiterschreiben, denn alleine die ersten sieben Episoden enthalten mehr interessante Konzepte, als ich im Rahmen dieser Rezension überhaupt besprechen könnte. Doch genau an der wichtigsten Stelle bröckelt die Geschichte dann leider auseinander. Wie so oft kann die zweite Hälfte des Animes einfach nicht mit den bisher eingeführten Ideen mithalten und sackt in eine halbherzige Tortur ab. Gerade bei Flip Flappers kommt einem dieser Übergang jedoch deutlich abrupter vor als man es ohnehin schon gewohnt ist. Statt der originalen Autorin Yuniko Ayana, übernahm ab der achten Episode der Szene-Neuling Naoki Hayashi die Arbeit am Drehbuch, was sich auch dementsprechend schnell bemerkbar macht. Die nuancierten und tiefsinnigen Thematiken der bisherigen Episoden vermisst man bis auf die seltensten Momente komplett. Die Serie stolpert praktisch über seine eigenen Füße, indem sie die zuvor so einzigartigen Charaktere nun ohne jede Selbstreflektion pervertiert. Auch der Metakommentar, die gegenseitige Beeinflussung der Welten und die Thematik der Wahrnehmung fallen allesamt flach. Das Einzige, was bleibt, ist eine übergreifende Story, die viel zu sehr versucht, dramatische Momente und überraschende Twists zu erzwingen. Der Anime fällt also nicht einfach nur schmerzhaft zu Boden, er macht einen geradezu spektakulären Rückwärtssalto und parodiert sich selbst. Anstatt auf andere Werke zu kommentieren, beginnt man sie einfach nur zu imitieren. Man versucht gleichzeitig eine große Verschwörung wie die Truman-Show und ein melancholisches Charakterdrama wie Evangelion abzubilden und verliert dabei all die Leichtfüßigkeit und den Zauber, der die erste Hälfte (selbst ohne die tiefe Metaphorik) zu einem besseren Seherlebnis gemacht hat. Viele Details, die in den frühen Episoden über das visuelle Storytelling quasi nebenbei erklärt wurden, werden nun stumpf und reizlos auseinandergerupft; in einem Detailgrad, der weder nötig gewesen wäre, noch überhaupt Sinn ergibt. Für alle, die wissen wollen, auf welch ein tiefes Level sich das Drehbuch tatsächlich herabwagt (und glaubt mir, es ist wirklich kaum zu glauben) und die Skeptiker, die mir sonst wohl unterstellen würden, nur Lügen aus meinen Fingern zu saugen, möchte ich im folgenden Teil detailliert auf die Handlung eingehen. Wer expliziten Spoilern lieber aus dem Weg geht kann allerdings auch einfach zum nächsten Absatz springen.


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Die erste Hälfte blüht vor allem im Reichtum seines Sub- und Metatextes auf, doch der Fokus auf die generische und trotzdem überraschend wirre Handlung der zweiten Hälfte lässt kaum noch Luft für innovative Ideen und deren kreative Auslebung durch das Produktionsteam. Es ist sogar schwer zu sagen, wer überhaupt an diesem Schlamassel schuld ist. Autorin Ayana klinkte sich ohne offizielle Begründung aus dem Projekt aus, Regisseur Oshiyama blieb der Serie jedoch bis zum Ende treu. Ob die neue Richtung nun auf seiner Entscheidung beruhte, vom Neuling Hayashi ausging oder einfach von vorneherein geplant war, bleibt unklar. Es betrübt mich zutiefst, doch ich befürchte, dass der „berüchtigte“ Kyousougiga-Effekt zurückgekehrt ist; und das stärker als je zuvor.

Wenigstens eine Sache kann ich von allen 13 Episoden behaupten: Studio 3Hz leistet wirklich wunderbare Animationsarbeit. Die Charakterdesigns habe ich bereits gelobt, aber genau so viel Aufmerksamkeit gebührt den zahlreichen Hintergründen der Serie, produziert von Studio Pablo (Owari no Seraph) und Inspired (Made in Abyss). Schon in der normalen Welt findet man einen ungewöhnlichen, jedoch sehr schönen Zeichenstil vor, doch umso deutlicher machen sich die Eigenarten der zahlreichen Parallelebenen bemerkbar: von ölfarbenen Gemälden über Vaporwave-Ruinen bis zu einem geschmolzenen Psychonauts-Level; alles harmoniert mit der hervorragenden Kinematografie. Einige Frames wurden anstelle von konventionellen Methoden sogar mit Wasserfarben gemalt. Die zahlreichen Actionszenen in Coconas und Papikas „Magical Girl“-Formen werden von beeindruckenden Key-Animationen begleitet, nur das ungewöhnliche Editing lässt einige dieser Szenen zu lang- oder kurzweilig wirken. Musikalisch bietet der Soundtrack zwar ein breites Ensemble, jedoch sticht vor allem das Ending der Serie heraus. Das hat es nämlich ganz schön in sich: Der Song „FLIP FLAP FLIP FLAP“, komponiert vom Trio TO-MAS, zu dem auch Masumi Itou (Miss Kobayashi’s Dragon Maid) gehört, fängt die märchenhafte Atmosphäre des Animes gekonnt ein und wird von Bilderbuch-artigen Zeichnungen begleitet, auf denen Cocona und Papika in die Rollen von Hänsel und Gretel schlüpfen.

Vielleicht ist euch jetzt ein wenig klarer, warum es mir so schwer fällt, Flip Flappers aus dem Kopf zu bekommen. Die Serie hat große Stärken, wundervolle Momente, tiefsinnige Thematiken und intelligente Kommentare, aber auch eine chaotische, fast schon selbstzerstörerische zweite Hälfte. Trotzdem erkenne ich in Regisseur Kiyotaka Oshiyama großes Potenzial und verfolge die Formation seines neuen Studios Durian mit Interesse. Für Autorin Yuniko Ayana wünsche ich mir eine weitere Chance, originale Werke zu verfassen, statt nur an Adaptionen zu arbeiten. Hoffentlich konnte ich euch als Leser meine Gedanken und Wertschätzung ein Stückchen näherbringen oder vielleicht sogar eine Diskussion anregen. Was ich definitiv kann, ist euch die ersten sieben Episoden von Flip Flappers wärmstens ans Herz legen. Den Rest sollte man sich aber lieber für die „richtige Stimmung“ aufheben.

Einen schönen Tag euch noch!

Euer Tazzels

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