Rezension: Ousama Game
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Der Autor: Korijee



Der Anime: Ousama Game

Jede Geschichte hat grundsätzlich Potenzial. Manchmal mehr, manchmal weniger. Das, was gute Geschichten von schlechten unterscheidet, ist lediglich die Fähigkeit, dieses Potenzial zu nutzen und auszuschöpfen, oder eben nicht. Das wurde mir relativ schonungslos vor Augen geführt, als ich mit dem Lesen des Mangas begann, der Thema der heutigen Rezension sein wird: Ousama Game.

Fünf Bände umfasst die durch Hitori Renda illustrierte Adaption des gleichnamigen Handyromans von Nobuaki Kanazawa. Von 2010 bis 2012 in relativ langsamer Frequenz erschienen, mag man den Manga als Mystery, Seinen und Splatter klassifizieren.

Die Story ist in ihrer Ausgangslage einfach überschaubar, doch gerade in ihrer Simplizität genial. Die 32 Schüler einer Oberschulklasse erhalten alle eines Tages eine SMS. Der Inhalt ist ein Befehl, erteilt vom selbsternannten und geheimnisvollen Ousama (dt. „König“). Wer den Befehl befolgt, der sei sicher, wer ihn dagegen verweigert, der wird vom Ousama bestraft. Die Teenager sind schnell in ihrer Schlussfolgerung, die mysteriöse Nachricht sei schlicht ein dummer Streich, finden die Idee aber spannend und beschließen, mitzuspielen. Doch als die täglichen Anweisungen des unsichtbaren Meisters immer schwieriger zu erfüllen sind und die erste Strafe ausgesprochen wird, merken alle Beteiligten, dass es hier um Leben und Tod geht. Das Setting ähnelt dem im Jahre 2000 erschienen Spielfilmklassiker Battle Royale, um von dessen Stärken zu profitieren, bringt aber ebenso genug Neues mit, um frischen Wind zu bieten und einzigartig zu sein. Wenn nur alles so einfach wäre …

Beginnen wir mit Hitori Renda, welche Nobuaki Kanazawas Geschichte mit Zeichnungen unterlegte. Schnell springen uns durchaus als hochqualitativ zu bezeichnende Bilder ins Auge. Schwarz und Weiß werden in etwa gleichen Mengen verwendet, um einen klassischen, doch dadurch auch in gewisser Weise bereits unzählige Male ausgeschöpften Stil aufs Papier zu bringen. Trotz des sichtbaren Talents besteht kaum Wiedererkennungswert, denn die Charakterzeichnung sowie die der Hintergründe und Panels entsprechen dem zeitgenössischen Standard. Tatsächlich fällt es mir schwer, etwas – egal ob positiv oder negativ – darüber zu schreiben, da es einfach so … unspektakulär ist. Anzumerken wäre lediglich, dass die Herausforderung, 32 individuelle Handlungsträger zu erstellen, zum größten Teil gelungen ist, wenngleich hin und wieder auch Klischees bedient wurden. So kann man die Persönlichkeiten der meisten Charaktere tatsächlich von ihrem Äußeren ablesen, was ich nicht wirklich als etwas Gutes empfinde.

Doch es kommt ja nicht auf das Cover an, sondern auf das, was drin steht, nicht wahr? Tatsächlich müssen wir hier den Manga in zwei Teile spalten. Zuallererst hätten wir da die erste Hälfte, die vielversprechend beginnt. So ist insbesondere der Anfang die Perle des Werkes. Die Charaktere beginnen, das Ousama Game zu verstehen und zu realisieren, was es für sie bedeutet. Tag für Tag müssen sie die grauenhaften Befehle ihres Peinigers erdulden, während sie gegeneinander intrigieren und versuchen, das brutale Spiel zu gewinnen. Hinweis um Hinweis wird aufgedeckt, bis unsere Helden endlich eine Spur haben, die sie zu einem möglichen Ausweg zu führen scheint. Eine gut zu lesende und spannende Geschichte mit Potenzial, die wirklich großartig hätte werden können, hätte die Zeit bestanden, sie auf diese Weise weiterzuführen.
Doch dann kommt der zweite Teil. Was ist passiert? Nun, ganz einfach, der Platz wurde knapp. Es fühlt sich so an, als wurde nach drei Bänden plötzlich beschlossen, den Manga nach dem Fünften enden zu lassen, anstatt wie vom Autor geplant nach dem Zehnten. Die ruhige und mysteriöse Geschichte, die sich bis dahin entfaltete, wird in nur einem Handlungstag über Bord geworfen und nahezu der gesamte Cast – der sich bis dahin nur stückchenweise und einzeln verringerte, um jedem Individuum genug Zeit für Entwicklung und Vorstellung zu lassen – wird umgebracht. Wir sehen einen Unbekannten nach dem anderen sterben, leere Hüllen, die im gesamten Werk nicht eine Zeile Text bekamen und für die wir daher nichts empfinden. Neue Charaktere werden plötzlich eingeführt, nur um wenige Kapitel später in aufgesetzter Tragik zu sterben und Beziehungen hinterher zu weinen, die bis dahin nicht einmal thematisiert wurden. Während anfangs die Schulklasse zusammen sowie auch gegeneinander arbeitet, erscheinen nun alle Castmitglieder passiv und regungslos, sofern der Hauptcharakter nicht anwesend ist, um die Anstrengungen zu leiten. Man fragt sich, ob die Schüler überhaupt noch Interesse am Auflösen des Mysteriums haben oder schlicht darauf warten, dass sich ihnen das Geheimnis von allein preisgibt. Positiv anmerken kann man jedoch die emotionalen Regungen und Reaktionen der Handlungsträger auf Schicksalsschläge und Enthüllungen, die für ein Werk dieses Genres realistisch und nachvollziehbar ausfallen, jedoch meist zu schnell wieder vorbei sind.

Selbst die Regeln und Befehle des Ousama Games an sich werden nicht kohärent aufeinander aufgebaut, sondern scheinen nur noch dann zu gelten, wenn es für die Story zuträglich ist, während sie zu anderen Zeiten schlicht unlogisch sind und vom Autor selbst missachtet werden. So entstehen Plotholes, in denen Timeline und Ousama Game nicht parallel erscheinen oder in denen Charaktere einer Mary Sue gleich eine Rüstung aus Plot tragen, die ihren eigentlich logisch unvermeidbaren Tod abwendet.
Die vorher gesammelten Hinweise verlieren ihre Bedeutung und enden in einem Finale, das alles über Bord wirft, womit die Erzählung begonnen hat. Schließlich bleiben wir zurück mit einer der unglaubwürdigsten und mit Abstand dümmsten Auflösungen der Manga-Geschichte. Die Art und Weise, wie letztendlich das Ousama Game beendet und das Geheimnis gelüftet wird, ist derart bescheuert, dass mir da kein diplomatischeres Fazit zu einfällt.

Am Ende bleibt mir eigentlich nichts anderes zu sagen als: dieser Manga hatte Potenzial, doch verschwendete das meiste davon in einem Versuch, viel Handlung in wenig Kapitel zu quetschen. Zurück bleibt ein schlechtes Werk, und ich empfehle es nicht weiter.

das war
Korijee

KommentierenDanke!


Die letzten 10 Kommentare zu dieser Rezension:


Tulpelina
Ich habe mir Ousama Game damals auch gekauft und muss deinem Fazit voll und ganz zustimmen.
Es fing wirklich toll an. Aber das Ende war so unlogisch. So viele fragen die sich aus der schnelligkeit und fehlenden logik der handlung ergaben. Aber trotzdem bleibt die grundidee des Spiels wirklich toll. Ich hoffe, es wird noch einen Manga geben das diese idee besser umsetzen kann.


Sniperace
*o-gj*
Großen Daumen nach oben, für Dich, Korijee:) Einfach weil jede Rezension Einen verdient. Und weil ich nicht will, dass wieder mal Keiner antwortet.

Bin ich gleicher Meinung? Nun ja, ich hab diesen Manga (nur) auf der Warteliste und von dort wird er auch nicht verschwinden. Kann dazu also nix dazu sagen.

Doch hier meine Frage an Dich, redest Du nur von der Hitori Renda Adaption? Ich habe diesen Eindruck. Und ich finde einfach, es ist unkomplett, ohne die zwei anderen Adaptionen zu erwähnen.

Autor ist und bleibt Nobuaki Kanazawa. Und wiegesagt, es gibt noch zwei andere Manga Adaptionen von Ou - Sama Game:
OU-SAMA GAME - KIGEN gezeichnet von J-ta Yamada (ebenfalls komplett)
OU-SAMA GAME - SHUUKYOKU gezeichnet von Renji Kuriyama

Die sind eventuell einen Blick wert, vor allem wenn man eher positiver über diese Werk denkt. Alles in Allem, scheinen sowohl O. Game, als auch Kigen (der sogar etwas höhere), recht ordentlich Bewertungen zu bekommen (beziehe mich da nicht auf Proxer, weil hier Manga nicht so der Hauptschwerpunkt sind - 4.35 von 5 bzw. 4.56 von 5 (Kigen) was gute Werte sind).
Nichts desto trotz hab ich auch etliches an Kritik gefunden, also durchaus Negatives.

Naja, er bleibt auf meiner Liste, ist er schlecht dann brech ich ihn halt ab. Derzeit hab ich eh keine Zeit .......

Ist grundsätzlich als Ergänzung und weniger als Kritik gemeint.

Schöne Grüße
Sniperace