Rezension: Mnemosyne
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Der Autor: Aston



Der Anime: Mnemosyne - Munemoshune no Musume-tachi

Bestimmt habt ihr auch diese Serien, die ihr euch irgendwann mal auf die Watchlist geladen und vergessen habt. Dort fristen sie dann wer weiß wie viel Zeit ihr Dasein als unsichtbare Gäste, setzen Staub an und warten auf den Tag, an dem ihr ihnen endlich die Aufmerksamkeit schenkt, mit der ihr sie ursprünglich beehren wolltet. Den Titel meiner folgenden Rezension ereilte exakt solch ein Schicksal. Es war vor etwas weniger als fünf Jahren, da sagte mir eine gewisse Person, ich solle ja eine ordentliche Kritik hierzu schreiben. Die meisten von euch werden PrinzKoks vermutlich nicht mehr kennen, doch ich habe unseren ehemaligen Redakteur nicht vergessen. Gut Ding will Weile haben und deshalb widme ich die kommenden Zeilen dem lieben Koksi und hoffe, seine Erwartungen erfüllen zu können, sollte er dies denn je lesen.

Rin – Daughters of Mnemosyne, ein wahrer Zungenbrecher von Namen, dreht sich um das Leben der Privatdetektivin Rin Asougi, die gemeinsam mit ihrer Assistentin Mimi eine Detektei im Tokioter Verwaltungssitz Shinjuku leitet. Nach außen hin kommen sie einem Duo aus einer selbstbewussten, doch zartbesaiteten Geschäftsfrau und einem juvenilen Tausendsassa gleich. Was niemand jedoch weiß: Beide sind unsterblich. Sie können weder altern, noch erkranken. Es ist zwar möglich, ihre physischen Körper zu vernichten, doch über kurz oder lang sind diese in der Lage, sich selbst zu regenerieren (Deadpool lässt grüßen). Das Geheimnis liegt in der Frucht der Unsterblichkeit, im Englischen auch Time Fruit, begründet. Einmal konsumiert, bleibt der Körper in exakt jenem Zustand, in dem er zu diesem Zeitpunkt ist. Während Frauen so das ewige Leben erlangen, bewirkt die einem Kaugummi gleichende Kapsel bei Männern das ziemliche Gegenteil. Zwar erhalten sie übermenschliche Kräfte, doch verwandeln sich in willenlose Kreaturen, denen nur noch bis zu drei Wochen Existenz vergönnt sind, bevor sie elendig zugrunde gehen. Moderner Feminismus im Endstadium sozusagen. Aufgrund flügelartiger Auswüchse am Rücken werden sie ironischerweise auch als Engel bezeichnet.
Während eines regulären Auftrags, Rin soll eine fette Katze aufspüren, bringt sie stattdessen einen jungen Mann mit ins Büro. Sein Name lautet Kouki, ein scheinbar völlig durchschnittlicher Taugenichts, der von der hübschen Privatermittlerin vor ein paar ominösen Schlägertypen gerettet wird, denn die kann nicht nur nicht das Zeitliche segnen, sondern sich dank ihrer überragenden Martial Arts-Kenntnisse filigran zur Wehr setzen. Der neuerliche Hahn im Korb hat seinen Kopf aber ganz woanders. Er leidet an einer Art Amnesie und die Spur seiner wahren Identität führt in ein zwielichtiges Laboratorium, in dem perverse Genexperimente an Menschen durchgeführt werden.

Pervers ist ein gutes Stichwort und doch gleichzeitig eines, welchem ich mich persönlich nicht bedienen würde, um den Anime zu beschreiben. Die Serie wurde 2008 zum zehnjährigen Jubiläum des TV-Senders AT-X von den Studios Xebec und Genco produziert. Klar muss da ein gewisser Anreiz geschaffen werden, um so ein Event gebührend zu zelebrieren. Mittlerweile muss man zugestehen, dass der optische Eindruck durchaus seine Glanzzeiten hinter sich hat. Figuren wirken oft recht kantig, manche Bewegungen und Texturen hätten ein wenig mehr Feinschliff vertragen und ab und an hatte ich das merkwürdige Gefühl, dass schon fast penibles Augenmerk auf die Fingernägel insbesondere der Protagonistin gelegt wurde. Die sind nämlich immer recht lang gezeichnet und ich habe konstant damit gerechnet, dass das noch eklige Konsequenzen haben könnte. Doch Grafik ist nicht alles. Mnemosyne ist ein Werk, das sich inhaltlich als auch äußerlich an ein reifes Publikum richtet. Die Gesamtkomposition ist extrem blutig, durchsetzt mit brutaler Gewalt und geizt nicht mit nackter Haut. Und ja, wer muss, kann gerne auch mutmaßen, weshalb es bei einem derart freizügigen Anime ausgerechnet sechs Episoden sein mussten, auch wenn ich fürchte, dass der Witz nur für eine Sekunde lustig wäre. Wem bei diesen Worten aber jetzt das Wasser im Mund zusammenläuft, den muss ich in seiner Euphorie bremsen. Die Kamera lechzt nicht begierig nach dem nächsten Dekolleté und auch die Handlung ist an keiner Stelle rein darauf aus, die weiblichen Blößen zur Schau zu stellen. Vielmehr dienen Barbarei und Erotik als dominante Stilelemente und werden dazu eingesetzt, Ausweglosigkeit, Willensstärke und Opferbereitschaft als auch Verlangen, Sinnlichkeit und Schwäche zu symbolisieren. Denn wann immer ein Engel in der Nähe einer Unsterblichen auftaucht, verspürt diese ungewollt sexuelle Lust, die die Biester dazu auszunutzen, sie bei lebendigem Leibe zu verschlingen. Dass der Fokus hierbei so stark auf dem Akt an sich liegt, hat einen durchaus logischen Grund. Reinkarnation und der Zyklus des Lebens spielen im Verlauf der Handlung stets eine präsente Rolle.

Dieser Effekt fiele nur schwach aus, würde man ihn nicht mit erinnerungswürdigen Charakteren unterfüttern. Den Wermutstropfen vorweg: So richtig von Persönlichkeitsentwicklung kann man nicht sprechen. Daher ist es umso besser, dass es Autor Hiroshi Onogi gelungen ist, Figuren zu kreieren, die bereits im Kern interessant sind. Auch wenn wir Rin als autarke Eigenbrötlerin kennenlernen, so scheint sie im Inneren doch sehr zerrüttet und zerbrechlich. Damit wollte ich an dieser Stelle keinen schlechten Scherz bezwecken, denn die Dame darf so manche Folter und schmerzhaftes Ableben über sich ergehen lassen. Die Krönung dürfte wohl ihre Bekanntschaft mit einer Flugzeugturbine sein. Allerdings merkt man ihr schon recht bald an, wie ihre eigene Immortalität, auf deren Ursprünge ich hier aus offensichtlichen Gründen nicht genauer eingehen möchte, ihr zusetzt. Mit dieser spielt die Dramaturgie auf einfachste, aber effizienteste Weise, indem sie sich die Handlung über einen Zeitraum von insgesamt 65 Jahren erstrecken und die Handlungsträgerin vergessen lässt, wie alt sie eigentlich in Wahrheit bereits ist. Ja, es hat mich doch irgendwo ein wenig betrübt, Kouki plötzlich sichtlich gealtert zu sehen, während die beiden Femmes Fatales keinerlei Ermüdungserscheinungen zeigen. Ungewollt komisch war für mich jedoch leider eine auf Rin angesetzte Attentäterin, die in nahezu jeder Folge vorkommt und auch quasi selbst immer ins Gras beißt. Deren Auftraggeber und Antagonist der Serie findet nämlich seine sadistische Befriedigung darin, unsere Protagonistin ein ums andere Mal verenden zu lassen. Dafür ist er selbst so wunderbar arrogant und damit verabscheuungswürdig inszeniert, dass man ihn einfach nur hassen kann. Gut so!

Zwar beläuft sich der Anime wie bereits gesagt nur auf ein halbes Dutzend Folgen, die relativieren die Gesamtspieldauer aber durch eine Laufzeit von je 45 Minuten. Was zunächst als bruchstückhafte Erzählung beginnt, avanciert im Verlauf der Geschichte zu einer recht komplexen, wenn auch leicht verwirrenden Rahmenhandlung. Auf philosophische Diskussionen und Anregungen, inwiefern es denn überhaupt erstrebens- und lebenswert sei, immer leben zu dürfen und zu müssen, braucht man sich nicht einstellen. Hierzu dürfte Casshern Sins eine deutlich ergiebigere Alternative darstellen. Vielmehr werden die angesprochenen Problematiken in den Kontext eines Einzelschicksals eingebettet, das auf äußerst unvorhersehbare Art in seiner Katharsis mündet. Der Weg bis dahin ist dabei abwechslungs- und wendungsreich, füttert den Zuschauer immer wieder mit kleinen Appetithappen für das große Finale an und bleibt bis zum Ende spannend und verworren. Abgerundet wird die Schöpfung durch ein wildes bis aggressives Intro und Outro, das keinen Hauch Melancholie zulässt, sondern einen echten Kampfgeist beherbergt. Das Ambiente wird musikalisch durch ein facettenreiches Spektrum an gemächlicher, unscheinbarer bis Gänsehaut erzeugender Stücke unterstützt, oftmals unter Verwendung klassischer oder rockiger Instrumente. Wer die Ohren spitzt, findet sicher etwas, das er in Dauerschleife laufen lassen kann, bis er es buchstäblich nicht mehr hören kann.


Bleibt zum Schluss nur noch die Frage zu klären: Wer ist eigentlich Mnemosyne? Wer sich für die griechische Mythologie interessiert, dem dürfte der Name bekannt vorkommen. Sie ist die Tochter von Uranos und Gaia und gilt als die Göttin der Erinnerung. Der Prozess der Identitätsfindung und Aufdeckung der ungewissen Fragen ist ein stilbildendes Merkmal von Rins Werdegang, die mehr unter dem Kommen und Gehen der Zeitalter leidet, als sie es selbst womöglich für wahr haben möchte. Bestärkt wird dies durch einen simplen Effekt, indem Erinnerungssequenzen stets anmuten, als würde man sie durch eine wild wogende Wasseroberfläche betrachten.

Rin – Daughters of Mnemosyne ist ein absolut für sich stehendes Werk, das provoziert, betört und sich nicht um Tabus schert. Dem man sein Alter inzwischen anmerkt, das aber zu viel Selbstsicherheit ausstrahlt, als dass es sich davon beeindrucken ließe. Das Beste ist, dass diese Überzeugung gerechtfertigt ist. Gern hätte ich den Leidensweg der attraktiven Brillenträgerin noch weiterverfolgt, eine andere Erklärung dürfte es für mein etwas betrübtes Gefühl beim allerletzten Abspann vermutlich nicht gegeben haben.

Es verbleibt und bedankt sich für die Zeit
Aston

(Die Bilder in diesem Thread entstammen der deutschen DVD-Fassung. Falls ihr euch den Anime zulegen wollt, könnt ihr dies gerne hier tun. Es handelt sich dabei um einen Amazon-Affiliate-Link, mit dem ihr Proxer unterstützen könnt, ohne selbst mehr bezahlen zu müssen.)

KommentierenDanke!


Die letzten 10 Kommentare zu dieser Rezension:


WeAreAlone
Hallo

Hab mir denn Anime vor einer gefühlten Ewigkeit einmal angeschaut (ca 3-4 Jahre zuvor)
und hatte eigentlich sehr viel Spaß beim schauen.
Man muss zur Folgenanzahl dazusagen das jede Folge ca 42 min dauert.
Das Ending und Opening waren einfach super.
Ich war mal so frei und habe das Opening und das Ending unten eingespoilert.

Beide Lieder sind von der Band Galneryus.
Das sollte das Opening sein:
COM_KUNENA_BBCODE_SPOILER COM_KUNENA_LIB_BBCODE_SPOILER_EXPAND


Das das Ending:
COM_KUNENA_BBCODE_SPOILER COM_KUNENA_LIB_BBCODE_SPOILER_EXPAND


Auch jetzt höre ich diese beiden Lieder ab und zu. (einfach gute Lieder)
Nachdem ich die Rezension gelesen habe, habe ich wieder richtig lust den Anime noch einmal zu schauen.
Eine wirklich gute Rezension ist es geworden.
Ich kann den Anime eigentlich denn meisten redlich empfehlen.
So bevor ich noch weiter aus dem Nähkästchen plaudere verabschiede ich mich besser.
Eine schönen Abend/Tag.

*o-bye*


Asuka..
Erstmal vielen Dank für die gut geschriebene Rezension. Ich habe Mnemosyne noch nicht geschaut aber wurde auf diesen Titel leicht aufmerksam. Wusste bisher aber nie, ob ich es mir wirklich anschauen sollte. War mir immer etwas unsicher dabei aber dank der Rezension, werde ich mir den Anime höchst wahrscheinlich früh oder später anschauen. Ich mag düstere Animes sehr und ich glaube dieser Anime könnte auch meinen persönlichen Geschmack treffen.

Ich bin auf jeden Fall echt neugierig. Mal sehen ob mir der Anime gefällt. ^^


LordDracir
Hatte ich sowieso schon auf der Liste aber hey wird das Teil schon früher gesehen *o-gj*

Oh und bei PrinzKoks Profil gibt es ja einige sehr positiv bewerte Horror-Titel *o-wahaha*