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THEMA: Mädchen am Strand

Mädchen am Strand 1 Woche 6 Tage her #840225

  • Kuebert
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Inio Asano dürfte wohl vielen Manga-Fans ein Begriff sein. Immerhin konnte er schon mit einigen Titeln, wie zum Beispiel Solanin und Gute Nacht, Punpun, größere Erfolge verzeichnen und ist vor allem auf dem deutschen Markt stark vertreten. Die Geschichten behandeln oft alltägliche Probleme, sind jedoch im Stil sehr individuell und stechen durch viel Kreativität hervor. Er beherrscht es außerdem, mit viel Feingefühl eine bestimmte Atmosphäre zu erzeugen, die den Leser gebannt den weiteren Verlauf der Handlung verfolgen lässt. Seine Werke sind einzigartig und in seiner Schaffensfreude stellt er sich auch immer neuen Aufgaben. So auch in seinem neusten Werk Dead Dead Demons DeDeDeDeDestruction, in dem er erstmals ein Sci-Fi-Setting verwendet. Ohne Erfahrung mit dem Genre zu haben, legt Asano einfach los und zaubert mit Alltagsgegenständen wie Aschenbechern verrückte Raumschiffe auf die Seiten und bemalt einzelne Panel mit wahnwitzigen Illustrationen und teils willkürlichen Textanordnungen in allen Größen und Formatierungen. Hat man also ein Regal voller Asano-Mangas vor sich, kann man wohl blindlings hineingreifen und den Zufall entscheiden lassen. Bereuen wird man es nicht. Ihr glaubt mir nicht? Dann testet es mal aus und schließt eure Augen, gebt mir die Hand und lasst mich dieser Zufall sein, der euch an eine Kleinstadt am Meer führt und euch ein besonderes Mädchen vorstellt. Und glaubt mir, es wird eine Begegnung sein, die ihr so noch nie erlebt habt.

Der Manga Umibe no Onnanoko erschien von 2009 bis 2013 im japanischen Magazin Manga Erotics F und umfasst zwei Bände mit insgesamt 20 Kapiteln. Wie schon Solanin, Gute Nacht, Punpun, What a Wonderful World und weitere Werke des Mangakas wurde auch dieses von Tokyopop lizenziert und ist somit auf Deutsch unter dem Titel Mädchen am Strand erhältlich. Dem aufmerksamen Leser wird der Name des Veröffentlichungsmagazins nicht entgangen sein, denn dieser spricht buchstäblich Bände.

In nicht ganz jugendfreier Art und Weise wird die Beziehung zweier Jugendlicher aus einer Kleinstadt an der Küste erzählt. Die Mittelschülerin Satou Koume wird von ihrem Schulschwarm emotional und sexuell ausgenutzt, nur um danach wie ein Fremdkörper abgestoßen zu werden. Verletzt und völlig verwirrt ob ihrer aktuellen Situation trifft sie auf Schulkamerad Isobe, dessen für sie fremder Körper ihr wiederum Trost und Ablenkung spendet. Satou wechselt auf einmal die Seiten, denn ihr Lustobjekt Isobe gesteht von Anfang an seine Gefühle für sie, die sie jedoch eiskalt abblockt. Innerlich verschlossen öffnet sie ihm nur ihren Körper, in den er nach Belieben eindringen darf. Was mit einer rein körperlichen Beziehung beginnt, entfaltet sich zu einem bittersüßen Beziehungsdrama, das mit vielen Schockmomenten, unvorhersehbaren Wendungen und einem interessanten Finale aufzuwarten weiß. Aber lasst uns zunächst noch etwas an der Oberfläche bleiben.


Es ist zweifelsohne die Art der Beziehung, die diesen Manga von den zahlreichen anderen zuckersüßen Mittelschulromanzen abgrenzt und somit von vornherein interessant erscheinen lässt. Viele solcher Geschichten halten die Unschuld und Reinheit der Schüler hoch und fokussieren sich fast nur auf die romantischen Gefühle. Ein heiß erwartetes Liebesgeständnis, ein rührender erster Kuss, warmherzige Momente als Paar– der Großteil der romantischen Slice of Life-Stories geniert sich davor, wirklich explizit oder überhaupt intim zu werden. Das Mädchen am Strand hingegen ist obszön und schert sich nicht um Andeutungen und lange Umschweife, nein, es wird schon in den ersten Kapiteln wortwörtlich der Höhepunkt auf die Seiten skizziert. Asano nimmt kein Blatt vor den Mund – ganz im Gegenteil – es wird einfach alles in den Mund genommen, was der menschliche Körper so zu bieten hat. Bedingt durch die Darstellung einer zunächst rein sexuellen Beziehung wird also der Fokus stark auf den Geschlechtsverkehr an sich gelegt. Ansprechend ist hierbei jedoch nicht nur die reine Abwechslung zu prüderen Geschichten, denn dann könnte man wohl auch einfach irgendeinen Hentai schauen. Es ist viel mehr die Inszenierung des Aktes selbst, die eine weitere Besonderheit schafft.

Sex ist nicht gleich Sex. Vor allem nicht in medialer Darstellung. Während Hollywood oft auf einen allzu perfekten Ablauf setzt, der im beiderseitigen Höhepunkt zweier wunderschöner Menschen auf einem Kingsize-Bett endet, neigen Mangas und Animes häufig dazu, mit überproportionalen Körperteilen und überzogenen Szenen, die in teils amüsanten Reaktionen gipfeln, das Treiben übersexualisiert und schlicht übertrieben darzustellen. In das Mädchen am Strand hingegen ist auch mal eine enge Schultoilette romantisch genug und die Körper von Satou und Isobe haben sowohl im Charakterdesign als auch im Verhalten einen überaus natürlichen Anspruch. Ungeschickte Handgriffe, ungelenke Körper, die sich ineinander verschlingen, verstohlene und unsichere Blicke, die versuchen, sich nicht zu treffen, eine spürbare Neugierde und ein stetes Schamgefühl– es ist das Zusammenspiel aus Gestik und Mimik, die das Ganze so realistisch wirken lässt. Besonders wirkungsvoll sind dabei die ausdrucksstarken und vielsagenden Augen und Gesichtszüge der Hauptfiguren, die es schaffen, dem Leser vieles auch ohne Worte mitzuteilen.

Und auch wenn der Manga in manchen Szenen ganz bewusst den Bogen überspannt und so für den ein oder anderen Schockmoment sorgt, wird der Sex insgesamt als das dargestellt, was er nun mal ist: das Normalste und Natürlichste der Welt und dies gilt eben auch für Teenager.

Geschlechtsverkehr ist in vielerlei Hinsicht praktisch. Zum einen wird hier ein USP (Alleinstellungsmerkmal) geschaffen, der das Werk schon deshalb ansprechend macht, da Sex nun mal in der Natur des Menschen liegt und reizvoll ist. Andererseits ist er auf einer erzählerischen Ebene das ideale Mittel, um die Beziehung dynamisch und ganz organisch voranzutreiben. Was meine ich damit? Nun, das Verhältnis der beiden ist zunächst ein rein körperliches, doch wird gerade durch die häufig stattfindenden Treffen erst der Weg für eine emotionale Beziehung geebnet. Denn wenn nicht zufällig eine Schultoilette oder verstaubte Lagerhütte in der Nähe ist, dient Isobes Wohnung als die perfekte Wohlfühloase, da dieser aufgrund seiner viel beschäftigten Eltern die meiste Zeit alleine lebt. Was mit Treffen für nur das Eine anfängt, wird nach und nach zu allem Möglichen. Und so verwenden Isobe und Satou die gemeinsame Zeit nicht nur zum Austausch von Körperflüssigkeiten, sondern auch von persönlichen Informationen. Gespräche über Lieblingsmangas und Musik, über Klassenkameraden und die Schule, über die eigene Familie und das Leben in der Kleinstadt, über Vergangenes und Bevorstehendes. Sie teilen sich einander Ängste und Gedanken mit. In Momenten der Nacktheit entblößen sie sich Stück für Stück voreinander.

Dass die Beziehung von Isobe und Satou das ganze Werk bestimmt, dürfte längst klar geworden sein. Asano setzt weder auf ein groß ausgeschmücktes Worldbuilding noch auf ausgefallene Plotlines. Auch Nebenfiguren wie Familienangehörigen, Klassenkameraden oder sonstigen Dorfbewohnern wird nicht viel Wert beigemessen. Zu ihnen werden nur sehr oberflächlich die nötigsten Informationen mitgeteilt, die sich perfekt als Namensergänzungsmittel eignen: „Beste Freundin von Satou“, „Baseballfreak“, „Schulschönling“ oder „Kleinkriminelle“. Im gleichen Sinne ist auch das Setting einer ruhigen Kleinstadt an der Küste, in der es nicht viel zu tun gibt, ideal, um die Zweisamkeit der Hauptfiguren zu rechtfertigen.

Wozu dient die viele Zweisamkeit aber überhaupt? Und was macht denn nun die Beziehung der beiden so besonders? Oder ist Sex wirklich alles, was das Werk zu bieten hat? Natürlich nicht! Es ist nämlich gerade die emotionale Ebene der Charaktere und der Beziehung, die einen wirklich an die Seiten fesselt. Während Satou sich nicht von ihren Eltern oder sonst irgendwem verstanden fühlt, versuchen es die Personen in Isobes Umgebung erst gar nicht. Sie ist einigermaßen beliebt und besitzt ein normales soziales Umfeld, er ist ein Einzelgänger, der immer nur allein im Zimmer Musik hört, Mangas liest oder am Computer seine Zeit verbringt. Hinter Isobes stoischer und arroganter Art, mit der er besonders auf das einfache Leben der Einheimischen herabblickt, befindet sich ein tiefsitzendes Trauma. Nur bei ihr kann er diese Fassade nicht so recht aufrechterhalten, denn insgeheim sehnt er sich nach Verständnis, Wärme und vor allem Liebe. In der sexuellen Befriedigung sucht er nach positiven Gefühlen, die ihn zumindest für den Moment seine Sorgen und Ängste vergessen lassen. Satou hingegen versucht vor Anderen das fröhliche und brave Mädchen zu spielen. Vor Isobe aber gibt sie sich als die Coole und Gefühlslose, die nur auf Sex aus ist. Sie hat Angst, ihre wahren Gefühle zu zeigen, sie hat Angst davor, wieder verletzt zu werden. Sie ist innerlich verunsichert und weiß nicht genau, was sie will. Beide Mittelschüler können sich körperlich einander ganz hingeben, doch finden oft nicht die richtigen Worte, um sich ihre wahren Gefühle mitzuteilen. Ihre Taten und Entscheidungen sind nicht rational, sondern emotional aufgeladen, was sie so authentisch wirken lassen. Die doch so unterschiedlichen Charaktere von Isobe und Satou, vor allem aber ihre Traumata, sorgen für ein unvorhersehbares Beziehungsdrama, das spannend und mitreißend ist und nicht unnötig romantisiert oder beschönigt wird. Stattdessen wird der Leser mit einem bittersüßen Nachgeschmack hinterlassen.


Asano will eine authentische Jugendliebe darstellen. Dies gelingt ihm aber nicht nur durch den Plot und das Verhalten der Figuren, sondern auch durch seinen so wunderschönen Artstyle. Wie bereits oben erwähnt, stechen einem die ausdrucksstarken Gesichtszüge und realistischen Charakterdesigns sofort ins Auge. Aber es sind in erster Linie die Hintergründe, die so viel zur Atmosphäre beitragen. Denn auch wenn der Umgebung inhaltlich keine sonderliche Bedeutung beigemessen wird, besitzen die einzelnen Orte doch einen so natürlichen Charm, der auf eine unglaubliche Liebe zum Detail zurückzuführen ist. Straßengassen mit Getränkeautomaten, Konbinis, die Küstenpromenade, die Schule und Klassenräume, Tempelanlagen, Isobes Zimmer – all diese Plätzen zeichnen sich durch einen sehr fotorealistischen Look aus, der aus einem Mix von digitaler und analoger Zeichentechnik entstanden ist. Als Vorlage nutzte der Mangaka oft Fotoaufnahmen, die er dann am Computer nachbearbeitete und ihnen anschließend per Hand ganz viele Feinheiten einverleibte. Die fertigen Panels sehen oft atemberaubend schön aus und gerade die großen Panoramabilder, wie zum Beispiel das von Satou, die auf die Weite des Meeres hinausblickt, sind wunderschön gezeichnet. Asanos Erzählstil lässt einen das Werk wirklich schnell verschlingen, aber so schnell man auch über die einzelnen Seiten fliegen kann, sind es Bilder wie diese, die einen innehalten lassen und bei denen man gar nicht weiterblättern möchte.

Hervorheben möchte ich besonders auch die Art und Weise, wie Asano unterschiedliche Handlungsstränge aneinanderfügt und gegenüberstellt. Denn es sind nicht einmal die intimen Momente zu zweit, die einen am stärksten in den Bann ziehen, sondern vor allem solche, in denen unsere Hauptfiguren getrennt voneinander agieren. Auf dramaturgisch sehr clever inszenierte Weise, stellt der Mangaka mehrmals parallel ablaufenden Handlungen gegenüber. Panel auf Panel verfolgt man gebannt Satous und Isobes nächsten Schritt. So versucht sie beispielsweise ihre Sorgen mit einer Strandparty und anschließendem Karaoke zu vergessen, während er allein am Computer sitzt und kurz davor ist, in einem Chat mit einem Unbekannten all seine Ängste zu offenbaren. Auf beiden Seiten intensiviert sich die Handlung und sie begeben sich in immer brenzlicher werdende Situationen, die doch unterschiedlicher nicht sein könnten, nur um am Ende wieder am Anfang zu stehen und mit ihren Problemen völlig eingelassen einsam in der Dunkelheit zu sitzen.

Das Mädchen am Strand ist mit Sicherheit Asanos obszönstes Werk und zugegeben das perverseste, das ich bislang gelesen habe. Die sich über 20 Kapitel erstreckende Geschichte der anfänglich reinen Sexbeziehung schockiert aber nicht nur, denn das Verhältnis der Hauptfiguren ist überraschend einfühlsam, emotional mitreißend und unvorhersehbar. Der spezielle Look, der solch wunderschöne Hintergrundbilder kreiert, unterstützt die sowieso schon authentische Jugendbeziehung im idealen Rahmen. Obendrauf sorgt der dynamische Erzählstil in Verbindung mit dem sehr gut durchdachten Seitenlayout dafür, dass man sich völlig in der Handlung verlieren kann und von der Atmosphäre mitgerissen wird. So, ihr könnt jetzt die Augen wieder öffnen, endlich meine Hand loslassen, den ersten Band aufschlagen und selbst das Mädchen am Strand kennenlernen.

Vielen Dank fürs Lesen, euer Kuebert.

Letzte Änderung: 1 Woche 4 Tage her von Kuebert.
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