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THEMA: Litchi☆Hikari Club

Litchi☆Hikari Club 2 Monate 6 Tage her #825022

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Einer der interessantesten Unterschiede zwischen den gegenwärtigen non-interaktiven Entertainment-Branchen in Japan und im Westen ist der Hang zur Gesellschaftskritik. Während Romane und Filme heutzutage solche Themen meist nur noch anschneiden, um eine möglichst große potentielle Zielgruppe anzusprechen, liegen diese bei Animes und Mangas oft bereits untrennbar im Mittelpunkt der Handlung. Selbst größere Werke verfügen aktuell meist über solche Aspekte, trauen sich jedoch selbstverständlich nicht an wirklich kontroverse oder unangenehme Themen heran. Die Chance, sich diesen Aufgaben anzunehmen, obliegt deshalb kleineren Mangas wie Litchi☆Hikari Club, bei denen die Aussage in ihrer Relevanz oft noch über dem kommerziellen Erfolg steht.

Beim Werk handelt es sich um einen insgesamt 1 Volume umfassenden Manga von Usamaru Furuya, der ursprünglich von Mai 2005 bis Mai 2006 im Magazin Manga Erotics F des Verlags Ohta Publishing publiziert wurde. Bereits 1994 sorgte der Autor durch die andersartige Struktur seines Debut-Mangas Palepoli für Aufsehen und konnte sich seitdem in dutzenden weiteren Geschichten als Spezialist für verstörenden sowie erotischen Psycho-Horror etablieren. Inspiration für sein wahrscheinlich bekanntestes Werk Litchi☆Hikari Club fand Furuya in einem gleichnamigen Theaterstück von Norimizu Ameya für die Gruppe Tokyo Grand Guignol aus 1985 sowie auch seiner eigenen Manga-Adaption des japanischen Horrorfilms Suicide Circle. Eine Lizenz wurde in Deutschland bislang nicht vergeben.

In einer verdreckten Industriestadt, die der Manga seinen Schauplatz nennt, trifft sich eine Gruppe männlicher Mittelschüler regelmäßig in einer verlassenen Fabrik. Sie nennen sich den Hikari Club. Dort, abseits der restlichen Stadtbewohner, arbeitet die in einer festen Rangordnung unter dem Anführer Zera agierende Bruderschaft an ihrem Werk, das ihren Lebensweg gravierend verändern soll: einem selbstdenkenden Roboter, der mit den namensgebenden Litchi-Früchten angetrieben wird. Im Rahmen dieses Prozesses entwickelt sich der Zusammenschluss der Jugendlichen jedoch zu einem wahren Regime der Gewalt und Perversion, in dem immer extremere Maßnahmen getroffen werden, um die Hierarchie zu halten und das unklar definierte Ziel zu erreichen.

Eines der offensichtlichsten Stilmittel, dessen sich Furuya bei Litchi☆Hikari Club bedient, ist der Versuch des Minimalismus – bei Charakteren und Setting. Im zweitgenannten Fall äußert sich das neben dem fehlenden Stadtnamen im extremen Fokus auf wenige relevante Locations und Sichtweisen. Der Autor gewährt dem Leser kaum Einblicke in den Alltag der handelnden Personen außerhalb des Clubs, zudem werden jegliche Ansätze des Worldbuildings bereits früh abgebrochen. Dasselbe gilt auch für die Vorgeschichten der Charaktere, die lediglich abstrakt angeschnitten werden, sollte es für die Handlung von Relevanz sein. Allgemein werden dem Leser nicht viel mehr Informationen als Rang und Name geboten, die restlichen Charakteristika können und müssen aus dem Verhalten erschlossen werden. Anders als beispielsweise bei Mobile Suit Gundam Thunderbolt dient der Minimalismus hierbei nicht unbedingt der Präsentation von Werk-Motiven oder -Aussagen, stattdessen soll die beabsichtigte Absenz des Kontexts die Handlung abstrahieren sowie sich verstärkend auf die drückende Atmosphäre auswirken. Dies gelang Furuya mit Bravour, es ist stellenweise wirklich unglaublich, welch Emotionen diese doch ziemlich simplen Charaktere entfachen können. Dass die kranken Handlungen der Jugendlich durch die fehlenden Informationen über ihre restlichen Leben noch um einiges absurder und sinnloser wirken, dürfte ebenfalls beabsichtigt sein.

Kein Wunder, denn ihre Rolle im Werk ist es primär, den Leser schockiert zurückzulassen. Usamaru Furuya machte sich auch schon vor seiner Arbeit an diesem Manga mit seinem extremen sowie extrem kreativen Gore einen Namen, somit sollten die gezeigten Bilder grundsätzlich niemanden verwundern. Der Vollständigkeit halber muss jedoch erneut die Palette und Qualität erwähnt werden, mit welcher der Autor die stellenweise wirklich ekelerregenden Gräueltaten präsentiert. Aufgeschlitzte Bäuche, abgetrennte Gedärme, aufgespießte oder sogar gespaltene Körper – für Fans exzessiver Gewaltdarstellung wird gewohnt viel geboten. Damit jedoch auch diese wenigstens einen Teil des Horrors der restlichen Leserschaft erhalten, präsentiert das Werk durchaus ebenfalls sexuelle Gewalt, unter anderem an einer Minderjährigen. Somit verkommt der Manga glücklicherweise nicht zum reinen Folterporno und schafft es gut, die Absurdität und Sinnlosigkeit der Aktionen in einer angemessen negativen Betrachtungsweise darzustellen. Als vorteilhaft für dieses Unterfangen stellt sich auch der unsaubere, hart schraffierte jedoch zugleich detailreiche Zeichenstil heraus, der die marode Atmosphäre in starken Bilder auszudrücken vermag. Zusätzlich zu den Gewaltszenen setzte das Werk auch in einem anderen Aspekt auf extreme Darstellungen: die in der Handlung thematisierte Homosexualität mancher Charaktere. Hierbei präsentiert das Werk die Geschehnisse erneut in einer künstlerisch anspruchsvollen jedoch aufgrund der Thematik durchaus bemerkenswerten Drastik, die man in solch einem Detailgrad nicht in einem kommerziell vertriebenen Manga erwarten würde – erst recht nicht, wenn man das Alter der agierenden Figuren bedenkt. Kontroversen wie diese dürften allerdings nicht sonderlich verwundern, schließlich ist der publizierende Verlag Ohta Publishing primär für provokative Mangas bekannt.

Reine Provokation kann allerdings nie die Basis eines funktionierenden Werkes bilden, viel wichtiger ist die Struktur. Die elementare Frage liegt hierbei im Fokus: Will der Autor mit seinem Werk primär eine Handlung erzählen oder stellt er lieber die Thematisierung der Motive den Mittelpunkt? Wie bereits einleitend erwähnt, erlangte Furuyas Debüt-Manga Palepoli hauptsächlich aufgrund seiner andersartigen Struktur Bekanntheit, somit ist es nicht verwunderlich, dass auch Litchi☆Hikari Club sich klar von den der kommerziell fokussierten Branche entspringenden klassischen Erzählungen abheben will. Stattdessen wählt das Werk den kunstvolleren Weg und fokussiert sich primär auf seine interpretierbaren Inhalte. So sehr dies zu respektieren ist, so stark wirkt sich dies leider auch auf die Leseerfahrung aus. Gerade in Verbindung mit dem Minimalismus der Informationsgabe ist es teilweise nicht leicht, dem zwar chronologisch geordneten jedoch zeitlich nicht wirklich eingestuften Geschehen zu folgen. Dies ist ein wenig schade, denn gerade die Intrigen gegen Ende des Werks sind in ihrer Entstehung durchaus interessant und würden klareren Struktur entsprechend florieren. Seine kunstvolle Art unterstreicht der Manga außerhalb der teilweise anspruchsvoll designten Dialoge durch seinen Fokus auf diverse Motive.

Und von diesen besitzt die Reihe einige – manch einer würde sagen, für die kurze Werklänge bereits zu viele. Dies fängt bereits mit den offensichtlichen Analogien zu autoritären Regimes an, gerade zum Nationalsozialismus, was sich auch im Design der Schuluniformen der Charaktere sowie der gelegentlichen Nutzung deutscher Sprache widerspiegelt. Wirklich subtil geht der Manga mit diesem Aspekt nicht wirklich um, jedoch bilden die Intrigen sowie die extreme Reaktion auf äußere Eingriffe durchaus eine tiefere Interpretationsgrundlage. Dieses Thema, das in recht ähnlicher Form beispielsweise bereits im populären Roman Herr der Fliegen von William Golding behandelt wurde, würde eigentlich bereits ausreichen, um die 200 Seiten umfassende Reihe zu tragen. Stattdessen entschied sich Usamaru Furuya jedoch unerklärlicherweise dazu, noch dutzende weitere Themen in sein Werk aufzunehmen: Angefangen bei pubertären Ängsten sowie der Angst vor dem Erwachsenwerden, über die Unterdrückung homosexueller Neigungen zugunsten höheren Standings in der Gesellschaft, bis hin zur Disparität der Ansicht und Behandlung von Frauen in männlich dominierten Gesellschaften. Die Kritik an dieser steht im Mittelpunkt des Werks, wirkt jedoch aufgrund der schieren Menge an Themen schlichtweg unfokussiert. Wie da die Frage nach der Ethik menschenähnlicher künstlicher Intelligenzen hineinpasst, scheint dem Autor selbst nicht wirklich klar gewesen zu sein; so verläuft dieser Plot nahezu vollständig getrennt von den restlichen Motiven.

Litchi☆Hikari Club ist ein schwer zu bewertendes Werk. Grundsätzlich ist der kunstvolle Psycho-Trip in die gewalttätige und erotische Welt dieser Jugendlichen wunderbar marode und verstörend umgesetzt und kann sogar mit einem interessanten und höchst emotionalen Handlungsverlauf aufwarten. Gleichzeitig verliert sich der Manga jedoch vollkommen in seiner unfokussierten Menge komplexer gesellschaftskritischer Themen, die allesamt viel zu wenige Panels zur Entfaltung erhalten. Dass man zu einem solch massiv auf Interpretation ausgelegten Werk kaum einheitliche Auslegungen des Stoffes findet, spricht einfach Bände. Hier wäre weniger mehr gewesen.

Cube

Letzte Änderung: 2 Monate 4 Tage her von hYperCubeHD.
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