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THEMA: Tekkon Kinkreet

Tekkon Kinkreet 3 Monate 2 Wochen her #814921

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„Was hat es eigentlich mit Feuer auf sich? So ruhig und friedlich doch … im Inneren all diese Kraft und Zerstörung. Genauso, wie es bei Menschen der Fall ist. Manchmal muss man zu nah herantreten, um herauszufinden, was sich im Inneren verbirgt. Manchmal muss man sich erst verbrennen, bevor man die Wahrheit sieht.“ Mit diesem Zitat sät der Film und das Objekt der heutigen Rezension die Saat der Neugier in den Köpfen der Zuschauer – der Neugier auf die Bedeutung dieser Zeilen und deren Einfluss auf das, was sich in Kürze vor unseren Augen entfalten soll. Doch für das Gedeihen dieser und eigener Überlegungen diesbezüglich bleibt keine Zeit. Dem Zitat folgend wird uns eine prachtvolle Welt dargeboten, die unsere Aufmerksamkeit gänzlich auf sich zieht. Nach der Aufnahme dieser durch einen kurzen Querschnitt aus verschiedenen Perspektiven wird uns sofort eine schnelle Actionszene voller Energie geboten, in der wir sehen, wie eine Gruppe von Kindern sich gegenseitig über die bunte Bedachung dieser auf Anhieb ansprechenden Welt jagen.

So öffnet der 2006 erschienene Film Tekkon Kinkreet die Pforten zu seiner im Hause von Studio 4C entstandenen Welt und zieht uns direkt in selbige hinein. Ihren Ursprung findet die Geschichte in dem gleichnamigen Manga des Zeichners Matsumoto Taiyou, welcher unter anderem für sein Werk Ping Pong bekannt ist.

Die Geschichte von Tekkon Kinkreet spielt sich in der einst florierenden Stadt Treasure Town ab, die sich über die Jahre zu einem immer weiter verkommenden Slum entwickelt hat. In einem erbitterten Kampf um die Vorherrschaft innerhalb dieser ehemaligen Prachtmetropole gedeiht anstelle von urbanen Oasen oder der Hoffnung auf das Erlangen des alten Glanzes nur das Verbrechen. Doch ganz verloren ist die Stadt noch nicht, denn ein Duo bestehend aus den zwei Waisenkindern Kuro und Shiro geht in Selbstjustiz gegen das vorherrschende Übel vor. Dabei nehmen sie sich nicht nur der zunehmend schwerer werdenden Aufgabe an, ihre Stadt zu beschützen, sondern müssen sie zusätzlich dazu noch sich selbst finden. Das Ganze nimmt aber immer wirrere Züge an, als eines Tages der größenwahnsinnige Inhaber eines Freizeitpark-Franchise die beiden Waisen aus dem Weg schaffen will.

Das Hauptaugenmerk des Werks liegt auf seinen beiden Hauptcharakteren, durch die der Film die Themen Balance und Dualität behandelt. Diese beginnen schon mit den Namen der beiden Waisen, welche zu Deutsch „Schwarz“ und „Weiß“ lauten. Damit repräsentieren beide die daoistische Philosophie von Ying und Yang – die Idee, dass Gegensätze und entgegengesetzte Kräfte ineinander greifen, sich ergänzen und ein untrennbares Ganzes bilden. Dieses Konzept findet sich nicht nur in den Namen der Protagonisten wieder, sondern wird in ihren Charakteren weitergeführt.

Kuro ist auf den ersten Blick ein gewalttätiger und skrupelloser Straßenpunk, der keine Gelegenheit auslässt, in aggressiven Ausschweifungen aufblühen zu können. Doch hinter der – aufgrund seiner kindlichen Statur – zunächst wenig bedrohlich wirkenden Fassade steckt mehr als nur einfache Gewaltbereitschaft. Schnell erhält man den Eindruck, dass unter seinem schwarzen Shirt ein ebenso schwarzes Herz schlägt. Dass sein Erscheinen meist mit der Begleitung eines Raben in Verbindung steht, festigt nur noch das düstere Bild, welches der Film von seinem Charakter zeichnet. Einen kompletten Gegenpol dazu bildet sein Partner Shiro. Dieser ist ganz entsprechend seines Äußeren voller kindlicher Unschuld, blühender Fantasie und strotz nur so vor Optimismus. Trotz der Trostlosigkeit von Treasure Town blickt Shiro lachend in eine strahlende aber bescheidende Zukunft, in der er gemeinsam mit Kuro in einem schönen Haus am Meer wohnt. Somit repräsentiert Kuro Pessimismus und die Unkontrollierbarkeit der Finsternis, während Shiro für Optimismus und das Licht steht. Gemeinsam bilden sie eine untrennbare Einheit, in der sie sich gegenseitig ergänzen, aber gleichzeitig den jeweils anderen zum Existieren brauchen. Ohne Shiro an seiner Seite verliert Kuro die Kontrolle über seine finsteren Tendenzen und sich selbst, während Shiro ohne seinen Kameraden den Optimismus und seine Lebensenergie verliert.

Die Beziehung der beiden Charaktere beschränkt sich jedoch nicht nur auf die Symbolik, denn auch in ihrem Umgang miteinander sehen wir gegenseitige Abhängigkeit und Fürsorge. Der Film behandelt die Thematik Dualität auf eine ausgezeichnete Art und Weise, die von der exzellenten Ausführung der Beziehung und Dynamik dieser beiden ungewöhnlichen Charaktere begleitet und getragen wird. Diese Thematik zieht sich, abseits der Hauptcharaktere, ebenfalls durch die Gesamtheit des Films und wird zu keinem Zeitpunkt vergessen oder verworfen. Von einer verdorbenen Stadt und Plänen für einen Freizeitpark, dem Kampf zwischen Gut und Böse, Polizisten und Yakuza, neu und alt, bis hin zu persönlichen Gegensätzen wie Vaterfreude und Verlust bzw. Leben und Tod. Diese Zweiheit ist allgegenwärtig. Selbst der Titel, der sich mit „verstärktem Beton“ übersetzten lässt, passt zu diesem Thema, da dieser als Verbundwerkstoff die perfekte Metapher für das Zusammenkommen von Gegensätzen und Balance ist. Im Falle des Films halten all die vielen Gegensätze die Balance und ergeben gemeinsam den Schauplatz der Geschichte: Treasure Town bzw. das dort geführte Leben. Dieses ist weder als schwarz noch weiß zu bezeichnen, sondern ist in allen erdenklichen Grautönen vorzufinden.

Die Behandlung Tekkon Kinkreets reichhaltiger Themen wird ausgezeichnet gehandhabt, allerdings wirken diese teilweise etwas aufgezwungen. Der Film hält sich nämlich nicht zurück und präsentiert seine Botschaften nicht gerade auf subtile eine Art und Weise, was speziell zum Ende hin auffällt. Die Mitteilung dieses Gedankenguts mag für den einen zu viel des Guten und für andere wiederum eine gründliche und faszinierende Zurschaustellung dieser Themen und Konzepte sein – man könnte sagen, dass auch hier eine gewisse Zweiheit herrscht.

Was den Rest des überschaubaren Casts anbelangt, so lässt sich sagen, dass jeder dieser Charaktere seine Rolle erfüllt und den Fokus nicht länger auf sich zieht, als es nötig wäre. Etwas bedauerlich ist jedoch, dass einige davon durchaus interessant sind und es wert wären, näher betrachtet zu werden. Auf diese wird aber aufgrund des Fokus auf das Hauptduo leider nicht weiter eingegangen.

Das Pacing des Films ist relativ langsam, vor allem zu Beginn der Geschichte, vollzieht später aber einige Timeskips und schreitet so mit immer größeren Schritten auf ein etwas zu schnelles Ende zu. Negativ anzumerken ist beim Plot auch der große Shift ab der Mitte des Films. Dort findet ohne große Wendungen eine Verlagerung statt, welche die Story in eine ander Bahn lenkt. Zu Anfang erzählt der Film die Geschichte zweier Waisen, die ihre Heimat vor der Gier eines riesigen Konzerns schützen wollen, verwirft diese aber in seinen späteren Instanzen zugunsten der spirituellen Entwicklung und Selbstfindung der Beiden. Dieser veränderte Verlauf des Plots enttäuscht in der Hinsicht, dass die eingangs vielversprechende Welt nicht weiter erkundet wird. Dies ist aber angesichts des durchaus unterhaltenden Plots rund um Kuro und Shiro hinzunehmen.

Wie eingangs bereits erwähnt ist die Selbstfindung eine weitere große Thematik des Films. Kuro und Shiro müssen herausfinden, wer sie wirklich sind. Davon erhalten wir einen ersten Vorgeschmack, als wir sehen in welche Richtungen sich beide ohne den jeweils anderen entwickeln. Kuro lebte die längste Zeit seines Lebens im Irrglauben, dass die Stadt ihm gehöre und dass er Shiros Beschützer sei. Als diese Fehlannahme in Bezug auf seine Weltanschauung und sein Selbstempfinden durch Shiros Abwesenheit herausgefordert wird, muss er sich seiner eigenen Finsternis und ultimativ sich selbst stellen. In einer emotionalen und visuell ansprechenden Szene kommt er für sich zu einer Schlussfolgerung, deren befreiende Wirkung sowohl bei ihm als auch beim Zuschauer stattfindet und eine Weile nachwirkt. Spätestens hier ergibt das Zitat zu Beginn des Films Sinn und der Kreis schließt sich. Man muss jedoch zugeben, dass der Ausgang der Geschichte vorhersehbar ist und nicht mit aufregenden Entwicklungen oder Twists glänzen kann. Dies, sowie die Tatsache, dass das Konzept von Ying und Yang bereits abermals behandelt wurde, entkräftet bzw. entwertet in keiner Weise die Botschaft des Films und die Erfahrung, die man mit diesem macht. Die spannende Reise der beiden Hauptcharaktere zur Selbstfindung und deren Charakterisierung auf diesem Weg unterhält genug, um über diesen Mangel hinwegsehen zu können

Der Artstyle von Tekkon Kinkreet ist unorthodox aber lebendig und kreativ. Insbesondere die wunderschönen Hintergründe sind beeindruckend und hier hervorzuheben, da diese mit unglaublich viel Liebe zum Detail überzeugen. Jeder Frame lädt mit seinen strahlenden Farben und den Unmengen an einzelnen Feinheiten dazu ein, erforscht und genossen zu werden. Selbst in der Optik der Stadt taucht das Thema des Dualismus erneut auf, da brillante Farben und Detailverliebtheit im Gegensatz zur Verdorbenheit und Hoffnungslosigkeit dieser Stadt stehen. Zusammenkommend ergänzen sie sich aber und erzeugen eine attraktive Welt die gleichermaßen Neugier und Faszination auslöst. Die Charakterdesigns hingegen sind weniger schön anzusehen, da die Proportionen etwas ungewöhnlich sind und sie insgesamt von herkömmlicher Ästhetik abweichen. Selbst wenn diese nicht gerade als ansehnlich zu bezeichnen sind, so harmoniert ihre Simplizität mit der Aufgeregtheit der Hintergründe und fügt sich gut in diese surreale, bunte Welt ein. Die Animation ist immer flüssig und wartet mit einigen dynamischen Kamerafahrten auf, die den Film weiterhin visuell aufwerten.

Schlussendlich lässt sich sagen, dass Tekkon Kinkreet trotz seiner Versäumnisse überzeugen kann. Er hält das Gleichgewicht zwischen einem interessanten Konzept und das Aufzwingen dieses Konzepts in der Präsentation, der guten Charakterisierung und der Vorhersehbarkeit der Entwicklung des Plots, der interessanten Welt und dem Ausbleiben weiterer Erkundung dieser, den ansprechenden Visuals sowie Animation und den ungewohnten Charakterdesigns. Wer auf der Suche nach einem artistischen Film mit tollen Visuals und einer interessanten Welt sowie guter Charakterisierung ist, macht hiermit nichts falsch.

Letzte Änderung: 3 Monate 1 Woche her von Gowther.
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