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THEMA: Mouryou no Hako

Mouryou no Hako 1 Monat 3 Wochen her #773928

  • Jack.
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„Ich werde nie begreifen, wie ein Mensch einen anderen umbringen kann. Dafür kann es keine Rechtfertigung geben. Man kann es zwar erklären, aber rechtfertigen kann man es nie.“ Mit diesen Worten prägte Detektiv Conan meine Kindertage. Auch wenn sich ein Fall als noch so knifflig herausstellt und die Verdächtigen alle irgendein Alibi vorweisen können, schafft es der kleine Mann doch stets, sämtliche Hinweise wie Puzzleteile zusammenzufügen und damit den Tathergang genauestens schildern zu können. Noch heute ist der Anime einer meiner Lieblinge, wobei natürlich auch der Nostalgiefaktor eine wesentliche Rolle spielt. Auf der Suche nach einer erwachseneren, düsteren Krimi-Serie mit Charakteren, die zwar mit viel Intelligenz gesegnet sind, aber nicht jeden Mordfall im Alleingang aufklären können, stieß ich auf Mouryou no Hako.

Mouryou no Hako („Kiste der Naturgeister“) erschien im Jahre 1995 und ist ein Roman des japanischen Autors Natsuhiko Kyōgoku. 2007 erfolgte eine Manga-Adaption und ein Jahr später wurde das Ursprungswerk als Animeserie umgesetzt. Für die Animation zeigte sich Studio Madhouse und für die Regie Ryōsuke Nakamura verantwortlich, bekannt für das Mystery-Werk Aoi Bungaku Series oder das jüngere Fantasy-Drama Hai to Gensou no Grimgar.

Ein kleiner Prolog wirft uns mitten in die Geschehnisse hinein, um die es sich später drehen wird. Ein Mann sitzt einem anderen in einem Zugabteil gegenüber, der mit einem grotesken Lächeln die Lade einer verzierten Kiste öffnet, die er mit sich führt. Schrecken zeichnet sich im Gesicht dessen ab, der gewahrt, was sich darin befindet: der augenscheinlich noch lebendige Kopf eines jungen Mädchens.

Genauso bizarr und nebulös setzt die Story nun ein. Das schönste und intelligenteste Mädchen einer Schulklasse sucht sich ausgerechnet das durchschnittlichste als beste Freundin aus. Wie es diesem erklärt, scheint ihr Zusammentreffen sogar Fügung zu sein, was sie damit begründet, dass sie die Reinkarnation des jeweils anderen seien. Stirbt eine von ihnen, würde sie nach ihrem Tod in einem anderen Körper weiterleben und somit die Identität der Freundin erben. Diese Vermutung soll schon bald auf die Probe gestellt werden, da die Beliebtere von beiden durch einen Zugunfall schwer verletzt wird. Bald darauf werden im umliegenden Bezirk in Kisten gepackte Teile von jungen Schulmädchen entdeckt. Inspektor Shūtarō Kiba ermittelt in dieser bizarren Mordserie und versucht, Anhaltspunkte zu finden, inwiefern das Unglück am Bahnhof und die Aufdeckung der zerstückelten Arme und Beine zusammenhängen könnten und welche Person hinter den Gräueltaten steckt. So stellen sich die Bewohner des Ortes bald die Frage: „Ist es ein Mensch oder gar ein Dämon?“

Akihiko Chūzenji ist der Mann, der es wissen muss. Zumindest beschäftigt sich der ehemalige Exorzist Zeit seines Lebens mit Dämonenaustreibungen von Besessenen und kennt zahlreiche Mythen rund um den japanischen Volksglauben. In seinem Studierzimmer lagern hunderte von Schriften, die er bereits durchkämmt hat. Auf der Suche nach Anhaltspunkten schließen sich ihm dabei ein Journalist sowie ein exzentrischer Detektiv mit hellseherischen Fähigkeiten an. Auch mit von der Partie ist ein junger Schriftsteller namens Sekiguchi, seines Zeichens Romancier mehrerer Bände, in denen es um absurde Träume geht. Dieses Gespann, das unterschiedlicher nicht sein könnte, versucht auf eigene Art, Licht ins Dunkel zu bringen, und operiert zunächst ohne die Hilfe des Inspektors. Es irrt jedoch derjenige, der glaubt, hierbei handle es sich um genau beschriebene Charaktere. Vielmehr beläuft es sich auf die Einblicke in ihr Leben, die im Verlauf der Zusammenarbeit mit den anderen enthüllt werden oder uns durch kleine Rückblenden zukommen. Dabei bewegen sich trotz der spärlichen Ausführungen fast alle Figuren abseits der üblichen Stereotype und treten sehr erwachsen auf. Symbolisch ist die Frage nach dem Dämon, der das Blutbad in der Stadt angerichtet hat, im Zusammenhang mit den inneren, bösen Geistern, mit denen manche Menschen zu kämpfen haben. So kann der Polizist Kiba ein unberechenbarer Choleriker sein, der in seiner Wut allzu leicht Hinweise in der Ermittlung übersehen und anderen Leuten bei der Befragung Angst einflößen kann, während Sekiguchi eine emotionale Labilität aufweist, die er nach außen hin zu verbergen weiß.

Die komplette Serie ist durch einen sehr ruhigen Erzählstil geprägt, der sich die meiste Zeit in den Dialogen derer äußert, die den Fall untersuchen. Durch ständig wechselnde Zeiten und Standpunkte der Sprecher vermag der Anime leicht zu verwirren, womit es äußert notwendig ist, die wechselnden Szenen, die sich mal in der Gegenwart und in der Vergangenheit zutragen, richtig einzuordnen und dabei auf das Datum zu achten. Wer also mit vielen, komplexen Unterhaltungen oder Perspektivwechseln nichts anfangen kann, wird wahrscheinlich sehr früh das Handtuch werfen. Doch wer denkt, dass er dem gewachsen sei, sei geraten, das Werk in einem Stück zu schauen, da somit die Geschehnisse besser rezipiert werden können. Schnell ergibt sich ein Puzzle aus Ereignissen und Theorien sowie vielen verschiedenen Namen, die sich unbedingt gemerkt werden müssen, da die Auflösung am Schluss dieses Wissen als obligatorisch voraussetzt.

Schlussendlich ist Mouryou no Hako dann doch wieder in das Genre der Krimis über Meisterdetektive einzuordnen, die die Bühne wie ein Star betreten, das Geflecht aus Hinweisen zu einem sinnvollen Ganzen zusammenfügen und im Irrtum Befangene in der Serie sowie vor dem Bildschirm gleichermaßen verblüffen. Es schlägt die Stunde von Chūzenji, ein wahrer Bad Ass-Priester, der mit einer Seelenruhe leise im Hintergrund zuhört und dann in Erscheinung tritt, wenn seine Kombinationsgabe gefragt ist. So sind seine Mitstreiter nicht viel mehr als Außendienstler, die Leute befragen und Recherchen tätigen, da ihm die zufließenden Informationen allein als Fingerzeig genügen, um dem Täter nach und nach auf die Schliche zu kommen. Nicht nur diese überragende Kompetenz in einer Person entpuppte sich als Störfaktor, sondern auch der Hang des Animes gegen Ende vermehrt ins Esoterische zu wandern, was überhaupt nicht nötig gewesen wäre, und das Vergnügen am Miträtseln etwas schmälert. Anders verhält es sich dabei mit dem ausgewogenen Exkurs in japanischer Mythologie, der mich sehr interessiert hat, jedoch für Zuschauer mit wenig Muße für das Übernatürliche die Nerven eher spannen könnte. Die Mouryou, eine bestimmte Art von Yōkai, deren Ursprung im alten China liegt, werden im Anime gut zwei Folgen lang in ihrer historischen Entwicklung durchexerziert. Wo sie nun ihren Lebensraum haben, ob sie dem Menschen gegenüber feindlich gesinnt sind oder mit welchen Mitteln man ihnen am besten begegnet, weiß Chūzenji zwar recht genau, doch auch er wagt sich nicht an diese Wesen heran, was er auch bereitwillig zugesteht.

Auch wenn die negativen Punkte, welche dem Anime anhaften, durchaus ihre Berechtigung haben, schafft er es präsentationstechnisch einiges wett zu machen. Die reife, detaillierte Zeichnung im Zusammenspiel mit passender, düsterer Szenerie und Licht- und Schattenspielen ergänzen sich perfekt im Hinblick auf den ruhigen Erzählstil des Werks. Die Atmosphäre schwankt dabei zwischen getragen und leicht bedrohlich, während das lauernde Böse im Stillen darauf wartet wieder zuzuschlagen. Wie eingangs erwähnt, arbeitete der Regisseur an den Episoden 9 und 10 von Aoi Bungaku Series mit, in der die Short Story „Run, Melos!“ thematisiert wird und sich manche dieser Merkmale wiederfinden lassen.
Ganz in dieser Manier macht auch der Sound einen soliden Eindruck. Oftmals reichen für die langen Unterhaltungen, die an einem langsam vergehenden Spätsommertag geführt werden, lediglich zirpende Zikaden als hinreichende Ergänzung. So ist man meistens durch die Komplexität ohnehin so in die Geschehnisse vertieft, dass diese Untermalung völlig ausreichend wirkt. Daneben sind es bedrückende und melancholische Klavierstücke und im späteren Verlauf Passagen mit Violinen, die etwas Abwechslung garantieren. Bei den Titelliedern lässt sich insbesondere das Opening „Lost in Blue“ der Band Nightmare hervorheben, welches zwar in diesem Ensemble an träumerischen und schwermütigen OSTs fehl am Platze wirkt, aber sich schlichtweg schön anhört.

Mouryou no Hako zeigt uns eine Welt auf, in der japanische Folklore auf menschliche Abgründe und Schwächen trifft, untersetzt durch die drückende Atmosphäre des Spätsommers, mit zirpenden Zikaden und dem unheilvollen Bösen außerhalb des Blickfeldes. Letztlich bleibt es ein ansprechend inszenierter Anime für Zuschauer, die sich gerne tiefsinnigen Gedanken hingeben und die grauen Gehirnzellen noch einmal herausfordern wollen. Die Möglichkeit, den Detektiv in sich zu entdecken, bleibt teilweise bestehen, wird aber schlussendlich durch die Auflösung enttäuscht, da die spannenden Zusammenhänge nicht die Unzufriedenheit über die partiell überzogenen Hintergründe des Serienmordes aufheben können. Für mich bleibt nur zu sagen: „Fall gelöst, nächster bitte!“

Heute ist nicht alle Tage, ich komm wieder, keine Frage.

Jack.

Letzte Änderung: 1 Monat 3 Tage her von Jack..
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Mouryou no Hako 1 Monat 2 Wochen her #774381

  • Sniperace
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*o-???*
Hm, leider kann ich nicht viel zu diesem Anime beitragen, der war mir völlig unbekannt. Und auch ehrlich gesagt nicht so mein Fall;)

Da es aber noch Keiner geschafft hat eine Antwort oder Rückmeldung dazu zu schreiben ............ auch keine kurze Rückmeldung ....
Was in einem Forum halt ......... naja, halt scheiße ist:(
Und den Namen Forum ad absurdum führt ..........
Also ich würd mir wünschen auch mal eine zweite Meinung zu einer Rezension zu hören.

Darum bedanke ich mich einfach bei Pink Panther, äh ich meine natürlich Jack. für die Rezension. Die sehr informativ und gut aufbereitet war, muss erwähnt sein. Ist sicher ein Haufen Arbeit und kostet Zeit. Mach weiter so, gerade bei Anime und Manga die nicht jeder kennt, die brauchen auch Rezensionen.
*o-gj*

Schöne Grüße
Sniperace

Update:
Juhu:) Es haben doch noch ein paar Leute was rein geschrieben:)
Letzte Änderung: 1 Monat 1 Woche her von Sniperace.
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Mouryou no Hako 1 Monat 2 Wochen her #774820

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Sehr informativ und gut geschrieben.Meine Interesse für Mouryou no Hako wurde definitiv geweckt.Gerade solche Animes finde ich meistens ziemlich interessant.Deshalb sollte ich mir früh oder später den Anime anschauen,bevor ich dafür zu lange brauche(wie bei vielen anderen ._.).Ich glaube ich werde mal mein Wochenende damit verbringen.^^
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Mouryou no Hako 1 Monat 1 Woche her #775387

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Mouryou no Hako ist nun schon seit einigen Jahren einer meiner absoluten Favoriten. Als Fan des Mystery Genres ist man hier bestens aufgehoben. Besonders der Werdegang des Mörders und der starke Plottwist gegen ende Prägen diesen Anime.
Die Rezension hat mich sehr gefreut, denn die durchaus unbekannte Serie bekommt jetzt möglicherweise ein größeres Publikum.
Letzte Änderung: 1 Monat 3 Tage her von Luke-MK.
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