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THEMA: Jünger als ich

Jünger als ich 1 Woche 4 Tage her #839462

  • Kaira
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Aller Anfang ist schwer. Egal welchen Beruf man ausübt, es gilt erst einmal Fuß zu fassen. Als Mangaka beginnt man daher meist mit One-Shots und arbeitet sich langsam zu längeren Serien vor. Um jungen Talenten die Chance zu geben, sich zu beweisen, veranstalten einige Magazine immer wieder Wettbewerbe und veröffentlichen das jeweilige Sieger-Werk anschließend als Serie. Bei Jünger als ich (Toshishita no Otokonoko) handelt es sich um solch eine Geschichte. Mangaka Chihiro Hiro gewann 2015 mit ihrem Storyboard für Kapitel 1 und 2 einen Wettbewerb, der vom Margaret-Magazin des Verlags Shueisha veranstaltet worden war. Der Preis des Wettbewerbs war ursprünglich eine Publikation von 4 Kapiteln, doch bereits nach dem Erscheinen der ersten beiden Kapitel wurde der Umfang der Shoujo-Reihe verlängert und umfasst nun letzten Endes 3 Bände, die hierzulande von Kazé verlegt worden sind.


Doch worum geht es eigentlich in besagtem Newcomer-Werk? Mihoro Nanakusa geht in das zweite Jahr der Highschool und hat vier jüngere Brüder zu Hause, mit denen sie alle Hände voll zu tun hat. Als sie auf dem Schulweg einem Jungen begegnet, der offensichtlich ein Problem mit seinem Fahrrad hat, ist es daher nicht verwunderlich, dass ihre Fürsorglichkeit die Oberhand gewinnt. Sie spricht ihn kurzerhand an. Für den Jungen namens Chiei Miyao ist dies ein völlig unerwarteter Lichtblick, weshalb er sofort aufblüht. An der Uniform erkennen die beiden, dass sie zwar ein Jahr auseinander, aber von derselben Schule sind, was Chiei auf eine Idee bringt. Ehe sich Mihoro versieht, fahren die beiden gemeinsam auf ihrem Fahrrad zur Schule und verabreden sich danach für die Mittagspause.


Mit seiner munteren Art, die Mihoro an ihren jüngsten Bruder erinnert, fügt sich Chiei im Kreise von Mihoros Freuden sofort ein. Es wirkt schon bald, als wäre es selbstverständlich, dass er die Mittagspausen im sonnigen Klassenraum der 2-C verbringt. Doch nicht nur Mihoros Freundinnen betrachten den ein Jahr jüngeren Chiei als Zuwachs in der reichen Brüderschar ihrer Klassenkameradin. Auch Mihoro scheint, ohne es zu merken, immer wieder in die Rolle der großen Schwester zu schlüpfen. Ihr kommt überhaupt nicht in den Sinn, dass da mehr sein könnte. Chiei ist das allerdings gar nicht recht und als er ihr direkt sagt, dass er zwar jünger als sie, aber nicht ihr Bruder ist, sorgt das erstmal für Chaos in der Gefühlswelt der Schülerin.


Eine lustige und süße Geschichte über die erste Liebe entwickelt sich. Hierbei ist besonders interessant, dass Mihoro eindeutig als die Ältere zu erkennen ist, weil sie immer wieder in ihren Schwestermodus abdriftet, und trotzdem Chiei die Initiative auf seiner Seite hat. Er weiß was, was er will, was ihn in puncto Liebe reifer erscheinen lässt. Dies gibt der Geschichte einen ansprechenden Kontrast. Immerhin ist Chiei sonst dem jüngsten Sohn aus der Familie Nanakusa wirklich ähnlich. Er scheint stets fröhlich und unbekümmert zu sein und schließt schnell Freundschaften. Teilweise erweckt er wirklich den Eindruck eines unschuldigen kleinen Kindes. Erst auf den zweiten Blick bemerkt man, dass noch mehr in ihm steckt und seine Nesthäkchen-Persönlichkeit auch von Sorgen durchzogen wird. Für Mihoro stellt er ein Rätsel dar, dem sie sich nicht gewachsen fühlt.


Sie ist eindeutig die Naivere von beiden. Dabei ist jedoch sehr angenehm, dass sie nicht komplett der stereotypischen Mädchenrolle entspricht, welche in solchen Geschichten häufig anzutreffen ist. Auf ihre Art mag sie zwar naiv sein und niemals irgendwelche Hintergedanken erwarten, aber sie ist trotzdem nicht das süße, zurückhaltende Mauerblümchen. Auch sie birgt Kontraste in sich. Generell übernimmt sie viel Verantwortung und vermittelt eine erwachsene Haltung, ist aber manchmal ziemlich zerstreut. Außerdem ist sie sehr hilfsbereit und kann nicht Nein sagen, weil sie es einfach so gewohnt ist, dass sie die Älteste ist und sich daher um alles kümmert.

In die Familien der beiden Hauptfiguren erhält man ebenfalls einen Einblick, was der Atmosphäre der Geschichte etwas Warmes gibt. Es ist interessant, die unterschiedlichen Persönlichkeiten und das sehr authentisch wirkende Umfeld zu erleben. In solchen, doch noch verhältnismäßig kurzen Reihen, passiert es leider schnell mal, dass der Freundeskreis nur schnödes Beiwerk ist und die einzelnen Figuren teilweise nicht mal einen Namen haben. Aus diesem Grund rechne ich es der Mangaka an, dass sie diesen Fehler bei ihrem ersten längeren Werk nicht gemacht hat. Mihoros Freundeskreis wirkt eher wie aus einer gelungenen Kurzgeschichte entsprungen. Man lernt die Charaktere nicht erst kennen, sondern ihre Auftritte sind so selbstverständlich, als müsste man sie bereits lange kennen. Das hilft dabei, sich noch mehr mit der Protagonistin zu identifizieren und in dem Umfeld zu versinken.


Alles in allem wirken die Figuren authentisch, die Tiefe der Charaktere kommt allerdings nicht an manch längeres Werk heran. Bei den beiden Hauptfiguren bemerkt man jedoch eine starke Entwicklung, die sich durch die Geschichte zieht. Chieis Veränderung wirkt dabei allerdings etwas erzwungener, was ihm zeitweise die Authentizität nimmt. Dies ist einer von vielen Aspekten, bei dem ich anmerken muss, dass es zu erkennen ist, dass die Geschichte nicht von vornherein so geplant war, wie sie letztlich geworden ist. Man merkt, dass die Kapitelanzahl immer wieder umgeplant wurde. Trotzdem ist ebenso zu erkennen, wie viel Herzblut in den Manga geflossen ist.

An der einen oder anderen Stelle ist mir aufgefallen, dass schon allein die Texte der Figuren gut überlegt sein müssen. Sie spielen mit den Eindrücken des Lesers, mit Hilfe derer ein roter Faden geschickt durch das Geschehen führt. Zudem ist Jünger als ich nicht so festgefahren in den typischen Klischees eines Shoujo-Mangas, vielleicht gerade weil Hiro noch sehr frisch in der Manga-Branche tätig war, als sie diese Serie zeichnete.

Ganz besonders merkt man das auch an ihrem Zeichenstil. Die Figuren haben zwar die üblichen großen Shoujo-Augen, sind sonst aber recht schnörkellos gehalten, mit klaren Linien. Die Zeichnungen sind generell eher schlicht. Der Fokus liegt eindeutig auf den Charakteren, während die Umgebung nur mit dem Nötigsten versehen ist oder überhaupt kein Hintergrund verwendet wurde. Für einen Shoujo-Manga auch sehr untypisch ist der sparsame Gebrauch von Rasterfolie. Entgegen den üblichen Gepflogenheiten in diesem Genre wird hier insbesondere auf große Streifenmuster oder weitläufige Tupfenfelder gesetzt, die sich auch in Schriftzügen und Sprechblasen ab und zu wiederfinden. Mädchenhafte Muster sind eher selten, was den Comedy-Aspekt der Geschichte künstlerisch stärker hervorhebt als das Romance-Genre. Auch mit Sparkle-Effekten wird sehr gespart und statt hier nur auf Rasterfolie zu setzen, verschwimmen teilweise die sonst so klaren Konturen, wenn romantische Atmosphäre erzeugt werden soll. Mit der Zeit tritt dieses gezeichnete Stimmungsfeld etwas öfter auf, was sehr gut zum Verlauf der Geschichte passt. Mihoro erwartet keine Romanze und bemerkt erst später, dass es sich bei Chiei ja gar nicht um einen ihrer Brüder handelt. Je mehr ihr selbst klar zu werden scheint, was mit ihr los ist, desto mehr werden die subtilen Sparkle-Effekte ausgebaut und gehäuft. Die Bilder steigern also ganz unbewusst die Romance-Atmosphäre und unterstützen die Geschichte damit stark.


Romance und Comedy wechseln sich in dieser Geschichte häufig ab und werden gut verkörpert. Der Manga besticht daher auch mit einer charmanten Komik bei den Gesichtszügen. Selbst ohne Sprechblasen sind die Figuren anhand ihrer Mimik sehr leicht zu lesen, was die Charakterzüge noch mehr zur Geltung bringt. Der Manga ist daher für Comedy-Liebhaber ebenso gut geeignet wie für Shoujo-Fans.

Alles in allem bin ich zum gleichen Ergebnis gekommen, wie die Margaret-Redaktion bei ihrem Wettbewerb damals: Diese Geschichte hat Charme und Witz und ist eindeutig lesenswert! Chihiro Hiro hat nicht nur interessante Ideen und ein Gefühl für lebendige Figuren, sondern auch genug Ahnung von Dramaturgie, um eine mitreißende Reihe zu gestalten, die in ihren Bann zieht. Man darf gespannt sein, mit was für Werken sie die Romance-Sparte in den nächsten Jahren noch bereichern wird.


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Letzte Änderung: 1 Woche 3 Tage her von Kaira.
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