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THEMA: Pluto: Urasawa x Tezuka

Pluto: Urasawa x Tezuka 1 Woche 4 Tage her #837844

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2003 – Lebron James wird von den Cleveland Cavaliers an 1. Stelle im NBA-Draft ausgewählt und dominiert seitdem die Basketballwelt, Rapper Eminem räumt zahlreiche Awards ab und produziert unter anderem mit der Single Superman einen weiteren Hit und auch Peter Jackson schließt mit dem Film Herr der Ringe: Die Rückkehr des Königs eine Trilogie ab, die bis heute seinesgleichen sucht. Neben diesen Helden meiner Kindheit und Jugend erblickte in diesem Jahr jedoch noch ein weiterer Held das Tageslicht. Am 7. April 2003 wird der Roboterjunge Atom geboren, der im Westen besser als Astro Boy bekannt ist. Eine Figur, die 1951 von dem God of Manga Osamu Tezuka in seinem Klassiker Tetsuwan Atomu erschaffen wurde und seitdem die Manga- und auch Anime-Industrie prägt. Astro Boy faszinierte zahlreiche Menschen und gerade für viele aufstrebende und heranwachsende Mangaka wurde er zum Kindheitshelden. So auch für Naoki Urasawa, der wohl vor allem für die Anime-Adaption seines Mangas Monster vielen ein Name sein dürfte. Atoms Geburt zum Anlass beschließt dieser nämlich, sich das Universum rund um den Superroboter zu eigen zu machen. Und genau so entstand mit Pluto: Urasawa x Tezuka diese monströse Interpretation von Tezukas Werk.

Der Manga Pluto: Urasawa x Tezuka wurde von 2003 bis 2009 über den Verlag Big Comic Original publiziert und zählt insgesamt acht Volumes, die in 65 einzelne Kapitel aufgeteilt werden können. Auch in Deutschland erfolgte eine Lizenzierung durch Carlsen Manga, die die acht Bände des Sci-Fi-Thrillers von 2010 bis 2011 herausbrachten.

Ein Mord an dem beliebten Schweizer Roboter Montblanc, gefolgt von einer brutalen Hinrichtung von Bernard Ranke, einem menschlichen Verfechter für Roboterrechte – Pluto verliert nicht viel Zeit, um direkt Spannung aufzubauen und der Leser wird mitten in eine fesselnde Mordserie geworfen. Die Haupthandlung erzählt im Kern von dem deutschen Europol-Roboter-Inspektor namens Gesicht, der den mysteriösen Serienmorden nachgeht. Alles spricht für ein Attentat, das auf Ressentiments gegenüber der maschinellen Bevölkerungsgruppe der Erde zurückzuführen ist, doch am Tatort können keinerlei menschliche Spuren gefunden werden. Ebenso ist die Tat schwerlich einem Roboter zuzuschreiben, da diese doch darauf programmiert sind, keine Menschen töten zu können. Was steckt also hinter den Morden?



Einer der interessantesten Aspekte an Pluto ist die Art, mit der Urasawa geschickt sein Worldbuilding und im gleichen Zug die Charaktereinführung und Entwicklung rund um die Serienmorde aufzieht. Anders als im Ursprungswerk macht Urasawa Inspektor Gesicht, der zuvor nur eine Nebenfigur gewesen ist, zum Protagonisten seiner Geschichte. An seiner Seite wird man von einem Mordfall zum nächsten, überall auf der Welt umhergeschickt. Dem Mangaka gelingt es erneut, eine sehr düstere Welt mit Geheimnissen und Mysterien aufzubauen. Gebannt verfolgt man die Ermittlungen, während sich Opfer um Opfer nur noch mehr Fragen breitmachen und findet man endlich den Schlüssel zu einer Tür, steht man plötzlich vor der nächsten, mit einem noch größeren Fragezeichen darauf. Doch bietet diese Welt so viel mehr, als nur dem Ergebnis der Ermittlungen immer näherzukommen. Sei es mittels alltäglicher Dialoge, Zeugenbefragungen oder dem einfachen Austauschen von Informationen mit Kollegen – als Leser beginnt man mehr und mehr in die vorherrschenden sozialen Umstände und Problematiken einzutauchen.

Ebenso gut dient die Entscheidung, die Mordserie als eine Art Detektivgeschichte aufzubereiten, um die Hauptfigur Inspektor Gesicht besser zu charakterisieren. Denn selbst wenn Gesicht als durchaus rational denkende Maschine herüberkommt und ein Waffenarsenal in sich trägt, das immense zerstörerische Kräfte birgt, beherrschen auch ihn ganz alltägliche Sorgen, wie beispielsweise die Ehe mit seiner Frau Helena. Man spürt deutlich, wie sehr ihm die Ermittlungen zu schaffen machen, wodurch er kaum noch im Stande ist, ein Privatleben zu führen. Und so sind es Dinge wie der versprochene gemeinsame Urlaub nach Japan, der immer wieder verschoben werden muss, die ihn so menschlich wirken lassen. Gesicht wird so gut wie nie als der perfekte Roboter dargestellt, sondern wirkt oft fehlerhaft. Statt seine hochentwickelte Technologie hervorzuheben, stechen seine menschenähnlichen Gedankengänge immer stark hervor, die geplagt von Sorgen und Unsicherheiten sind. Hinzu kommt, dass Urasawa den ursprünglichen Roboterlook bewusst ersetzt und diese mit einer sehr realistisch aussehenden menschlichen Hülle austauscht. Aber hierzu später mehr.

Und Inspektor Gesicht ist nur eine von vielen unterschiedlichen Figuren, die durch ihre Grautöne an Persönlichkeit gewinnen. So ist auch der Antagonist des Werks, Pluto, ein perfektes Beispiel dafür. Man bekommt Pluto lange Zeit nicht wirklich zu fassen und eine Charakterisierung lässt sich nur auf Grundlage der Hinweise an den Mordschauplätzen festmachen. Beim eigentlichen ersten Aufeinandertreffen wird dieses im Kopf gezeichnete Bild jedoch völlig übermalt. Es zeigt sich, dass Pluto keinesfalls rein böse ist, genauso wenig wie Inspektor Gesicht der Held der Geschichte ist. Sie sind beide fehlerhaft, sie wirken menschlich.

Pluto brilliert aber bei weitem nicht nur durch die Geschehnisse rund um seinen Prota- und Antagonisten, denn ebenso wichtig für das Worldbuilding ist der Schauplatz- und Perspektivenwechsel. So werden des Öfteren kleinere Handlungsstränge von Nebenfiguren eingeschoben, wie z.B. der des Roboters North #2 in Schottland, der unbedingt lernen will, wie ein Mensch das Klavier zu spielen oder aber Astro Boys Schwester Uran, die so einfühlsam ist, dass sie auf eigene Faust durch die Straßen Tokyos zieht, um Menschen und Tieren in Not zu helfen. Es sind ebendiese Kapitel, die nicht nur eine erfrischende Abwechslung zu dem düsteren Kriminalfall bieten (und man sieht einmal ein anderes Gesicht), nein, vielmehr sind sie ein ideales Mittel, um dem Leser ein noch besseres Gefühl für die Welt und das Verhalten der darin lebenden Figuren zu vermitteln. Dadurch, dass diese Nebengeschichten nicht allzu lange sind und sich obendrauf noch als sich in die Haupthandlung einfließende Zahnrädchen entpuppen, greift alles wunderbar ineinander und funktioniert als Mosaikstückchen im großen Puzzle der Mordserie exzellent. Auf den Punkt gebracht versteht man Plutos Welt eben dadurch so gut, weil man die Motive der Figuren in ihr versteht und ihren Handlungen gut folgen kann.



Urasawa möchte, dass der Leser seine harte und düstere Welt versteht und von ihr verschlungen wird. Seine detaillierten und atmosphärischen Zeichnungen helfen ihm, dies zu erreichen. Szenerien und Landschaften wirken mächtig und oft sehr fotorealistisch, genauso wie auch Einrichtungen, Gebäude und Infrastrukturen in der Darstellung in gewissem Maße der unseren Welt ähneln. Um sich darüber hinaus noch besser in die grautönigen Figuren hineinversetzen zu können, zeichnet er auch diese sehr realistisch. Gerade bei den moderneren Robotern wird oft auf eine sehr humanoide Darstellung Wert gelegt. So werden die ursprünglichen Charakterdesigns von Tezuka oft komplett umgeworfen bzw. neu interpretiert und man vergisst deshalb bei Inspektor Gesicht, der nicht nur innerlich, sondern vor allem äußerlich menschlich zu sein scheint, dass dieser ja eigentlich ein Superroboter ist, der im Stande wäre, den gesamten Planeten zu zerstören. Und wie auch schon bei Monster wird der Fokus auf einen besonderen Gesichtsausdruck gelegt, der bei vielen Figuren diesen ständig beschwerten Blick ausstrahlt. Eines soll klar werden: Unsere zukünftige Welt ist keine Utopie.

Inspektor Gesicht ermittelt in einer Welt, die unserer technologisch weit voraus ist, gesellschaftlich jedoch mit denselben Problemen zu kämpfen hat. In Zeiten, in denen humanoide Roboter mit einer weitentwickelten künstlichen Intelligenz leben, die äußerlich oftmals kaum noch von Menschen unterscheidbar sind, herrscht vor allem eines: Angst. Die andere Hälfte der Bevölkerung fürchtet den Fortschritt, ist neidisch auf ihre vermeintlich perfekten Mitbürger und beginnt sich abzugrenzen. Roboter sind anders als wir. Sie denken anders, sie handeln anders und sie fühlen anders bzw. sie fühlen gar nichts. So komplex sie auch sind, sie verstehen unsere Gefühle nicht und wissen nicht, was es heißt, ein Mensch zu sein. Sie nehmen uns die Arbeit weg, sie nehmen uns unser Land weg – unsere Existenz ist bedroht. Und so kommt es zu einer ganz klaren Rassentrennung, die von einfachen Vorurteilen bis hin zu einer institutionellen Benachteiligung durch eine andere Gesetzgebung reicht. Aber es war ein weiter Weg, bis Roboter überhaupt eigene Rechte bekamen und so kann man die äußerliche Angleichung an den Menschen als eine Allegorie für die Assimilierung der Maschinen sehen und den immer weiter voranschreitenden technischen Fortschritt als Symbol für die fortschreitende Anerkennung in der Gesellschaft verstehen. Immer wieder wird von Menschen bemerkt, dass ja heutzutage die neusten Roboter ihnen zum Verwechseln ähnlich sehen, wenngleich oft noch die Meinung vorherrscht, dass es auf einer emotionalen und gedanklichen Ebene den hochentwickelten Maschinen im Vergleich zu den „komplexeren“ Menschen noch an einigem mangelt. Wer sich jetzt noch nicht an die Bürgerrechtsbewegung und die Diskriminierung der afroamerikanischen US-Bevölkerung erinnert fühlt, wird spätestens von Urasawa mit dem Geheimverband KR, der eindeutig dem Vorbild des KKK entsprungen ist, wachgerüttelt. Jedoch wird auch hier nicht das rein Böse angeprangert. Exemplarisch dafür ist der Werdegang eines einfachen Kindes, das über den Jobverlust seines Vaters, veranlasst durch Rationalisierungsmaßnahmen, in denen vermehrt Roboter statt Menschen in der Industrie eingesetzt wurden, plötzlich am Hungertuch nagen musste. Trauer, Wut und schlichtweg die falschen Freunde machten aus dem damals freudigen Kind, das doch nur Fußball spielen wollte, ein Roboter hassendes KR-Mitglied.

Im Jahr 2003 geschah noch ein weiteres Ereignis, das zu einem Leitthema der Serie werden sollte. Der Irakkrieg brach aus. Urasawa schildert einen schrecklichen Kampf, den 39. Zentralasien-Krieg, dessen Nachwirkungen spürbar unsere Figuren prägen. Taten, die nie mehr rückgängig gemacht werden können, führen zu Traumata, die auf ewig bestehen bleiben. Weder bei den Verlierern, deren Land komplett zerbombt und verarmt zurückgelassen wurde, noch bei den „Siegern“, die aufgrund der brutalen und rücksichtslosen Einsätze im Heimatland zwar als Helden gefeiert werden, sich innerlich jedoch schämen und am Verzweifeln sind. Wie bei Monster, das sich unter anderem die Spannungen von Ost- und Westdeutschland und auch den deutschen Nationalismus zum Vorbild nimmt, zeichnet Urasawa auch in Pluto ein Bild unserer Gesellschaft, das die düsteren und weniger glorreichen Stunden der Menschheitsgeschichte abbildet.



Naoki Uraswa hat es tatsächlich geschafft, das Universum von Astro Boy zu seinem eigenen zu machen. Nicht nur die Atmosphäre, sondern auch zahlreiche Szenen und Charaktere weisen deutliche Parallelen zu seinem Meisterwerk Monster auf – eine Mordserie mit viel Tiefgang und schockierenden Erkenntnissen. Vielseitige Charaktere verleihen dieser „fiktiven Welt“ unserer Zukunft Nachdruck und formen das Werk zu einem sehr lesenswerten Manga, der einen während und auch nach dem Lesen zum Nachdenken bringt. Und auch wenn Urasawa sich gegen Ende etwas selbst aufgibt und vielleicht dann doch versucht, Tezuka eine verdiente Hommage zu erweisen, schaffte es Pluto, mich vollends zu überzeugen und mich als jungen Leser obendrauf noch erwachsen in das Universum von Astro Boy einsteigen zu lassen.

Vielen Dank fürs Lesen meiner Rezension und bis zum nächsten Jahr! Euer Kuebert.
Letzte Änderung: 1 Woche 6 Stunden her von Kuebert.

Pluto: Urasawa x Tezuka 5 Tage 4 Stunden her #837949

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Oben rechts im Header, sollte es nicht "Der Manga: Pluto" statt "Der Anime: Pluto" (beide mit Hyperlink) heissen?

Pluto: Urasawa x Tezuka 4 Tage 12 Stunden her #837986

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er sieht ein bisschen aus wie "king" von "the seven deadly sins" XD
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