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THEMA: Astra Lost in Space

Astra Lost in Space 1 Monat 2 Wochen her #837034

  • Kuebert
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Für mich ist beim Schauen von Animes immer wichtig, dass ich mich in die jeweilige Stimmung versetzen kann, um mich auch wirklich auf eine Show einlassen zu können. Natürlich ist dies teilweise eine Anforderung an den Zuschauer, der in gewissen Settings oft das richtige Maß an Suspense of Disbelief (Aussetzung der Ungläubigkeit) mitbringen sollte, aber zum Großteil eben Aufgabe der Show, die diese Stimmung zu erzeugen versucht. Bei Horrorfilmen will ich so bestenfalls Angst haben, bei Komödien vor Lachen in Tränen ausbrechen und bei Hentais – okay ihr wisst, glaube ich, worauf ich hinaus möchte. Nun versuchen sich manche Serien an dem meiner Ansicht nach schwierigen Spagat, eine dramatische und gleichzeitig lustige Show sein zu wollen. Gelingt dies, kann so durch den Kontrast eine viel intensivere Wirkung des Dramas entstehen, doch ist der Humor zu dominant, besteht die Gefahr, dass Gags zu bloßen Stimmungskillern verkommen und der Dramatik die Glaubhaftigkeit entzogen wird. Der Anime Astra Lost in Space begibt sich auf eben diese Gradwanderung, aber fällt es ihm so leicht, wie es die vorherrschende Schwerelosigkeit im All vermuten lässt?

Entstanden im Studio Lerche und unter Regie von Masaomi Andou, debütierte die zwölf Episoden (wobei die erste und letzte eine Länge von 40 Minuten haben) umfassende Space-Show zur heißen Sommer-Season diesen Jahres. Als Vorlage hierzu diente der gleichnamige Manga von Kenta Shinohara, der von 2016 bis 2017 vertrieben wurde und insgesamt fünf Volumes mit 49 Chaptern zählt. Hierzulande wird der Manga ab April 2020 durch Egmont Manga die Regale der Buchhandlungen (Manga-Abteilung vorausgesetzt) füllen.

Astra Lost in Space erzählt von einem bunt zusammengewürfelten Haufen an Studenten, die an einem Weltraumcamp teilnehmen wollen. Die Freude vom lustigen Ausflug auf einem anderen Planeten legt sich aber schneller als erwartet, denn das Auftauchen einer großen, grauen Sphäre verwandelt das Ganze in eine Art schlechten, albtraumartigen Trip. So gibt es für die Hauptfiguren kein Entkommen und sie werden eine nach dem anderen eingesaugt und mitten in den Weltraum befördert. Wie es ein glücklicher Zufall so will, befindet sich dort jedoch ein funktionstüchtiges Raumschiff, in das sich die Gruppe fliehen kann. Viele Fragen machen sich breit: Wo sind wir? Wie kommen wir wieder zurück nach Hause? Wer ist dafür verantwortlich? Und warum wir?! Schnell wird der Mannschaft klar, dass dies kein Test sein kann, sondern ein gezielter Anschlag, der das Ziel hat, jeden einzelnen von ihnen von der Bildfläche verschwinden zu lassen. Neben diesen Ängsten und Unsicherheiten kommt hinzu, dass es eventuell sogar einen Feind im Inneren des Teams geben könnte. Doch wer mag das sein und was ist das Motiv der ganzen Aktion?

Das Setting von Astra Lost in Space präsentiert eine Survival-Story, hinter der eine große Verschwörung zu stecken scheint. Viele Fragen, wenige Antworten. Jedoch ist der erste Impuls natürlich der eigene Überlebensinstinkt, der den Anwesenden eine Route nach Hause über verschiedene bewohnbare Planeten ausmachen lässt, auf denen sie ihre knappen Nahrungsvorräte auftanken können. Doch vermag so keineswegs der Wissensdurst nach der Wahrheit gestillt werden und die großen Ungewissheiten bleiben bestehen. Die einzige Möglichkeit für die Gruppe ist es, anhand ihrer persönlichen Vergangenheiten, Gemeinsamkeiten zu finden, um vielleicht so der Sache irgendwie auf den Grund zu kommen. Dies erzeugt natürlich eine gewisse Spannung, da man als Zuschauer selbst am Überlegen ist und rätselt, wer sich verdächtig verhält und wie die jeweiligen Hintergrundgeschichten zusammenpassen. Retrospektiv kann man auch eindeutig Verhaltensmuster feststellen, die einen gewisse Antworten erschließen lassen könnten. Und genau so versucht Astra Lost in Space, stetig ein hohes Maß an Spannung zu erhalten. Sei es mittels dunkler Vergangenheiten einzelner Figuren oder mit mysteriösen, neuen Planeten. Und auch wenn eine Folge etwas Klarheit zu verschaffen mag und man einen Moment der Erleichterung verspürt, sorgen mal plumpe, mal geschickt platzierte Cliffhanger am Ende zahlreicher Episoden für neue Probleme, die einen als Zuschauer mit einem beklemmenden und gespannten Gefühl hinterlassen.



Soviel Spannung wie Astra Lost in Space jedoch erzeugt, ähnlich oft lässt mich die Show auch die Stirn runzeln. Dies entsteht vor allem durch offensichtlich konstruierte und nicht sehr glaubwürdig wirkende Szenen, bei der mein Suspense of Disbelief häufig nicht standhalten konnte. Gerade einige dramatische Momente erreichen so leider nicht die gewollte Wirkung. Doch warum eigentlich nicht? Hierfür möchte ich erst einmal den Protagonisten, den Captain der Mannschaft, näher beleuchten. Kanata ähnelt in vielerlei Hinsicht einem Shounen-Hauptcharakter: Er ist nett und gutherzig, besitzt ein hohes Maß an körperlicher und mentaler Belastbarkeit, spielt oft den Dummen und weiß es, fehlendes Taktgefühl vorzuweisen, bindet jedem aus dem Team seinen Traum eines Tages Kapitän eines Raumschiffes zu sein auf und würde alles dafür tun, um seine Freunde zu retten. Nun habe ich an sich kein Problem mit der Figur Kanata, ist er doch zweifelsfrei einer der besseren Charaktere der Show, da er oft auch zu Empathie und Scharfsinn fähig ist und seine Rolle als Kapitän sehr gut und authentisch verkörpert. Doch ist er eben für redundante und vor allem künstlich wirkende Heldenaktionen verantwortlich. Sei es die erste Rettung an Aries, bei der zufällig ein Seil vor seinen Füßen liegt oder die nächste Rettung an Funicia, bei der zufällig ein Speer vor seinen Füßen liegt. Und dies sind keineswegs die einzigen Momente, in denen Kanata auf spektakuläre Weise den Helden spielen muss. So konnten gerade die dramatisch inszenierten Rettungen selten die gewollte Stimmung erzeugen, sondern hinterließen mich eher mit einem Kopfschütteln. Ich meine, ich schildere euch mal ganz kurz den Vorfall gleich zu Beginn:

Unsere besagte Gruppe landet also im All, die einzelnen Mitglieder helfen sich und schaffen es, in das sich zufällig dort befindende funktionstüchtige Raumschiff zu gelangen. Aber einen Moment mal, eine Person fehlt ja! Was zuvor schon jemandem hätte auffallen können, wird natürlich jetzt zu einer spektakulären Rettungsaktion, denn der Treibstoff an Aries Raumanzug ist leer und der der restlichen Crew knapp. Doch liegt dort natürlich zufällig ein Seil, um die Strecke zu Aries überbrücken zu können, um dann einfach beide zurückzuziehen. Kanata macht sich also auf den Weg, aber es passiert, was passieren muss – das Seil ist zu kurz! Natürlich kappt er es, begibt sich so in Lebensgefahr und schafft es aber gerade noch, Aries mit seiner Hand zu erreichen und in Richtung Raumschiff zurückzugleiten. Doch nun geht der Treibstoff endgültig leer und die Gefahr droht, das Ziel um ein paar Grad zu verfehlen. Wohin ist eigentlich das Seil verschwunden? Das weiß niemand. Aber gut. Denn mit der Kraft der Freundschaft, also mit einer Händchen haltenden Menschenkette der restlichen Crewmitglieder kann genau die fehlende Länge überbrückt werden und Aries gelangt unbeschadet und sicher im Raumschiff. Und alle haben sich lieb.

Doch ist es nicht nur die Absurdität einzelner Rettungsaktionen, die das Drama entschärfen, sondern schon die Vorstellungsrunde der restlichen Crew. Spätestens jedoch entdramatisiert sich das Ganze nach der Besichtigung des ersten Planeten etwas. Warum? Nun schweift der Blick von Kanata zu dem Rest der Mannschaft, wird einem klar, dass man es hier mit einem All-Star-Lost-in-Space-Team (pun intended) zu tun hat. Rein zufällig hat man nämlich einen Raumschifffahrer/Technikgenie, einen Biologen, einen Profisportler, einen Scharfschützen und auch einen Erfinder an Board. Was kann da noch schiefgehen? Dies und die wirklich sehr schnell gelassen wirkenden Reaktionen der Beteiligten sorgen dafür, dass es stellenweise weniger wie ein Überlebenskampf als einfach ein lustiger Schultrip erscheint. Und wieder reißt mich dieses Künstliche mit der damit verbundenen Unglaubwürdigkeit aus der doch gewollten ernsten Stimmung. Klar ist Anime eine Kunstform, aber muss sowas sein?

Nun könnte man meinen, dass dies eine Überleitung war, um die miserable Comedy der Serie anzuprangern. Aber da liegt ihr falsch, dieser schlechte Humor ist allein auf mich zurückzuführen, denn im Gegensatz zu mir, weiß Astra Lost in Space humoristisch sehr oft zu überzeugen. Zwar mag das Grundgerüst einer Survival-Story mit einer bedrohlichen Verschwörung im Hintergrund todernst wirken, doch habe ich ja bereits oben dargelegt, dass unserem All-Star-Space-Team das Überleben nicht weiter schwierig fällt. Und so muss das Drama ziemlich häufig hinter der doch dominanten Comedy Platz nehmen. Diese entsteht auf ganz natürliche Weise durch die Gruppendynamik. Das Team besteht größtenteils aus stereotypischen und überzogenen Figuren, die einzeln betrachtet relativ uninteressant erscheinen, doch werden durch das Gruppengefüge Synergieeffekte erzeugt, die dem Cheerleader-Effekt aus How I met your Mother nicht unähnlich sind. Mögen die aufbrausende Schönheit Quitterie und das stoische Genie Zac getrennt ziemlich langweilig wirken, sorgt eine Liebeserklärung aufgrund der völlig konträren Reaktionen doch für den ein oder anderen Schmunzler, um nur ein Beispiel zu nennen. Bei diesen gruppeninternen Auseinandersetzungen besticht neben zahlreichen Slapstick-Einlagen vor allem die visuelle Comedy, die durch übertriebene Reaktionen und Gesichtsausdrücke zu glänzen weiß. Oft sind es auch einfach bizarre Momente, wie Charces, der ziemlich schnell Freundschaft mit den Tieren eines Planeten schließt oder eine lustige Kettenreaktion, die mit dem Torte-ins-Gesicht-Gag endet. Daneben sorgen auch Kleinigkeiten, wie die Erfindung eines Genießbarkeit-Generators mit lustigen Spracherweiterungen für eine gelungene Abwechslung.



So dominant wie die Comedy auch ist, schafft es der Anime dennoch, oftmals die Stimmung zu intensivieren. Dies geschieht ganz unbewusst und aus dem Hintergrund heraus, nämlich über die Musik. Nobuaki Nobusawa und Masaru Yokoyama (u.a. auch für die Musik aus Shigatsu wa Kimi no Uso verantwortlich), die in Zusammenarbeit auch schon mit dem emotionalen „Confession Theme“ aus Koi to Uso zu überzeugen wussten, stechen hier musikalisch erneut hervor. Gemeinsam liefern sie die komplette Bandbreite an emotionsgeladenen Kompositionen. Seien es ruhige und nachdenkliche Klänge oder auch verspielte Stücke wie „What the Heck!“ oder „Awkward Situation“, die eine Planetenerkundung zum lustigen Abenteuer werden lassen. Vor allem aber spannende Momente werden durch Titel wie „Ultrafast Engine“ erst so richtig in Szene gesetzt und sorgen dafür, dass man gebannt am Bildschirm das Geschehen verfolgt, während einem die bedrohlichen Beats aus „Lost in Distant Space“ förmlich die Luft zum Atmen nehmen. Und auch in traurigen Momenten, die oftmals durch Rückblenden inszeniert werden, treffen Werke wie „Parent and Child“ einfach den richtigen Ton. Astra Lost in Space ist ein wunderbares Beispiel dafür, wie Musik eine ganze Serie aufwerten kann. Ohne sie, würden wohl so manche Übergänge von lustigen zu ernsten Momenten misslingen und auch die traurigen Momente an Emotionalität verlieren.

Aber das ist nicht alles, denn das Beste kommt ja bekanntlich zum Schluss. Neben strapazierenden Lachmuskeln und Ohren verwöhnenden Sounds kann sich nämlich auch das Gehirn an interessanten Thematiken laben. Denn Astra Lost in Space dreht gegen Ende den Humor etwas ab und macht ernst. So wird die Geschichte nicht nur sehr gut abgeschlossen, sondern erlangt durch mehrere erstaunliche Twists eine Tiefe, die der Handlung noch fehlte. So entfalten sich interessante gesellschaftliche Probleme, die auch unserer jetzigen Zivilisation den Spiegel vorhalten. Hier setzen bekannte Sci-Fi-Thematiken ein und lassen absurder Weise dystopische Szenarien mit märchenhaften Begebenheiten vermischen. Ebenso finden moralische und kulturelle Fragen wie „was ist Familie“ und „worin besteht der Sinn des Lebens“ Eingang in die Serie. Außerdem wird das Thema nach der Verantwortung der Wissenschaft angerissen, welche beim Blick auf unserer Geschichte selbstredend auch von großer Bedeutung ist. Um jetzt aber nicht zu viel vorwegzunehmen, unterbleibt eine genaue Analyse dessen, was ich jedem einzelnen Zuschauer selbst überlasse.

Nun hinterließ mich der Anime Astra Lost in Space mit gemischten Gefühlen. Zwar hat mich der Humor zweifelslos abgeholt, doch ging so auch einiges an potenzieller Spannung verloren und ich konnte deshalb häufig emotional nicht ganz mitgerissen werden. Durch den ernsteren Ton der späteren Episoden und die sich durch die verschiedenen Twists plötzlich eröffnenden interessanten gesellschaftlichen Thematiken, konnte in meinen Augen jedoch wieder eine Menge authentische Dramatik inszeniert werden. So bin ich wirklich froh, dass ich mich nicht von dieser kitschigen Rettungsaktion zu Beginn habe abschrecken lassen und die Reise bis ans Ende mitgegangen bin.
Letzte Änderung: 1 Monat 2 Wochen her von Kuebert.
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