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THEMA: Ghost in the Shell: Stand Alone Complex

Ghost in the Shell: Stand Alone Complex 3 Monate 2 Wochen her #835746

  • Nicht_Peter
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Die Art und Weise, wie wir mit einem Computer interagieren, hat sich seit den Anfängen des Computerzeitalters in den späten 40ern immer wieder stark verändert. Mussten die antiken Rechenmaschinen aus der grauen Vorzeit noch mühevoll mit Lochkarten gefüttert werden, so konnten sie daraufhin in den nächsten Jahren schon mit Befehlen über die Kommandozeile gequält werden. Mit dem Siegeszug des PCs in den 80er Jahren haben sich dann schließlich grafische Benutzeroberflächen und die Desktop-Analogie durchgesetzt, bei welcher der Endnutzer erstmals mit der Maus auf hübsche Symbole klicken durfte, sofern nicht gerade Karl Klammers beachtliche destruktive Ader ihm einen Strich durch die Rechnung machte. Und heute wischen wir wie selbstverständlich über den Touchscreen unseres Smartphones oder Tablets, als hätten wir in unserem Leben nie etwas anderes gemacht.

Bleibt natürlich eine Frage: Was kommt als nächstes, what's next? Was wird wohl die Mensch-Maschine-Schnittstelle der Zukunft sein, das next big thing in dem Fachgebiet der Human-Computer Interaction, nachdem zuletzt Steve Jobs 2007 das erste iPhone vorstellte?

Masamune Shirow war sich in seinem Manga-Klassiker Ghost in the Shell sicher: Die Bewohner einer nicht allzu fernen Zukunft werden selbst für das fortschrittlichste Smartphone von heute wahrscheinlich nur ein müdes Lächeln übrig haben. Der letzte Schrei im Jahre 2029 sind stattdessen die allgegenwärtigen Cyberbrains, mit denen mittlerweile fast jeder Erdenbürger in den Industrienationen ausgestattet ist. Diese künstliche Nachbildung unseres Gehirns ist in unserem Kopf implantiert und ermöglicht es über das Internet, ständig direkt mit der gesamten Welt verbunden zu sein, ohne lästiges physisches Interface. Parallel dazu haben sich einige von ihnen dank immer ausgefeilterer mechanischer Prothesen gleich ganz in waschechte Cyborgs mit übermenschlichen Kräften verwandeln lassen. In der Welt von Ghost in the Shell sind die Grenzen zwischen toter Maschine und dem Menschen gefallen, bis hin zu dem Grad, ab dem sich keine eindeutige Trennlinie mehr ziehen lässt. Das Letzte, was uns dann als ausschließlich Menschliches noch bleibt, ist unser Verstand, unser Ghost, man könnte fast sagen: die Software, die auf unserem Gehirn läuft.

Und doch, trotz allen unbestreitbaren technischen Fortschritts sind in Ghost in the Shell die Grundübel der Menschheit – Gewalt, Verbrechen, Armut, Zerstörung – immer noch nicht überwunden. Auch anno domini 2029 verstricken sich noch immer skrupellose Kriminelle, geldgierige Konzerne und korrupte Politiker in zweifelhafte Machenschaften – mit dem einzigen Unterschied zu unserer ganz realen Gegenwart, dass sie ihr Treiben mittlerweile größtenteils in die Untiefen des Cyberspaces verlagert haben. Da passt es ihnen gar nicht in den Kram, dass der politisch bestens vernetzte Daisuke Aramaki Sektion 9 aufgestellt hat, eine geheime Spezialeinheit von hartgesottenen Ermittlern, welche gegen alle zwielichtigen Gestalten und das undurchsichtige Dickicht um sie herum entschieden vorgeht. Immer, wenn in einem Kriminalfall Cyber-Terroristen mit im Spiel sind, ist das eingespielte Team unter Leitung von „Major“ Motoko Kusanagi zur Stelle, um den Tätern knallhart auf die Pelle zu rücken.

Shirows Manga wurde zum ersten Mal in Mamoru Oshiis bild- und tongewaltigen Opus magnum besonders eindrucksvoll zum Leben erweckt. Der Anime-Film aus dem Jahr 1995, der es dank der Hollywood-Adaption 2017 sogar bei uns für kurze Zeit in den Mainstream geschafft hat, hat schon damals unzählige begeisterte Kinobesucher in seinen Bann gezogen. Nach diesem durchschlagenden Erfolg des Films war es daraufhin nur eine Frage der Zeit, bis das Studio Production I.G. im Jahre 2002 die Reihe um eine weitere Adaption erweitern würde, dieses Mal in Form einer Fernsehserie. Und genau diese Serie hat es in sich. Regisseur Kenji Kamiyama gelang mit einer weiteren Interpretation des ursprünglichen Mangas nichts weniger, als eine der faszinierendsten Anime-Serien aller Zeiten zu erschaffen, welche seltsamerweise trotzdem seit eh und je im Schatten des Films von Mamoru Oshii steht: Die Rede ist von Ghost in the Shell: Stand Alone Complex.

Das Format einer TV-Serie mit immerhin 26 Folgen erlaubt den Machern einen vollkommen anderen erzählerischen Freiraum als etwa ein Kinofilm, welcher seine gesamte Story in anderthalb Stunden quetschen muss. Stand Alone Complex nutzt diesen Spielraum für eine eher ungewöhnliche Zweiteilung der Story aus: Sehr verschiedene, klar voneinander getrennte Arten von Episoden wechseln sich ständig ab.

Zum einen sind das die eingestreuten „Stand Alone“-Folgen, in sich abgeschlossene Erzählungen im Stil klassischer (westlicher) Krimi-Serien, die weitgehend unabhängig voneinander koexistieren. Die Bandbreite von Kriminalfällen für Sektion 9 reichen dabei von einem ausgebrochenen Kampfpanzer über einen brutalen Serienmord bis hin zu einer Suche nach einem entlaufenen Hund durch einen der Tachikoma-Roboter. Sie dienen gewissermaßen als Exkurs, ein kurzer Abstecher in benachbarte Themengebiete abseits der Hauptstory, oder auch als Comic-Relief angesichts der Abgründe, die sich an jeder Straßenecke auftun.

Zum anderen verfolgt Stand Alone Complex in den „Complex“-Episoden gleichzeitig eine fortlaufende größer angelegte Hauptstory rund um den verworrenen Fall des Lachenden Manns. Nachdem ein mysteriöser Hacker namens „Lachender Mann“ bereits vor sechs Jahren durch die Entführung eines CEOs für Aufsehen sorgte, rollt nun Sektion 9 die Geschehnisse mit ihren möglichen Verstrickungen bis in die höchsten Ebenen der Elite des Landes noch einmal auf. Auch wenn die Auflösung im Grunde genommen eigentlich relativ simpel ist, so verlangt der Anime dem Zuschauer hier einiges ab, inmitten all der Spekulationen von Einzeltätern, Trittbrettfahrern, Verschwörungen nicht den Überblick zu verlieren und alle Puzzleteile im Kopf richtig zusammen zu setzen. Das Ergebnis ist dann aber schließlich ein hochspannender, intelligenter complex-er Kriminalfall, der auch in Sachen philosophischen Anspruchs mit dem Film aus dem Jahr 1995 locker mithalten kann.

Allerdings ist das wahre Ziel von Stand Alone Complex ein deutlich größeres, als einfach nur eine gute Krimi-Story zu erzählen. Es geht vielmehr darum, in die Tiefen der Welt vollkommen abzutauchen und das fiktive Universum zum Leben zu bringen. Der wahre Protagonist von Stand Alone Complex ist nicht Motoko Kusanagi, keines der anderen Mitglieder von Sektion 9 und auch nicht der Lachende Mann, sondern die bis ins letzte Detail ausgeklügelte und ausgearbeitete Welt mit all ihren menschlichen wie androiden Bewohnern, Organisationen, Konflikten und Schicksalen. Der gesamte Anime basiert auf einer einzigen Prämisse: Was passiert mit uns als Menschheit und der Welt um uns herum, wenn Mensch und Maschine in der Zukunft nicht mehr ohne Weiteres voneinander zu trennen sind? Was macht das eigentlich mit uns als Gesellschaft, der kriminellen Unterwelt, aber auch etwa mit dem Finanzsektor oder der Medizin? Welche Gefahren, aber auch welche Chancen warten auf den Menschen, wenn er nur noch zu einem Ghost in einer kybernetischen Schale geworden ist? Und andersherum: Kann auch ein Roboter, eine künstliche Intelligenz, so etwas wie ein Bewusstsein erlangen?

Am Naheliegendsten wäre es an dieser Stelle vermutlich gewesen, einfach wie bei so vielen anderen Werken einen Sprecher aus dem Off alle Einzelheiten in Form eines riesigen Exposition-Dumps ausführlich vorkauen zu lassen, garniert mit schnieken Standbildern. Problem solved, und jetzt schnell weiter zur Handlung. Doch stattdessen entscheidet sich die Serie für einen etwas anderen, steinigen Weg: Stand Alone Complex setzt voll und ganz darauf, dass der Zuschauer durch die Handlung immer wieder Stück für Stück kleine Informationshäppchen serviert bekommt und aus den vielen Eindrücken und Mosaiksteinen schließlich selbst sein ganz eigenes Bild zusammensetzt. Der Anime traut ihm und seiner Intelligenz zu, auf Grundlage der einzelnen gezeigten Fragmente seine Meinung zu bilden und ohne ausführliche Erklärung zu verstehen, was hier gerade genau passiert – ein Muster im Storytelling, wie es im Medium Anime generell viel zu selten zum Einsatz kommt, hier dagegen immer wieder förmlich aufblüht.


Denn eines steht fest: Die hier gezeigte Welt von Ghost in the Shell ist weder eine reine Utopie, in der die neue Technologie für ein Zeitalter der ungetrübten Glückseligkeit gesorgt hat, noch genauso wenig reine Dystopie. Im weiteren Verlauf zeigen sich ebenso auch zahlreiche unbestritten positive Seiten, so können etwa selbst schwer verletzte Unfallopfer dank der Prothesen wieder ohne jede Einschränkung leben. Ein eindeutiges Urteil zu fällen, bleibt jedem anhand der vielen Einblicke selbst überlassen; die Story selbst legt sich an keiner Stelle fest und bleibt bis zum Schluss streng neutral. Genau aus diesem Grund wäre es sinnlos, die „Stand Alone“-Folgen einfach zu überspringen, um endlich zu erfahren, wie es jetzt mit dem Fall des Lachenden Manns weitergeht. Diese Folgen sind ebenso wie die „Complex“-Episoden nicht nur bloßes Beiwerk und öde Filler, sondern ein ganz wesentlicher Bestandteil des Animes bei seiner eigentlichen Absicht, nämlich dem Worldbuilding im großen Stil.

Anders als Mamoru Oshiis Film mit seiner beständig schweren, fast schon erdrückenden Atmosphäre bringt Stand Alone Complex dabei immer wieder lockere Momente, in denen sich die Anspannung löst und Batou einen lässigen Spruch klopft oder einer der skurrilen Roboter Schabernack treibt, auch wenn die Grundstimmung meist trotzdem recht ernst bleibt. Im Gesamtgefüge spielen diese Szenen jedoch eine sehr wichtige Rolle, weil der Anime durch diese Abwechslung vermeidet, ins zu Anstrengende, zu Bedrückende abzugleiten. Diese Abwechslung hilft so an vorderster Front dabei mit, dass die auf dem ersten Blick abstrakte Zukunftsvision der technologischen Singularität hier so greifbar, so glaubwürdig wirkt: Stand Alone Complex ist eines von sehr wenigen Sci-Fi-Werken, denen man es ohne Weiteres abkauft, dass das gezeigte Szenario tatsächlich in nicht allzu ferner Zukunft eintreten könnte (auch wenn 2030 als Zeitangabe doch etwas optimistisch scheint).

Der groß angelegte Rundtrip durch die Welt im Jahre 2030 mit seinen langen, dafür umso besser geschriebenen Dialogen und vielen Szenen, in denen nichts weiter passiert als dass Charaktere im Auto nebeneinander sitzen und diskutieren, während die Skyline von Niihama im Hintergrund dahingleitet, ist so vielleicht nicht durchgehend hochspannend, aber dank genau diesem konsequenten Realitätsbezug, zusammen mit den unzähligen Einfällen der Macher, doch jederzeit unterhaltsam, interessant, kurzweilig. Das zeigt sich vielleicht nirgendwo besser als in den spektakulären Action-Szenen, in denen viel Zeit darauf verwendet wird zu zeigen, wie Sektion 9 meistens zunächst ins Gebäude und das dazugehörige Netzwerk eindringt, sich anschleicht, die Taktik bespricht. Beim Zugriff entlädt sich dann die gesamte Anspannung unfassbar intensiv wie ein Gewitter, auch wenn der Schlagabtausch an sich selbst oft nur wenige Sekunden dauert. Genau nach diesem Muster – erst sehr ausführliche Vorarbeit, die sich dafür im späteren Verlauf fast immer auszahlt – taucht der Zuschauer auch auf einer makroskopischen Ebene immer tiefer und tiefer in die Welt voller Cyborgs, Androiden, den Cyberspace, Spionage, politischer Ränkespiele und Intrigen ein und beginnt zu verstehen, was sie im Innersten zusammenhält. In diesem Universum hat Stand Alone Complex dann schließlich seine ganz eigenen faszinierenden Momente, die ungeheuer intensiv mitfiebern lassen und nachhaltig im Gedächtnis bleiben: Togusas verdeckte Ermittlungen in einer Erziehungsanstalt für Cyberbrain-Autisten (die vielleicht beste Folge der ganzen Serie), die philosophischen Debatten der Tachikoma-Roboter, ihr heldenhafter Kampf im Finale, das Gespräch von Major Kusanagi mit dem Lachenden Mann in der Bibliothek, … Es sind so viele denkwürdige Augenblicke, die man so kaum ein zweites Mal in vergleichbarer Form sieht. Und sie alle profitieren in ihrer Wirkung massiv von der vorher geleisteten Vorarbeit in Form von Themenexploration und Worldbuilding.

Die Animation und die Musik tragen als weiterer Baustein ganz wesentlich dazu bei, dass die Welt von Ghost in the Shell in Serienform derart überzeugend zum Leben kommt. Mit einem Budget von 800 Millionen Yen, umgerechnet etwa 6 Millionen Euro, war Stand Alone Complex im Jahr 2002 der seinerzeit teuerste TV-Anime aller Zeiten, und das merkt man auch an allen Ecken und Enden. Seien es die Animationen in den Kampfszenen, die detaillierten, unfassbar atmosphärischen Hintergründe oder das 3D-CGI, welches als eines der wenigen aus den frühen 2000ern beim Anschauen keinen akuten Augenkrebs verursacht oder auch nur Kleinigkeiten wie das realistische Sound Design der zahllosen Maschinen und Waffen – Production I.G. hat sämtliche Register gezogen, wenn es darum ging, die Gelder der Produzenten für Eyecandy zu verpulvern.


Es ist unfassbar, mit welcher Liebe zum Detail und welchem Aufwand die Animatoren sich selbst den nebensächlichen Sequenzen wie den besagten Autofahrten durch die Stadt gewidmet haben, und mit welcher Leichtigkeit sie eine extrem schwierig zu animierende Szene nach der anderen scheinbar unaufgeregt einfach so fehlerfrei aus dem Ärmel schütteln. Genau dieses beeindruckende Qualitätsniveau ist auch maßgeblich dafür verantwortlich, dass der Anime rein optisch hervorragend gealtert ist – einzig und alleine diesem Cyborg-Dude aus Folge 11 samt obligatorischen Laserauge merkt man dann doch an, dass die Serie ein paar Jahre auf dem Buckel hat.


Wo wir gerade dabei sind… den kläglichen Versuch eines fotorealistisch animierten Openings, das anno 2002 vielleicht tatsächlich noch jemandem ein beeindrucktes "Wow..." entlocken konnte, heute jedoch ein eher ein Griff ins (computergenerierte) Klo ist, ignoriere ich mal geflissentlich.

Der Song des Openings an sich, Inner Universe der viel zu früh verstorbenen Origa, passt dagegen wie angegossen zu dem Anime. Bereits die elektronischen Klänge der ersten Takte bringen die einzigartige Atmosphäre im Prinzip schon auf den Punkt, bevor Origas unverwechselbare tiefe Stimme dann auf Russisch den Zuhörer schließlich voll und ganz in seinen Bann zieht. Dieses außergewöhnliche Opening lässt die veraltete Computeranimation akustisch schnell vergessen und bereitet perfekt auf das vor, was gleich an Handlung zu sehen sein wird. Auch Yoko Kannos größtenteils synthetischer Soundtrack verbreitet diesen Sci-Fi-Vibe der frühen 2000er ganz ausgezeichnet und findet in jeder Szene den passenden Ton, seien es dramatische harte Klänge während den Action-Sequenzen, hypnotische, fast schon unheimliche Töne, während Sektion 9 durch dunklen Gänge in ein weiteres leerstehendes Gebäude eindringt, oder gefühlsbetonte Balladen wie Scott Matthews Beauty is within us für die emotionalen Momente. Einzig das Ending Lithium Flower kommt dann doch wie ein recht generischer Pop-Song daher, wenngleich es meistens durchaus einen gelungenen Ausklang bildet.

Man merkt: Ich feiere diesen Anime ganz dezent. Gibt es denn nicht wenigstens einen einzigen wirklichen Kritikpunkt, bei dem dieser ach so tolle Stand Alone Complex wirklich schwächelt?

Nun… den gibt es in der Tat. Die konsequent auf das Worldbuilding ausgerichtete Erzählweise hat bei all ihren Vorteilen und der handwerklichen Finesse ihrer Umsetzung einen entscheidenden Haken: Die Charaktere kommen viel zu kurz.

Inmitten der ausgiebigen Erkundungstour durch die Welt mit all ihren Facetten bleibt eindeutig zu wenig Zeit dafür, das innere Wesen der Hauptfiguren näher zu beleuchten und sie in irgendeiner Weise sonderlich sympathisch darzustellen. Im Fall von Motoko Kusanagi, Batou und Togusa haben die Macher das auch anscheinend bemerkt und versucht Abhilfe zu schaffen – wirklich gelungen ist es ihnen jedoch bestenfalls bei Familienvater Togusa. Spätestens in der zweiten Reihe dann bricht die Idee, den Mitgliedern von Sektion 9 zumindest ansatzweise menschenähnliche Züge zu verleihen, schließlich in sich zusammen; die Figuren scheinen zu jeder Tages- und Nachtzeit nichts Besseres zu tun zu haben als sich in verschlüsselte Netzwerke zu hacken, mit schweren Geschützen herumzuballern und in Besprechungen zu sitzen. Insbesondere Major Kusanagi wirkt schlichtweg zu kalt, zu unnahbar, zu perfekt, um wirklich mit ihr mitzufühlen. Sektion 9 scheint fast ausschließlich aus hochgerüsteten Ermittlungsmaschinen zu bestehen, mit dem einzigen Ziel im Leben, noch mehr Verbrecher zu jagen. Das verwundert kaum, immerhin handelt es sich fast ausschließlich um hartgesottene Ex-Soldaten im Vollcyborg-Körper. Diese Tatsache macht es allerdings echt schwierig, etwas zu empfinden, wenn eine dieser besagten Ermittlungsmaschinen einmal in einem Kampf einstecken muss. Es ist bezeichnend, dass das wahre Highlight unter den Charakteren sind genau aus diesem Grund keine Cyborgs, sondern vielmehr die äußerst verschrobene Truppe der autonomen Tachikoma-Kampfpanzer sind. Diese bezaubernden Blechbüchsen stehlen ihren (mehr oder weniger) menschlichen Gegenstücken immer wieder die Show und bringen genau die richtige Prise Leben in den Anime.

In der Gesamtheit ergibt sich bei der Serie trotz dieser Schwächen ein intelligentes, atemberaubendes Anime-Spektakel, das in dieser Form und dieser Qualität einzigartig sein dürfte. Wo die allermeisten fiktiven Werke oft bestenfalls an der Oberfläche ihrer Thematik kratzen, so taucht Ghost in the Shell: Stand Alone Complex bis in die tiefsten Tiefen seines Inner Universe ein, ein Kaleidoskop voll faszinierender Einblicke in eine Zukunft, die gar nicht einmal so weit von unserer Wirklichkeit entfernt ist. Der enorme Qualitätsanspruch, den die Macher an ihre Produktion in jeder Kameraeinstellung, jeder Szene und jedem einzelnen Dialog anscheinend gestellt haben, trägt dazu ganz entscheidend bei. Stand Alone Complex ist mit seinem Fokus auf politische und soziale Zusammenhänge und große, philosophische Fragen sicherlich nicht für jedermann geeignet, aber doch hat es die Serie nicht verdient, in der Wahrnehmung stets im Schatten von Mamoru Oshiis ikonischen Kinofilm zu stehen, ganz im Gegenteil – es ist die vielleicht überzeugendste der vielen Adaptionen des Franchise, die vielleicht konsequenteste, vollständigste Auseinandersetzung mit der technologischen Singularität.

Zumindest solange, bis Elon Musk uns im Rahmen seines Projektes NeuraLink alle selbst in Cyborgs verwandelt und wir der möglichen Gefahr, dass ein 12-jähriger Counter-Strike-Russe eines Tages sogar unser eigenes Gehirn DDoSen könnte, ganz konkret am eigenen Leibe ausgeliefert sind.

Letzte Änderung: 3 Monate 1 Woche her von Nicht_Peter.

Ghost in the Shell: Stand Alone Complex 3 Monate 1 Woche her #835823

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Danke für Dir für die hervorragende Rezension, Nicht_Peter, eine meiner absoluten Lieblingsserien und auch eine der ersten, die ich (zuerst) online angesehen hab, es macht mich fast nostalgisch.

Auch wenn ich den 90er Film (ein Werk für die Ewigkeit) vergöttere, so war es doch diese Animeserie inkls. der zweiten Staffel, die mich mit dem GitS Fieber angesteckt haben, wenn man es genau betrachtet. So nebenbei hat er auch den Qualitätsanspruch bei mir nach oben geschraubt und an der Aufbereitung der Action und den atmosphärischen Szenen messe ich unter anderem noch immer neue Anime.
Hier muss man schlichtweg sagen, dass es genug Szenen gibt, die mir sowohl optisch, als ach vom Aufbau her einfach in Erinnerung blieben ........ an diesem Punkten übertrifft sich der Anime selber und nicht mehr Serienquali, sondern Filmquali.
Als Beispiel möchte ich die Folge 14 nennen, wo man die Vorgeschichte vom Major und Saito erzählt wird.
Diese Folge ist top und der Höhepunkt ist einfach perfekt ..... Motoko vs Saito Standoff und das Ergebnis, da passt alles, Musik, Action, Animation, Atmosphäre, die wirklich alles nutzt, wie laufendes Wasser, Licht, Gesichtsausdrücke und nicht zuletzt Thema. Die Folge hat nicht umsonst den Namen Poker Face;)

Beide Staffeln sind beide gute alte 2 Season Werke, was am Ende 52 Folgen ausmacht, was dieses positive Gefühl zurück lässt, halbwegs genug bekommen zu haben, auch wenn ich vermutlich noch mehr genommen hätte. So gab es "nur" 2006 Solid State Society, den Fernsehfilm, als Abschluss. Hab ich gerne genommen, hatte auch genug Budget (2.8 Millionen Euro) und hab ich mir mittlerweile in verschiedenen Varianten angesehen, Airing und DVD unterscheiden sich minimal, doch 2011 gab´s eine wesentliche Nachbearbeitung, wobei ich hierbei traurig fand, wie lang es gedauert hat, bis man im deutschsprachigen Raum eine DVD oder Blu-Ray dazu kaufen konnte (muss so um 2014-2016 gelegen sein) und die eben nur die Variante von 2006 war .... was schon, "naja" ist.


Live is good
Sniperace

Ich freu mich schon auf die aktuelle GitS Adaption, die schon auf den Weg ist. Denn ich mag alle Varianten und kann auch an jeder die jeweiligen Stärken schätzen. Und als guter Ratschlag, bei allen Varianten (und es sind ja ein Haufen) sollten man auch alle Umsetzungen zu Gemüte führen, ansonsten entgeht ein Haufen. Arise als Beispiel, hat eigene Punkte und Kapitel, die nur im Manga vorkommen, genauso sollte man sowohl OVA, als auch Fernsehserie ansehen, genauso muss man am Ende mit dem Film abschließen, weil eben der Abschluss, der vorher mit den zwei Extra Folgen eingeleitet wurde ansteht.
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Ghost in the Shell: Stand Alone Complex 3 Monate 1 Woche her #835829

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ich wusste nicht das es noch gleich denkende menschen gibt toller Beitrag danke dir
ICH BIN ICH UND ICH BIN EIN OTAKU !!! Ich habe alle Animes geguckt :) *

Ghost in the Shell: Stand Alone Complex 3 Monate 1 Woche her #835877

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mir hats gefallen. sowohl die beide staffeln als auch den Film, der danach spielte
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