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THEMA: Belladonna of Sadness

Belladonna of Sadness 4 Monate 3 Tage her #835452

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Unter allen Vorurteilen, mit denen Weebs konfrontiert werden, zeugt wohl ein bestimmtes Stigma von der größtmöglichen Unwissenheit: „Animes sind Kinderkram.“ Eine derartige Aussage führt schnell dazu, dass passionierte Personen aus der Haut fahren, aber nachvollziehbar ist sie dennoch. Das liegt nämlich daran, dass in der westlichen Medienproduktion prinzipiell zwei Arten von Cartoons entstehen: Erwachsenenkomödien mit Hang zur Gesellschaftssatire und popkulturellen Referenzen à la South Park oder eben doch besagter Kinderkram. Wie vielfältig Animes im Vergleich zu westlichen Animationsserien und –filmen doch sind, wird erst bei intensiverer Auseinandersetzung mit diesem Medium deutlich. In Anbetracht der TV-Animes, die im deutschen Nachmittagsprogramm ausgestrahlt werden, kann man es den Uneingeweihten nicht verübeln, dass sie einen dermaßen eingeschränkten Horizont haben, wenn es um unser heißgeliebtes Kulturgut aus Fernost geht.

Vor über 50 Jahren sah die japanische Animationslandschaft allerdings etwas anders aus. Bis zu den späten Sechzigern richteten sich Animes tatsächlich nur an ein besonders junges Publikum. Dies sollte sich aber ändern, als sich Osamu Tezuka, der God of Manga, dazu entschloss, in seinem Studio Mushi Production die erste animierte Filmtrilogie zu produzieren, die sich ausschließlich an Erwachsene richtet. Unter dem Titel Animerama entstanden drei Kinofilme, die durch den Einsatz von erotischen Szenen sowie expliziter Nacktheit Aufsehen erregten. Nachdem von 1969 bis 1970 die ersten beiden Filme, One Thousand and One Arabian Nights und Cleopatra: Queen of Sex, in den japanischen Kinos ausgestrahlt wurden, vergingen drei Jahre, bis der letzte Film erscheinen sollte. Dem Studio erging es leider nicht allzu gut. Die ersten beiden Teile floppten und Tezuka verließ sein eigenes Studio. Bevor Mushi Production vorerst die Schotten dicht machen musste, erschien allerdings im Jahre 1973 ihre letzte und wohl interessanteste Produktion: Belladonna of Sadness. Mit einem kleinen Team und einem geringen Budget entstand der letzte Teil der Animerama-Trilogie unter der Regie von Eiichi Yamamoto. Zudem gab der renommierte Regisseur Osamu Dezaki (Ashita no Joe, Oniisama e...) sein Debüt als Key Animator.

Die Handlung des Films basiert auf Jules Michelets Werk La Sorcière aus dem Jahre 1862. La Sorcière stellt eine sozialhistorische Betrachtung über das Hexenwesen in Frankreich zur Zeit der Französischen Revolution dar. Mittels geschichtlicher Befunde und romantisierter Erzählungen stellt Michelet die These auf, dass die Hexerei eine spezifisch weibliche Form der sozialen Rebellion gegen die feudale Unterdrückung und die römisch-katholische Kirche sei. So spielt Belladonna zu ebendieser Zeit: am Vorabend der Revolution. In einem spätmittelalterlichen Dorf schließen Jeanne und Jean den Bund der Ehe. Was zunächst wie eine Idylle erscheint, entpuppt sich plötzlich als eine leidvolle Tragödie. Bereits kurz nach der Trauung tritt der Baron in Erscheinung und vergewaltigt Jeanne, da das Ehepaar nicht dazu in der Lage ist, ihre steuerlichen Abgaben zu tätigen. Von diesem Moment an geraten die beiden in eine Spirale des Unglücks, bis Jeanne dem Teufel begegnet. Dieser tritt in Form eines Phallus in Erscheinung und verleiht Jeanne übernatürliche Mächte, durch diese sie sowohl den geistlichen als auch weltlichen Institutionen trotzen kann.

Allerdings wird nicht nur Jeanne mit Macht ausgestattet. Jede beliebige Szene dieses Spielfilms führt eine weitere Machtträgerin vor: die visuelle Gestaltung. Zuweilen wird man vom Gefühl beschlichen, dass man sich keinen Film ansieht, sondern durch ein Museum schreitet, denn jeder einzelne Frame des Werks strotzt nur so vor Bildgewalt. Vor allem durch die sexuelle Energie, von denen einige der Bilder beherrscht werden, zieht Belladonna das Publikum in seinen Bann. Durch die expressive Mimik der Figuren sowie die vitale Farbgebung verbleibt das Werk nachhaltig im visuellen Gedächtnis. Seien es nun die mit einer nahezu hypnotischen Pinselführung gestalteten Aquarellfarben, die plastischen Ölkreiden oder die simple, dennoch elegante Anwendung von Kohle, Bunt- und Bleistiften; alle diese unterschiedlichen Utensilien fließen organisch ineinander und erwecken Belladonna zum Leben. Inspiriert von Malern wie Harry Clarke oder Gustav Klimt trumpft das Werk mit einem ungeheuer ausdrucksstarken künstlerischen Stil auf, der zwischen gotischer Malerei und abstraktem Expressionismus hin- und herpendelt. Auch wenn die einzelnen Bilder äußerst ungleichartig wirken, fallen sie nie aus dem Rahmen. Ob sie nun lediglich in angedeuteten Silhouetten oder beinahe schon hyperrealistisch erscheinen, ob sie nun in einer kraftvollen Mischung aus bunten Farben oder in seichten Pastelltönen gehalten sind, ob sie nun verstörend oder belustigend sind; im Gesamtwerk harmonieren die Bilder stets miteinander und stellen nahezu schon ein Erlebnis für sich dar.


Wundervolle Bilder sind zwar schön und gut, aber was bietet Belladonna in puncto Animation? Sehr viel und sehr wenig zugleich. Tatsächlich ist über die Hälfte des Films gar nicht animiert. Zumeist bekommt das Publikum Kamerafahrten über stillstehende Bilder zu sehen. Selbst bei Dialogen bewegen sich die Münder der Figuren nicht. Dies klingt wohl zunächst ernüchternd, doch wer sich etwas gedulden mag, wird schon bald im Garten Eden der Animationskunst begrüßt. Durch die minimale Verwendung von Animation steigert sich die Wirkung der visuellen Eindrücke enorm, sobald das Bild erst einmal in Bewegung versetzt wird. So wirken kurze, subtile Momente wie das Herunterfließen von Blut über Jeannes Unterlippe durch diesen Minimalismus umso intensiver. Allerdings ist das bei weitem noch nicht alles, denn gewisse Sequenzen Belladonnas explodieren förmlich! Wenn diese Szenen beginnen, dann wütet und tobt es auf der Leinwand. Innerhalb von kürzester Zeit verändert sich das Pacing radikal und überwältigt das Publikum. Völlig surreale Geschehnisse wie der tranceartige Tanz von zu Figuren gewordenen Pestviren, das Feiern einer Dorforgie oder ein Abriss der Menschheitsgeschichte innerhalb von zwei Minuten dominieren das Bild. Selbst 50 Jahre nach der Premiere gehören Belladonnas explosive Momente zu den visuell kreativsten Szenen, welche die japanische Animationsindustrie bis dato jemals hervorbringen konnte.

Ebenso zieht sich dieser experimentelle und vielschichtige Stil durch die musikalische Gestaltung des Werks. Gefühlvolle Balladen, eingängige Popmelodien oder verwegener Jazz-Rock der Siebzigerjahre prägen die Klangkulisse des Films. Trotz der diversen Musikgenres weiß jedes Stück die Szenen in sich zu verschlingen. In dieser wilden Achterbahnfahrt der Gefühle sticht vor allem die Musik als das maßgebliche Stimmungselement hervor. Glaubhaft und gefühlvoll verliert sich die Inszenierung in der Welt der Klänge. Vor allem in den Sexszenen fangen die Stücke den gewünschten Tonus ein; sei es das ver- und zerstörende Gefühl einer Vergewaltigung oder die ermächtigende Befreiung einer Orgie. Zudem wählt das Werk einen Kunstgriff, der sich in Animes leider zu selten finden lässt: Es erzählt Teile seiner Handlung durch die Musik. In all seiner Experimentierfreude ließ Yamamoto es nicht nehmen, Belladonna zeitweise zu einem Musical zu machen. So werden die musikalischen Stücke nicht nur als atmosphärischer Zusatz verwendet, sondern tragen die Geschehnisse eigenständig und machen dabei eine fantastische Figur.


Bisher wurden lediglich Worte über die herausragende Ästhetik des Werks verloren. Was ist denn nun mit der Story? In dieser Rezension könnten problemlos weitere solche Aspekte besprochen werden, um dem Film gerecht zu werden, denn Belladonna lebt von ebendieser reinen Ästhetik. Diese ist es auch, welche die Inhalte vermittelt. Durch die Bild- und Tonsprache offenbart der Film eigentlich schon alles, was er darstellen will. Durch jede Membran eines jeden Moments fließt eine unnachgiebige Energie, die mehr aussagt, als es alle Zeilen an Monologen und Dialogen jemals könnten. Dennoch soll in einem letzten Schritt der eigentliche Inhalt betrachtet werden, denn dieser ist nicht weniger bemerkenswert. Tatsächlich schmiegt sich die Handlung an die Ästhetik wie ein seidener Morgenmantel.


Ebenso progressiv wie auch auf verstörende Weise einnehmend verfährt die Story. Der Fokus liegt dabei durchgehend auf Jeanne. Nichts wird häufiger so elegant in Szene gesetzt wie ihr zierlicher Körper. Nichts wird so detailverliebt visualisiert wie ihr Gesicht. Als einzige Figur nimmt sie einen wahrhaften Einfluss auf ihre Umgebung und führt somit einen Wandel – nämlich die Revolution – hervor. Eigentlich erzählt Belladonna vom Befreiungskampf gegen die scheinbar von Gott legitimierte Aristokratie. In erster Linie wird aber nicht nur das Proletariat von der Bourgeoisie befreit, vielmehr vollführt das Werk eine spezifisch weibliche Emanzipationsepik der Sexualität. Es beginnt bereits beim beißenden Kontrast zwischen der spielerischen Erotik und dem prüden Mittelalter. Obwohl sich die Ereignisse in einer von strenger Religiosität durchzogenen Zeit abspielen, strahlt beinahe jede Szene unbeugsame sexuelle Energie aus. Sexualität stellt nicht nur einen Akt der Befreiung dar, sondern symbolisiert gleichsam Macht. Wenn Jeanne anfangs vom Baron vergewaltigt wird, übt dieser damit seine korrumpierte Macht aus. Dies wird von der surrealen Natur der Szene umso stärker verdeutlicht: Man sieht lediglich einen pulsierenden Rotton, der zwischen die gespreizten Beine Jeannes eindringt und Stück für Stück mehr Bildfläche einnimmt.

Das tragische Schicksal, das sie erleidet, stellt bedauerlicherweise keine Seltenheit dar. Erst mit dem Erscheinen des Teufels wird sie vom passiven Opfer zur aktiven Heldin, vom Objekt zum Subjekt. Dessen Auftritt als Phallus ergibt sich als absolut essenziell in Anbetracht der machtstrukturellen Abhandlung, die das Werk sein will. Dadurch, dass der Phallus als ein Symbol für Macht und Fruchtbarkeit gilt, kann auch nur dieser Teufel derjenige sein, der ihr Macht verleiht. Indem Jeanne einen Phallus erhält, wird es ihr ermöglicht, ihre demütige Rolle aufzugeben und sich gegen das Regime zu wehren. Vor allem soll das Augenmerk darauf liegen, dass Jeanne als Frau mit einem Phallus ausgestattet wird. Dies bedeutet, dass sie nun die gesamte menschliche Sexualität beherrscht, quasi vollständig selbstgenügsam ist. Mit übermenschlichen Fähigkeiten versehen wird Jeanne zu einer Hexe und überschreitet dabei – sowohl in der Außenwahrnehmung als auch tatsächlich – ihre Menschlichkeit. Von einer Magd, also einer Sünde, verwandelt sie sich in eine Hexe, also eine Sünderin. Ab dem Zeitpunkt, an dem sie sich zur Rebellion entschließt, wird sie zu einem geächteten Wesen und aus der Gesellschaft verstoßen, doch im selben Atemzug ist es sie selbst, die eigenwillig ihre Mitmenschen verlässt. Der gesellschaftliche Bruch wird nun verdoppelt, um die innere Zerrissenheit Jeannes sowie das zwischenmenschliche Zerwürfnis darzustellen.

Nun wäre wohl der logische Schluss, dass sich Jeanne auf einen Rachefeldzug begibt. In gewisser Weise tut sie das auch, jedoch nicht im üblichen Sinne. Die Revolution bezweckt keine destruktive Anarchie, sondern eine Umformung der gesellschaftlichen Normen. Es ist ein Transformationsprozess und diesen gibt das Werk auch wieder. Am offensichtlichsten schimmert dies in der Darstellung von Sexualität durch. Von einer unterdrückenden Tätigkeit wandelt sie sich in einen befreienden Akt. Wenn Macht nun eng an Sexualität gekoppelt wird, lässt sich die Veränderung in den Machtstrukturen auf die gleiche Art begreifen. Jeanne wird zur Retterin und eben nicht zur Zerstörerin. Ihr Sinn als revolutionäre Figur besteht nicht nur darin, das System zu vernichten, vielmehr wird gleichsam eine neue Gesellschaft entworfen. Dadurch, dass Jeanne Sexualität mit allen Menschen teilt, werden sie von ihren Fesseln erlöst. Diese Tragödie versucht sich nicht nur daran, eine klassische politische Revolution neu zu erzählen, sondern bindet gleichsam durch die Fokussierung auf Sexualität die Revolution in einen feministischen Zusammenhang ein. So setzt sich Belladonna auf eine reife und aufgeklärte Weise mit sozialer Ungleichheit auseinander und wählt hierfür ein historisches Ereignis von ungemeiner Bedeutsamkeit, um den Begriff der Revolution aus einer neuartigen Perspektive zu betrachten.

Wer sich nur in den Sphären von zeitgenössischen Animes wohlfühlt, wird sich möglicherweise von diesem merkwürdigen Titel abschrecken lassen. Denn ja, Belladonna ist in jeglicher Hinsicht ungewöhnlich, aber im selben Maße ebenso außergewöhnlich. Diesen Film zu sehen, fühlt sich in etwa so an, als würde man in ein bodenloses Loch fallen. Wer dem Werk offen begegnet, wird von seinem Flow mitgerissen. Jede Sekunde lässt Augen und Ohren in Faszination versinken. Mit einer unvergleichlichen Ästhetik zeichnet sich Belladonna als einzigartiges Erlebnis im Gedächtnis des Publikums ab. So bildgewaltig der Film auch ist, so brachial erzählt er seine Geschichte über sexuelle Unterdrückung und Befreiung. Belladonna of Sadness ist nichts Geringeres als die Axt im gefrorenen Meer unseres Schweigens.

Yours faithfully, W.
Letzte Änderung: 1 Monat 4 Wochen her von Wassily.

Belladonna of Sadness 3 Monate 4 Wochen her #835565

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Ich fand es zwar eher anstrengend anzuschauen, aber visuell unleugbar ein Meisterwerk.
~Ich mache keine Rechtschreibfehler. Entweder lest ihr falsch, es sind Eigennamen, Neologismen oder Schreibdialekt, was auf keinen Fall in die Kategorie "Neologismus" fällt.

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Belladonna of Sadness 3 Monate 4 Wochen her #835566

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Wie dort schon erwähnt wurde, fühl es sich wirklich so an, als würde man in einer Ausstellung sein, welche den Verlauf von einem Ereignis darstellen würde.
Der einzige Unterschied ist, dass hier es mit Musik und Stimmen und (auch wenn diese nicht so wirklich vorkommen) Animationen der Film lebhafter gestaltet wurde.
Ich habe zwar nur kurz reingeschaut, aber es ist echt interessant Anime aus einer frühen Zeit anzuschauen.
Lustigerweise findet ihr hier kein Bild. Vielleicht zeichne ich mir mal eins oder ich packe hier viele Bilder rein.

PS: Das kann etwas dauern.
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