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THEMA: Henkei Shoujo

Henkei Shoujo 4 Monate 1 Woche her #835228

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Die wohl schönste Eigenschaft des Internets ist dessen Möglichkeit, Nischenprodukte ihre Abnehmer finden zu lassen. Nicht länger ist Marketing eine reine Sache von „Wie spreche ich die meisten Leute an?“, sondern „Wie spreche ich die motiviertesten Leute an?“. Eines der Länder, welches uns immer wieder mit seinen zukunftsweisenden Methoden überrascht, ist Japan. Und beim Verkauf von Produkten ist das nicht anders. „Weird Japan“ ist ein etablierter Begriff, wenn es um die virale Vermarktung bizarrer Dinge geht. Du willst deine Heimatstadt weltbekannt machen? Warum nicht einfach als Maskottchen verkleiden und Eigentum zerstören? Zack! 6 Millionen Aufrufe auf YouTube sind dir sicher. Mit ausgefallenen Ideen sorgt man nicht nur dafür, dass das Produkt vom gemeinen Internetnutzer für seinen „lolwut“-Faktor mit all seinen Freundesgruppen geteilt wird, sondern trifft idealerweise auch auf genau die Leute, deren spezifischer Fetisch angesprochen wird; und schon rollt der Rubel. Auch ein großer Teil der Anime-Industrie basiert darauf, dass eine überschaubare Gruppe Fans ordentlich Kohle für Blu-rays, Figuren und anderen Merchandise hinblättert. Doch was, wenn die Prämisse so out-there ist, dass sie zwar viral einschlägt, aber trotzdem keine Abnehmer findet? Zum 300. Jubiläum der Proxer-Rezensionen hört ihr heute die Geschichte von Henkei Shoujo.

Blauer Himmel, grüne Weiten, ein weißes Kleid. Plötzlich, eine kräftige Böe. Der Strohhut fliegt davon, weggetragen vom Wind wie die Erinnerungen an diesen Sommer. Ein beinahe poetischer Moment, der nur dadurch unterbrochen wird, dass dem verlorenen Hut ein anderes Mädchen mutig hinterherspringt, sich in einen Kampfjet verwandelt und merkwürdiges Stöhnen von sich gibt. Das ist die Welt von Henkei Shoujo, in der das namenlose silberhaarige Mädchen grundlos in solch abstruse Situationen wie Schiffsbruch mit einem undichten Gummiboot gerät, nur um sich von den namensgebenden transformierenden Shoujos mehr oder weniger retten zu lassen.

Meinen ersten Kontakt mit dem Franchise hatte ich, wie auch sonst, durch YouTube-Shitposter Sour. Sein Hit-Piece anime is real weckte bei mir jedoch nicht nur wegen des bizarren Inhalts Interesse. Die Trilogie aus Shitposts hat (zum Zeitpunkt des Schreibens) mit 1.565.000 kombinierte Views sogar mehr Aufrufe als die originalen Uploads des Publishers. Obwohl die Videos nur je etwa eine Minute lang sind, stellen sie vollständige Uploads der Episoden mit teils nur minimalen Edits dar. Warum sind sie also überhaupt noch da, wo andere Unternehmen doch so hart ihr Copyright vollstrecken? Was genau ist hier überhaupt Produkt und wer setzt sowas in die Welt? Fragen über Fragen, die jüngst in einem wahren Forschungsprojekt endeten.

Die wohl zweitschönste Eigenschaft des Internets ist dessen Möglichkeit, allerlei Informationen zu speichern und jedermann auf Abruf verfügbar zu machen. Der gewöhnliche Nutzer wird sich bei den Videos nicht viel denken, vielleicht einmal lachen und dann seinen gewohnten Tagesablauf fortführen. Nicht so bei mir, denn ich wollte ALLES wissen. Warum? Vielleicht weil ich hier die Möglichkeit sah, tief in ein Thema abzusinken, welches nur von wenigen Leute überhaupt beachtet wird und zur Abwechslung mal den Blick auf ein gescheitertes Phänomen der japanischen Popkultur richten möchte. Oder vielleicht auch weil ich gerade nichts Besseres zu tun hatte, lol. Wie auch immer, der Name der Serie war recht schnell herausgefunden und die Recherche begann, wie so oft, auf Seiten wie ANN und MyAnimeList. Nur hat diese Show nicht einmal einen richtigen Eintrag auf ANN. Selbst die Berichterstattung ebenda konzentrierte sich vor Allem auf die vorgestellten Charaktere und verriet mir nicht viel über den Produktionscast. Immerhin gibt es eine offizielle Website, sogar mit englischer Übersetzung. Hier gibt es grundsätzlich erst einmal eine Menge zu sehen: Steckbriefe für die einzelnen Charaktere, offizielles Artwork, sogar 360° Ansichten der Maschinen, in welche sich die Mädels verwandeln können. Rin behauptet z.B. felsenfest, dass sie ihren Rock mit Ketchup beschmiert hat, aber egal wie sehr ich hingucke, ich kann beim besten Willen keine Flecken sehen, verdammt! Ok … alles schön und gut, aber was hat es mit dem ganzen Kram jetzt eigentlich auf sich? Ein Blick auf die untersten Zeilen der Seite enthüllt zwei interessante Hinweise: die Worte „Coming soon“ und ein Logo mit den Buchstaben DLE.

Offizielles Promo-Art von der Henkei Shoujo-Website. Und nein, ich habe keine Ahnung, was Haru und Rin mit der Mafia am Hut haben.

Das Rin-Mobil in 360°.

DLE, das steht für „Dream Link Entertainment“, eine japanische Produktionsfirma, die nicht nur für bizarre Werbespots, wie diesem Dashcam-Clip, sondern vor allem für bizarre Flashcartoons wie Eagle Talon, High Score (nicht High Score Girl, nur High Score, aber mit einem Girl) und jüngst Skull-face Bookseller Honda-san bekannt geworden ist. Das erklärt schon mal einiges. Doch was ist mit dem „Coming soon“ gemeint? Nach kurzem Durchfliegen der englischsprachigen News zum Projekt fand ich den passenden Hinweis auf das Crowdfunding einer sechsten Episode. Was daraus geworden ist? Nun, lasst es mich so sagen: Dafür, dass sie nur 8 verschiedene Backer gefunden haben, konnten sie doch 110.000 Yen zusammenbringen. Ich habe nicht gelogen, als ich von Nischenfans mit entsprechender Motivation sprach. Nur leider lag dieser Betrag trotzdem unter den 400.000 Yen, die man mindestens verlangt hatte. Schade aber auch. Ein Detail, welches ich bisher verschwiegen habe, ist die Aufmerksamkeit, welche die Serie auf den Newsseiten nicht unbedingt für ihren bizarren Inhalt, sondern den Voicecast bekommen hat. Von allseits bekannten Seiyuus wie Kana Hanazawa und M・A・O, der Sängerin Sayumi Michishige, dem Cosplay-Star Enako sowie Sola Aoi, einer … äh, Moment … jep, einer waschechten Pornodarstellerin, huh. Was alle jedoch gemeinsam haben, ist eine Zweit-Karriere als Idol. Das deckt sich auch mit DLEs jüngsten Ambitionen, multimediale Projekte zu starten und den Live-Action-Markt zu bedienen. Erst 2015 kauften sie die Rechte zur Tokyo Girls Collection, der größten Modeshow Japans.

So langsam wird nun klar, was es mit Henkei Shoujo auf sich hat. Hier steht ein Unternehmen, welches nicht nur für alternative Unterhaltung, sondern alternative Marketingkonzepte steht. Und was ist schon alternativer als die Fans von Mechas, Anime, J-Pop, Cosplay und geschmackvoller Pornographie unter den Hut eines Multimedia-Franchises zu bringen. Doch DLE scheint bei all den Gimmicks eine Sache vergessen zu haben: ein gutes Produkt zu liefern. Hier kommt nämlich eine Frage, die ich zu Beginn rhetorisch hätte stellen können, nun aber ernst meine: „Wer steht auf sowas?“ Die acht stolzen Unterstützer der Crowdfunding-Kampagne mögen zwar mit ganzem Herzen für diese exorbitante Mischung brennen, doch reicht das letztendlich nicht. Für richtige Mecha-Fans sind die Maschinen viel zu „untechnisch“ (Ich meine, Rin verwandelt sich in einen amerikanischen Straßenkreuzer mit Wankelmotor??), für Anime-Fans sind die Möchtegern-Kantoku (oder vielleicht auch Kouhaku Kuroboshi) Charakterdesigns nicht hübsch genug und für die Musik-Fans unter uns ist hier wirklich rein Garnichts zu entdecken.

Und da haben wir es: Ich habe den Vorhang dieser Reihe merkwürdiger Anime-Shorts, die Niemanden auch nur eine Sekunde länger als ihre Laufzeit interessiert haben, so gut es geht aufgezogen. Dabei fällt auf, dass bei all der „Randomness“, die Weird Japan mit sich bringt, das tatsächliche Produkt meist penibel kalkuliert ist. Es liegt nicht „in der Natur“ der japanischen Künstler, skurrile Dinge in die Welt zu setzen. Gerade heutzutage ist es ein gut durchdachtes Werbe-Gimmick. Das beschützt die Produzenten aber letztendlich nicht vor Flops und bereitet mir nach wie vor eine Menge Spaß. Und ich hoffe euch auch.

Einen schönen Tag euch noch!

Euer Tazzels

> mfw she stayin fresh and hydrated in summer
– "Wer zuletzt lacht, hat den höchsten Ping."
Letzte Änderung: 4 Monate 1 Woche her von Tazzels.

Henkei Shoujo 4 Monate 1 Woche her #835333

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Hab die Folgen letztens auch gesehen weil n Freund mir die weiter empfohlen hat.
Muss sagen für das was die da gemacht haben hat es Teils meinen Humor getroffen, aber dieses ganze verwandeln von kleinen Mädchen war mir dann doch zu viel und ich könnte am Ende sagen „Da hab ich meine Zeit mal wieder richtig gut verschwendet“. Verschwendet weil es sich nicht lohnt das zu schauen mMn. Die Szenen in denen die Menschen auf ein mal baff sind ist eigentlich das Einzige was beim ersten Mal richtig lustig ist.

Anderseits kann man ja auch mal just for fun da hinein schauen und sich mal ansehen wie unsere geliebten Japaner ihre Vermarktungen anstellen.
Die Folgen sind ja auch nicht lang, also kann man machen, muss man aber nicht.

Mfg
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