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THEMA: Yuri!!! on ICE

Yuri!!! on ICE 4 Monate 2 Wochen her #835057

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Einer der meist kritisierten traditionellen Aspekte von Animes ist die Sexualisierung von Charakteren. Diese kann je nach Werk und Genre beide Geschlechter betreffen und verschiedenste Ausmaße annehmen, jedoch liegt ihr Einsatzgebiet meist unter dem Schirm des sogenannten Fanservice. Wenngleich die Verwerflichkeit dieses Aspekts debattierbar ist, gilt dies natürlich nicht für das Konzept der Nutzung von solchem Fanservice in Unterhaltungsmedien, da es sich durchaus mit dem Ziel dieser cherrypickten Betrachtungsweise auf Animes deckt. Betrachtet man es jedoch mit Blick über diesen aus Einfalt positionierten Tellerrand hinaus, lässt sich ein größeres Problem mit unserem geliebten Medium erkennen: die fehlende Bereitschaft, sich komplexerer Aspekte bezüglich körperlicher Liebe und Sexualität hinzugeben. Streift man die äußere, eindimensionale Fassade dieser Darstellungen nämlich ab, sind Animes überraschend prüde.

An dieser Stelle kommt dann (wie so oft) eine besondere Frau ins Spiel: Sayo Yamamoto. Die 42-jährige hat in ihrer Animationskarriere schon Storyboards für einige große Werke wie Death Note, Samurai Champloo oder Evangelion: 2.0 beigesteuert, zu ihren bekannteren Regiearbeiten zählen ihr Debütwerk Michiko to Hatchin sowie das visuell brillante erste Opening zu Psycho-Pass. Dies alles führte sie auf nachvollziehbarem Wege zu ihrem dritten Serien-Projekt mit kreativer Kontrolle: Yuri!!! on ICE. Der zwölf Episoden umfassende Sport-Anime entstand unter Yamamotos Leitung beim Studio MAPPA und wurde im Herbst 2016 erstausgestrahlt.

Ein Sport-Anime? Ist das nicht das der Inbegriff von oberflächlich sexualisierendem Fanservice? Na ja, normalerweise schon. Doch Yuri!!! on ICE ist etwas … anders. Das Werk handelt vom japanischen Eiskunstläufer Yuuri Katsuki, der bereits mit 23 Jahren vor dem Ende seiner Karriere steht. Übergewichtig und von seiner vernichtenden Niederlage beim letztjährigen Grand-Prix-Finale geplagt residiert das ehemals große Talent bei seinen Eltern und denkt über seine Zukunft nach. Doch alles ändert sich aus dem nichts, als ein Video von ihm viral geht, in dem er eine Choreographie des fünfmaligen Weltmeisters Victor Nikiforov, seines großen Vorbilds, in der lokalen Trainingshalle performt. Plötzlich steht dieser nämlich selbst vor seinem Haus und will unbedingt sein Trainer werden. Yuuri nimmt das Angebot an und soll mit der Hilfe seines Idols endlich den Sprung zum Weltmeistertitel schaffen. Die Konkurrenz ist hart – unter anderem durch Yuri Plisetsky, ein 15-jähriges Top-Talent aus Russland, das sich von Victors plötzlichem Kurswechsel verraten fühlt und ihn gerne für sich zurückgewinnen würde. Doch Victors Entscheidung hat offensichtlich nicht nur sportliche Gründe.


Victor und Yuuri beginnen eine homosexuelle Beziehung. Warte, was, warum? Wie deckt sich das mit den restlichen Elementen? Und warum wird dies in der gerade angeführten Inhaltsangabe kaum erwähnt? Alles der Reihe nach. In Wahrheit ist die „sexuelle“ Beziehung der beiden Hauptcharaktere das essentielle Thema des Werks, dessen Expression ist nur etwas speziell. So betätigen sich die Charaktere kaum bis gar nicht an den üblichen Paar-Aktivitäten wie Küssen oder Sex, stattdessen agiert der Eiskunstlauf selbst als Substitut. Denn ganz heruntergebrochen auf seine Figur erzählt das Werk die Geschichte von Yuuris Weg zur Selbstfindung als Sportler und Mensch durch körperliche Liebe und deren sexueller Expression. War sein Eiskunstlauf bislang lediglich durch das Nacheifern seines großen Idols motiviert und somit in eigenen Choreographien vergleichsweise ausdruckslos, verleitet ihn die sexuelle Spannung des direkten Kontakts zu ebendiesem Idol dazu, seinen Eros zu entdecken und ihn auf das Eis zu bringen. Die emotionale Selbstfindung stellt nicht nur das zentrale Element Yuuris Charakterarcs dar, es ersetzt im Werk sogar jegliche andere Trainings- und Entdeckungsphasen, die man sonst so in Sport-Animes findet. Dies in Verbindung mit dem Fokus auf die herausragend geschriebene, wenngleich absichtlich unrealistische Beziehung zwischen Yuuri und Victor lässt vermuten, dass Yuri!!! on ICE nicht unbedingt ein Sport-Anime sein will. Es nutzt die sexuell expressive Natur des Eiskunstlaufs lediglich dazu, die erwachsene Beziehung zwischen zwei gleichgeschlechtlichen Partnern zu erzählen. Teilweise jedenfalls. Später dazu mehr.

Einer der wichtigsten Aspekte der Expression dieser Themen liegt – wie eingangs erwähnt – in der visuellen Darstellung der sexuellen Elemente. Hierbei lässt sich ein gravierender Unterschied zu anderen Sport-Animes erkennen. Denn anstatt lediglich auf athletische, halbnackte Körper im Stile eines Free! oder auf „zufällige“ Kamera-Perspektiven wie in Ace of Diamond zu setzen, äußert sich die sexuelle Energie im gesamten Bewegungsablauf der Sportler. Dies liegt zu großen Teilen daran, dass es sich eben schon auf der Ebene der Sportart selbst nicht um Fanservice handelt. Beim Eiskunstlauf geht es um die Expression von Emotionen, um die Schönheit der Bewegung, in gewisser Form um die Verführung der Punkterichter und des gesamten Publikums. Anders als bei Sportarten, die sich um Punkte oder Zeit drehen, ist die Grazilität sowie ausgestrahlte Energie kein Nebeneffekt, sondern ein integraler Teil der Performance. Und dieser Fakt wird auch von Saya Yamamoto so eingefangen. Denn die visuell sexuellen Elemente von Yuri!!! on ICE sind mit denen von anderen Werken auch in der Intensität nicht wirklich zu vergleichen. Anstatt fast schamvoll und prüde die muskulösen Körper in hautenger, knapper Sportkleidung zu präsentieren, wie es beispielsweise in Free! der Fall ist, sexualisiert die Regisseurin Yuuri und Co. in einer Abgeklärtheit und Schamlosigkeit, die in dieser Form kaum in Animes oder bei Männern überhaupt kaum in audiovisuellen Medien zu finden ist. So sind Kameraperspektiven nicht „zufällig“ glücklich bzw. unglücklich platziert und verändern so den Ton der Situation. Ganz im Gegenteil, sie sind genau dort, wo der Sportler sie gerne hätte, um seine ausgedrückten Emotionen einzufangen. Die nicht unbedingt sexueller Natur sein müssen.


Warte, was? Ich dachte der sexuell expressive Charakter des Eiskunstlaufs wäre die fundamentale Interpretation der Sportart im Werk. Na ja, teilweise. Anders als man aufgrund der visuellen Präsentation denken könnte, gilt dies nämlich beinahe lediglich für den Charakter des Yuuri. Die Performance der konkurrierenden Läufer ist zwar ebenfalls sexuell und verführerisch, jedoch stehen die Motivationen und Emotionen damit nicht unbedingt im direkten Zusammenhang. Außerhalb seines Protagonisten nutzt das Werk eine allgemeinere Interpretation des Sports, bei der Eiskunstlauf als genereller Weg zur Selbstfindung dargestellt wird. Diese ist laut dem Anime notwendig, um das Selbstvertrauen sowie die Motivation zur Wettbewerbsfähigkeit auf einer emotionsbasierten Ebene zu erhalten. Worin diese Selbstfindung liegt, hängt von den einzelnen Athleten ab. Der Italiener Michele Crispino definiert sich über die familiäre Liebe zu seiner Zwillingsschwester Sara. Der Kanadier Jean-Jacques Leroy hat sich bereits gefunden und nutzt seine unerschütterliche Egozentrik und Selbstliebe zur Motivation seiner Performance. Und der Thailänder Phichit Chulanont hat es sich zu seiner persönlichen Lebensaufgabe gemacht, Eiskunstlaufen in seinem Herkunftsland zu popularisieren. Hierbei lassen sich auch gleich die gravierenden Unterschiede in den „Stakes“ der emotionalen Basen finden, die die allgemein emotionale Interpretation der Sportart durch die Serie teilweise etwas ins Belanglose ziehen.

So zahlreich und kulturell divers die Charaktere außerhalb des Liebespaares nämlich sind, so flach fallen die meisten von ihnen dann leider aus. Dies liegt meist nicht mal unbedingt an der fehlenden Screentime, darüber verfügen einige von ihnen nämlich reichlich, sondern an der fehlenden Bereitschaft des Werks, emotional tiefere Elemente in die Handlung zu integrieren, die von der zentralen Liebesgeschichte ablenken könnten. Stattdessen hat jede Figur eine grundsätzliche Motivation, die in den inneren Monologen während ihrer Choreographien thematisiert wird, sowie ein paar bulletpointartige Eigenschaften, die eigentlich nur in den häufigen Comedy-Momenten Verwendung finden. Im Vergleich zu Yuuris tiefer Gefühlswelt wirken die seiner Konkurrenten nicht nur flach, sondern stellenweise etwas kleinlich und bedeutungslos. Das extremste Beispiel hierfür betrifft einen Charakter, der hier bisher überraschend wenig erwähnt wurde, nämlich Yuuris selbsterklärten Rivalen Yuri Plisetsky. Dieser wird in Bezug auf Marketing und Screentime beinahe als dritter Hauptcharakter behandelt, geht aber auf der emotionalen Ebene des Werks beinahe vollkommen unter. Dies liegt an der Unklarheit seines Selbstfindungsprozesses, dem elementaren Motiv des Werks. Ist es die Liebe zu seinem Großvater, ist es jugendlicher Ehrgeiz oder ist es doch simple Eifersucht? Ich weiß es nicht und der Anime scheint es auch nicht zu wissen, denn er weist Indikatoren für all diese Dinge auf, ohne sich festzulegen.


Und das ist auch nicht der einzige Aspekt der Serie, bei dem eine leichte Verwirrung vorliegt. Wie bereits erwähnt, versucht Yuri!!! on ICE nämlich recht explizit, kein klassischer Sport-Anime zu sein. Um dieses Ziel zu erreichen, werden viele der verbreiteteren Genre-Tropes vermieden und das fundamentale Element des nachvollziehbaren Trainings zur persönlichen Weiterentwicklung wird durch die zuvor beschriebene emotionale Selbstfindung ersetzt. Gerade letzteres ist ein starker Indikator für die Ablehnung des Daseins als Sport-Anime, denn es nimmt der Sportart selbst durch seine bereits beschriebene Interpretation den genretypischen Weg zum Erfolg. Nicht Anstrengung und Siegeswillen gewinnen hier den Titel, sondern Motivation durch Emotion. Well, jedenfalls in der Theorie. Letztendlich ist das Werk nämlich bedeutend näher am Genre des Sport-Animes, als es das eigentlich sein will. Dies liegt erst einmal am Fakt, dass Yamamotos Geschichte zwar mit dem Weg zum Erreichen des Ziels den Genrestandard bricht, das Ziel davon bleibt aber gleich. Trotz allem Fokus auf die Beziehung zwischen Yuuri und Victor führt die Äußerung dieser in Yuuris Sportlerkarriere dazu, dass es am Ende doch wieder darum geht, eine Meisterschaft zu gewinnen. Warum diese gewonnen werden soll, ist zwar anders begründet, aber das letztendliche Ziel ist so genretypisch wie nur irgend möglich. Zweitens resultiert der fehlende Fokus auf Training sowie die Notwendigkeit der Darstellung einer ganzen Saison in zwölf Folgen in einer vergleichsweise hohen Screentime der Ausübung des Sportes selbst. Ja, die Charaktere labern dabei durchgehend im inneren Monolog über ihre Gefühle, und ja, das Eiskunstlaufen selbst ist auch in den Arcs der Figuren fundamental verankert, jedoch können diese Elemente aufgrund der bereits genannten Probleme nicht darüber hinwegtäuschen, dass man Ende doch primär Eiskunstlaufen sieht – einen Sport.

Wenn dieser Faktor schon ungewollt viel Gewicht in der Serie erhält, kann er dann wenigstens auf einer visuellen Ebene überzeugen? Die Antwort auf diese Frage ist ein klares Ja. Die Eiskunstlaufszenen lassen sich durchaus als ein magisches Stück brillanter Animation bezeichnen. Dies liegt einerseits an den starken und uniquen Choreographien, andererseits aber auch an der Art, wie die Sprite-Animation mit dem CG-Background zusammenspielt. Die Charaktere sowie die Perspektive gleiten flüssig über den Boden und erzeugen ein dynamisches, hautnahes Gefühl. Verstärkt wird dieser Effekt auch noch durch das Zusammenspiel der leichten Spiegelung im Eis mit den harten Schatten auf der Oberfläche sowie den kleinen, frischen Abdrücken der Kufen, die wohl als Teil der Sprites behandelt wurden. Um die Detailverliebtheit auf die Spitze zu treiben und der stilsicheren Farbpalette ein wenig Dynamik einzuhauchen, kreierte das Animationsteam eine Art Glitzereffekt bei einigen Kostümen, der die Reflektion von Licht in die „Kamera“ imitieren soll. Im starken Kontrast zur modernen Fancyness der Darstellung im Werk steht das Opening des Animators Seong Ho Park, das all diese zusätzlichen Faktoren ignoriert und damit den gesamten Fokus auf die brillante Key-Animation legt. Dass dabei genau wie im Werk selbst eine hohe Wiederverwendung von Animation vorliegt, stört nicht wirklich, da diese auf die Limitierung der Produktion als TV-Serie zurückzuführen ist.


Doch hat Yuri!!! on ICE nun sein Ziel erfüllt? Ist die Behandlung komplexerer Aspekte bezüglich körperlicher Liebe und Sexualität geglückt? Na ja, teilweise jedenfalls. Die Präsentation einer homosexuellen Beziehung, die nicht auf die üblichen Tropes von Yaoi- und Yuri-Animes baut und die beiden Partner sowie die sexuelle Energie zwischen ihnen auf eine realitätsnähere Art und Weise darstellt, ist auf jeden Fall gelungen. Die Highlights dieses Aspekts liegen in den direkten Referenzen auf reale Homophobie im Eiskunstlauf, denen im Werk durch eine unnatürlich positive Sicht aller Figuren auf LGBT-Sportler entgegengewirkt wird. Die Beziehung der beiden Hauptcharaktere mündet letztendlich in einem Plotpunkt, der durchaus als positive Anspielung auf die Homo-Ehe gesehen werden kann – ein Konzept, dass im konservativen Japan nicht denselben breiten Zuspruch genießt, wie es in Europa und Amerika der Fall ist. Gleichzeitig kann die künstlich positive Welt des Werks bezüglich Homosexualität als Ignoranz vor der Wirklichkeit gesehen werden, was natürlich dem Ziel des Werkes widersprechen würde. Verstärkt wird dieser Eindruck vom Fakt, dass im Anime selbst keine sexuellen Handlungen zwischen den Charakteren gezeigt oder angedeutet werden, obwohl diese im Eiskunstlauf sowie auf der emotionalen Ebene thematisiert werden. Ja sogar der einzige Kuss zwischen Yuuri und Victor im Werk wird vom Arm des Russen überdeckt. Im offiziellen Fanbook zur Serie begründe Sayo Yamamoto diese Entscheidung damit, dass sie bei einem offen gezeigten Kuss wohl Gefahr gelaufen wäre, zensiert zu werden.

Insgesamt lässt sich Yuri!!! on ICE als ein ambitioniertes, aber auch etwas überambitioniertes Werk bezeichnen, das nicht alle seine hoch gesteckten Ziele vollends erreichen kann. Die Thematisierung komplexerer, erwachsener Liebe ist durchaus als erfrischend zu bezeichnen und bildet einen starken Faktor dieses qualitativ hochwertigen Sport-Animes. Wird das Werk alleine die japanische Populärkultur gravierend beeinflussen? Ich weiß es nicht. Aber wenn Erfolg ein valider Indikator dafür ist, dann gibt dieser Yamamoto und ihrer Vision auf jeden Fall recht.

Cube

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Letzte Änderung: 4 Monate 2 Wochen her von hYperCubeHD.

Yuri!!! on ICE 4 Monate 1 Woche her #835284

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Yuri!!! on Ice fide ich extrem gelungen. Es reißt einen total mit und tatsächich finde ich, dass es ohne die emotionalen Momente nicht funktionieren würde.
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