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THEMA: Saraiya Goyou

Saraiya Goyou 4 Monate 2 Wochen her #834333

  • Kuebert
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In meiner letzten Rezension sprach ich davon, dass der erste Eindruck oftmals trügerisch sein kann und es sich lohnt, auch mal hinter die Oberflächlichkeiten wie Setting, Visual oder auch des Genres zu blicken. Beim Schauen von Animes haben wir, ohne es vielleicht wirklich zu bemerken, bereits einige festgefahrene Klischees verinnerlicht, die uns so oft den Blick auf etwas Neuartiges verwehren. Beim Sportgenre denken wir sofort an eine Schulmannschaft, die als Underdog trotz aller Zweifler schließlich doch die Meisterschaft gewinnt, beim Romance-Genre vielleicht an High School-Geschichten, die nicht wirklich über den ersten Kuss hinausgehen. Titel wie One Outs oder Golden Time beweisen aber durchaus Gegenteiliges. Lesen wir von einem Anime mit einem Samurai in der Hauptrolle, dann gehen unsere Erwartungen wohl eher in Richtung spannungsgeladener Sequenzen und perfekt inszenierter Schwertkämpfe, wie man es von Samurai Champloo, Sword of the Stranger oder auch Sengoku Basara gewohnt ist. Ihr ahnt es sicher schon, jetzt kommt ein „aber es gibt auch“ und damit liegt ihr vollkommen richtig, denn der Anime Saraiya Goyou will keinesfalls mit Actionszenen im Gedächtnis bleiben, vielmehr erzeugt er eine ganz eigene Atmosphäre, die den Zuschauer vollständig in die damalige Edo-Zeit eintauchen lässt. Lasst mich euch also ein kleines Stück in die Welt von Saraiya Goyou führen.

Der Anime Saraiya Goyou adaptiert Natsume Onos gleichnamigen Manga des Jahres 2005. Produziert im Studio Manglobe und unter Regie von Mochizuki Tomomi erschienen die insgesamt zwölf Episoden zur Spring-Season 2010. Angel Beats!, Kaichou wa Maid-sama!, K-On!!, Hakuoki, Rainbow – ein Blick auf diese Season verrät uns, warum die Geschichte rund um den schüchternen Masanosuke Atsuki wohl etwas zu Unrecht untergegangen ist.

Mitten im damaligen Edo, heute besser bekannt als Tokyo, stößt der arbeitsuchende und finanziell mittellose Samurai Masanosuke Atsuki, der auf den Spitznamen Masa hört, auf einen jungen Mann, welcher sich ihm als Yaichi vorstellt. Dieser lädt ihn prompt zum Essen ein und bietet ihm obendrauf noch einen Job als Bodyguard an, welchen Masa sofort annimmt. Zu schön, um wahr zu sein, oder? Tatsächlich verhält es sich nämlich so, dass unser bedürftiger Samurai gerade einem Kindesentführer Begleitschutz gewährt. Yaichi ist nämlich der Kopf einer Gruppe, die aus Kidnappern besteht. Trotz seines strengen Moralkodex als Samurai kann sich Masa seiner Neugier und auch Bewunderung für den mysteriösen Yaichi nicht erwehren und gerät so immer tiefer in die Machenschaften der Entführerbande, die sich die Five Leaves nennt.



Bei dieser Prämisse könnte man meinen, dass den Zuschauer actiongeladene Entführungsaktionen erwarten und Auseinandersetzungen zwischen dem Samurai Masa und den Widersachern der Bande anstehen. Weicht der Blick vom Klappentext hin zum Produktionsstudio Manglobe, welches einige Jahre zuvor schon den Shinichirou Watanabe-Klassiker Samurai Champloo über die Bildschirme flimmern ließ, wird man natürlich annehmen, man habe es hier mit einem nicht ganz so erfolgreichen und eventuell sogar billigen Abklatsch zu tun. Weiter könnte man jedoch nicht daneben liegen. Zwar sind die zwei Hauptfiguren Masa und Yaichi – wie auch Mugen und Jin aus Champloo – völlig unterschiedlicher Natur, doch schlägt die Beziehung der beiden eine gänzlich andere Richtung ein. Unsere Hauptfiguren begeben sich nicht auf eine Reise quer durchs historische Japan. Es sind auch keine verschiedenen Städte und Landschaften zu sehen, die mit einer farbenfrohen, abwechslungsreichen visuellen Gestaltung hervorstechen. Ebenso erwarten einen weder aufgeweckte Beats noch kecke Sprüche. Selten ist die Stimmung aufgeregt, selten kommt es zu gezogenen Waffen, selten fließt frisches Blut. Viel häufiger sind einfache Gassen, Kneipen, mit Tatamis eingerichtete Wohnungen oder auch eine Schüssel Reis, dazu ein Teller mit eingelegtem Gemüse und als Getränk eine mit Sake gefüllte Tukkuri zu sehen. Das abgebildete Edo lässt sich wohl als ein eher unaufgeregtes, ja vielleicht sogar als ein etwas verschlafenes beschreiben. Hiermit wird versucht, den Zeitgeist, der doch eher friedlicheren Edo-Zeit widerzuspiegeln. Denn nach all den Kriegen der Sengoku-Epoche, kann Japan nun endlich ein vereintes Land vorweisen. Man will verdeutlichen, dass mit dem Begriff des Samurai eben nicht immer der eiskalte Killer in Verbindung gebracht werden muss, sondern einfache Menschen dahinterstehen, die mit ganz normalen Problemen zu kämpfen haben. Gerade nach den vielen Schlachten und Feldzügen waren es Jobs als Leibwächter, Bodyguard oder Polizist, mit denen sie sich über Wasser hielten. Dieser Genrebruch, der mehr auf Realität als auf idealisierende Fantasien setzt, macht einen besonders interessanten Aspekt dieser Serie aus: eine Darstellung des Menschen hinter der Faszination eines ausgestorbenen und etwas verdrehten Berufsbildes.



Saraiya Goyou zeichnet sich neben menschlichen und authentischen Figuren vor allem als erstklassiges Charakterdrama aus. Statt ausgefallener Story, stehen die Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft der fünf Bandenmitglieder im Fokus: der neu dazugestoßene Samurai Masa, der Kopf der Gruppe und scheinbar sorgenfreie Schönling Yaichi, der alleinerziehende Vater und Kneipenbesitzer Umezou, die ehemalige Prostituierte Otake und der einstige Dieb und nun mit der Herstellung dekorativer Haarnadeln beschäftigte Matsukichi. Am reservierten und eher ruhigen Verhalten der Figuren sowie am Charakterdesign, besonders hervorgehoben durch die Augen, wird deutlich gemacht, dass sie alle etwas verbindet: eine sehr prägende und nicht gerade glückliche Vergangenheit, die einem jeden von ihnen anhaftet.

Nur Masa ist da etwas anders. Ihn plagen Probleme weitaus anderer Natur, welche ihn zu einem wirklich real wirkenden Charakter formen und auch ein klein wenig einzigartig machen. Der herrenlose Samurai besitzt schlichtweg keine der üblichen Ziele, wie etwa der Stärkste zu werden, jemanden zu retten oder gar irgendwelche Reichtümer anzuhäufen. Schon gar nicht besitzt er die klassischen Heldeneigenschaften und Ideale, denen der Zuschauer nachstreben möchte. Er wirkt fehlbar und deshalb authentisch, was es wiederum leicht macht, sich mit ihm zu identifizieren. Trotz ansehnlicher Fähigkeiten am Katana ist er in so gut wie allen anderen Dingen unbeholfen und nicht zu gebrauchen. Körperliche Arbeit liegt ihm nicht und gerade im Kontakt mit Menschen weiß er selten, die richtigen Worte zu finden. Er ist ein gutmütiger und naiver Kerl, der versucht, seine Persönlichkeitsprobleme zu bewältigen, um mit mehr Selbstbewusstsein dem Beruf als Samurai erneut nachgehen zu können. Seine großen, tiefschwarzen Augen und verunsicherten Gesichtszüge verdeutlichen jedoch seine Zwangslage und die hilflose Situation, in der er sich alleingelassen und überfordert fühlt. Der inneren Gefühlswelt Masas wird so besonders gut nach außen hin durch das Charakterdesign Ausdruck verliehen, was für ein besseres Verständnis seiner Probleme sorgt und ihn noch glaubhafter erscheinen lässt.

Hierbei spielt die Entführerbande eine sehr zweischneidige Rolle für den Tagelöhner. Endlich findet Masa Anschluss in der großen Stadt und Menschen, die er sogar als Freunde schätzen lernt, doch bricht er dafür mit seinen eigenen Moralvorstellungen, verliert sich selbst und sein Wunsch, überhaupt noch einmal als Samurai zu dienen, verblasst mit der Zeit. Seine Gedanken und Interessen werden nach und nach vom mysteriösen Yaichi dominiert. Masa ist völlig eingenommen von dem jungen Playboy, idolisiert, ja beneidet ihn sogar und möchte unbedingt mehr über ihn und seine Absichten erfahren. Der Samurai möchte ein Stück weit wie er sein und sorgenfreier und selbstbewusster den Alltag bestreiten. Ironischerweise beschäftigen Yaichi weitaus größere Probleme, als Masa zunächst annimmt und vielleicht ist es ja sogar Yaichi, der sich ein Stück weit nach Masas Normalität sehnt. Es entsteht eine gewisse Tragik, die das Publikum mit melancholischen Blicken die Zuspitzung der Handlung verfolgen lässt.

Genau dieses Leid ist es, das für eine tragische Atmosphäre sorgt und den Beobachter bei Yaichis Auftritten vollkommen in seinen Bann zieht. Yaichi will ein Leben ohne Sorgen führen, Spaß haben und doch eine ruhige, gelassene Zeit genießen. Sein Motto: „verweile nicht in der Vergangenheit, sondern genieße die Gegenwart“. Doch als Zuschauer merkt man schnell, dass es sich hierbei nur um einen Teil seiner selbst errichteten Fassade handelt. Die Figur Yaichi umgibt etwas Mysteriöses. Mal verdecken Haare eine der beiden Gesichtshälften, mal ist es die häufige Verwendung von Profilansichten, die versuchen, seine Emotionen und Gedanken zu verbergen. Warum sitzt Yaichi immer zu am Fenster und blickt oft so nachdenklich in die ferne Nacht? Sein Antlitz wird geteilt durch einen Schatten. Somit wird ein Lichtspiel inszeniert, das seine innere Zerrissenheit impliziert. Darüber hinaus wirft ein einzelner innerer Monolog nur noch mehr Fragen auf, als dass er sie beantwortet. Und auch seine Dialoge haben diese Wechselhaftigkeit. Gut gelaunt, mit lockeren Sprüchen auf den Lippen, wechselt oft bei Nacht zu todernst und bestimmend. Die im Kontrast hierzu stehende, eher verschlafene Atmosphäre, die eine Unaufgeregtheit und Normalisierung des Ganzen an den Tag legt, wirkt so auf einmal völlig absurd.



Atmosphäre kommt neben einer ansprechenden visuellen Gestaltung wohl vor allem über die Welt der Klänge und Töne zur Geltung. So sind es musikalisch abwechslungsreiche und dennoch schnell vertraut wirkende Kompositionen, die besonders das ruhigere Alltagsleben in Edo glaubhaft und reell wirken lassen. Die Stücke des Künstlerduos Kayo Konishi und Yukio Kondou, besser unter dem Namen MOKA☆ und für ihre Inszenierungen in Noragami Aragoto und vor allem Elfen Lied bekannt, überzeugen durch Vielseitigkeit und Intensität. Oft wird eine Ruhe geschaffen, bei der man sich beim Schlendern unserer Hauptfiguren durch das damalige Tokyo auch mal in den eigenen Gedanken verlieren kann. Selten habe ich mich so gut in ein so echt wirkendes historisches Stadtleben hineinversetzen können. Diese Vertrautheit wird auch durch die wenig wechselhaften Szenen erzeugt, die gerade bei Tag diese absurde Normalisierung des Bandendaseins zustande bringt und das Publikum fast schon vergessen lässt, dass es sich hier um eine Gruppe Krimineller handelt. So entsteht diese melancholische Gelassenheit, die dennoch stets etwas Mysteriöses und leicht Bedrohliches ausstrahlt. Unter Vorlage von Mangaka Natsume Onos Werk kreiert Regisseur Mochizuki Tomomi etwas ganz Besonderes und in nur zwölf Episoden gelingt es ihm, einen kreativen und runden Abschluss der Handlung zu finden, der gänzlich unbemerkbar vom Original abweicht. Gar nicht genug loben kann man seine vielseitigen Beteiligungen unter anderem an Soundregie, Storyboard und Farbgestaltung, die diesen Anime vervollständigen und erst zu dem machen, was er ist.

Es ist wohl schwierig, mit einfachen Worten den Leser in eine so einzigartige Atmosphäre eintauchen zu lassen. Insgesamt ist Saraiya Goyou ein toller Titel, der mit dem Samuraigenre bricht. Das Treffen des offensichtlich so unbeholfenen Masas mit dem innerlich zerrissenen Yaichi erzeugt eine spannende, gegensätzliche Dynamik. Eingebettet ist die Geschichte um die beiden in ein Edo, das selten so reell wirkte und mit stimmhaften Arrangements überzeugt, die das Geschehen und auch Geschehene passend untermalen und den Zuschauer so auch einmal die Zeit vergessen lassen. Ich hoffe, ich konnte euch durch meine Rezension ein Stück weit in die hier abgebildete Edo-Zeit führen. Falls nicht, dann geht selbst mit Masa durch das damalige Tokyo und versucht herauszufinden, was wirklich hinter Yaichi steckt.

Danke fürs Lesen, euer Kuebert
Letzte Änderung: 4 Monate 3 Tage her von Kuebert.
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