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THEMA: Uzumaki

Uzumaki 5 Monate 3 Wochen her #833849

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Horror ist ein sehr spezielles Genre. Anders als bei anderen emotionsbasierten Werkkategorien sind Charaktere und Geschichte der kurzzeitigen Wirkung auf den Zuschauer nicht nur untergeordnet, sie rücken gar gänzlich in den Hintergrund. Dies hängt mit dem spezifischen Gefühl zusammen, das Vertreter dieses Genres dem Publikum aufzwingen wollen: Furcht. Auf den ersten Blick mag Furcht eindimensional, gar instinktuell wirken, stellt sich bei näherer Betrachtung jedoch als überraschend vielseitig heraus. Vielseitigkeit, die aufgrund der aktuellen Interpretationen des Genres in audiovisuellen Medien leicht vergessen werden kann. Die Adaption dieser in Bücher ist aufgrund ihrer visuellen Natur natürlich nicht möglich, doch wie steht es mit Mangas? Kann visueller Horror ohne festes Pacing funktionieren?

Die Frage ist schwer zu beantworten, doch wenn es eine Person geschafft haben könnte, dann ist es wahrscheinlich Junji Itou. Beim 56-jährige Zeichner handelt es sich keineswegs um den Urvater des Horror-Mangas, jedoch wird er gemeinhin dennoch als eine der prägendsten Personen dessen Geschichte betrachtet. Von 1998 bis 1999 veröffentliche Itou seinen wahrscheinlich bekanntesten Manga: Uzumaki. Dieser umfasst 3 Bänder und wird hierzulande von Carlsen Manga verlegt. Eine japanische Live-Action-Adaption existiert, ist jedoch nicht Teil dieser Rezension.

Die Schülerin Kirie Goshima lebt ein relativ normales Leben in der japanischen Kleinstadt Kurouzu-cho. Eines Tages entwickelt der Vater ihres Freundes Shuichi Saito jedoch plötzlich eine ungewöhnliche Obsession mit dem Muster der Spirale. Seine unerklärliche Leidenschaft scheint trotz aller Versuche seiner Familie unstoppbar und endet in einem grotesken Suizid. Nach diesem Vorfall verfallen immer mehr Menschen in der Stadt der übernatürlichen Anziehungskraft der Spirale. Shuichi will Kirie dazu überreden, aus der Stadt zu fliehen. Doch kann oder will man der Spirale entkommen?

Bei den ersten zwei Dritteln des Werks handelt es sich um eine auf Basis der Charaktere und Örtlichkeit lose zusammenhängende Geschichtensammlung zum Thema der Spirale, die nur in seltenen Fällen kapitelübergreifende Storystränge vorweisen kann und will. Hierbei scheint sich der Manga selbst nicht wirklich sicher zu sein, wie ernst der Leser die Übergänge zwischen den Kapiteln zu nehmen hat, und präsentiert sich deshalb in diesem Bereich recht inkonsistent. Teilweise münden Geschichten direkt ineinander und nutzen gemeinsame Nebencharaktere und Örtlichkeiten, in anderen Fällen hingegen verfügen Kapitel über halb offene Enden, die nicht wirklich aufgelöst werden. Dies ist aus Perspektive des Storytellings wahrscheinlich praktisch, verwehrt aber dem Leser die Möglichkeit, die Regeln des Werks im Rahmen eines übergreifenden Narrativs wahrzunehmen. Um die Inkonsistenz zu bestärken, gestaltet sich der letzte Band des Mangas dann aus dem Nichts als erzählerisch dicht und versucht, die Geschichte um die Kleinstadt Kurouzu-cho zu einem Ende zu führen. Dieser Abschnitt hilft zwar dabei, die bisherigen Schnipsel zu verbinden und greift auch bislang vergessene Geschehnisse wieder auf, wirkt jedoch in Kombination mit der bisherigen Erzählstruktur etwas verwirrt. Das ist grundsätzlich kein Beinbruch, jedoch hätte Konsistenz in den Übergängen der Narrative durchaus geholfen.


Der Vorteil des Fokus auf kurze, pseudo-unabhängige Geschichten liegt in der Möglichkeit des kreativeren Umgangs mit dem Hauptelement der Spirale. Streckt man ein wenig die Interpretation des Begriffs taucht dieses ominöse Muster nämlich überraschend häufig im Alltag auf. Es ist durchaus vorstellbar, dass eine paranoide Person in dieser Vorstellung durchaus etwas Böses erkennen könnte. Dies würde dann in den Bereich des Suspense-Horrors bzw. Psychothrillers fallen – zwei Genres, die auf visueller Ebene stark vom Pacing abhängen. Da Lesegeschwindigkeit in Mangas nicht kontrollierbar ist, musste Itou somit auf eine andere Form des Horrors setzen: den sogenannten Body-Horror. Das bedeutet, dass der Horror in den meisten Itou-Geschichten auf einer Form des Ekels fußt, die für den Leser nachvollziehbar ist. Menschen wissen instinktiv, wie Menschen auszusehen haben, und jegliche Abweichung davon löst ganz natürlich ein Gefühl aus – beispielsweise bei brechenden Knochen. Im Fall von Uzumaki besteht der Body-Horror aus unnatürlichen Verdrehungen, dem Eindringen diverser Objekte, dem Fehlen einzelner Elemente und Verwandlungen in unmenschliche Wesen. Im Grunde fokussiert sich der Autor bei der Entwicklung seiner kreativen Machwerke auf die Reinterpretation menschlicher Ängste sowie die Erkundung des Konzepts der Spirale. Die Stärke liegt hierbei in Itous dreckig düsterem Zeichenstil, der die ekelerregenden Geschöpfe zum Leben erweckt. Doch allein würde dies nicht funktionieren.

Um dem Problem des frei wählbaren Pacings aus dem Weg zu gehen, nutzt Itou eine Layout-Technik, die gemein hin als Page Turn Surprise bezeichnet wird. Hierbei werden „Überraschungen“, also im Fall von Horror-Mangas die Ekelbilder, so platziert, dass zu dessen Sichtung ein Seitenumschlag getätigt werden muss. Wo auf den neuen zwei Seiten dann das betroffene Panel wirklich platziert ist, gestaltet sich als irrelevant, solange sich der Zeichner bewusst ist, dass genau dieses Panel als erstes wahrgenommen werden wird. Junji Itou rotiert bei der Nutzung zwischen Doppelseiten-, Vollseiten- und Einzel-Panels, wobei gerade letztere ziemlich interessant sind. So befindet sich der Body-Horror meist recht groß am unteren Ende der Seite, während die Panels darüber den Weg hin zu diesem Zustand erklären. Durch diesen Kniff erlebt der Leser direkt beim Seitenumschlag den initialen Schock, ohne dass dieser unerklärt bleibt oder durch einen langen Aufbau gehemmt wird.

Doch löst dies das Problem? Kann visueller Horror nun ohne festes Pacing funktionieren? Diese Frage beantwortet die Sichtung des Werks aufgrund der fundamental subjektiven Natur des Genres nicht wirklich, jedoch lässt sich Uzumaki durchaus als eine gelungene Sammlung diverser Geschichten bezeichnen, die es schaffen, Junji Itous Form des Body-Horrors in ein nachvollziehbares Konzept zu bringen. Die übergreifende Rahmenhandlung ist hingegen der schwächere Aspekt des Werks und vermag es nicht wirklich, eine kohärente Narrative aufzubauen. Dasselbe gilt für die beiden Protagonisten, die zwar über konstante Persönlichkeiten verfügen, jedoch erst gegen Ende wirklich ihre eigene Existenz rechtfertigen können. Nicht untypisch für Horror, aber in Hinblick auf die hohe Qualität der restlichen Elemente etwas schade. Wen dies nicht stört, der kann sich diesen Genre-Klassiker ohne jegliche Bedenken zu Gemüte führen.

Cube

Letzte Änderung: 5 Monate 3 Wochen her von hYperCubeHD.

Uzumaki 5 Monate 2 Wochen her #833911

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Ich hab den Manga erst letzte Woche fertig gelesen.
Ich kann auch nachvollziehen, dass einige Personen davon nachhaltig verstört sind.

Auf der anderen Seite: Es ist halt Junji Ito.
Der Mann ist wirklich ein Genie (oder krank je nach Perspektive)

Ich fand Shuiji als Nebencharakter wirklich gelungen:
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Uzumaki 5 Monate 2 Wochen her #833955

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Tut mir leid, aber Ich musste schmunzeln.
Der Manga hat eindeutig "wunderschöne" und funktionierende Horrorelemente, bei dem Anime hingegen - funktioniert das selbe absolut nicht.

Horror funktioniert in jedem Medium, ob nun Zeitung, Buch, Film, Musik oder oder oder. Es kommt auf die Geschichte und das Gefühl das vermittelt wird an, nicht ob es gezeichnet, gefilmt oder geschrieben wurde.
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Uzumaki 5 Monate 2 Wochen her #833967

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Danke für die Empfehlung, habe den Manga gestern gekauft. Normalerweiese lese ich Manga immer als scans nur online, aber weil gerade so ein bildgewaltiges Werk im Buchformat erst wirklich zur geltung kommt hab ich doch tatsächlich mal zum original gegriffen. :)
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