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THEMA: Aura: Koga Maryuin’s Last War

Aura: Koga Maryuin’s Last War 2 Wochen 5 Tage her #827800

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Erwartungshaltung ist eine merkwürdige, beinahe paradoxe Sache. Im Vornherein hyped man sich gerne für die kommenden Serien, Filme oder Spiele, doch im Nachhinein kann man dadurch höchstens zufrieden sein oder im schlimmsten Falle sogar stark enttäuscht werden. Meine besten Erlebnisse involvieren eigentlich immer ein Werk, mit dem ich mich nur minimal bis gar nicht auseinandergesetzt habe. Doch wie kommt es dazu? Und wie kommt es zu mir? Je mehr man sich in der Szene auskennt, desto seltener kann dies schließlich passieren, oder nicht? Eines Tages läuft man also unbehelligt durch den Elektronikmarkt seines Vertrauens und erblickt ein vollkommen fremdes Cover. Kinnbart kratzend fischt man die Hülle aus dem unsortierten Grabbelhaufen heraus und scannt Vorder- und Rückseite mit fachlicher Präzision. „Aura: Koga Maryuin’s Last War“. Ein Film von Regisseur Seiji Kishi? Autor Romeo Tanaka? Studio AIC A.S.T.A.? Waaas? Das ist ja dieselbe Crew, die auch das völlig unterschätzte Comedy-Goldstück namens Humanity has declined schuf. Jetzt kribbelt es unter den Fingern. Wurde hier, in den Ringen eines erdnahen Gasgigantens, etwa ein weiteres Stück Edelmetall entdeckt? Der Preis ist gut, das Konto noch voll, also ab damit zur Kasse und dann nach Hause, denn das will ich nun herausfinden.

Meine ersten Eindrücke waren allerdings ziemlich mau. Gleich zu Beginn wird uns mitten auf den Dächern einer japanischen Großstadt ein „epischer Kampf“ zwischen zwei magischen Kriegern präsentiert. Von Garden of Sinners oder Fate ist das jedoch Welten entfernt, und das obwohl es sich sogar um eine der besser aussehenden Szenen dieses Werkes handelt. Kurz gesagt: Dieser Film ist billig. Das erste Drittel lang war ich praktisch komplett davon eingenommen, mich über jedes technische Detail aufzuregen. Zum Beispiel, dass sich (trotz der Anfangsszene) fast alles nur in langweiligen Schulkorridoren mit schrecklichem digitalen Compositing abspielt, und dass ausgerechnet der Hauptcharakter trotz seines generischen Designs ständig off-model ist. Ich war ganz einfach verwundert. Denn Regisseur Kishi müsste schon im Jahr 2013 genug Erfolg mit Werken wie Angel Beats und Persona 4 the Animation gehabt haben, um mehr Vertrauen bei den Produzenten zu wecken. Selbst seine letzte Kollaboration mit Tanaka konnte wenigstens mit einem liebenswerten Stil punkten, ganz abgesehen davon, dass sie „nur“ ein TV-Anime und kein abendfüllender Spielfilm war. Auch der Soundtrack von Michiru Oshima hält sich im Gegensatz zu ihrer Arbeit an Fantasy-Abenteuern wie Little Witch Academia, Rokka no Yuusha oder Fullmetal Alchemist eher feige zurück.

Viele Leute hätten sich an irgendeinem Punkt in dieser Kette, oder schon von vorneherein, kurz Zeit genommen, um die anderen Details zu checken. Wie kam der Film an? Wurde er schon kritisch behandelt? Worum geht es eigentlich in ihm? Da solche Dinge für mich aber eher zweitrangige Informationen sind, sprang ich ähnlich unvorbereitet in die Handlung wie Protagonist Ichirou Satou. Während der eines Nachts nur sein vergessenes Textbuch aus dem Schulgebäude bergen möchte, läuft er zufällig Ryouko Satou über den Weg. Die beiden sind übrigens nicht verwandt, tut mir echt leid für euch Siscons. Wie denn auch, Ryoko stammt schließlich aus einer völlig anderen Welt. Ihre menschliche Identität trägt sie nur als Deckmantel, um ihre wahre Mission zu verschleiern. Eigentlich ist sie eine Forscherin auf der Suche nach magischen Artefakten im Kampf gegen gefährliche Biester. „Völliger Blödsinn“, denken sich Ichirou und die eine Hälfte seiner Klasse, zumindest bis die andere Hälfte völlig am Rad dreht. Wie von Dämonen besessen stürzen und stützen sie sich auf Satou und Satou, ihre beiden Retter. Er und sie stecken nun ganz schön in der Bredouille, besonders nachdem Ichirou vom Klassenlehrer noch offiziell zu ihrem Beschützer ernannt wurde.

Hier nimmt der Film nun endlich Fahrt auf, oder auch ab; je nachdem wie man an ihn herangeht. Für einen Zuschauer, der größtenteils übernatürliche und actionlastige Elemente erwartet, könnte der sehr emotionslastige und irreführende Klassenkampf (wortwörtlich, nicht marxistisch) enttäuschend sein. Für jemanden wie mich, der weiß, dass ersteres die Stärke Kishis und zweiteres die Tanakas ist, war es jedoch eine positive Überraschung. Neben diesen strukturellen Stärken (oder Schwächen) punktet der Anime auch mit relevanten Thematiken wie Mobbing, Identität und anderen Coming-of-Age-Motiven. Zwar kann er diese an keiner Stelle mit dem Tiefgang eines Koe no Katachi behandeln, allerdings versucht er obendrein einen Handlungsverlauf vom Ausmaß eines Nerawareta Gakuen zu jonglieren, und schafft es im Gegensatz zu diesem auch.

Eine Sache vollführt dieser Film sogar besser als das hochpolierte Meisterwerk von KyoAni: seine Thematik an das Zielpublikum zu bringen. Jeder Zuschauer, dem nicht klar ist, dass Mobbing eine passive Aktivität und gerade für die Mobber selbst destruktiv sein kann, wird diese Lektion wahrscheinlich auch nicht aus einem Animationsfilm ziehen. Aura hat jedoch eine Botschaft spezifisch für die Animecommunity. Um diese möglichst weit zu verbreiten, tarnt sich das Werk ähnlich effektiv wie die magische Forscherin Ryouko selbst: nicht wirklich überzeugend, aber stets bemüht und charmant.

Aura tanzt permanent auf der Linie zwischen Fiktion und (fiktionaler) Realität. Wie man es von Romeo Tanakas Werken gewohnt ist, scheint Perspektive etwas relativ … Relatives zu sein. Der Film scheut nicht davor zurück, den Zuschauer über beinahe die Hälfte seiner gerade einmal 83 Minuten Laufzeit im Dunkeln tapsen zu lassen, sowohl was die Motivationen von Satou als auch die der Geschichte selbst angehen. Und ich werde das Licht auch erst einmal nicht anknipsen, das könnt ihr nämlich schön selbst machen.

Einen schönen Tag euch noch!

Euer Tazzels

– "Wer zuletzt lacht, hat den höchsten Ping."
Letzte Änderung: 2 Wochen 1 Stunde her von Tazzels.
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