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THEMA: The Tatami Galaxy

The Tatami Galaxy 2 Monate 1 Woche her #826016

  • Soulykun
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Geborgenheit, Sicherheit oder Individualität – Wörter, die zweifelsohne jeder in irgendeiner Form mit seinen eigenen vier Wänden verbindet. In ihnen kann man sich frei verwirklichen, sei es in Form von Wandfarben, Postern, Möbeln, Souvenirs oder diversen anderen Dingen. Kein anderer Ort wird im Laufe unseres Lebens zu einem besseren Abbild unserer Selbst. Schließlich verbringt man hier einen Großteil seiner Tage. Dabei unterscheiden sich die Wohnungen unterschiedlicher Menschen nicht nur in ihrer Einrichtung, sondern auch in ihrer Form; manche Leben in Häusern, andere in Apartments und wieder andere in … 4 ½ tatami-großen Räumen.

Um einen dieser Menschen dreht sich die Anime-Adaption The Tatami Galaxy von Tomihiko Morimis gleichnamigen Roman. Die 11-Episoden umfassende Serie entstand im Studio Madhouse unter der Regie Masaaki Yuasas, den viele wahrscheinlich von Devilman Crybaby kennen, und wurde im Frühling 2010 ausgestrahlt.

Jeder hat sich bestimmt schon einmal gefragt, wie sein Leben verlaufen wäre, wenn er sich in bestimmten Momenten anders entschieden hätte. Ähnlich ergeht es auch dem passend „betitelten“ Protagonisten Watashi, der einfach nur dieses sagenumwobene „rosige“ Uni-Leben wollte. Leider stellt er fest, dass er seine zwei wertvollsten Jahre im Tennis-Club mit seinem dämonischen Freund Ozu vergeudete. Zudem ist das einzige Mädchen, zu dem er je Kontakt hatte, auch noch die gefühlskalte, abweisende Akashi. Hätte er doch nur nicht diesen streiche-liebenden Typen getroffen und andere Interessen gehabt, dann wäre alles bestimmt besser gelaufen … Gibt es denn nicht eine Welt, in der alles absolut perfekt ist und er zufrieden mit seinem Leben sein kann?

So beginnt die episodische Reise durch die verschiedenen Realitäten, welche auf ihn mit jeder großen Entscheidung gewartet hätten. Dabei merkt man The Tatami Galaxy stets an, dass Masaaki Yuasa hier am Werk war. Denn obwohl die Grundstruktur und sogar Kernereignisse jeder Folge identisch bleiben, strotzt jede einzelne dennoch vor Kreativität. Zwar trifft Watashi immer noch auf die mysteriöse Wahrsagerin, lernt Ozu und dessen skurrilen, auberginen-förmigen Meister kennen und bleibt weiterhin unzufrieden mit seinem Leben, zwischendrin dreht er aber beschämende Filme, kauft Unmengen an „Bienen-Wunderpillen“ oder spielt als Superheld im Theater mit. Das kreative Skript schafft es fast ausnahmslos, jede Folge in einen neuen skurrilen Trip durch Watashis verrückte Möglichkeiten zu verwandeln, von denen mir keine wirklich negativ im Gedächtnis blieb, was nur wenigen episodischen Werken gelingt.

Dennoch steht im Zentrum der Handlung nicht die Skurrilität, sondern die recht klassische Frage nach der eigenen Zufriedenheit. Für Watashi gibt es nur einen Weg, glücklich zu werden: das perfekte Uni-Leben. Eben deshalb ist er mit keiner anderen Möglichkeit zufrieden, so unglaublich einzigartig und fantastisch sie in den Augen des Zuschauers auch sein mag. Andererseits sollte für jeden klar sein, dass exakt dieses rosige Ideal nicht existiert; egal wie oft man auch einen anderen Weg einschlägt. Wer sich trotzdem auf der Jagd in seiner eigenen kleinen Galaxie verliert, wird – auch wenn man es ihm zehnmal sagt – niemals die wirklich wichtigen Dinge erkennen; da können sie noch so lange vor ihm baumeln. Sich über vergangene Entscheidungen den Kopf zu zerbrechen ist in jeder Lebenslage fast schon vorprogrammiert. Genau deswegen sollte man sein Leben genießen, anstatt die Vergangenheit zu bedauern.

Zugegebenermaßen keine wirklich innovative Botschaft, der Grund warum sie trotzdem funktioniert, liegt wieder einmal in der Inszenierung. Kaum ein Werk konnte seine Botschaft „Brich aus deiner Angst aus!“ so wörtlich nehmen und so einzigartig präsentieren. Wie schon der Name The Tatami Galaxy verrät, besteht der letzte Zufluchtsraum vor der unvorhersehbaren Realität eben aus den eigenen vier Wänden, aus ihnen zu entkommen ist somit auch der logische letzte Schritt, um etwas zu erleben. Dabei fühlt sich selbst der kleinste Tatami-Raum wie ein eigenes Universum an, weil er aufgrund von Bildern oder anderen Erinnerungsstücken ein Abbild unserer früheren Erlebnisse wird. Ausnahmslos jede Folge arbeitet zunehmend auf das unausweichliche Ende hin, damit es eben genau diese bleibende Wirkung erzielt. Gleichzeitig gelingt der Serie dadurch auch etwas, was viele andere episodische Animes nicht immer schaffen: ein rundes, zufriedenstellendes Ende abzuliefern, das im Gedächtnis bleibt.


Leider verliert er wegen diesem Fokus ironischerweise ebenfalls einen anderen essenziellen Aspekt aus den Augen: die Charaktere. Alles ist ausnahmslos darauf aufgebaut, dass sich der Zuschauer mit dem Gezeigten identifizieren kann. Nicht umsonst heißt der Hauptcharakter „Watashi“ übersetzt „Ich“ und die Prämisse spielt auf die Fantasien an, die jeder von sich selbst aus solch einer Situation kennt. Deshalb spiegeln auch die anderen Personsn typische Stereotypen aus dem Alltag wieder: Ozu ist dieser nervende Kumpel, der nur Schwachsinn treibt, Masaki der typisch coole Frauenheld und Akashi jenes Mädchen, die irgendwie jedem Angst macht und trotzdem recht süß sein kann. Ähnlich wie auch in der Wirklichkeit gibt es keine so eindimensionalen Personen, weshalb jede Episode in ihrer Weise neue Seiten des Casts beleuchtet, sei es die geheime Liebe zu einer Puppe oder Ozus großer Plan, den er warum auch immer unbedingt ausführen will.

Speziell letzteres kann sogar als eine Art übergreifende Handlung gesehen werden, die irgendwie immer präsent ist, doch immer so im Hintergrund steht, dass man bis zum Ende nie genug Teile bekommt. Mit jeder neuen Folge wird das Puzzle etwas vollständiger und verdeutlicht ungemein gut, wie klein die eigene, tatami-ausgelegte Welt eigentlich in jedem Zeitstrahl ist. Nur was nützen einem diese interessanten Eigenheiten, wenn man nie erfährt, warum die Charaktere so wurden? The Tatami Galaxy liefert nämlich lediglich kurze Momentaufnahmen dieser, ohne sie wirklich zu erkunden oder in der Welt zu verankern, schließlich ist man in der Realität auch nicht allwissend. Akashis chronische Angst vor Motten mag zwar äußerst unterhaltsam sein, wie diese zustande kommt, weiß ich aber immer noch nicht. Der Anime baut hier einfach zu sehr darauf, dass sich der Zuschauer mit Watashi identifiziert und jene Lücken irgendwie selbst füllt. Nicht ohne Grund ist die Liebesgeschichte zwischen ihm und Akashi zwar stets vertreten aber nie wirklich im Fokus, um eben den berühmten „Tunnelblick“ einzufangen, wodurch jeder die eigenen Gefühle erst am Ende erkennt. Leider bleibt damit auch die gesamte Begründung, warum sich die beiden überhaupt lieben, auf der Strecke.


Des einen Leid kann jedoch des anderen Glück sein. Speziell die Präsentation profitiert dafür ungemein vom Anspruch der Identifizierbarkeit. Masaaki Yuasas Werke waren schon immer geprägt von skurrilen Designs und Bildern, im Falle von The Tatami Galaxy besitzen sie aber allesamt ein gemeinsames Ziel: die Wahrnehmung von Watashi – uns – zu visualisieren. Eine hölzerne Cowboy-Puppe kann hier schnell für den männlichen Sexualtrieb stehen, gegen den wir uns alle so oft wehren müssen (wobei ich hier Frauen in der heutigen Zeit natürlich nicht ausschließen will) und trifft das Gefühl sogar erstaunlich gut. An anderer Stelle wirkt der hippe Masaki mit seiner Anbeterschaft wie ein König auf dem Thron oder riesige Affen stehlen widerrechtlich geparkte Fahrräder; da wirkt Ozus ovaler Kopf, nicht vorhandene Nase und dämonische Augen fast schon normal. Tatsächlich fangen all diese recht lächerlichen Ideen auf fast schon zu perfekte Weise jene Gefühle und Empfindungen ein, die zweifelsohne jeder von uns hat, vielleicht genau weil das menschliche Innere eben nicht rational oder realistisch ist.

Besonders in Verbindung mit dem farbenfrohen Stil wirkt die Serie wie ein wahres Feuerwerk der Kreativität und kann infolgedessen nach ein paar Folgen recht anstrengend werden. Immerhin ist ein Hauptmerkmal vom zynischen Watashi seine langen … sehr langen … eigentlich zu langen Monologe, die ähnlich eines Sturmgewehrs den Zuschauer mit Wörtern beschießen, um simpelste Sachverhalte zu erklären. Da mag sogar manch einer denken, dass das Video auf doppelter Geschwindigkeit läuft. Doch genau deshalb harmonieren diese Passagen nahezu perfekt mit dem typisch rasanten „Yuasa-Animations-Stil“, der ebenfalls ohne Pause neue verrückte Bilder auf den Bildschirm zaubert; was man durchaus mit einer gewissen Adaption aus dem Hause Shaft vergleichen könnte. Dass Masaaki Yuasa dabei nicht mehr auf den aus Mind Game oder Kemonozume bekannten kruden, schmutzigen Look setzt, sondern auf einen deutlich simplistisch-, flacheren, gibt der Serie eine ganz eigene Schönheit. In dieser Hinsicht ähnelt er vielmehr neueren und auch visuell „massenkompatibleren“ Werken wie Devilman crybaby oder dem Film Night is Short, Walk On Girl, welcher den Stil wortwörtlich reanimiert.

Letztendlich ähnelt die Serie in vielerlei Hinsicht dem 4 ½ tatami-großen Raum: Viele haben wahrscheinlich noch nie von ihm gehört, er wirkt ziemlich kurios, ist nicht für jedermann und es gibt sicherlich bessere Wohnungen. The Tatami Galaxy mag hinsichtlich seiner Charaktere nicht perfekt sein, mag keine allzu tiefsinnige Kernbotschaft haben und zählt – selbst unter Masaaki Yuasas Werken – zu einer der eigenartigsten Serien, die ich mir so angeschaut habe. Nichtsdestotrotz oder gerade deshalb habe ich ihn sehr liebgewonnen und denke hin und wieder sogar an ihn … oder eher mich?

Letzte Änderung: 2 Monate 4 Tage her von Soulykun.
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The Tatami Galaxy 1 Monat 3 Tage her #827194

Schöne Review.
Das Leben wäre nicht weniger als eine einfache und simple Angelegenheit von Entscheidungen. Wo immer unser Leben gerade jetzt ist, ist es auf die Entscheidungen zurückzuführen, die wir in der Vergangenheit getroffen haben. Wir tun dies und werden wahrscheinlich in der Zukunft alles in Betracht ziehen, das "Leben" wäre nur eine Abkürzung der Summe der bisher getroffenen Entscheidungen.
Das hat mir Tatami Galaxy mitgegeben.
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