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THEMA: Girls und Panzer der Film

Girls und Panzer der Film 5 Monate 2 Wochen her #822313

  • Soulykun
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Hin und wieder gibt es Animes, die einfach nur nach einem „Oh, Japan …“ schreien. Konzepte, auf die nur Japaner kommen könnten. Beispielsweise der Anime Keijo!!!!!!!! (ich hoffe, das sind genug Ausrufezeichen), der sich wortwörtlich um das Zusammenklatschen von Arschbacken oder sogar Brüsten als Sportart dreht. Ganz ähnlich verhält es sich mit einem der wohl größten Franchises der letzten Jahre: Girls und Panzer – der Anime mit panzerfahrenden Schulmädchen. Von einer Serie, zu einem Film, bis hin zu einer kommenden mehrteiligen Filmreihe, einem Spiel und noch mehr Merchandise. Nichtsdestotrotz werden sich wohl nicht wenige fragen, warum genau diese Serie so unglaublich populär wurde. Liegt es einfach nur an der Mixtur aus klischeehaften Mädchen und Panzern oder am Titel?

Womöglich erklären sich viele auf diese Weise den augenscheinlich unerklärbaren Erfolg. Zumindest mich konnte die Serie 2012 nicht von dieser Idee überzeugen, langweilte sogar mit ihrem zu großen Fokus auf die flachen Charaktere und mäßiger Präsentation. Trotzdem wurde sie fast über Nacht zu einer Sensation. Somit bescherte uns das Animationsstudio Actas 2015 Girls und Panzer der Film. Ein Machwerk, das eigentlich viel zu gut für diese Marke ist.

Selbstverständlicherweise spielt die große, allumfassende Geschichte dabei eine „sehr wichtige“ Rolle. Wieder einmal stehen Miho und ihre Kameradinnen einem großen Problem gegenüber: der endgültigen Schließung ihrer Schule Ooarai, trotz ihres Sieges im Senshadou-Turnier. Nach der obligatorischen Phase der Verzweiflung vereinen sich jedoch die vorher verfeindeten Schulen zu einem alles entscheidenden Kampf gegen das 30 Panzer starke Shimada-Team. Denn nur so können die Girls und ihre Panzer zeigen, dass ihre Akademie es wert ist, bestehen zu bleiben. Möge die Kraft der Kameradschaft sie zum Siege führen!

So klischeehaft das schon klingt, so klischeehaft wurde es ausgeführt. Schon die Serie scheiterte daran, etwas halbwegs Originelles oder Interessantes zu erzählen; der Film setzt diesen Trend beispielslos fort. Manche, speziell diejenigen, die bereits meine Batman Ninja Rezension gelesen haben, werden wahrscheinlich nun einwerfen, dass Handlung nicht alles ist. Stimmt meistens. Jedoch nicht, wenn sie ein Viertel der gesamten Laufzeit einnimmt. Ausnahmslos die gesamte mittlere halbe Stunde wird dazu genutzt, generische Reaktionen von Schulmädchen auf die Schließung ihrer Schule zu zeigen. Angefangen mit einer viel zu langen Trauersequenz voller Tränen, bis hin zu den typischen „bösen Erwachsenen, die uns betrogen haben“. Selbst das gemeinsame Interesse von Miho und Shimadas Kommandantin Arisu an einem Teddybären wirkt deutlich zu aufgesetzt und plump, um irgendeine Wirkung zu erzielen.

Wieso funktioniert all das nicht? Aus demselben Grund, unter dem schon die Serie litt: Girls und Panzer besitzt keine Charaktere. Schließlich wird jedes einzelne Mädchen primär über ihre Nationalität definiert. Natürlich können Britinnen nicht aufhören, Tee zu trinken, wenn sie einen Panzer fahren, genauso wenig wie die Deutschen auf eine Militäruniform verzichten würden. Einerseits nutzt das Franchise diese offensichtlichen Stereotypen als Comedy-Relief. Wer würde nicht zumindest lächeln, wenn ein tiefer Dialog über Tee und die Welt auf eine nervenaufreibende Panzerschlacht folgt? Andererseits ist dies zum Preis der charakterlichen Individualität. Niemand besitzt auch nur einen Hauch an Tiefe, stattdessen symbolisiert jede Gruppe nur eine weitere Ansammlung an Klischees. Selbst Miho oder jede andere aus Ooarai ist nur ein Abziehbild des „süßen Schulmädchens“ mit kleinen Anpassungen. So etwas funktioniert, wie eingangs beschrieben, auch für Comedy, aber nicht für Drama. Man kann einfach keinen Cast ernstnehmen, über den man die gesamte restliche Zeit lacht. Genau deswegen langweilen 30 Minuten über jene „Panzer vor!“-schreienden Mädchen, nerven regelrecht, wenn man bedenkt, wie egal die Charaktere ansonsten sind. Durch das andere Format waren solche Passagen in der Serie sogar oft noch mal deutlich länger. Der Fakt, dass ich mich bis heute an den Mädchennamen Darjeeling erinnere, doch an nichts anderes über sie (Gab es da überhaupt was?), zeigt wohl am besten, wie unfassbar wertvoll jene Szenen waren.

Wieso gefällt mir der Film also trotzdem gut? Wieso würde ich mich nun sogar als Fan des Franchise bezeichnen? Ganz einfach; Girls und Panzer der Films restliche 90 Minuten sind schlicht perfekt. Durch den fast exklusiven Fokus auf die Anfangsschlacht und das Finale wird endlich das Licht auf den besten Teil der animierten Version gerückt: Tsutomu Mizushimas Regieführung. Ihm gelingt es, beide Schlachten konstant mit neuen Ideen und interessanten Perspektiven zu spicken. Einerseits kommen dabei die schon aus der Serie bekannten Kamerawinkel zum Einsatz. Nichts fängt die Atmosphäre von Schusswechseln in beengten Gassen oder durch dicke Rauchschwaden besser ein, als sie aus der Sicht der Kommandantin zu zeigen. In Verbindung mit der richtigen Nutzung der Vogelperspektive geht auch nie die Übersicht verloren, etwas was bei Actionfilmen normalerweise immer zu den größten Problemen zählt. Ohne sie würde der Zuschauer speziell während den teilweise klaustrophobischen Duellen schnell von den rasanten Manövern abgeworfen. An anderer Stelle schaffen es nahtlose Kamerafahrten aus den Innenräumen der Panzer, durch das Kanonenrohr, bis auf das donnernde Schlachtfeld, tolle Kontraste zwischen den teetrinkenden Schulmädchen und bedrohlichen Maschinen zu schaffen. Keine Kameraeinstellung verfehlt ihren Zweck, die Spannung von Panzerkämpfen einzufangen. Jenes Zusammenspiels der Perspektiven gipfelt in einer Squenz, von der sich mehr als nur ein paar Filme etwas abschneiden können. Selten wurde ich von einem Katz-und-Maus-Spiel auf cineastischer Ebene mehr beeindruckt.

Nichtsdestotrotz wäre die großartige Regieführung wahrscheinlich wieder einmal im Treibsand der mittelmäßigen Animation versunken, würde es sich immer noch um die Serie handeln. Während andere Franchise-Filme wie Sword Art Online Ordinal Scale oder Accel World Infinite Burst fast nie über TV-Niveau hinausschießen, lieferte Actas ein visuell beeindruckendes Werk ab. Dabei sind die 3D-Modelle der Panzer eindeutig die imposantesten Beispiele für die deutlich angehobene Produktionsqualität. So ist ihnen dieses Mal erst recht anzusehen, was für panzerliebende Designer am Werke waren. Von den dutzenden Modellen, die über den Bildschirm hinwegrollen, kann ausnahmslos jedes mit einer fast schon zu hohen Detaildichte aufwarten; von penibelst nachgebauten Verzierungen, bis hin zu richtigen Größenverhältnissen, Schwachpunkten und Eigenheiten. Tatsächlich sind sie so eindrucksvoll, dass ich im Nachhinein selbst manche Panzer recherchierte und nie große Abweichungen fand.

Diese sind nun endlich auch in einer Weise animiert, die ihnen würdig ist. Konnte der Anime selbst im Finale nur mit mittelmäßig aussehenden Duellen aufwarten, wirkt der Film wie eine komplett neue Erfahrung. Nicht nur verschmilzt das CGI förmlich mit den teilweise wirklich wunderschönen 2D-Hintergründen, sondern ist in der Lage, selbst unglaublich komplizierte Manöver flüssig darzustellen. Denn hier kommt der Vorteil eines Franchise namens Girls und Panzer ins Spiel, der offensichtlich auch den Produktionsmitgliedern klar ist: Niemand schaut sich das Werk wegen seines Realismus an. Vermarktete es sich doch selbst als Werbung, um Schulmädchen das Panzerfahren näherzubringen. So präsentiert Actas immer wieder neue, unglaublich glaubhafte Einsatzmöglichkeiten für Panzer. Wusstet ihr schon, dass man mit genug Anfahrt und einer Rampe kleinere Panzer werfen kann? Oder dass sie durch die Kraft Musik nur eine Kette zum Fahren brauchen? Pausenlos werden neue Ideen über den Bildschirm geschossen, die es konstant schaffen, absurd und glaubhaft zugleich zu sein. Selbst ein Riesenrad, das sich deutlich über alle Gesetze der Physik hinwegsetzt, kann durch das Zusammenspiel aus grandioser Regieführung und ebenbürtigem CGI zu einem absoluten Highlight des Films werden.

Durch die überraschend gute Soundkulisse und gekonnten Wechsel zwischen 2D- und 3D-Animation muss man nicht mal unbedingt den deutlich überspitzten Humor des Franchise mögen. Gerade in solchen Passagen funktioniert der Film auch einfach als over-the-top Actionfilm. Zugleich gelingt ihm jene perfekte Gratwanderung zwischen Schwachsinn und Unterhaltung. Denn genau weil sich in diesem Universum Panzer als aufblasbare Enten tarnen können, wirkt alles Gezeigte auf seine eigene Weise wieder glaubhaft, eben weil es in der gezeigten Welt kohärent ist.

Ähnlich wie Batman Ninja ist sich Girls und Panzer der Film jederzeit bewusst, was für ein Schwachsinn seiner gesamten Prämisse zugrunde liegt. Doch schafft er es auf ganz eigene Weise, ein fast schon zu gutes Endergebnis abzuliefern – vorausgesetzt man schaut über den viel zu langen, nichtssagenden Mittelteil hinweg. Tsutomu Mizushimas Regieführung kann erst hier richtig scheinen, aber hätte man als Zuschauer ohne die kreischende, knallende und zugleich absurd glaubhafte Action wohl nur halb so viel Spaß gehabt. Wer hätte gedacht, dass die Summe aus dem größtenteils aus (deutschen) Marschliedern bestehenden Soundtrack, Dialogen voller ikonischer Rufe wie „Panzer vor!“ und grandioser Inszenierung selbst Gegner von der Franchise überzeugen kann? Sogar zum besten (Anime-)Panzerfilm, als auch zu einem der besten (Anime-)Actionfilme überhaupt werden kann? Ich sicherlich nicht. Trotzdem sitze ich hier als bekehrter Zuschauer und erwarte voller Spannung Girls und Panzer das Finale.


Letzte Änderung: 5 Monate 1 Woche her von Soulykun.

Girls und Panzer der Film 5 Monate 1 Woche her #822590

*pssst: sind drei '!' zuviel ;)

Danke für die Rezension, wirklich schön geschrieben und Ja das Phänomen GnP ist schon ein Ding für sich. Denke aber das hier auch Games wie WoT und WarThunder ein klein wenig zum Erfolg beigetragen haben.
So oder so hab ich jetzt grad richtig Lust den Film noch einmal zu schauen.
I belive in fairys, good people, dragons and other fantasy creatures!


~ Kann man Zukunftsmusik eigentlich zurückspulen ? ~


"Die Stimmen in meinem Kopf haben schon lange aufgehört zu mir zu sprechen und auch Selbstgespräche habe ich sein gelassen, als ich merkte, das es auch da auf die Qualität des Gesprächsteilnehmers ankommt..."
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