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THEMA: Sora yori mo Tooi Basho

Sora yori mo Tooi Basho 4 Monate 2 Wochen her #818061

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Was mache ich mit meinem Leben? Die Antwort auf diese vermeintlich simple Frage gestaltet sich nicht für alle gleichermaßen einfach. Nur Wenige haben das Glück, schnell auf eine für sie bestimmte Tätigkeit, ein anstrebenswertes Langzeitziel oder einen erfüllenden Traum zu stoßen. Andere hingegen müssen fast schon verzweifelt nach diesem einen Etwas suchen, dessen stummer Ruf sie in ihrem Hinterkopf begleitet, während sie ihren ereignislosen Alltag bestreiten. Hier kann man nun kurz innehalten, um die Schwere der Frage mit den Dingen aufzuwiegen, die man in den letzten Monaten, Wochen oder Tagen getan hat. Kommen danach Fragen wie „Mache ich eigentlich genug?“ und „Wie viel mehr haben andere wohl gemacht?“ auf, kann es sein, dass man aufgrund der Banalität der zurückliegenden Tätigkeiten sowie deren Nichtigkeit in Bezug auf das Leben als solches, ein tief sitzendes Unwohlsein verspürt – Das Gefühl, die limitierte Zeit, die man hat, nicht richtig zu nutzen.

Jemand, der so fühlt, ist eine der vier Protagonistinnen des 13 Episoden umfassenden Winter-Season-Animes Sora yori mo Tooi Basho. Animiert wurde das Slice-of-Life und Adventure-Werk von dem renommierten Studio Madhouse, während Atsuki Ishizuka Regie führte.

Der Eröffnungsshot des Animes präsentiert vernebelte Gebirge der ländlichen Gunma-Präfektur Japans in schwachen, kalten Farben. Von den Bergen in der Ferne verschiebt sich der Fokus auf ein paar Vögel im Vordergrund, die auf Kabeln sitzend statt im Flug gezeigt werden. Im nächsten Shot wird unter der akustischen Begleitung von sanft plätscherndem Wasser ein anliegendes Boot gezeigt. Sofort wird in nur wenigen Sekunden hervorragend das Gefühl von Verschlafenheit und Stagnation erweckt, Schlagworte, die die Protagonistin zu Beginn der Geschichte bestens beschreiben. Diese verspürt die Angst vor dem Vorbeiziehen ihrer Jugendtage ohne nennenswerte Erlebnisse, welche in ihr den tiefen und zunehmend stärker werdenden Wunsch nach einem Abenteuer nährt. Der Eintrag im Tagebuch der Schülerin, der von dem Besuch eines zuvor unbekannten Ortes spricht, beweist, dass es sich dabei nicht um eine spontane Idee, sondern um ein lange geplantes Vorhaben handelt. Die Tatsache, dass sie aber eher unfreiwillig und zufällig über ihr kaum geführtes Tagebuch stolpert, spricht bereits Bände über den Status dieses vorgenommenen Ziels. Nachdem das junge Mädchen von ihrer Mutter aufgeweckt wurde, erhält sie durch die eigens geschriebenen Zeilen einen weiteren, weitaus effektiveren Weckruf – Sie muss aktiv werden, losrennen, aufbrechen und das Beste aus ihrer Jugend machen,… so wie sie es sich einst mal vorgenommen hatte. Nun, physisch sowie spirituell geweckt, brechen der innere Damm und die in ihrem Leben bisher vorherrschende Stagnation, als sie angesichts ihrer bisherigen Untätigkeit in Tränen ausbricht. Die in ihrem Traum zuvor thematisierte Metapher von gestautem Wasser und dessen potenzieller Energie wird dadurch nochmal untermauert: Denn wo sich keine Gefühle und damit emotionale Energie aufstauen, da fließen auch keine Tränen. Durch diese starke Reaktion und dem bittersüßen Ton der Szene wird wortlos vermittelt, dass nun mit dem Kullern der Tränen auch ihr Vorhaben und damit ihre Jugend ins Rollen kommt. „Was?“, fragt die Mutter stutzend, angesichts der beobachteten Entwicklung ihrer Tochter, die sie dem Zuschauer zuvor als Tamaki Mari vorstellt. In nur wenigen Minuten wird dem Zuschauer auf diese Weise ein aufschlussreicher Blick in Maris Innenleben gegeben und ihr Charakter vorgestellt. Ein extremer Gegensatz zu dem bekannten Klischee des gewöhnlichen, ziellosen Highschool-Schülers, der monoton Selbstexposition betreibt, wie in den ersten Sekunden von Titeln wie Hyouka oder Sakurasou no Pet na Kanojo zu sehen. Nachdem der Zuschauer durch die vorangegangenen Szenen mit Maris Charakter vertraut werden konnte, setzt das Opening ein und während dieses den Anime gebührend einstimmt und vom aktiv werden spricht, ist der Zuschauer sicher, dass Mari ihre nun freigesetzte emotionale Energie nutzen wird. Dieses Mädchen ist in Ordnung und jegliche Sorgen um sie sind fehlplatziert, denn sie weiß, was nun zu tun ist. Der erste Schritt ist mit der Realisation ihrer Lage bereits getan. Sie ist „alright“, sie ist „alright“ – wie Mari selbst bzw. ihre Synchronsprecherin im Chorus des Openings bestätigend betont. Das sind die ersten Minuten von Sora yori mo Tooi Basho. Mit einem gewaltigen Knall gibt Mari mit der Explosion ihrer jugendlichen Energie den Startschuss für eine motivierende, bewegende und unterhaltsame Serie.


Es reicht jedoch nicht, lediglich den Ruf des Abenteuers zu hören, da er aktiv beantwortet werden muss. Mari, die sich gefangen in ihrem Alltag fühlt und ihre Jugendtage an ihr vorbeiziehen sieht – wie den Zug nach Tokio, den sie aus Mutlosigkeit nicht genommen und damit eine Chance vertan hat – sucht nun aktiv nach dem Abenteuer. So unberechenbar wie das Leben ist, findet dieses in Form von der Mitschülerin Shirase Kobuchizawa selbst zu ihr. Diese ist so ziemlich das Gegenteil von Mari, nämlich diszipliniert, engagiert und mit einem klaren Ziel vor Augen. Sie hat den belächelten Traum es ihrer Mutter gleichzutun und zur Antarktis zu reisen, um nach ihr und ihrem Vermächtnis zu suchen. Beeindruckt und von ihrer scheinbar unumstößlichen Entschlossenheit inspiriert, nutzt Mari die Chance und schließt sich Shirases Traum an. Mit Maris Energie als Antrieb und Shirases Zielgebung formt sich ein vielversprechendes Gespann. Während des Versuchs, das Expeditionsteam zu überzeugen, sie mitzunehmen, gesellt sich erst die herzliche Hinata und schließlich die höfliche Shiraishi zu der Gruppe dazu. Mit gemeinsamer Kraft schafft das ungleiche Quartett das vermeintlich Unmögliche: Einfache Schülerinnen, normale Mädchen starten eine Reise zum Ende der Welt, der Antarktis.

In unbekannte Gewässer vorgestoßen müssen die Mädchen fortan lernen, sich an ihr neues Umfeld anzupassen und alte Verhaltensweisen abzulegen. Auf dem beschwerlichen Weg zur Antarktis wächst die Gruppe an ihnen entgegentretenden Herausforderungen und den dadurch gemachten Erfahrungen. Jede der Protagonistinnen vollzieht in einem persönlichen Arc eine nachvollziehbare Entwicklung, die sich nahtlos in den Verlauf der Geschichte einfügt und diese zu keinem Zeitpunkt aufhält. Ganz im Gegenteil, ihre Progression als Charaktere ist an ihre Reise gebunden. Mit jeder Folge, die passenderweise als Stationen bezeichnet werden, kommen die Mädchen nicht nur auf ihrem Trip, sondern auch als Menschen weiter voran. Damit ist die Antarktis weniger das Ziel als solches, sondern ein Platzhalter. Eine endlose Leinwand auf dessen weiße Weiten jedes der Mädchen ihr individuelles Ziel projiziert: Mari kommt ihrem der Erfüllung ihrer Jugendtage näher, Shirase bewältigt langsam das Trauma um den Verlust ihrer Mutter, Hinata öffnet sich nach dem Austritt aus der Schule erneut Menschen und Shiraishi lernt, was es heißt Freunde zu haben. Letzten Endes ist es das, worum es bei dem Anime geht. Vier verschiedene Persönlichkeiten finden zueinander, da sie das gleiche Problem teilen: Unzufriedenheit über den Status quo. In der Hoffnung das stumme Verlangen nach einem Umbruch stillen zu können, starten sie gemeinsam die Reise ihres Lebens. Damit wird eine packende Geschichte über Freundschaft, Wachstum und Träume erzählt.


An ihrer Reise gewachsen, ist die Rückkehr nachhause keinesfalls eine Rückkehr in die Normalität. Die Leere der Antarktis verlassen die Mädchen nicht mit leeren Händen. Jede von ihnen erreicht auf dem Weg dorthin ein persönliches Ziel. Der miterlebte, großartige Fortschritt der Mädchen lässt keinen Zweifel daran aufkommen, dass es ab jetzt nur noch nach vorne geht. Schließlich besingt das Ending mit dem grob übersetzten Titel „Von hier aus, von hier aus“ seit der ersten Folge genau das. Darin wird Episode für Episode und Station für Station von einem Neuanfang gesprochen. Dies macht deutlich, dass ihr Abenteuer nicht schon mit 13 Folgen bzw. Stationen ein Ende gefunden hat, sondern eines Tages fortgesetzt wird. Mit den gesammelten Erfahrungen ihrer Expedition zur Antarktis im Gepäck werden sie eines Tages eine neue Reise antreten. Damit gelingt dem Anime ein ansprechender Abschluss für sich und seine Charaktere.

Der Moe-Look des Anime, welcher an Titel wie Hibike Euphonium erinnert, entspricht visuell dem angesprochenen Thema von Jugend und Träumen. Da solchen Charakteren oftmals Attribute wie Unschuld, Fragilität und Schüchternheit zugeschrieben werden, kontrastiert der Look der Charaktere ihr große, reale und charakterbildende Reise. Es handelt sich hier also nicht nur um eine einfache Cute-Girls-Doing-Cute-Things-Serie. Auch wenn der Cute-Part definitiv zutreffend ist, so steht das zweite „C“ eher für „cool“, da die Mädchen ein waschechtes Abenteuer erleben, das alles von ihnen abverlangt. Die Betitelung als Slice-of-Life und Adventure Anime ist somit völlig angemessen und lässt dahingehend keinen Wunsch offen.

Weiterhin stehen Optik sowie Animation des Werks seinem Inhalt in nichts nach. Studio Madhouse bieten mit Sora yori mo Tooi Basho fantastische und detaillierte Schauplätze in brillanten, bunten Farben dar. Diese werden, gepaart mit fluider Animation und dem ausgezeichneten Directing von Atsuko Ishizuka, zum Leben erweckt, sodass sie zur vollen Geltung kommen und wie reale, zu bereisende Orte wirken. Die Charakterdesigns stechen im Vergleich dazu nicht heraus, fangen aber den Kern der Persönlichkeit des jeweiligen Charakters gut ein.

Der allgemeine Ton der Serie sowie dessen Botschaften werden von dem Soundtrack hervorragend eingefangen. Das Spektrum des OSTs deckt spaßige SoL-Titel, aber auch dramatische und emotionale Lieder ab. Neben dem repräsentativen Opening und dem Ending stechen vor allem die Tracks „Schau zum Himmel auf“ (Ep. 2,4) und „Weit weg“ (Ep. 1,3), die sowohl durch ihren Inhalt als auch durch den Klang überzeugen können, heraus. Dies wird einzig und allein von deren Timing übertroffen. Der langsame Aufbau und wohl gewählte Einsatz der Songs in Verbindung mit dem Text und Ton verleiht bereits gefühlvollen Szenen mehr Ausdruckskraft und generiert einen emotionalen Payoff, der sich für die Serie mit „bewegend“ am besten beschreiben lässt. Insgesamt liefert Yoshiaki Fujisawa mit dem Soundtrack eine Arbeit ab, die aufgrund ihrer Qualität und der Inszenierung noch eine Weile im Gedächtnis bleiben wird.

Die sich selbst gestellte Frage „Mache ich genug?“ kann man sich selbst auch am besten beantworten. Man muss sich selbst gerecht werden und niemand anderem. Mari liefert hierfür das perfekte Beispiel, da die Begründung für ihren Reiseantritt in einem persönlich geformten Wunsch lag und nicht von Außenstehenden beeinflusst wurde. Stattdessen wurde ihr Entschluss, diesen Wunsch umzusetzen, von vertrauten Personen auf die Probe gestellt. Megumi, ihre beste Freundin und Stimme der Vernunft konnte Mari nicht verstehen und unterstützen, fand sich aber wenig später in einer ähnlichen Situation wieder. In Bezug dazu wird durch Shirase aufgezeigt, dass die eigene innere Stimme die der Neinsager übertönen sollte. Sie lehrt uns, dass mit zielgerichteter Energie und Leidenschaft alles möglich ist. Das perplexe „Was?“ von Maris Mutter zu Beginn der ersten Episode fasst es nochmal gut zusammen. Dieser Ausruf von fehlendem Verständnis über Maris Reaktion – als sie in wenigen Sekunden ihre gesamte Welt auf den Kopf stellte – veranschaulicht, dass Ziele und Träume bei einem selbst anfangen und von Dritten nicht auf Anhieb verstanden werden. Der ganz persönliche Ort, der entfernter als das Universum liegt, muss nicht in der Antarktis oder auf einem anderen, weit entfernten Fleck dieser Erde zu finden sein. Wo auch immer dieser Ort für einen liegen mag und wie lange man dorthin auch brauchen mag, man sollte bei der Suche danach nicht vergessen, dass man selbst im Zentrum seines eigenen Universums steht. Alles, was es von hieraus braucht, ist etwas Mut aus der Komfortzone seines Universums zu treten, ein klares Ziel vor Augen sowie ein einzelner Schritt: Schon dann betritt man einen neuen Ort, den man als Sora yori mo Tooi Basho bezeichnen könnte.

Letzte Änderung: 4 Monate 1 Woche her von Gowther.

Sora yori mo Tooi Basho 4 Monate 1 Woche her #818225

Vielen Dank für diese wundervolle Rezension dieser phantastischen Serie.

Während ich deinen Abschlussabschnitt gelesen habe bekam ich direkt wieder Gänsehaut, da mir einige Szenen der Episoden dabei durch den Kopf geschossen sind. Der Anime hat mich wirklich tief beeindruckt und sehr stark emotional berührt, ein wahres Fest für alle, die über den reinen Shonen-Status hinaus gewachsen sind.

Ich hoffe, dass sich ein Publisher die Rechte hieran sichert, damit ich mir dieses Werk in den Schrank stelle und meinem Sohn in einigen Jahren dann auch präsentieren kann.
Folgende Benutzer bedankten sich: Seraph200

Sora yori mo Tooi Basho 4 Monate 1 Woche her #818249

Eine gelungene Rezension eines gelungenen Anime. Was ich allerdings ankreiden würde: Die Zusammenfassung der Story geht mir hier ein wenig zu weit. Zugegeben, ich wüsste nicht, wie man das Potenzial der Geschichte sonst darlegen sollte, und auf Details gehst du ja auch gar nicht ein, aber irgendwie... wird dem potentiellen zukünftigen Zuschauer schon etwas vorweg genommen, z. B. was die Mädchen am Ende der Reise gelernt haben. Das sollte der Zuschauer selbst rausfinden.

Aber super Deutung der Metaphorik zu Beginn des Anime! Ist mir bis jetzt noch gar nicht aufgefallen. Der Anime macht das ja die ganze Zeit über, also die Entwicklung der Figuren in der Umgebung auch bildlich darstellen und holt so quasi das Innere nach außen. Machen wirklich nicht viele Werke und deshalb ist es auch schön, dass du das an einem Beispiel klar machst.

Das Leben schreibt eben die besten Geschichten.
Letzte Änderung: 4 Monate 1 Woche her von Plinfa-Fan.
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