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THEMA: Chimoguri Ringo to Kingyobachi Otoko

Chimoguri Ringo to Kingyobachi Otoko 5 Monate 4 Wochen her #815787

  • Soulykun
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Von Fanservice in Form von Pantyshots oder Brustlandungen bis hin zu haremtypischen Liebesvielecken – solche selbst heute noch zu Genüge genutzten Klischees sollten für Anime- oder Manga-Fans wahrlich nichts Unbekanntes sein. Wir Menschen neigen von Natur aus dazu, in allem eine Gesetzmäßigkeit finden zu wollen, weshalb jeder Aspekt, vorausgesetzt er wird oft genug kopiert, irgendwann eine mentale Schublade werden kann. So ist das Slice-of-Life- oder Iyashikei-Genre aufgrund des ähnlichen Grundaufbaus besonders stark von Klischees umgeben. Kreativität ist gerade deshalb ein immens wichtiger Aspekt, um eine unvorhersehbare, spannende Erfahrung zu bieten, gleichzeitig aber auch die beste Möglichkeit, in die Unglaubhaftigkeit abzurutschen.

Chimoguri Ringo to Kingyobachi Otoko (oder Bluttaucherin Ringo und der Fischglas-Mann) ist ein Paradebeispiel für solch eine Gratwanderung. Ursprünglich erschien der Manga in den Jahren 2010 bis 2012 im Dengeki Comic Japan-Magazin, musste jedoch mit dessen Einstellung ebenfalls ein abruptes Ende finden. Mit dem zwischen 2015 und 2017 veröffentlichten Shin Chimoguri Ringo to Kingyobachi Otoko erhielt Autor und Zeichner Abe Yuichi dann die Möglichkeit, sein Werk angemessen zu beenden. Insgesamt umfasst das Werk fünf Volumes und ist somit sein bis dato längstes.

Vampire sind jedem ein Begriff, als klischeehafter Antagonist im Film, Videospiel oder Manga. Überträgt man dieses Konzept aber auf einen Mann mit Fischglas als Kopf, wäre das Resultat etwas komplett Einzigartiges – Der Fischglas-Mann. In Kousukes Heimatstadt gehört die Gefahr, von jener mysteriösen Figur eines Tages gebissen und in einen Goldfisch verwandelt zu werden fast zum Alltag, und auch seine kleine Schwester wurde eines Tages ein Opfer. Als er jedoch die junge Bluttaucherin Ringo trifft, welche darauf spezialisiert ist, das Toxin des Fischglas-Mannes einzufangen, beginnt ihre Suche nach einem möglichen Gegenmittel.

Spätestens jetzt sollte man erkennen können, wodurch sich Abe Yuichis Werke auszeichnen: Skurrilität. Chimoguri Ringo to Kingyobachi Otoko sprüht nur so vor Ideenreichtum, sei es die fast schon lächerlich klingende Prämisse oder scheinbar alltäglichen Aktivitäten wie der landwirtschaftliche Anbau von Pois, japanischen Netze zum Einfangen von Goldfischen. Trotzdem wird hierbei nicht konstant versucht, den Leser mit immer stupideren Ideen zu belustigen, sondern ein Interesse für das zu wecken, was hinter der bescheuerten Fassade wartet. So schießen sich die Bluttaucher zwar wortwörtlich mit Pistolen in die Wunden der Opfer, um das Goldfisch-Toxin einzufangen, werden aber im Inneren derer mit interessanter Symbolik konfrontiert. Kousuke ist beispielsweise gefangen im Beutel eines Venenkatheters, passend zu seiner Rolle als ewige Versorgung für seine Goldfisch-Schwester.

Tatsächlich steckt hinter der abstrusen Schale eine interessante Geschichte, rund um Symbiose und warum die Welt eben kein perfekter Ort ist. Dafür dient die Skurrilität als einzigartige Metapher, jedoch leidet dieser Aspekt auch am meisten unter der erzwungenen Teilung des Werkes. Speziell der erste Teil ist fast ausschließlich mit der Charakterisierung der diversen Gesetze und Personen beschäftigt, was in einem äußerst langsamen Pacing resultiert. Von den rund 20 Kapiteln folgen fast 15 einzig dem simplen Einfangen von Goldfisch-Toxinen und dem Behandeln der seltenen Krankheit, plötzliches Nasenbluten beim Anblick eines leicht bekleideten Mädchens zu bekommen. Letzteres ist ein grandioses Beispiel dafür, wie das typische Klischee des „Nasenblutens“ in die Absurdität getrieben und als chronisches Problem behandelt wird, womit wiederum etwas komplett Neues entsteht. Doch besonders ab der Mitte kommen verstärkt billige Ausreden zum Einsatz, die die ohnehin schon schleppend erzählte Geschichte nochmals strecken. Erst zum Ende kann das Werk mit wirklich vielversprechenden Neuzugängen und spannenden Wendungen Fahrt aufnehmen, bevor es vorzeitig beendet werden musste.

Die Fortsetzung Shin Chimoguri Ringo to Kingyobachi Otoko wirft andererseits diese zuvor etablierte Leichtherzigkeit komplett über Bord. Stattdessen fokussieren sich die zehn Kapitel fast ausschließlich auf überraschend dunkle Aspekte. Plötzlich rücken Themen wie der Schmerz, eine geliebte Person als Goldfisch zu verlieren, Gewalt und Tod ins Rampenlicht; an vielen Stellen eine komplette Neuinterpretation des Quellenmaterials. In der Theorie ist das ein wirklich interessantes Konzept, da die Welt mit fortschreitender Länge ähnlich wie beispielsweise in der Harry Potter-Reihe altert. Nur fehlt hier aufgrund der plötzlichen Teilung schlicht die Kohärenz mit der ersten Hälfte. Nicht nur der zuletzt gezeigte Twist wurde anscheinend komplett vergessen, zusätzlich erzeugt das plötzliche Auftauchen dutzender neuer Personen umso mehr Verwirrung. Hier fehlt die Brücke zwischen den beiden Teilen; eine wahrscheinliche Folge von Abe Yuichis Wunsch, all seine Ideen noch irgendwie einbringen zu wollen.

Davon betroffen ist auch die eingangs erwähnte Symbolik im Inneren der Personen, das effektivste Werkzeug zur Charakterisierung des Werkes. Selbst die offensichtliche Liebe zwischen Kousuke und Ringo fällt ohne großen Aufbau einfach aus dem Himmel. Die beiden wichtigsten Nebencharaktere Takehito „Nasenbluter“ Yoshida und Takiguchi „Tsundere“ Mika symbolisieren kaum mehr als ihre Spitznamen. Keine Figur wirkt ausgereift, vielschichtig oder ansatzweise so einzigartig wie ihre Welt, trotzdem will die Geschichte ein emotionales Drama sein und versucht konstant Gefühle beim Leser hervorzurufen, was aufgrund der fehlenden Bindung nie richtig funktioniert. Dabei hatten die Ansätze wirklich Potenzial gehabt. Jeder scheint irgendwas durch eine oberflächliche Fassade verstecken zu wollen, beispielsweise wird jedoch Kousukes ewige Rolle als Stütze für seine Schwester oder Takehitos innerliches Streben nach Liebe nie thematisiert. Als Resultat verkommt das Meiste zu einer Wundertüte an unausgereiften Konzepten, dessen Endbotschaft und besonders Finale in der Flachheit der Charaktere verläuft.

Auf zeichnerischer Ebene sieht es glücklicherweise deutlich besser aus, im wahrsten Sinne des Wortes. Typisch für Abe Yuichis markanten Stil ist die Dominanz von runden Formen; ob Körpern, Regentropfen oder anderen organischen Objekten. In Kombination mit den recht undetaillierten, aufs Wichtigste beschränkten Personen und Hintergründen, ergibt sich ein anfangs ungewohntes, doch zugleich faszinierendes Gesamtbild, weshalb sich die Illustrationen perfekt eignen, um eine ebenso skurrile Welt zu porträtieren. Andererseits trifft man an den geschichtlichen Höhepunkten auf Zeichnungen, die in ihrer Detailverliebtheit schon an Junji Itos Werke erinnern. Speziell das Erscheinen des Fischglas-Mannes ist jedes Mal mithilfe von großen Panoramen voller Licht- und Schattenspiele wahrlich eindrucksvoll inszeniert, womit die recht leichtherzige Atmosphäre komplett kippt; der Stil fängt die Dualität des Gesamtwerks in jeder Hinsicht perfekt ein.

Letztendlich ist es trotz all des verschenkten Potenzial kein schlechtes Werk. So enttäuschend die Geschichte auch sein mag, so interessant gestaltet sich ihre Methodik, eine absurde Welt glaubhaft aufzubauen. Sie sprüht vor Charme, Originalität und nutzt sie gekonnt als Metapher für die eigentliche Kernbotschaft. Auch wenn vieles im Sand der Ambitionen verläuft, lohnt sich ein Blick in Chimoguri Ringo to Kingyobachi Otokos einzigartige, unvorhersehbare Welt auf jeden Fall, denn unterhalten und zum Interpretieren anregen, kann sie allemal.
Letzte Änderung: 5 Monate 2 Wochen her von Soulykun.
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