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THEMA: Nerawareta Gakuen

Nerawareta Gakuen 9 Monate 2 Wochen her #812249

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Wie die meisten Rezensionsredakteure werde ich nicht selten auf spezifische Sternebewertungen in meinem Profil angesprochen. Der Fokus der meist mehr oder weniger interessierten Kritik liegt neben eher durchschnittlichen Bewertungen zu ziemlich populären Werken auch überraschend oft auf Serien mit höheren Scores, die man aufgrund ihrer Ausrichtung auf reine Unterhaltung nicht auf diesem Level erwartet hätte. Dies liegt schlichtweg daran, dass dem gewollt oder ungewollt kritischen Zuschauer ein Bewertungsstandard fehlt; dass er nicht klar festmachen kann, warum ihn das Gezeigte unterhält. Dass der Unterhaltungsfaktor bei solchen Werken nicht korrekt zugeordnet werden kann, liegt nicht unbedingt am Werk selbst, sondern an der Aufspaltung der Bewertung in einzelne Aspekte – eine typisch menschliche Verhaltensweise. Dabei wird dann ein bestimmter Aspekt vergessen: die Kohärenz.

Mit diesem vieldeutigen Begriff meine ich nicht den semantischen Zusammenhang einzelner Dialogsegmente oder die Sinnhaftigkeit der Handlung, sondern das dynamische Zusammenspiel aller Aspekte des Werkes. Bewertet man die Verknüpfung der einzelnen Komponenten auf Basis des genutzten Mediums, dann spricht man von der sogenannten Kohäsion. Die Kohärenz bezeichnet hingegen, wie gut diese Faktoren letztendlich im Gesamten betrachtet miteinander harmonieren. Die Betrachtung von Serien und Filmen unter diesem Blickpunkt erklärt jedoch nicht nur, warum scheinbar durchschnittliche Animes extrem unterhalten können. Werke mit schlechter Kohärenz können durchweg gute Aspekte aufweisen, aber irgendwie will trotzdem so einiges nicht zusammenpassen. Gute Einzel-Zutaten sind für eine gelungene Speise vonnöten, jedoch hilft auch die beste Zubereitung nichts mehr, wenn die Komponenten zusammen einfach kein schönes Geschmacksbild ergeben.

Dies trifft auch auf den Anime-Film Nerawareta Gakuen zu. Das Sci-Fi-Fantasy-Werk aus der Feder des japanischen Romanautors Taku Mayumura wurde 2012 unter der Leitung von Regisseur und Drehbuchautor Ryousuke Nakamura beim Studio Sunrise umgesetzt. Der Film ist hierzulande nicht lizenziert.

Nakamura hatte in der Vergangenheit bereits bei einigen populären Serien wie Death Note oder Monster als Episoden-Regisseur agiert, erlangte jedoch erst 2016 mit Hai to Gensou no Grimgar wirklich Bekanntheit in der Szene. Neben der teils anspruchsvollen Handlung über Verarbeitung von persönlichen Verlusten stach die düstere Fantasy-Serie vor allem durch ihren visuellen Stil, dessen Hintergründe des Kunst-Studios Atelier BWCA an verwaschene Ölgemälde erinnern, aus der Masse der Isekai-Animes heraus. Diese nicht vollkommen neuartige wenngleich artistisch durchaus ansprechende Darstellungsweise kommt auch in Nerawareta Gakuen zum Einsatz und erlaubt stellenweise atemberaubende Bilder. Die wunderschönen Waldlandschaften harmonieren bravourös mit den grellen Farben und spärlich eingesetzten 3D-Objekten, die lediglich zur Präsentation von außerweltlichen Elementen genutzt werden. Die Charakterdesigns sind angenehm simpel sowie andersartig und wirken dabei teilweise beinahe überanimiert – was nicht unbedingt schlecht, sondern nur etwas ungewohnt ist. Gerade die Haare des männlichen Protagonisten sind mit viel Liebe gestaltet und offenbaren gelegentlich Details, die man sonst nicht wirklich bei Anime-Figuren zu sehen bekommt (beispielsweise einen richtigen Haaransatz).

Doch um was geht es im Film überhaupt? Grundsätzlich handelt das Werk vom Schüler Kenji Seki, der seinem vollkommen normalen Alltag nachgeht. Er führt jeden Morgen seinen Hund spazieren – mit dem selbstsüchtigen Ziel, einen Blick auf seine surfende Mitschülerin Kahori Harukawa zu erhaschen, in die der Junge zweifelsohne und offensichtlich verliebt ist. Anschließend tritt er meist gemeinsam mit seiner Kindheitsfreundin Natsuki Suzuura den Schulweg an und versäumt es dabei, ihre nicht zu seltenen wenngleich leicht missverständlichen Annäherungsversuche zu bemerken. Die Dreiecksbeziehung in bester Slice-of-Life-Manier rückt jedoch (ein wenig) in den Hintergrund, als Kenji eines Tages einen gutaussehenden Jungen ähnlichen Alters namens Ryouichi Kyougoku im Gespräch mit einem übersinnlichen Objekt trifft. Dieser stellt sich letztendlich erst als Austauschschüler und Mädchenschwarm, später auch als Zeitreisender und Übermensch heraus, der seinen ganz eigenen Plan mit den Schülern zu haben scheint. Kann und muss Kenji ihn aufhalten und wie passt das alles eigentlich zusammen?

Gleich vorweg: Überhaupt nicht! Beim Plot von Nerawareta Gakuen handelt es sich um eine wirre sowie verworrene Ansammlung von Handlungssträngen unterschiedlicher Genres, Stimmungslagen und Qualitäten. Und das ist am Ende auch das Ärgerliche an der Geschichte: Die einzelnen Plotlines sind teilweise gar nicht so schlecht! Gerade die Slice-of-Life-Romance-Geschichte um die Dreiecksbeziehung funktioniert überraschend gut, was primär daran liegt, dass die Charaktere Kenji und Natsuki durchaus einiges an Tiefe besitzen. Bei ersterem handelt es sich (im Rahmen dieses Handlungsfadens) um einen liebenswürdigen, leicht tollpatschigen Träumer, der seiner großen Liebe Kahori bedingungslos hinterherläuft. Seine Beziehung zu Natsuki wirkt verspielt, kindlich und beinahe kumpelhaft, wäre da nicht die harte Abwehrreaktion des Mädchens. Sie ist mit ihrer Rolle als Kindheitsfreundin unzufrieden und schafft es – teils aus Unvermögen, teils aus Stolz – einfach nicht, Kenji ihre Gefühle für ihn zu beichten. Aus Frustration über seine Blindheit und ihre eigene Unfähigkeit behandelt sie ihn deshalb überaus schlecht. Sie neckt ihn, begegnet ihm meist mit einem recht abweisenden Verhalten und wendet sogar stellenweise körperliche Gewalt an. Dass ihn das nicht zu stören scheint, wirkt nicht gerade natürlich und trübt die Qualität des Handlungsstrangs, der sich im weiteren Verlauf des Films mit Themen wie Eifersucht und Selbstbestimmung auseinandersetzt, leider merklich.

Doch die „Slice-of-Life-Idylle“ hält nicht an, denn Taku Mayumura traf nicht nur die Entscheidung, den Charakter Ryouichi Kyougoku ins Werk zu integrieren, sondern leider mit ihm auch übersinnliche Fähigkeiten, Zeitreisen und ein ominöses Ziel. Letzteres scheint in unregelmäßigen Abständen und ohne für den Zuschauer ersichtliche Gründe mehrmals urplötzlich zu wechseln, sodass gewisse Fixierungen der Handlung aus dem absoluten Nichts kommen und vollkommen deplatziert wirken. Das wäre in einer Mystery-Serie noch in Ordnung, aber das Format des Films erfordert normalerweise eine deutlich zielgerichtetere und wohlfundiertere Handlung. Eines der Highlights dieser Ausflüchte stellt die plötzliche Entscheidung der „Gegnerfraktion“ dar, etwas gegen Handys zu haben. Die Begründung dieser etwas seltsamen Einstellung – gerade wenn man bedenkt, dass die Ideologie dieser Charaktere (wahrscheinlich) aus der Zukunft stammt – ergibt so wenig Sinn, dass sie beim Zuschauer schallendes Gelächter auslösen würde, wenn er solch Argumentation nicht bereits vom Rest des Films gewohnt wäre. Gegen Ende des Werks bricht dann letztendlich das Kartenhaus namens Plot vollkommen in sich zusammen und zaubert einfach plötzlich Kräfte, die bis dorthin noch nie erwähnt wurden, Fakten, die Charaktere urplötzlich einfach wissen, ohne dass der Zuschauer davon nur irgendetwas mitbekommen hätte, und Rückblenden, die selbst in der Relation zum restlichen Film deplatziert wirken, aus dem Hut. An diesem Punkt weicht der Wille, das Gezeigte verstehen zu wollen, der Akzeptanz, dass das einfach alles keinen Sinn ergibt. Doch auch mit sinnlosen Dingen kann man durchaus seinen Spaß haben.

Dass dies hier ebenfalls nur teilweise möglich ist, liegt – wie bereits eingangs beschrieben – an der fehlenden Kohärenz. Dieses Problem liegt nicht nur bei der vorgetragenen Geschichte vor, sondern leider auch bei einem beinahe wichtigeren Attribut: der Atmosphäre bzw. Stimmung. Letztere muss in einem kohärenten Werk natürlich nicht durchweg gleich sein, das sollte zugunsten von Abwechslung in den meisten Genres sogar vermieden werden. Jedoch sollte die Stimmung immer zur gezeigten Situation und zum Handlungsverlauf passen sowie dynamisch auf die gegenwärtigen Gefühlslagen der involvierten Charaktere eingehen. Dies ist bei Nerawareta Gakuen nicht der Fall. Szenen, die bedrohlich und düster sein sollten, besänftigen mit hellen Farben und ruhiger Musik, storyrelevante und sinnfreie Dialoge sind durch die Präsentation nicht auseinanderzuhalten und Szenenwechsel wirken stellenweise so hart, dass man fast meinen könnte, im Skript hätte an dieser Stelle eine neue Episode begonnen. Das Highlight der atmosphärischen Inkompetenz bildet eine Passage, in der der Protagonist zur Rettung einer anderen Person eine nie zufriedenstellend erklärte Superkraft aus dem Ärmel zaubert, die Rettung selbst dann aber als (zugegeben wirklich lustige) Fanservice-Comedy-Sequenz vollführt. Dies resultiert dann in einer Kriegserklärung der „Gegnerfraktion“, woraufhin der Hauptcharakter meint, dass sie lieber zum Strand gehen sollten. Nächste Szene: Klischeehafte Anime-Strandsequenz mit den angeblich verfeindeten Charakteren. Keine Erklärung.

Doch ist Nerawareta Gakuen nun ein schlechter Film? Nein, nicht unbedingt. Visuell ist das Machwerk durchaus mehr als eindrucksvoll und auch die Musik (über die ich in dieser Rezension kaum gesprochen habe) kann sich durchaus hören lassen – wenngleich sie gelegentlich nicht so wirklich zur Szene passt. Und doch leidet der Anime merklich an seiner konfusen Handlung und der schwachen Kohärenz. In einer anderen Zusammenstellung und Form hätten diese Zutaten vielleicht funktionieren können, aber hierfür hätte man wohl einen besseren Koch sowie ein annehmbares Rezept benötigt.

Cube

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