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THEMA: Saikyou Densetsu Kurosawa

Saikyou Densetsu Kurosawa 5 Monate 4 Wochen her #808934

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Wir wissen alle, wann wir geboren wurden, doch wann beginnt für uns eigentlich das „richtige“ Leben? Das ist eine fundierte Frage, auf die viele Menschen eine unterschiedliche Antwort geben würden. Ein Kind mag den Start seines wahren Lebens mit dem Erwachsensein und all seinen Freiheiten gleichsetzten, während ein Student eventuell erst mit seinem Abschluss und dem Eintritt in das Berufsleben sein tatsächliches Leben beginnen sieht und für andere startet es wiederum erst mit der Erfüllung ihres Lebenstraums. Das Verschieben des persönlichen Lebensbeginns auf noch zu schaffende, optimale Umstände birgt die Gefahr, sich auf dem Lebensweg zu verirren. Die Verkennung der begrenzten Zeit, die man auf diese Welt hat, äußert sich oftmals in Sätzen wie: „Mein wahres Leben hat noch nicht begonnen“ – eine euphemistische Äußerung, welche die Stagnation des persönlichen Lebens beschreibt.

Jemand, dessen Leben derartig stagniert, ist der titelgebende Charakter Kurosawa aus dem Manga Saikyou Densetsu Kurosowa, was übersetzt so viel wie „die stärkste Legende Kurosawa“ bedeutet. Dieser wurde 2003 von Noboyuki Fukumoto geschaffen, der für seine Gamblingmangas Akagi und Tobaku Mokushiroku Kaiji bekannt ist.

Wenn man bei dem Thema Glücksspiel bleibt, so muss man sagen, dass das Leben dem Titelhelden schlechte Karten zukommen lassen hat. Der Bauarbeiter in seinen 40ern, der sein gesamtes Arbeitsleben imselben Bauunternehmen verbracht hat, kann weder ein intaktes Sozial- noch ein vorhandenes Liebesleben und auch sonst keine großen Errungenschaften vorweisen. Dazu kommt, dass er weder durch nennenswerte Talente noch durch eine interessante Persönlichkeit bestechen kann. Sozial isoliert, nicht mit Schönheit gesegnet und insgesamt niedergeschlagen, erschleicht Kurosawa die schmerzhafte Erkenntnis, dass ein Rückblick auf sein Leben bis zum jetzigen Zeitpunkt ein Blick ins Leere ist. Und so überfällt ihn zu allem Übel auch noch eine Midlife-Crisis.

Die Legende von Kurosawa beginnt mit dieser Selbsterkenntnis, die nochmal bestätigt wird als sein 44. Geburtstag auf der Arbeit verstreicht, ohne dass ihn auch nur eine Menschenseele anspricht, geschweige denn gratuliert. Trotz jahrelanger Aufopferung und harter Arbeit innerhalb seines Unternehmens wird ihm dort nicht einmal am Tag seiner Geburt mit Respekt und Wertschätzung begegnet. Damit konfrontiert, bleibt dem armen Geburtstagskind nur noch eines übrig – seinen Kummer in Alkohol zu ertränken und das Schicksal für seine Unbarmherzigkeit zu verfluchen. Zwischen der Vergegenwärtigung seiner Nichtigkeit und der Offenbarung seiner eindruckslosen Existenz fasst er einen Entschluss. Mehr als deprimiert nimmt er sich vor, sein Leben in die eigene Hand zu nehmen, statt von der des Lebens herumgeschubst zu werden. Auch er möchte Respekt, Freunde und Liebe finden. Zunächst beginnt er mit dem Plan, in der Gunst seiner ignoranten Arbeitskollegen zu steigen und Anerkennung von ihnen zu erhalten. Das will aber nicht so recht gelingen, da sich der sozial verkümmerte Kurosawa mehr als tollpatschig anstellt und auch von Missverständnissen nicht verschont bleibt. Dieser klägliche und erzwungene Versuch, Freundschaften zu schließen und Sympathie zu erlangen, bringt ihm in der Riege der Arbeiterschaft letztlich einen nur noch schlechteren Stand ein als zuvor. Wenig später durchlebt er dann in einem mehr als Fremdscham hervorrufenden Moment die Freuden der imaginären Vaterschaft, als er ein verschollenes Kleinkind aufliest. Unbewusst der Wirkung des Bildes eines älteren Herren, der allein mit einem kleinen Kind im Park unterwegs ist, verläuft auch dieses Szenario nicht gut für den Protagonisten, der an dessen Ende als Verlierer dasteht, wiedermal. Der vom Leben angeschlagene Kurosawa strauchelt so von der einen bizarren Situation in die nächste, stetig auf der Suche nach seinem Glück. Als er eines Tages von Mittelschülern überfallen wird, steht er seinen Mann und gibt sich nicht einfach geschlagen. Dabei wird es aber nicht belassen, sodass die anfängliche Rauferei mit ein paar minderjährigen Bälgern schon bald in einem territorialen Gangfight ausartet. Diese gefährden mit ihren nächtlichen Gewalteskapaden die ansässigen Obdachlosen. Weil er das Gefühl am unteren Ende der sozialen Nahrungskette zu sein kennt, will er nicht mitansehen müssen, wie noch schwächere Menschen zu Opfern werden. So steht er nicht nur für sich ein, sondern tut dies auch für die hilflosen Obdachlosen. Das Durchschnittsalter der Teilnehmer dieser aus schulpflichtigen Schlägern bestehenden Schlacht wird so durch den älteren Herren namens Kurosawa gehoben, der sich inmitten des Chaos wiederfindet und zur zentralen Figur in dieser Auseinandersetzung wird.

Was den Ton von Saikyou Densetsu Kurosawa anbelangt, schlägt dieser in eine ähnliche Kerbe wie Welcome To The N.H.K. oder Watamote. Es erzählt eine tragische Geschichte, die schwere Thematiken wie Depression behandelt. Gleichzeitig verbindet es diese Themen und weitere ähnlicher Schwere mit schwarzem Humor. Das Werk weiß jedoch mit der Zwiespältigkeit seiner Stimmungslagen umzugehen, sodass beide miteinander harmonieren. Die Comedy nimmt dem Werk etwas von seiner Schwere, ohne den emotionalen Aspekten der Geschichte im Weg zu stehen. Kurosawas oftmals zum Fremdschämen einladendes Handeln und die Situationen, in die er gerät, werden mit cleveren Witzen auf seine Kosten kombiniert. Das unterhält nicht nur, sondern verleiht dem Werk noch einiges an Persönlichkeit. Die Ernsthaftigkeit in der Offenlegung seines Innenlebens und seiner derzeitigen Lebenslage bleibt aber die Hauptsubstanz des Werkes und wird zu keinem Zeitpunkt überzeichnet oder von der Comedy verwässert. So kann man in einem Moment über Kurosawas Scheitern herzhaft lachen, während man in anderen Momenten emotional berührt und zum Nachdenken angeregt wird. Diese beiden Aspekte, Comedy und Drama, ziehen sich durch den gesamten Manga und treiben seine Geschichte voran. Die Story ist somit eine Achterbahnfahrt der Gefühle, die über ihre gesamte Länge mit einigen Twists, großen Herausforderungen und im Gedächtnis bleibenden Szenen gespickt ist, bis sie an ihrem Ende abrupt zum Halt kommt. Ein bitteres Ende, das wie eine echte Achterbahnfahrt, noch eine Weile später in den Knochen sitzt.

Ein weiteres Thema, das hier angesprochen wird, ist das der Stellung in der Gesellschaft. Kurosawa muss unter anderem aufgrund seines Alters gegen Stigmen in der Gesellschaft und soziale Normen vorgehen sowie seinen Unterdrückern mit nichts als seinen bloßen Händen und seinem blanken Willen entgegentreten. Ein Teil der Tragik seines Charakters liegt in eben diesem Alter. Die Protagonisten der oben erwähnten Werke sind anders als Kurosawa Jugendliche, die trotz all ihrer Probleme noch ihr gesamtes Leben vor sich haben. Sie haben die Option, in eine mögliche, hoffnungsvolle Zukunft zu blicken. Kurosawa hingegen kann mit einem Blick in die Zukunft nur sein allmählich näherndes Lebensende erblicken. Neben dem bitteren Ende und den vielen emotionalen Momenten glänzt der Manga vor allem durch ehrliche Dialoge bzw. Monologe. Das können gerne mal ganze Seiten sein, in denen das Herz des Protagonisten dem Leser gänzlich offenbart wird. Der Realismus ist hier besonders hervorzuheben, denn weder der Hauptcharakter noch die Thematiken, die durch ihn angesprochen werden, fühlen sich aufgezwungen oder gestellt an. Noboyuki Fukumoto teilt nicht nur seinen Geburtstag mit seinem Charakter, sondern war zum Zeitpunkt der erstmaligen Veröffentlichung des Werkes in einem ähnlichen Alter wie dieser. Die hier anzunehmende Projektion von realen Sorgen und Erfahrungen des Mangakas in die Titelfigur verleiht dem Manga ein enormes Maß an Authentizität und erklärt die realistische Behandlung der Sorgen eines Menschen im höheren Alter.

Eine große Stärke des Mangas ist sein Hauptcharakter und dessen Entwicklung. Als wirklichen Helden kann man den diesen zu Beginn seiner Geschichte nicht bezeichnen. Er trinkt im Übermaß, verfällt plötzlichen Wutanfällen oder lüsternen Fantasien und endet auch mal in einer Schlägerei. Doch ganz so einseitig, wie es vielleicht anmutet, ist sein Charakter nicht. So ist sein Alkoholismus eine Flucht vor der Realität, seine Wutausbrüche zeugen von seiner mangelnden Fähigkeit, sich anderen Menschen normal mitzuteilen, seine Lust liegt in den Jahren der Einsamkeit begründet und die Schlägereien rühren daher, dass er für sich und andere einsteht. Auch wenn er ein augenscheinlich eher zu bemitleidendes und armseliges Individuum ist, so muss man ihm eins lassen – wenn es darauf ankommt, blickt er der Gefahr direkt ins Gesicht, auch wenn es mit Tränen gefüllten Augen voller Angst sind. In diesem Aspekt ähnelt Kurosawa einem Samurai, der gewillt ist, bis zum bitteren Tod für seine Werte einzustehen und zu kämpfen. Ein solcher Vergleich wird auch von den Charakteren innerhalb der Geschichte gezogen, der mit Kapiteltiteln wie „Nobunaga“ weiterhin diesen ehrbaren Charakterzug von ihm unterstreicht. Das wird nur noch damit gekrönt, dass sein Name Akira Kurosawa, einen japanischen Regisseur referenziert, der im Westen für seine Samuraifilme wie „Die sieben Samurai“ bekannt ist. Obwohl Kurosawa ein Mensch mit unübersehbaren Fehlern ist, bekommt der Leser durch seine samuraiähnliche Haltung, einen glaubhaften Grund, ihn anzufeuern. Zum Ende der Geschichte entwickelt er sich von einem alten, depressiven Mann, der am Boden liegend seinen Jugendtagen hinterher weint, zu einem durchaus tauglichen Vorbild. Es ist eine bemerkenswerte Entwicklung, die den Leser fesselt und motiviert. Die Intention von Kurosawa ist nicht etwa das Erlangen von Reichtum oder Ruhm, sondern die Tilgung seiner Schuld. Dabei handelt es sich nicht um die Schuld einem Kredithai oder Unternehmen gegenüber, sondern der ihm selbst gegenüber. Er will nichts weiter als ein Leben, wie er es sich irgendwann mal vorgestellt hat. Eine simple Existenz ohne die schwere Last seiner Probleme. Doch niemand ist für das Leben eines anderen verantwortlich und so ist es auch niemand für das von Kurosawa, der seines halbherzig geführt und so ultimativ verschwendet hat.

Die Nebencharaktere nehmen in der Geschichte eine eher hintergründige Rolle ein, sodass keiner des Casts wirklich einer Erwähnung wert ist. Jeder dieser erfüllt aber seinen Zweck und nimmt dabei niemals mehr Aufmerksamkeit auf sich als nötig. Wer den Hauptcharakter nicht folgen mag, wird in dem Werk leider kaum die Möglichkeit finden, sein Interesse anderen Charaktere zu schenken.

Der Zeichenstil dieses Mangas dürfte sicher den meisten Lesern ein Dorn im Auge sein, der wohl genauso spitz ist, wie es die Ecken der dort zu sehenden Gesichter sind. Der unverkennbare Stil ist ohne jeden Zweifel weit weg von konventioneller Ästhetik. Sowohl die Proportionen der Charaktere als auch die Perspektiven, in denen sie dargestellt werden, sind oft nicht richtig getroffen, was dem Manga einen sehr groben Look verleiht. Neben dieser technischen Mängel fehlt es den Charakterdesigns auch an traditioneller Schönheit sowie Diversität, denn Kenner von Fukumotos Werken werden sich bei so manchem Gesicht an bereits bekannte Charaktere aus seinen anderen Mangas erinnert fühlen. Das Ignorieren dieser Optik ist im Kontext von Fukumoto ein oftmals mit Empfehlungen seiner Werke geäußerter Hinweis. Dieser stellt sich nicht nur als schwer umzusetzen heraus, sondern verkennt er auch dessen Stärken. Die Negativpunkte werden durchaus von einigen Stärken aufgewogen. Fukumoto, der in seinen Geschichten die menschliche Psyche behandelt und in jene abtaucht, gelingt mit seinem Stil die Darstellung roher Emotionen auf einem hohen Niveau. Von niederschmetternder Verzweiflung bis hin zu beflügelnder Hoffnung lässt sich alles von den Gesichtern der Charaktere ablesen. Das Porträtieren starker menschlicher Gefühle und extremer psychischer Zustände wird durch seine überzeichneten und unrealistischen Gesichtsausdrücke nur nochmal verstärkt. Weiterhin profitiert das Darstellen der Abgründe des menschlichen Gefühlsspektrums wie Hass und Verzweiflung, von der charmanten Hässlichkeit des Stils. Der Ausdruck solch schwerer Emotionen ist selten ein schöner Anblick, was der Manga mehr als gut verkörpert. Ergänzt wird das Ganze durch abstrakte Hintergründe und bildliche Metaphern, die zur jeweiligen Stimmung der Szene passen und den Manga insgesamt visuell auflockern. Es mag nun etwas überzogen klingen, doch auf gewisse Art und Weise ähnelt der Stil dem von Picasso, denn Fukumoto gelingt es aus seinem unfeinen Stil, mit geraden Linien und groben Formen die menschliche Essenz zu extrahieren und dem Leser darzubieten. Darüber hinaus besteht eine starke Verbindung zwischen Kurosawa bzw. seiner Geschichte und dem Stil. Beide sind nicht attraktiv und genauso, wie es der Stift des Mangakas auf dem Papier nicht tat, so lief auch in Kurosawas Leben nicht alles glatt und ohne Fehler.

Der Manga fasst das unerbittliche Verlangen nach persönlicher Wiedergutmachung und den extremen Mühen, die dafür aufzunehmen sind, in der Erzählung über die Tage eines älteren Mannes zusammen. In gewisser Weise ist Kurosawa ein Spieler wie Kaiji. Er zockt im Spiel namens Leben mit eben diesem auf dem Spiel. Währenddessen lacht man über ihn, errötet vor Fremdscham seinetwegen und verdrückt hier und da eine männliche Träne für ihn. Am Ende des Tages sehen wir jedoch, wie sich ein gescheiterter Mann furchtlos in einen Kampf mit dem Leben begibt, um eine späte zweite Chance zu erlangen und sich von vergangenen Fehlern reinzuwaschen. Das macht die Geschichte schlussendlich und trotz all ihrer emotionalen Tiefen und dem bitteren Ende, doch zu einer hoffnungsvollen.

Egal wie schlimm eine Lebenslage aussehen mag und egal wie oft man scheitern mag, es gibt immer die Möglichkeit, sich von Niederschlägen zu erholen und weiterzumachen. Vor allem lehrt uns Kurosawa auch, dass es dafür niemals zu spät ist. Und genau deshalb ist er Saikyou Densetsu Kurosawa, die stärkste Legende.

Letzte Änderung: 5 Monate 3 Wochen her von Gowther.
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