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THEMA: Bastard

Bastard 7 Monate 6 Tage her #806253

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Die Kindheit ist womöglich einer der bedeutendsten Abschnitte unseres Lebens. In keinem anderen wird unser Charakter und unsere Wahrnehmung derartig stark geprägt. Doch zugleich haben wir auf eine so essentielle Phase kaum Einfluss. Wer unsere Eltern sind, in welcher Umgebung wir aufwachsen – all das entscheidet der Zufall. So kann aus einem unschuldigen Baby schnell ein Psychopath oder auch Mörder werden, sollte es durch die falschen Hände großgezogen werden. Jene Problematik wurde schon von dutzenden Animes, Mangas, Filmen oder Büchern mehr oder weniger zufriedenstellend beleuchtet.

Nichtsdestotrotz greift der Manhwa Bastard, der 2014 startete und 2016 sein Ende fand, exakt diese Thematik nochmals auf. Ob der Webtoon von Autor Carnby Kim und Illustrator Youngchan Hwang seine 93 Kapitel wert ist oder nur reine Zeitverschwendung, erfahrt ihr in meiner heutigen Rezension.

Der 17-jährige Jin Seon ist ein typischer Außenseiter. Er verbringt seine Pausen alleine, wird von den Schulschlägern verprügelt und kümmert sich wenig um andere. Augenscheinlich ein weiteres Abziehbild der „einsamer Protagonist“-Vorlage, wäre da nicht sein Vater. Der Chef eines riesigen Firmenimperiums … und ein kranker Serienmörder. Seit Kindesalter missbraucht er Jin schon, um dutzende Frauen in seine Wohnung zu locken. Natürlich ging so etwas nicht spurlos an ihm vorbei. Mit der konstanten Angst, von seinem väterlichen Dämon irgendwann entsorgt zu werden, fristet er sein Leben in Einsamkeit, bis er eines Tages auf die freundliche, süße Kyun Yoon trifft; die Einzige, die jemals etwas mit ihm zu tun haben wollte. Doch als sie ins Visier seines Vaters gerät, muss er sich für eine Seite entscheiden. So nimmt die unausweichliche Konfrontation zwischen Elternteil und Sohn ihren Lauf. Der Weg Jins zu einem „Bastard“.

Bereits ab dem ersten Kapitel weiß das Werk mit seiner Handlung zu fesseln. Selten habe ich einen so gelungenen Auftakt lesen dürfen, der sowohl mit Spannung als auch cleveren Plot Twists überzeugen kann. Seien es die intelligent eingesetzten Momente der Irritation, um Erwartungen aufzubauen, nur um sie im nächsten Moment mit dem Vorschlaghammer wieder einzureißen, oder Jins hasserfüllte Angst vor seinem Vater. Dieser durchdachte Anfang ist jedoch nur ein Vorgeschmack auf die folgenden Ereignisse. Trotz der recht ausufernden Länge von 93 Kapiteln wird hier eine überraschend dichte Handlung erzählt, die kaum Langeweile aufkommen lässt. Das bald beginnende Katz-und-Maus-Spiel zwischen Jin und seinem Vater entwickelt sich sogar zu einem der spannendsten Duelle seit Death Note, versüßt mit einer ordentlichen Portion an Brutalität.

Im Gegensatz zum zuvor genannten Klassiker der Anime- und Manga-Kultur kann der Manhwa jedoch mit einer teilweise noch facettenreicheren Geschichte glänzen.
Einerseits wird durch die tiefe, hasserfüllte Bindung zwischen den beiden Kontrahenten eine neue emotionale Ebene ermöglicht. Wir erleben nicht nur einen intellektuellen Zweikampf, sondern auch die Lebensgeschichte eines gebrochenen Kindes. Wie er schauspielern musste, um seinen Vater zu decken, die Opfer für seinen Vater belog und die inneren Narben, welche er infolgedessen erlitt – all das thematisiert Bastard. Schnell kann man eine Bindung zu ihm aufbauen, versteht sein Leid und die Bedeutung seiner Rebellion. Aus diesem Grund ist die Darstellung des Vaters als „Dämon“ auch nicht übertrieben. Nein, sie wird sogar effektiv als Stilmittel eingesetzt. Denn auch Jin leidet unter seinen ganz eigenen psychischen Problemen, die mithilfe dieses dämonischen Feindbildes gekonnt in Szene gesetzt werden.

Andererseits bietet das Szenario so viel mehr als „nur“ eine absolut fesselnde Handlung. Bastard verbirgt hinter all seinen gestörten Charakteren und Morden eine unterschwellige, doch sehr wirkungsvolle Gesellschaftskritik. Offensichtlicher Weise stehen die Auswirkungen psychopathischer Elternteile auf ihre Kinder sowie die Ignoranz der Gesellschaft gegenüber solchen Themen im Vordergrund.

Zugleich üben die Charaktere selbst indirekt Kritik an unserer modernen Welt. Zwar kann Bastard nicht mit einem großen Cast brillieren, dafür mit einem besonders vielseitig ausgebautem. Jede Figur glänzt mit einer gewissen Zweideutigkeit, bestehend aus ihrem oberflächlichen Auftreten und wahrer Persönlichkeit, oft geprägt durch die Vergangenheit oder äußerliche Erwartungen. Dabei werden diverse Themen wie Gruppenzwang oder soziale Hilflosigkeit angesprochen.

Jins Charakterentwicklung sticht besonders heraus. Auf glaubhafte Weise wird hier der Werdegang von einem vor der Konfrontation fliehenden Schwächling dargestellt. Dabei bleibt er jederzeit körperlich unterlegen, verletzlich, gar schwach, doch driftet nie in die so verhasste Heulsusen-Rolle ab. Jene Verletzlichkeit ist ein weiterer Grund für die konstant anhaltende Spannung, denn jede Auseinandersetzung könnte die letzte für ihn sein. Wie einfach es dadurch ist, sich an ihn zu binden, muss ich wohl nicht erwähnen.

Leider liegt Bastards größte Schwäche ebenfalls in der teils rasanten Entwicklung der Protagonisten. Die Liebesbeziehung zwischen Jin und Kyuun Yoon mag zwar ein immens wichtiges Puzzleteil für das Gesamtwerk sein, leidet aber unter einem typischen Problem. Ihre Akzeptanz, Freundlichkeit und Fröhlichkeit ist an den diversen, teils bestialisch, brutalen Stellen einfach nicht nachvollziehbar. Innerhalb weniger Momente verzeiht sie nahezu alles, wodurch das Werk teilweise immens an Glaubwürdigkeit verliert.

Es ist eine Beziehung, die fast ausschließlich auf Papier funktionieren kann. Ein öfters zu beobachtendes Problem. Den zwischenmenschlichen Verhältnissen wird schlicht zu wenig Zeit gewidmet.

Visuell unterscheidet sich Bastard wie jeder Manhwa stark von den japanischen Gegenstücken; fast ausschließlich wird hier auf eine schwarz-braune Farbpalette zurückgegriffen. Die resultierenden Zeichnungen sind dementsprechend melancholisch – passend zur Stimmung des Werkes. Die Manga-typischen Schwarz-Weiß-Kontraste sind kaum anzutreffen, stattdessen verschmelzen die benutzten Brauntöne förmlich miteinander zu einem erstaunlich kontrastarmen Werk. Zudem bietet kaum eine Seite mehr als drei Panels, wodurch der ausschließlich dunkel-braune Hintergrund ein Großteil des Platzes einnimmt. Mithilfe dieser immensen Leere wird die schon vorhandene trostlose Atmosphäre wiederholt betont.

Die tatsächlichen Illustrationen sind hingegen lediglich durchschnittlich. Der Manhwa-typische leicht skizzenhafte, undetaillierte Stil ist auch hier anzutreffen. Figuren wirken größtenteils flach, während Umgebungen auf das Nötigste reduziert wurden. Versuche an perspektivischen Motiven oder Szenen überforderten dabei Illustrator Youngchan Hwang sichtlich. Fast jede Frontal-Ansicht eines Gesichts oder Faustschlags resultiert in eher lachhaften Abnormitäten, wodurch manche Situationen einen ungewollten Comedy-Faktor erhalten. Dass die Stimmung manchmal darunter leidet, ist wohl abzusehen.

Trotzdem wirken die Charaktere nie ausdruckslos. Nein, speziell Jins Wahrnehmung wird vom Stil perfekt eingefasst. Von grotesk entstellten, fratzenähnlichen Gesichtern, welche die dämonische Seite verkörpern, bis hin zu den brutalen Gewaltakten. Bastard kann seine emotionalen Höhepunkte effektiv in Szene setzen. Erstaunlich, wenn man die ansonsten sehr unspektakulären Zeichnungen damit vergleicht.

Wobei durchaus einige interessante technische Ideen eingestreut wurden. Die einem Daumenkino ähnelnde Passage zum Ende des Werkes verzichtet beispielsweise komplett auf Wörter oder Perspektiv-Wechsel, um einen emotionalen Moment auf einzigartig traurige Weise in Szene zu setzen. Solche Passagen sind rar doch intelligent, weshalb die Wirkung dieser wenigen umso größer ist.

Abschließend lässt sich sagen sagen, dass es sich bei Bastard um einen absolut einzigartigen Manhwa handelt. Sei es die vielschichtige, wirklich spannende Geschichte, ihre Metaphorik oder einfach die durchdachten Charaktere. Am Anfang mag es vielleicht noch unscheinbar wirken, doch spätestens nach einer Reise durch Jins bizarre Welt sollte man wahrlich beeindruckt vor dem Monitor sitzen. Aus diesem Grund kann ich auch nur ein Fazit zulassen: Lesen.

Letzte Änderung: 7 Monate 2 Stunden her von Soulykun.

Bastard 7 Monate 1 Stunde her #806816

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Erstmal eine tolle Rezession.
Ich kann ich diesen Manhwa wirklich nur weiterempfehlen und habe das auch schon bei ein paar Freunden erfolgreich geschafft.

Und DANKE, dass du diesen großartigen Manhwa rezensiert hast, da er meiner Meinung nach viel zu wenig Aufmerksamkeit bekommt, als er eigtl sollte.
"You put on your boots, pull tight your bindings, dust the snow off your snowboard, and stand up.
And it doesn't matter that you failed a test, didn't get the love, or that your life is on a one way trip down the shitter, your world is right for the the next couple of hours."



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Bastard 7 Monate 37 Minuten her #806822

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Wow, danke für die Rezension! Auf diesen Tag habe ich schon gewartet aber wusste nicht, dass Bastard überhaupt mal eine Rezension bekommen wird. Sehr schön und ausführlich geschrieben. Ich kann mit fast allem nur zustimmen. Der Manhwa ist einfach nur absolut fantastisch umgesetzt. Ich bin zwar recht empfindlich was so ne starke Brutalität angeht aber in diesem Manga konnte ich es einigermaßen ertragen. Die Story ist sehr interessant, hat viele Mystery Aspekte und irgendwie weiß man einfach nie, was als nächstes passieren wird. Ich war ständig unsicher und viele Dinge haben mich schockiert und sprachlos gemacht. Sehr viele unerwartete Ereignisse, welche einen echt mitnehmen können. Man fühlt schon regelrecht Mitleid mit dem Protagonisten. Er ist schon mal ne etwas besondere Rolle als Protagonist. Er ist nicht der typische Held, selbst wenn er es versucht.

Ich mag den Manhwa einfach viel zu sehr und würde mir wünschen, dass es auch mal mehr Aufmerksamkeit bekommen würde.
Ich würde jetzt definitiv gerne mehr Manhwas lesen. Ich habe zwar schon ein paar gelesen und würde mich auch gerne mit mehr beschäftigen. Den Manhwa kann ich definitiv nur jeden ans Herz legen. Er ist nämlich richtig gut!
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Bastard 6 Monate 4 Wochen her #806829

Danke für die tolle Rezession! Es ist erst zwei-drei Monate seit ich Bastard gelesen hab. Ich erinnere mich noch wie gefesselt ich von der story war und innerhalb von drei Tagen durchgelesen habe. Danach hab ich meine BFF ewig damit zugetextet. XD
Er ist auf jeden Fall großartig und es Wert mal einen Blick darauf zu riskieren, selbst wenn die Thematik manche ein bisschen abschrecken könnte. *o-gj*

Bastard 6 Monate 4 Wochen her #806830

Dankeschön! & Gute Arbeit!!
*o-love2*

Bastard 6 Monate 4 Wochen her #806835

Kann der Rezension auch nur zustimmen.

Bastard zählt bei mir auch zu den "Sollte man gelesen haben". Die Charakter waren wirklich gut umgesetzt.

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Bastard 6 Monate 4 Wochen her #806873

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Was ein Zufall das ich "Bastard" erst vor drei Tagen in einem 6 Stunden Marathon gelesen habe. An meinem Profilbild kann man sicherlich erkennen was ich von "Bastard" halte.

"Trotzdem wirken die Charaktere nie ausdruckslos. Nein, speziell Jins Wahrnehmung wird vom Stil perfekt eingefasst. Von grotesk entstellten, fratzenähnlichen Gesichtern, welche die dämonische Seite verkörpern, bis hin zu den brutalen Gewaltakten. Bastard kann seine emotionalen Höhepunkte effektiv in Szene setzen. Erstaunlich, wenn man die ansonsten sehr unspektakulären Zeichnungen damit vergleicht."

Diesem Absatz kann ich bedenkenlos zustimmen. Alles im allem eigentlich ein durchschnittlicher Zeichenstil. Diese "emotionalen Höhepunkte" fand ich persönlich immer sehr gut visuell umgesetzt.

Tolle Rezension
Gedanken, die ich täglich hab, prallen von innen an den Kopf
Bis es in meinem Schädel knackt
Die Uhr schlägt im Takt, ich find Ruhe in der Nacht
Während ich schlafe, wird die Welt wie ein Buch zugeklappt
Am nächsten Morgen sind die Formen wieder gleich
Kranke Normen dieser Ordnung und sie fordern ihren Preis
Zu viel Input, Offensichtliches verborgen in Details
Manche kriegen Strafen, andere nen Orden für das Leid
Dass sie in der Welt verbreiten, Tod nach zweierlei Maß

Amewu - Lichttherapie

Bastard 6 Monate 3 Wochen her #807408

Ich selbst habe Bastard ebenfalls im Marathon gelesen - die Story war doch zu gut, um sie einfach so zwischendurch zu unterbrechen.
Mit der richtigen Menge an Nervenkitzel und Storyline hat mich Bastard an sich gefesselt. Der Zeichenstil passt perfekt zum Manwha und unterstreicht die Stimmung, welcher der Autor zu vermitteln versucht. *o-toohappy*

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