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THEMA: Bartender

Bartender 3 Monate 4 Wochen her #797033

  • Aston
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Wer wie ich von Alkohol ungefähr so viel Ahnung hat wie ein Zitronenfalter vom Zitronenfalten, der wird sicher mal den ein oder anderen exotischen Begriff aus dem Metier der stilvollen Genussmenschen aufgeschnappt haben, am Ende des Tages aber dann doch überfragt sein, was genau in einem Bloody Mary, Daiquiri oder Rusty Nail eigentlich alles so drinsteckt. Vermutlich ist das erste Bild, das einem vor das geistige Auge springt, wenn man das Wort „Bar“ hört, ein Trunkenbold, der mit Bier oder Whisky schläfrig oder gelangweilt an einem Tresen gammelt. Doch wie so oft versteckt sich auch hinter Mixgetränken nicht bloß ein stumpfer Wunsch nach Berauschung, sondern eine Lebensphilosophie. Zumindest erzählt uns das der Anime Bartender.

Die 11-teilige Serie basiert auf dem gleichnamigen Manga von Araki Joh und erschien erstmals 2004. Zwei Jahre darauf nahm sich Palm Studio, welches kurze Zeit darauf seine Pforten schließen musste, einer Bewegtbildadaption des Werkes an.

Im Tokioter Stadtteil Ginza, der vor allem als Geschäfts- und Vergnüngungsviertel bekannt ist, geht das Leben seinen täglichen Trott. Doch in einer unscheinbaren Straße findet sich ein noch unscheinbareres Etablissement. Versteckt hinter einer massiven Holztür und nur durch ein konträr dazu fast schon zerbrechliches Namensschild ausgewiesen, liegen die bescheidenen Räumlichkeiten der Bar Edenhall. Der Mann, der vor dem beeindruckenden Wandschrank steht, der mit allerlei extravaganten bekannten wie unbekannten Tropfen aufwartet, und die Gläser putzt, ist Sasakura Ryuu. Der juvenile Barkeeper mag einen fast schon einfältigen Eindruck machen, doch wie so oft trügt der Schein. Für ihn ist der Posten hinter der Theke kein simpler Beruf, sondern eine absolute Profession. Neben den vielen Annehmlichkeiten, die er Gästen in seinem Lokal bietet, gehört auch das sogenannte „Glas der Götter“. Dieser hochgestochene Begriff beschreibt im Grunde nichts anderes als den perfekten Drink. Und der ist so divers wie der Mensch selbst. Soll heißen: Jeder hat einen anderen Trunk, der genau zu ihm passt. Und diesen muss ein guter Barkeeper herausfinden. Doch das hängt nicht nur von den persönlichen Charaktereigenschaften des Konsumenten ab. Vielmehr spielen auch die Umstände, unter denen er gedenkt, sich einen Schluck zu genehmigen, eine wichtige Rolle. Ist der Gast fröhlich, ausgelassen, heiter? Weiß er, was er will oder überfordert ihn die schiere Auswahl? Ja sogar der Beruf, den ein guter Barmixer nicht erfragt, sondern erkennt, fließen in die Entscheidung mit ein. Klingt unmöglich? Ja, in diesem Punkt würde ich zustimmen. So schön die Vorstellung auch ist, dass ich mich einfach auf einen gemütlichen Hocker setze und mir die Wünsche im wahrsten Sinne von den Augen ablesen lasse, so sehr ist sie wohl auch eine stark romantisierte Fassung der Realität.

Bartender ist in erster Linie ein episodenhafter Anime. Als Zuschauer verfolgt man die täglichen Ereignisse in Edenhall und wird Zeuge, wie Sasakura ein ums andere Mal unter Beweis stellt, warum gerade er der Mundschenk ist, dem der Bonvivant vertraut. Sei es nun die melancholische Geschäftsfrau, die auf der Suche nach einem edlen Tropfen ist, den sie als Kind verschüttete. Das unglückliche Ehepaar, das seine Probleme lange Zeit einander verschwiegen hat. Oder der eigensinnige Dozent für Strömungslehre. Sie alle kommen in den Genuss ihres Glases der Götter. In einer Folge geht es gar um zwei Filmemacher, die nach einigen Unstimmigkeiten, wie sie denn weiter gemeinsam Filme produzieren sollten, erkennen, dass man sich trotz aller Widrigkeiten niemals seiner Leidenschaft für etwas entledigen sollte. Ich würde mal behaupten, dass das auch im echten Animationsstudio für den ein oder anderen Schmunzler gesorgt hat.

Garniert ist jede Folge mit einer wahren Flut an Hintergrundwissen, beginnt mit einem interessanten oder lustigen Fakt bzw. einer Anekdote und endet mit einem Rezept für den in den 20 Minuten eben gesehenen Spirituosen. Die wiederum selbst werden neben szenisch erzählten, kleinen Geschichten, die auf ausschweifende Dialoge setzen, historisch beleuchtet und ihren passenden Anlässen zugewiesen, zu denen man sie am besten serviert. Auf diese Art und Weise quillt jede einzelne Episode mit einer ungeahnten Informationsflut über, der man wohl nur wirklich gewachsen sein dürfte, wenn man sich vollends auf die Darbietung einlässt. Zum Nebenbeischauen ist der Anime tatsächlich zu schade. Gleichzeitig kostete das zumindest mich ziemliche Überwindung, da das Gesamtwerk doch sehr seicht daherkommt, was nicht zuletzt an der äußerst beruhigenden Synchronstimme von Sasakura liegt. Der erhält seine Tonfarbe von Takahiro Mizushima, den man u.a. für seine Rolle als Lelouch Lamperouge in Code Geass oder Taichi Yaegashi in Kokoro Connect kennt. Eben wirklich etwas für Genießer. Auch musikalisch bewegen wir uns stets in einem klar definierten Spektrum. Ruhige Klaviersoli wechseln sich mit Jazz angehauchten Saxophon- und Kontrabasseinlagen ab. So wird durchaus mal eine angeregtere Dynamik erzeugt, doch großartig Spannung entsteht dadurch nicht. Technisch macht das Werk immer noch einen erstaunlich frischen Eindruck. Zwar rückt das Bühnenbild selbst im direkten Vergleich mit den handlungstragenden Personen dezent in den Hintergrund, dennoch sind nicht selten sogar die originalgetreuen Etiketten auf den Flaschen erkennbar. Grafikfreunde sollten definitiv auf ihre Kosten kommen. Die innige Verwebung von Erzählung, der eigentlichen Handlung und der Wissensvermittlung spiegelt sich auch darin wieder, dass die Figuren teils selbst die dramaturgische vierte Wand durchbrechen und sich direkt an den Zuschauer wenden. Meistens erhalten wir hierbei Einblicke in die Gedankenwelt anderer Akteure oder einen kleinen geschichtlichen Exkurs. Hierbei wird sich mit malerischen Symbolbildern bis hin zur konkreten Darstellung entsprechender Szenen einer recht abwechslungsreichen Palette bedient.

Ich will nichts verhehlen. Bartender kann ziemlich langweilig sein. Doch die Betonung liegt auf kann. Wenn ich je einen Konzept-Anime kreieren müsste, dann wäre dieser Titel das perfekte Vorbild in puncto Ausmaß an Liebe zum Detail, was den Wissensfundus über das präsentierte Thema angeht. So gesehen haben wir es mit einer deutlich adoleszenteren Version von Dagashi Kashi zu tun. Hier hat sich wirklich ein Kenner zu schaffen gemacht oder sich beim Schreiben zu einem gemausert, der wirklich bemüht ist, seine Begeisterung mit jedem zu teilen, der sich auch nur im Entferntesten für mehr als nur das stumpfe (Be-)Trinken im Hinblick auf Hochprozentiges erwärmen kann. Und das verdient allemal Respekt.

Es verbleibt mit Beredtheit
Aston


Danke @Joliee für die künstlerische Aufwertung


Ich habe einen Vogel.
Letzte Änderung: 3 Monate 3 Wochen her von Aston.

Bartender 3 Monate 3 Wochen her #797321

Vielen Dank für diese Rezension. Schon lustig irgendwie, dass gerade jetzt eine zu diesem Werk kommt, nachdem ich vor kurzem das erste mal Bartender entdeckt habe.

Ich muss leider sagen, dass der Anime wirklich sehr langweilig sein kann. Man wird mit Fachwissen geradezu erschlagen und gerade bei untertitelten Anime ist es da oft schwer, konzentriert zu bleiben und hinterherzukommen. Da ist der Manga, auf dem die Adaption beruht, meiner Meinung nach das bessere Medium.
Doch auch aus anderen Gründen ist der Manga besser. Der entscheidenste für mich ist, dass man die Handlung für den Anime stark verändert hat - ins Negative, wie ich finde. Den episodischen Aufbau haben zwar Manga als auch Anime gleich, doch wurde die Story umgekrempelt, sodass zum Beispiel manche Personen ganz anders sind.

Naja, so oder so fand ich dem Manga ziemlich langweilig, den Anime dementsprechend noch öder. Ich denke, man sollte sich schon etwas für diese Thematik interessieren, sonst fruchtet das Konzept nicht richtig.

lg Plinfa-Fan
Der Moment, wenn du aufhörst dich darum zu sorgen, was andere von dir denken,
ist der, ab dem du endlich du selbst sein kannst.
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Bartender 3 Monate 3 Wochen her #797454

Ich habe den Anime selber mal vor zwei Jahren geschaut, als eine Art Anime zum entspannen Abends, eine Folge pro Abend, und muss sagen das er tatsächlich sehr entspannungsfördernd ist und mir persönlich sehr gut gefallen hat. Man muss wohl aber durchaus zumindest eine gewisse Grundaffinität zu Alkohol und dessen Genuss (und nicht des runterschlingens von soviel wie möglich in so kurzer Zeit wie möglich) besitzen muss, um den Grundgedanken hinter dem Anime sehen zu können. Für Leute die mit Alkohol nichts am Hute haben oder ihn nur zur Berauschung ansehen ist er wahrlich ebenso ungeeignet für Leute die sich etwas spannendes erhoffen, trotzdem empfand ich ihn als ein Nischenmeistwerk. Alles in allem stimme ich in sehr großen Teilen mit der Rezension überein, sehr schön gemachte Review dieses nun doch etwas in die Jahre gekommendem Anime. :)

Bartender 1 Woche 4 Tage her #805410

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Hm, kann der Anime wirklich so langweilig werden? Ich bin eine Person die schnell gelangweilt ist, also könnte es ein kleines Problem für mich werden. Dank der überzeugenden Rezension bin ich aber jetzt erst auf den Anime gestoßen und ich bin jetzt echt interessant daran, selbst wenn ich mich frage ob der Anime wirklich was für mich ist. Ich habe einfach dieses Gefühl aber ich denke schon, dass es mir gefallen würde. Vielleicht nichts überwältigendes aber es ist entweder in Ordnung oder sehr gut. Ich denke nicht, dass ich es schlecht finden werde. Ich probiere es einfach mal aus.
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