• Seite:
  • 1

THEMA: Planetes

Planetes 4 Jahre 6 Monate her #653278

  • Puraido
  • Puraidos Avatar Autor
  • Wortakrobat
  • Wortakrobat
  • Im Herzen immer noch Redaktionsweib.
  • Beiträge: 490
  • Dank erhalten: 8191
Das All: Eine ungastliche Leere, in der Menschen ohne Raumanzug erfrieren würden. Ein Vakuum, in dem Meteoriten herumtreiben, schwarze Löcher das Licht krümmen und Galaxien aufeinanderprallen. Wer dort in Rotation gerät, treibt unkontrolliert und orientierungslos durch die unbarmherzige Schwärze. Alles deutet darauf hin, dass der Weltraum nicht für uns Erdlinge geschaffen wurde. Und doch – seit jeher fühlen wir uns davon angezogen. Das Unbekannte ist zwar erschreckend, aber auch faszinierend, und Gefahr bringt das Blut erst recht in Wallung. Da ist es also kein Wunder, dass die menschliche Einnahme des Sonnensystems immer weiter voranschreitet: Von Sputnik und der Apollo-Landemission auf dem Mond bis hin zum Bau der Internationalen Raumstation ISS und der Planung bemannter Marsflüge deutet alles darauf hin, dass die Menschen in Zukunft immer weiter voranstoßen werden.

Dabei nimmt jedoch eine Gefahr immer mehr überhand, die – oh Ironie des Schicksals – von der Menschheit selbst stetig verschlimmert wird. Die Rede ist von dem Abfall, der durch unsereins ins All gerät und dort bei durchschnittlichen Geschwindigkeiten von 10km/s herumschwirrt. Klingt harmlos? Nun, ein Kleinstobjekt von 1g Gewicht kann unter diesen Umständen bereits zur Explosion des getroffenen Gegenstands führen, wodurch dann allerdings noch mehr Weltraummüll entsteht. Ein Teufelskreis also.

Dies weiß auch Makoto Yukimaru, welcher schon im Jahre 2001 den Science Fiction-Manga Planetes an den Start brachte, der sich mit genau diesem Thema und noch viel mehr auseinandersetzt. Seit seinem ersten Erscheinen wurde das Werk in insgesamt fünf Bänden fertiggestellt und hierzulande von Planet Manga veröffentlicht. Ein Exemplar kostet schlappe 6,95€ – für eine zweifach preisgekrönte Schrift ein echtes Schnäppchen. Uns interessiert heute allerdings nicht die Vorlage, sondern die auf ihr basierende Anime-Adaption aus dem Hause Sunrise, die von 2003 bis 2004 im japanischen TV lief. Auch sie wurde in Deutschland bereits herausgebracht und ist ihrerseits auf insgesamt sechs DVDs inklusiver deutscher Synchronisation für einen horrenden Preis erwerblich. Über die Sprechleistung meiner Landsmänner und -frauen kann ich jedoch nichts aussagen, da ich die deutsche Version nicht gesehen habe. Es sei gesagt, dass zumindest die japanischen Kollegen überzeugend klingen.

Doch zurück zu unserem Weltraumschrott: Im Jahre 2075 besitzt jede nicht-irdische Firma, die etwas auf sich hält, eine sogenannte Debris Section. Deren Job ist es, wie der Name schon verrät, sich um den gefährlichen Abfall zu kümmern, indem sie ihn einsammelt und zum Recycling bringt. Eine wichtige Aufgabe, die spätestens seit dem tragischen Unfall zwischen einer Schraube und einem bemannten Raumschiff im Fokus der Öffentlichkeit steht. Und in Zeiten der Mondbesiedelung sowie des Marsabbaus bitter nötig, da das All sonst unbefahrbar würde oder täglich zigtausende Ausweichmanöver geflogen werden müssten. Ai Tanabe, eine unerfahrene Astronautin, die ihre Ausbildung gerade erst beendet hat, wird der Müllabteilung des Technora-Unternehmens zugewiesen. Der bunt zusammengewürfelte Haufen, der sie dort in einer abgelegenen Lagerhalle in Empfang nimmt, erweist sich trotz des chaotischen Ersteindrucks als kompetent und zuverlässig. Zusammen mit ihrem neuen Senpai Hachirota Hoshino, der von allen bloß Hachi gerufen wird, taucht sie in das alltägliche Weltraumleben und ihren verunglimpften Beruf ein.

Über den Zeitraum eines Jahres hinweg darf der Zuschauer anhand einiger Fallbeispiele mitverfolgen, wie die Zukunft im All wohl aussehen könnte. Der Schwerpunkt liegt dabei jedoch klar auf den tragischen Konsequenzen und nicht auf den Vorteilen, die ein solches Leben nach sich zieht: Von der erhöhten Krebsgefahr aufgrund von Weltraumstrahlung bis hin zur Geburt der ersten knochenkranken Mondlinge, die traurigen Einzelschicksale stehen Schlange und lassen keinen unberührt. Insbesondere die bewegende Vergangenheit des schweigsamen Yuris hat mich durch seine einfühlsame Inszenierung zu Tränen gerührt. Um das Drama nicht überhand nehmen zu lassen, werden zwischendurch aber auch fröhliche und alberne Szenen eingestreut, die die bedrückende Atmosphäre verflüchtigen. An dieser Stelle ein Dank an die zwei Vorsitzenden der Debris Section, die mit ihrer schrägen Art für die nötige Unterhaltung sorgen.

Doch der Spaß ist nur von kurzer Dauer, denn ungefähr ab der Hälfte der 26-folgigen Serie schlägt die Geschichte einen immer düstereren Weg ein. Die vordem eher episodischen Folgen weichen zudem einem linearen Verlauf, der die Steigung zu einem spannungsgeladenen Finale ermöglicht. Das heißt allerdings nicht, dass die bisherigen Alltagsepisoden für die Katz waren; tatsächlich spielen sie im Folgenden sogar eine äußerst wichtige Rolle. Stehen sie im ersten Augenblick nämlich noch als abgeschlossene Sequenz für sich selbst, erweist sich im Nachhinein, dass alles zusammenhängt. So beeinflussen zum Beispiel Nebencharaktere, die am Anfang der Serie Erwähnung fanden, auf entscheidende Art und Weise deren Fortlauf, indem sie regelmäßige Auftritte hinlegen, die Protagonisten in ihrem Verhalten grundlegend prägen oder selbst in den Mittelpunkt rücken.

Sowieso sollte man die anfangs eher unwichtig erscheinenden Figuren bloß nicht unterschätzen: Wirken sie auf den ersten Blick noch wie hübsches Beiwerk, durchlaufen sie im Zuge der Geschichte eine mehr oder minder große Entwicklung, die sie vom oberflächlichen Ersteindruck zu lösen vermag. Solcherart mit einer Daseinsberechtigung versehen, nehmen sie einen immer wichtigeren Platz ein. Im Laufe dieses Prozesses stellt sich außerdem heraus, dass die vom Zuschauer altbekannten Stereotype – die hier einzeln vorzufinden sind – doch mehr in petto haben als gedacht. Denn dadurch, dass die typischen Eigenschaften dieser Charaktere mit realistischen Elementen wie ärmlicher Herkunft oder Vaterschaft vermischt werden, erhalten sie eine grundlegende Aufwertung. Figuren, die zuerst den Eindruck einer Anime-Überzeichnung machten, steigen zu überraschend komplexen Persönlichkeiten auf, die in dieser Form tatsächlich existieren könnten.

Und nicht nur das: Mit ihrer neu erworbenen Glaubwürdigkeit fügen sie sich auch nahtlos in das realitätsnahe Gesamtbild ein. Ob wirklichkeitsgetreue Charakterdesigns oder äußerst detaillierte Zeichnungen vom Mond und den Raumfahrtschiffen – alles weist darauf hin, dass ordentliche Vorarbeit geleistet wurde. Zwar bin ich keine Weltraumspezialistin, aber vergleicht man die Anime-Bilder mit Fotos von realen Flugobjekten, so lässt sich die atemberaubende Ähnlichkeit kaum abstreiten. Selbst die Technologie, die innerhalb Planetes verwendet wird, beruht auf sorgsamer Recherche. Somit ist es sehr wohl denkbar, dass sich das hier vorgestellte Szenario eines Tages verwirklicht. Schon jetzt rückt es schließlich in greifbare Nähe.

Neben den ausgeklügelten Hintergründen und der vorstellbaren Zukunftsdarstellung sind es auch die gesellschaftlichen Elemente, die dem Werk seinen Realismus verleihen. Tatsächlich scheint sich im Jahre 2075 nichts geändert zu haben, denn es sind immer noch die reichen Weststaaten, die die Macht in Händen halten, während die Mehrheit der anderen Länder im Elend versinkt. Diese ungerechten Ungleichheiten, die von der wohlhabenden Weltraum-Elite weiterhin zugelassen oder sogar absichtlich verstärkt werden, scheinen einfach nicht weichen zu wollen. Vetternwirtschaft, Bürgerkrieg und Benachteiligung durchziehen weiterhin das Weltgeschehen. Umso bedeutsamer erscheint da die Botschaft, die die Serie vermitteln will: Vom All aus gesehen gibt es auf der Erde keine Grenzen. Alle sind in der Hinsicht gleich, dass sie Menschen sind. Warum also nicht endlich einsehen, dass wir alle eine einzige Gemeinschaft bilden, die sich lieber unterstützen sollte, anstatt sich gegenseitig auszurauben und zu bekriegen?

Liebe spielt in dieser Vision eine große Rolle, und Tanabe wird nicht müde, dies hervorzuheben. Passend zu ihrem Vornamen vertritt sie die Ansicht, dieses Gefühl sei der Schlüssel zum Universum, und mehr als einmal geht sie auf Konfrontationskurs, um ihre Meinung zu verteidigen. Im Laufe der Zeit muss sie für ihren leidenschaftlichen Idealismus viel einstecken, wankt aber nicht – eine Unerschütterlichkeit, die Hachi mehr als beeindruckt. Schließich weiß der raue Senpai aus eigener Erfahrung, wie es ist, wenn man für seine Träume ausgelacht wird. Und so kommt es, wie es kommen muss: Die beiden verlieben sich ineinander, trotz aller Unterschiede. Es entsteht eine Romanze, die der Serie nicht nur den letzten Schliff verleiht, sondern in ihrer Mischung aus Streit und großer Zärtlichkeit außerdem an Kagome und Inuyasha erinnert. Allerdings macht Planetes es seinen Charakteren alles andere als leicht, und so sorgen politische und private Spannungen regelmäßig für Schwierigkeiten. Insbesondere die Figuren selbst führen sich unbequeme Wahrheiten vor Augen und quälen sich mit schmerzhaften Einsichten. Manche von ihnen wählen sogar freiwillig die Isolation, obwohl diese ihnen einen einsamen Tod verspricht. Mit diesem Anflug von Grausamkeit tritt das Werk in die psychologischen Fußstapfen von Neon Genesis Evangelion: Auch hier stattet das Alter Ego der Charaktere ihnen im Geiste einen Besuch ab und stellt sie vor persönliche Herausforderungen. Meiner Meinung nach ein grandioses Stilmittel der Anime-Industrie, das ruhig häufiger verwendet werden könnte.

Mindestens genauso genial ist der abwechslungsreiche Soundtrack, welcher mit seiner Mischung aus Jazz-Akkorden und chinesischen Klängen einen hohen Wiedererkennungswert besitzt. Von ehrfürchtigen, spannenden und hoffnungsfrohen Liedern bis hin zu liebevollen Melodien, fröhlichen Walzern oder Stücken, die die ungemütliche Leere des Weltalls perfekt einfangen, ist alles dabei. Insbesondere die Sängerin Hitomi, welche bei Code Geass unter anderem Stories und Innocent Days beisteuerte, hat mit Secret of The Moon und Planetes erneut großartige Arbeit geleistet. Auch das Opening Dive in the Sky weiß mit einer Ohrwurmmelodie und einer Zusammenfassung der Raumfahrtgeschichte zu überzeugen. Von daher ein großes Lob an den erfahrenen Kotaro Nakagawa, der die Musik komponiert und ausgesucht hat. Das einzige Lied, welches mich immer wieder gestört hat, ist das Ending. An sich ist es zwar kein schlechtes Stück, aber seine allzu lebhaften Klänge haben sich mit dem zumeist dramatischen Ende der einzelnen Episoden nicht vertragen können. Der Wechsel ist einfach zu krass, so dass die aufgebaute Stimmung hinweggeblasen wird.

Zusätzlich zu diesem Fauxpas wurden noch weitere kleine Fehler begangen. Manche Dialoge zum Beispiel finden gleichzeitig statt, was das Mitlesen etwas erschwert, und die Zeichnungen vom Weltraum selbst wirken bei bestem Willen nicht echt. Der Leere fehlt die Plastizität. Allerdings muss an dieser Stelle auch berücksichtigt werden, dass das Werk aus dem Jahre 2003 stammt und die Möglichkeiten damals etwas beschränkt waren. Aus dem, was bereits da war, wurde alles herausgeholt, und eine dreidimensionale Schwärze herzustellen, dürfte selbst heutzutage eine Herausforderung sein.
Was die Animationen anbelangt, so sieht man denen ebenfalls das Alter an. Immer mal wieder tauchen etwas holprige Übergänge auf, die einen schludrigen Eindruck erwecken. Gegen Ende verbessert sich die Qualität allerdings. Und mal ehrlich – haben leicht ruckelnde Bilder nicht auch ihren Charme?

Tja, man merkt schon, ich kann Planetes einfach nicht schlechtreden. Zwar wird das Science Fiction Setting vermutlich nicht jedermanns Sache sein, und das für Anime eher ungewöhnliche Weltraumthema hat wohl auch keine allzu große Zielgruppe. Trotzdem solltet ihr diesem Werk eine Chance geben. Denn es ist eben viel mehr als bloß ein kleines SciFi-Abenteuer – glaubwürdige Charaktere, ein kritischer Blick auf die Politik und die ganz großen Gefühle vermischen sich zu einem mitreißenden Trip aus Trauer, Liebe und Wut. Der ungeheure Detailreichtum, die von vorne bis hinten durchdachte Zukunftsvision sowie der wunderbare Soundtrack runden das Erlebnis ab. Allerdings lege ich Planetes eher einem älteren Publikum ans Herz, denn nur mit einer gewissen Reife kann es in seiner Vollständigkeit genossen werden. You copy?

Puraido

Salut. [ Zum Anzeigen klicken ]
Letzte Änderung: 4 Jahre 6 Monate her von Puraido.

Planetes 4 Jahre 6 Monate her #654322

  • shuuya.kano
  • shuuya.kanos Avatar
  • Tastaturquäler
  • Tastaturquäler
  • Laughing Death
  • Beiträge: 225
  • Dank erhalten: 66
I copy. Eine gelungene Rezension, welche gut auf die einzelnen Merkmale Planetes eingeht. Das einzige was mich gestört hat ist der Vergleich zu Inuyasha da Planetes die Liebe durch die Dramatik noch besser darstellt. Es ist ein Werk das mit seinem Realismus überzeugt hat, dadurch finde ich seine unbekanntheit als absolut nicht gerechtfertigt. Das andere das mich an der Rezension stört ist der vorletzte Satz. Da eine Geistige Reife vonnöten ist, welche nicht am Alter gemessen werden kann.
Deshalb empfehle ich dem Anime jedem der Drama und Romance mag und sich dem Si-Fi Genre nicht verweigert
Danke an Eysaa für den Avatar und die Signatur
Folgende Benutzer bedankten sich: Dresan, Puraido

Planetes 4 Jahre 6 Monate her #654326

  • Sniperace
  • Sniperaces Avatar
  • Alphatier
  • Alphatier
  • Beiträge: 2317
  • Dank erhalten: 2273
*o-gj*
Danke für die Rezension, Puraido:) Dieser Anime, bzw. Manga ist doch recht unbekannt, was er nicht verdient.

Ich muss gestehen ich kenne erst 10 Folgen (was sich aber bald ändern wird;), hab damals (ist schon eine Weile her, den Grund hab ich vergessen) pausiert.

Mir persönlich gefiel vor allem die Grundidee (was ein absolut unterschätztes Thema ist) und der Zeichenstil.

Für viele von Euch dürfte auch der Manga interessant sein (26 Kapitel) - etwas andere Story.

Link:
proxer.me/info/4672#top

Auch wenn dieser Manga nicht das beste (meine Meinung), bzw. bekannteste Werk von Yukimura Makoto ist.


Yukimura Makoto? Nun, dieser Zeichner und Autor ist auch für "VINLAND SAGA" verantwortlich!

Und "Vinland Saga" ist einer meiner absoluten Lieblingsmanga (115 Kapitel + "Ylfa at Work" Special). Zeichenstil top, Idee wieder mal super, Action top, Story perfekt (auch wenn manch einer den "Farmland Saga Teil" nicht mag;), Charaktere, bei denen man wirklich von einer Charakterentwicklung reden kann usw.
(Gewann den 13ten Japan Media Arts Award Grand Prize in der Manga Division, sowie den 36ten Kodansha Manga Award für den Best General Manga)
(Wobei "Planetes" auch den 33. Seiun-Preis abstaubte, glaub ich jedenfalls;)

Schwere Empfehlung.
Link:
proxer.me/info/4676#top


Schöne Grüße
Sniperace
Letzte Änderung: 4 Jahre 6 Monate her von Sniperace.
Folgende Benutzer bedankten sich: NightmareRuffy, Dresan, Puraido
  • Seite:
  • 1
Moderatoren: LaynaForummodKniveskinehYuriko.FauliRocktTazzels
Powered by Kunena Forum