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THEMA: LittleIths Oneshots

LittleIths Oneshots 8 Monate 3 Wochen her #788594

Vorwort [ Zum Anzeigen klicken ]


Atypisch

Diese Geschichte beginnt an einem wichtigen Tag für vier Kinder der Spinnenleute unter Ham: dem Tag, an dem ihr Mündigkeitsritus begann. Eine Tradition, die mit einem Jahr der Selbstversorgung begann, und damit endete, dass die Anwärter das Symbol ihres Klans in ihren Panzer gravieren, bevor sie als Erwachsene in ihr eigenes Revier ziehen. Die Probezeit diente meist rein symbolischen Zwecken, es gab nicht viele Dinge in den Wäldern, die einer zwei Meter großen Spinne gefährlich werden konnte. Doch eine ihrer Töchter bereitete der Klanmutter Sorge.

Funis war die Schwächste unter den Vieren, doch nicht das war Anlass für das Unbehagen ihrer Mutter. Sie war intelligent, und für gewöhnlich hielt sie sich von Ärger fern. Aber nachdem sie bei einem Menschen, der sich in den Netzen des Klans verfangen hatte, eine Spieluhr gefunden hatte, war das Mädchen gefährlich fasziniert von diesen bewaffneten Primaten und ihrern Geräten. Und nun sollte sie zum ersten Mal alleine das Nest verlassen, um allein zu leben.

Natürlich schlich sie sich in die nächste Stadt. Funis kletterte an den Wänden dunkler Gassen entlang und über die Dächer. Immer wieder erhaschte sie einen Blick in Schaufenster mit federgetriebenen Spielsachen und anderen kleinen Wundern. Ihr Ziel jedoch war die Turmuhr des Rathauses, die sie sich von innen ansehen wollte. Vorsichtig und geschickt sickerte sie immer Tiefer in die Stadt hinein, bis sie an dem alten Gebäude angekommen war. Dort kletterte sie Rückseite des Turms hinauf. Doch plötzlich rutschte eines ihrer Beine ab. Ungewöhnlich für eine Kreatur, die am Untergrund klebte. Verwundert blickte sie an sich herab und erkannte das Problem. Es war gleichgültig, wie viel Halt sie an einem Putz hatte, der kaum an der Wand haftete.

Die Spinnenfrau hatte sich in eine Falle manövriert. Langsam versuchte sie, sich ihren Weg zurück zu ertasten, doch inzwischen war sie entdeckt worden. Erst schrie eine Frau, dann warfen Passanten Steine, und schließlich schoss ein Wachmann mit seiner Muskete nach ihr. Es war nur eine Frage von Augenblicken bis sie abstürzte.

Als sie unter Schmerzen aufwachte, wusste sie nicht, wie lange sie ohnmächtig war. Das Erste was sie sah waren Gitter. Offensichtlich wussten die Menschen nicht, was sie mit ihr machen sollten. Das änderte sich auch in den Tagen darauf nicht, sodass Funis aus ihrer Panik in einen Zustand der resignierten Apathie glitt. Um die Zeit totzuschlagen, beobachtete sie die Menschen und stellte fest, dass einer der Wärter immer nach ein paar Stunden einschlief. Zum Glück brachte er oft etwas zu essen mit. Bedauerlicherweise nur Obst. Nun, wenn der Teufel in der Not Fliegen fraß, dann musste sie eben damit leben, eines ihrer Beine durch die Gitterstäbe zu strecken nur um einen Apfel zu stehlen.

Der Wärter hatte natürlich schnell bemerkt, dass stets ein Teil seines Abendessens verschwand, doch selbst, als er seine Taschenuhr 'verlegte', lies er Nachsicht walten. Er ging sogar dazu über, seiner Gefangenen etwas mitzubringen. Zu sehen, dass Funis sich vegetarisch ernährte, schien ihn zu beruhigen, mehr noch als sonst. Also gewöhnte sie sich eben an ihre neue Diät. Ohne die Proteine einer fleischhaltigeren Ernährung konnte sie keine Netze spinnen, aber die wären ihr hier ohnehin nicht von Nutzen gewesen. Und ein gutes Verhältnis mit den Menschen hatte in ihrer Situation mehr Gewicht.

Vier Monate vergingen, in denen Funis zur Touristenattraktion wurde. 'Die Uhrmacherspinne.' Doch auch wenn sie sich in der Gefangenschaft einrichtete, fand sie sich nicht damit ab. Über die Wochen hatte sie in unbeobachteten Augenblicken immer wieder an den Gittern genagt, und sie mit ihrem ätzenden Speichel geschwächt. Und schlussendlich konnte sie fliehen. Sie schaffte es in den Wald. Hier würden die Menschen sie nicht weiter verfolgen. Doch würde sie hier ohne ihre Netze auch nicht lange überleben. Sie brauchte die Hilfe ihrer Familie, aber zu ihrer Mutter zu gehen hätte den Aufschub ihrer Aufnahme in die Mündigkeit bedeutet. Zum Glück wusste sie, wo sie ihre Geschwister finden würde.

Sie wanderte die Nacht hindurch, dorthin wo sie ihren älteren Bruder finden würde. Um Feinden zu entgehen, hangelte sie sich durch die Bäume. Alles nur, um schließlich ein verlassenes, zerrissenes Netz zu finden. Das war ungewöhnlich. Hatte er etwas gefangen, was zu groß für sein Netz war? Aber wo war er? Sie beschloss, ein paar Stunden zu schlafen. Sie hatte gehofft, ihr Bruder würde in der Zwischenzeit zurückkehren, doch die Hoffnung war trügerisch. Also ging sie weiter. Auch das Netz ihres jüngeren Bruders war verwüstet, und ihre Schwester schien nie eines gebaut zu haben. Es war offensichtlich, dass jemand ihre Familie angegriffen hatte, und in Anbetracht dieser neuen Situation führte ihr nächster Weg Funis nun doch zum Nest ihrer Mutter. Nie hätte sie erwartet, dass sie selbst hier nichts finden würde als die Spuren eines Kampfes. Es gab eigentlich nichts in diesen Wäldern, das gegen eine ganze Familie von Spinnenmenschen hätte bestehen können, das konnte eigentlich nicht möglich sein.

Funis suchte weiter. Ihr Klan war vollständig verschwunden. Sie sah nach den Eiern und auch die waren alle fort. Nicht zerstört, zum Glück, einfach fort. Bedeutete das dass ihre Familie nach dem Kampf weitergezogen war? Sie konnte es sich fast nicht vorstellen, aber an die Alternative wollte sie nicht denken.

Bei der weiteren Untersuchung der Netze fand sie mehrere gefangene Tiere. Es war seltsam, dass sie kein Verlangen spürte, ihren Magen mit ihnen zu füllen, doch sie konnte einfach keinen Appetit aufbringen. Zu verstört war sie von den Ereignissen, und zu beschäftigt mit anderen Fragen. Da hörte sie ein Jammern. Eines der Opfer war ein Mensch, eine Frau, und sie lebte sogar noch. Dass sich Menschen in das Nest verirrten war selten. Dass sie rein zufällig ausgerechnet dann in eines der Netze stolperte, als der mysteriöse Angreifer beschloss alles dem Erdboden gleichzumachen, schien also unwahrscheinlich. So nahm Funis sie einfach gefangen. Gefesselt war sie ja schon.

Als die Frau aufwachte und Funis sah, wurde sie zunächst kreidebleich vor Angst. Soweit keine Überraschung. Aber selbst als sie die 'Uhrmacherspinne' erkannte war sie noch zu verstört um zu sprechen. Funis seufzte. Was sollte sie tun? Sie packte ihre Gefangene auf den Rücken und machte sich auf den Weg zurück in die Menschenstadt. Sie konnte ohnehin nirgends anders mehr hin.

Erst als sie das Nest und die zerfetzten Netze hinter sich gelassen hatten, beruhigte sich die Frau etwas. Funis versuchte erneut etwas aus ihr heraus zu bekommen. Diesmal erzählte ihre Gefangene von einem roten Spinnenmonster, das sie entführt hatte. Das war schon ungewöhnlich, da Spinnen normalerweise nicht aktiv auf die Jagd gingen. Aber dann erklärte sie, dass das Monster sie in das Netz geworfen hatte, in dem Funis sie fand. Und als die anderen Spinnenmenschen nachsehen wollten, was sie gefangen hatten, kam es zum Kampf.

Das erklärte, warum Funis auf ihrem Weg hierher nicht attackiert worden war. Wer auch immer ihren Klan angegriffen hatte suchte nach den Spinnennetzen. Apropos: Funis befreite ihre Gefangene aus den ihren, als Belohnung für ihre Kooperation, aber es war immer noch unklar wie ein Feind allein eine ganze Familie von Spinnenmenschen angreifen konnte. Die Frau erklärte, dass noch ein 'gestreifter Dämon' anwesend war. Als diese Kreatur in den Kampf eingriff, verfielen alle in Panik, und das rote Ungeheuer hatte leichtes Spiel damit, jedes seiner Opfer einzeln zu fangen. Funis hatte noch so viel mehr Fragen, aber sie bezweifelte, dass sie noch mit einer Antwort rechnen konnte.

Im Moment konnte sie eh nur ein Problem nach dem Anderen angehen. Sie waren nun etwa hundert Meter vor dem Waldrand, und das warf die nächste Frage auf. In der Stadt wäre sie schätzungsweise am besten ehesten geschützt gewesen ebenfalls angegriffen zu werden. Aber dort würde sie vermutlich wieder eingesperrt. Sie hatte immer noch die Frau. Vielleicht konnte sie mit ihrer Hilfe verhandeln, aber wenn sie den Menschen mit einer Geisel gegenübertrat, würde sie nur wieder als Gefahr wahrgenommen.

Ein lautes Krachen machte klar, dass Funis sich zu viel Zeit für ihre Entscheidung gelassen hatte. Sie war gefunden worden. Sowohl sie als auch die Menschenfrau flohen aus dem Wald, als sie den roten Koloss durch die Bäume pflügen sahen, Funis wollte jedoch noch immer wissen, was für ein Ungetüm Jagd auf sie machte. Sie hoffte, auf freiem Feld konnte sie einem Angriff leichter entgehen. Aber was sie erkannte entsetzte sie mehr als sie geahnt hätte. Der Angreifer war Hiare, ihre eigene ältere Schwester. Doch war sie kaum wiederzuerkennen. Ihr Unterleib wurde durch die Monstrosität ersetzt, die ihr die Frau beschrieben hatte, mit gewaltigen Armen die bereit waren nach der deutlich kleineren Spinne zu greifen.

Funis stockte einen Moment. Sie schrie, fragte nach dem Grund. Wie konnte ihre Schwester Jagd auf die eigene Familie machen. Die Rote hielt tatsächlich inne. Funis konnte es vielleicht verstehen. Wer wenn nicht sie? War sie doch die Einzige im Klan mit echtem Talent, mit einer Passion! Doch sie war stets nur das Sorgenkind, weil ihre Familie aus dekadenten Ignoranten bestand, die von der Beute ihrer 'Hängematten' lebte. Hiare wollte so ein leben nicht. Sie suchte Stärke, war schon immer die Stärkste in ihrem Klan. Und nun hatte sie jemanden gefunden der sie in das Furcht einflößende, gepanzerte Monster verwandelt hatte, das sie schon immer sein sollte. Und das Einzige was dieser jemand verlangte, war eine Armee die Hiare auch noch anführen würde.

Funis konnte es nicht fassen. Hiare machte aus ihrem Klan eine Armee um sich in ein Monster verwandeln zu lassen. Nein, Verständnis konnte sie nicht aufbringen, und so schlug sie das Angebot ab, sich ihr kampflos anzuschließen. Die Rote war enttäuscht aber nicht wirklich überrascht. Für sie machte es keinen Unterschied. Sie wusste, dass sie auf die eine oder andere Art gewinnen würde. Vielleicht würde es ihr sogar etwas Vergnügen bereiten ihre kleine Schwester etwas zu jagen, und so ließ sie ihr ein paar Sekunden Vorsprung.

Die Spinnenfrau rannte los, hin zur Stadt. Sie kletterte auf die Dächer und hoffte, dass sie lange genug entkommen konnte. Doch ihre Schwester war ihr schnell wieder dicht auf den Fersen. Funis überlegte, ob sie in einer der engeren Gassen entwischen konnte, in die der aufgeblähte Leib ihrer Verfolgerin nicht hineinpasste. Aber den Gedanken verwarf sie sogleich wieder. Hiare war immer noch eine Spinne, eine natürliche Fallenstellerin. Wenn sie eingrenzen konnte, wohin ihre Beute flüchtete, würde es ihr ein leichtes sein sie dort abzufangen.

Also floh sie zum Rathaus. Sie sprang über die Dächer und auf den Turm, hoffte, dass sie Halt fand. Sie wog weniger als bei ihrem ersten Besuch, und der Rest war Glück. Glück das für ihre Schwester offensichtlich nicht ausreichte. Der Putz bröckelte unter der Last der monströsen Gestalt und Hiare stürzte in die Tiefe.

Die Menschen sammelten sich erstaunt, als zum zweiten Mal ein verwundetes Spinnenmonster vor ihrem Turm lag, hielten aber Abstand, als auch die jüngere der beiden vorsichtig hinabstieg. Funis konnte dieses Ding nicht länger als ihre Schwester betrachten. Also drehte sie deren Kopf beiseite und öffnete ihr säuregefülltes Maul über deren Schläfe. Sie würde es schnell zu Ende bringen.

Da schrien die Menschen auf. Funis dachte zuerst, es wäre das Entsetzen darüber, dass ihre Uhrmacherspinne bereit war zu töten. Aber das war ein Irrglaube. Sie spürte, wie sie zumal keinen klaren Gedanken mehr fassen konnte. Sie blickte auf und bemerkte zwei weitere monströse Spinnen. Hiare war nicht die Einzige. Und tatsächlich wurden sie angeführt von einer kleinen, gehörnten Gestalt in gestreifter Kleidung. Das Gesicht des gestreiften Dämons wurde von Maske und Kapuze verdeckt, und er sprach Worte, denen Funis in diesem Moment nicht folgen konnte. Als sich die anderen beiden Ungetüme näherten, schreckte die junge Spinne zurück, und sie ergriffen die Rote um sie mit sich zu nehmen. Dann verschwand die seltsame Gemeinschaft durch die aufgebrachte Menge.

Monate später, am Ende ihres Probejahrs, hatten die Menschen Funis in ihrer Mitte aufgenommen. Es war sicher nicht das, was ihre Mutter sich vorgestellt hatte, aber die Spinnenfrau war zuversichtlich, dass sie sich nun als Erwachsene betrachten konnte. Also brachte sie die Zeremonie zu Ende. Sie beschloss, ein eigenes Symbol in ihren Panzer gravieren zu lassen: Ein Zahnrat. Aber noch war sie zuversichtlich ihren Klan wiederzusehen. Sie erinnerte an die Worte des gestreiften Dämonen:
"Euch festzuhalten ist wahrlich mehr Arbeit als ihr Wert seid."
Folgende Benutzer bedankten sich: Korijo

LittleIths Oneshots 8 Monate 1 Woche her #790023

Hallo. :D

Nette Geschichte hast du da geschrieben, auch wenn ich Spinnen nicht sonderlich gerne mag. XD ich mag deinen Schreibstil echt gerne.
Ein Oneshot passt doch. :D Meine sind sogar kürzer als deine. ;)
Ein paar Tippfehler haben sich zwar reingeschlichen, aber ich finde den Inhalt sehr interessant. Auch das Ende ist dir sehr gut gelungen.

Es war definitiv kein Fehler, den Oneshot zu lesen und es würde mich freuen mehr von dir zu lesen. :D

Lg
Korijo :)
~*☆Vielen Dank an Dyssomnia für den wunderschönen Avatar & die Signatur.♥☆*~

LittleIths Oneshots 8 Monate 1 Woche her #790696

Danke für den Kommentar. ^ ^

Ich mag Spinnen eigentlich ganz gerne. Sind mir von all den Viechern die an der Wand kleben mit Abstand die liebsten. Mag aber daran liegen dass ich in meiner Familie lange dafür zuständig war sie aus dem Haus zu bringen.

Freut mich jedenfalls dass sich jemand gefunden hat dem die Geschichte gefällt. Ich muss mir die Tage noch die anderen Threads in diesem Bereich angucken. Bis dahin lasse ich das Folgende hier.

Vorwort [ Zum Anzeigen klicken ]

Valken war eine Stadt an den Bergen, in welcher der Tod seit 600 Jahren ein bekanntes Gesicht hatte. Einen Repräsentanten, der als Nebel bei den Sterbenden einkehrte, um ihnen den Weg auf die andere Seite zu ebnen. Doch in dieser Nacht war seine Präsenz so stark wie nie zuvor. Sein klammer Schleier hatte sich vollständig um ein einstiges Gasthaus gelegt und sickerte durch jede Ritze in dessen Inneres. Dort verdichtete sich der Nebel und nahm schließlich die menschliche Gestalt eines alten, groß gewachsenen Edelmannes an, dessen breiter Körper von Spinnweben umschlungen und dessen Haupt von dickem Staub bedeckt war.

Ein Bild wie das, das sich ihm im Speisesaal der einstigen Gaststätte bot, hatte es in dieser Stadt nicht mehr gegeben, seit er ein Sterblicher war. Fünf Menschen hockten gefesselt im Kreis und bluteten an schmerzhaften Wunden aus. In der Mitte des Raumes lag ein sechster Mensch, ein blonder Knabe von nicht mehr als 17 Jahren, dem offenbar Gift eingeflößt worden war.

"Ich habe schon auf dich erwartet." gab sich die Verantwortliche für diese rituelle Untat zu erkennen: eine junge Frau mit den Gesichtszügen einer Natter, die versuchte, von hinten ein Messer in die alte Gestalt zu stoßen. Doch der Körper des Todesboten löste sich am Punkt des Einstichs in Rauch auf. Er würdigte sie nicht mal eines Blickes. Er war weder hier zu richten noch um zu kämpfen. Sein Nebel legte sich über den Boden und bedeckte die im Kreis sitzenden Sterbenden mit Spinnennetzen. Die Opfer seufzten unter den Bissen seiner Tausenden achtbeinigen Familiare noch einmal auf, dann gaben sie sich erleichtert der Umarmung des Todes hin.

Als das getan war schritt der alte Mann in die Mitte des Raumes, hin zu dem Jungen, wo er diesem dieselbe Gnade zukommen lassen wollte. Doch ihm war die Chance auf Gnade genommen worden. In den jugendlichen Rücken waren Zeichen eingraviert, die sich selbst dem Verstehen eines uralten Geistes entzogen. Die Aura jedoch, die Magie die von ihnen ausging, war deutlich und widernatürlich böse.

Er nahm das Kind auf den Arm. "Was habt ihr ihm getan?" Seine Stimme war verwittert und sein Akzent älter als die ältesten Bewohner der Stadt, doch seine Worte waren zugleich seltsam klar. "Was bedeuten jene Runen?" Die Frau, immer noch mit dem Messer in der Hand, lächelte wissend. "Sie erklären seine Seele zum Eigentum des gestreiften Dämons. Ich war schon ein bisschen eifersüchtig, dass nur mein Meister so ein hübsches Spielzeug bekommen soll, aber dafür habe ich ja nun dich ganz für mich." Sie nahm ein weiteres Messer in ihre linke Hand und schnellte hervor. Sie zielte auf den Arm, in dem das Kind lag, spekulierte darauf, dass er sich nicht wieder in Luft auflösen würde, wenn er den Jüngling nicht fallen lassen wollte. Doch ihre Füße verfingen sich in den im Nebel verborgenen Netzen. Sie strauchelte und verhedderte sich beim Versuch freizukommen immer mehr. Ihr Angriff war beendet, bevor er begann.

Der Mann schritt an der Frau vorbei, hinaus aus dem Gemäuer. Er hatte gehört, was er wissen musste. Und als er auf die Straße trat, verstanden die Menschen, dass der Tod diesen Ort verließ. Sie würden selbst über ihre Mörder richten. Dann ging der alte Geist mitsamt dem Jungen im Wind auf und ließ sich über die Häuser tragen.

In seinem Heim angekommen, den Kellergewölben einer alten Kapelle, legte er den fast leblosen Körper des blonden Knaben auf einen Altar. Das junge Leben konnte nicht mehr gerettet werden. Doch konnte der Alte ihn in seinesgleichen verwandeln. Mit einem Dolch schnitt er eine Wunde in seinen Arm und das schwarze Blut des Unvergänglichen benetzte die Lippen des Knaben. Der Fluch der Untoten würde ihm ewig anlasten. Doch zumindest sollte seine Seele den Dämonen vorenthalten werden.

Stunden später wachte der Junge auf. Er erkannte die Gestalt, die jeder in der Stadt als den Tod kannte, erinnerte sich, wenngleich verschwommen, an den Schmerz des Giftes, und zog die naheliegenden Schlüsse. "Bin ich..." Er konnte die Frage nicht einmal beenden. Die unheimliche Gestalt jedoch schüttelte den Kopf. "Den Tod habe ich dir geraubt, so wie auch dein Leben dir gestohlen wurde." Ein kurzer Moment der Stille, dann sprach er weiter. "Wie ist dein Name Junge?" Die Stimme des Jungen zitterte. "M... Max." erwiderte er zögernd und verstummte sogleich wieder. "Es freut mich dich kennenzulernen Maximilian. Mich nannte man einst Nikolai. Ich verstehe, dass alles etwas viel für dich ist. Nun ruhe dich erst mal aus."

Am nächsten Abend war Max bereits sehr viel aufgeschlossener. Er hatte sich einen ersten Überblick über seine neuen Fähigkeiten verschafft und war begeistert. Was Nikolai überraschte. Offenbar war die Verwandlung in einen Untoten für die heutige Generation weniger traumatisch, als es zu seiner Zeit war. Also half er ihm, seinen Zustand besser zu verstehen. Er nahm den Jungen mit in die Stadt. Obwohl Max sein ganzes kurzes Leben an diesem Ort verbracht hat, hatte er sie nie auf dieselbe Art wahrgenommen wie in dieser Nacht. Das Reisen über den Wind war faszinierend.

Das Klirren von Glas zerriss die erfrischende Stille der Nacht. Die Quelle des Geräusches eröffnete sich den beiden Unvergänglichen als ein Einbruch in einem Schmuckgeschäft. Nikolai wollte weiter, das Treiben der Sterblichen ignorieren, aber Max beschloss seine neu erlangte Unsterblichkeit zu nutzen dem Verbrechen entgegenzutreten. Die Einbrecher waren erst mal verwirrt von der Anwesenheit eines Kindes und wollten sich mit ihrer Beute an ihm vorbei drängen, doch er stellte sich ihnen in den Weg. Nach und nach eskalierte die Situation, doch schlussendlich war Max in der Lage, die Verbrecher so lange in Schach zu halten bis zwei Polizisten eintrafen.

Die nächsten Nächte verliefen ähnlich. Der Junge ging immer mehr in seiner Rolle als 'Superheld' auf, und Nikolai fand seltsamen Gefallen an seinem Enthusiasmus. Er war fast bereit seinen Schützling ohne Aufsicht ziehen zu lassen. Doch dann traf Max auf einen Verbrecher anderer Qualität. Der Mann hatte eine Frau als Geisel genommen und wollte aus der Stadt flüchten. Der Unhold war deutlich gewaltbereiter als die bisherigen Kriminellen, und der resultierende Kampf eskalierte fast umgehend. Nikolai wollte eingreifen, doch der Verbrecher, nun gestellt von zwei Gegnern, griff seine Geisel und drohte sie umzubringen. Da tötete der Junge ihn.

Nikolai nahm Max zur Seite. Er hatte gehofft, er hätte es noch etwas aufschieben können, doch nun musste er dem Junge die düsteren Konsequenzen seines neuen Daseins erklären. "Du musst verstehen, dass du in der Welt der Lebenden nur noch ein Fremdkörper bist." erklärte er in traurigem Ton. "Es ist ganz natürlich, dass du einen Appetit auf die Leben Anderer entwickelst, doch diesen Hunger darfst du nicht an deinen Feinden stillen. Die, deren Leben du nimmst, werden ein Teil von dir. Und die Sünden der Schuldigen können deine Seele verderben." Der Junge zögerte. In seinen Augen war zu lesen, wie Fragen und Erkenntnisse einander ablösten. Aber er war froh einen Lehrer an seiner Seite zu haben. Jemanden der einen guten Weg gefunden hatte eine solche Existenz zu führen. Also versprach er, sich künftig zurückzuhalten und auf den alten Mann zu hören.

Doch trotz der guten Vorsätze wurden die Dinge von da an immer schlimmer. Max führte seine nächtlichen Heldentaten fort, und auch wenn er nicht mehr tötete, so gab es doch oft Verletzte. Und die Menschen begannen sich zu fragen, ob er nicht eine Gefahr darstellte.

So dauerte es nicht lange, bis eine kleine Gruppe von Männern und Frauen sich bewaffnete, um auf die Jagd auf das vermeintliche Monster zu gehen. Zunächst versuchte Max mit ihnen zu reden, seine guten Absichten zu versichern. Als das nicht funktionierte, trat er den Rückzug an. Doch er wurde weiter gejagt. Zur gleichen Zeit wurde sein Hunger nach Leben immer größer. Schließlich, als die Verlockung zu stark wurde und eine kranke, alte Frau im Sterben Lag, wurde er gestellt.

Nikolai hörte den Tumult aus der Entfernung. Es überraschte ihn, den Jungen unter diesen Umständen außerhalb der Gruft zu sehen. Er hatte vergessen, wie oft die neu erwachten Unvergänglichen jagen mussten. Aber das war jetzt auch egal. Es war ihm auch egal, dass sein Erscheinen die Angst der Menschen noch mehr anfachen mochte. Er wollte nur dem Jungen zur Seite stehen.

Als er den Platz betrat und sein Nebel sich ausbreitete, verbreitete sich Stille. Alle Augen waren auf ihn gerichtet. Bis einer der Menschen die Chance ergriff... und auf die Anderen seiner Art losging. Bevor Nikolai, oder irgendwer sonst, begriff, was geschah, stand nur noch eine Frau. Eine Frau mit dem Gesicht einer Natter.

Den alten Mann erfüllten ein Zorn und ein Entsetzen, wie fast seit einem halben Millennium nicht mehr. Sein Nebel türmte sich weit über die umstehenden Häuser hinaus auf und er brüllte. "Du! Hätte ich gewusst, dass du zurückkehren würdest, den Jungen weiter zu quälen..." Sie unterbrach ihn, ein zynisches Lächeln auf den schmalen Lippen. "Das hätte uns sicher viel Zeit erspart. Aber lass uns ehrlich sein. Du hättest es ahnen können. Es hat dich nur nicht interessiert." Sie wandte Max, der die Verwundeten betrachtete, und die Sterbenden unter ihnen erlöste, den Rücken zu, und trat dem Gespenst entgegen. "Und ich bin sicher, auch dieses Mal wirst du tatenlos zusehen." Nikolai, der inzwischen nähergekommen war, knurrte erbost. "Deine Seele mag verdorben sein, aber ich bin stark genug ihrer Fäulnis zu widerstehen. Nein, diesmal lasse ich dich nicht ungestraft entkommen." Sie ging einen Schritt zur Seite, gab die Sicht frei. "Was ist mit dem Jungen? Ist ein 17-Jähriger stark genug dem gerechten Zorn eines Dutzend Sterbender zu widerstehen denen Unrecht widerfuhr?" Der blonde Jüngling richtete sich auf. Er erinnerte sich an seine Ermordung. Er erinnerte sich an die traumatischen Schrecken, die diese Frau geschaffen hatte. Die Bilder waren klar wie nie. Und er fletschte die Zähne. "Nein."

Der Junge griff an. Ohne zögern, ohne zaudern, ging er wieder und wieder mit all seiner unnatürlichen Kraft auf die Frau los. Diese kämpfte deutlich geschickter als bei ihrem ersten Aufeinandertreffen mit Nikolai. Sie wich aus, zog ihre Messer, und stach auf den Körper des Knaben ein, jedes Mal wenn dieser an ihr vorbei stieß. Es gelang ihr sogar, ein paar gute Treffer zu landen. Doch schlussendlich konnte sie dem Unvergänglichen nicht widerstehen. Binnen Momenten endete der Kampf damit, dass der Junge seine Hand in ihre Brust grub, das Blut sich in ihrer Kehle sammelte und sie gurgelnd in sich zusammensackte.

Für einen Moment schien alles beendet. Die Nacht und die Stille legten sich über die Straße, wie es immer hätte sein sollen. Doch dann fiel Max auf die Knie. Die Zeichen auf dem Rücken des Jungen schimmerten durch dessen Kleidung. Und sein verstörtes Stöhnen wandelte sich nach und nach in ein Kichern. Er warf den Kopf in den Nacken und lächelte. "Als ob ich es euch so einfach machen würde." Sein Blick wanderte zu Nikolai.

Der alte Geist konnte, wollte nicht begreifen, was eben geschah. "Maximilian," fragte er, "ist alles in Ordnung?" Der Junge ergriff den Kopf der toten Frau und hielt sie neben sich wie eine Bauchrednerpuppe. "Nicht Maxi. Rate noch einmal." Der Körper des Jungen erhob sich wieder. Seine Augen hatten sich verändert und warfen nun denselben starren Blick einer Schlange. "Mein Meister hat sich endlich die Seele geholt, die ihm versprochen war." Das Entsetzen stand in Nikolais Gesicht geschrieben. Wie konnte das sein? Wie konnte die Frau die Kontrolle über Maximilians Körper übernehmen? War sie wirklich stark genug die anderen Seelen in seinem Körper zu dominieren? Oder hatte ihr Herr auch die an sich gerissen?

Eigentlich war es ihm völlig gleichgültig. Die einzig wirklich wichtige Frage war, was mit dem Jungen geschehen war. Sollte er wirklich fort sein? Er packte den gestohlenen Körper am Kragen und schrie. "Bring ihn zurück! Bring mir meinen Jungen wieder oder ich schwöre dir..." Auch in ihrem neuen Körper beschloss die Natternhafte, dem alten Mann das Wort abzuschneiden. "Du hängst tatsächlich an dem Jungen, nicht wahr? Aber du musst mir nicht drohen. Wenn du den Preis des gestreiften Dämons bezahlst, wird er ihn bestimmt freigeben." Zufrieden starrte sie dem Untoten in die Augen. "Du erinnerst dich. Ich habe dir gesagt, du würdest mir gehören."

Nikolai verstand. Und er hasste es. Er hasste, dass er diesen Unholden erlaubte Puppenspielern gleich seine Fäden zu ziehen, dass ihm in seiner Verzweiflung kein anderer Ausweg einfiel, alles. Doch er lenkte ein. Er ließ zu, dass die Frau die alten Zeichen in seinen Körper schnitt. Und als das vollbracht war, nahm er ihre Seele aus dem Körper des Jungen in den Seinen auf. Im nächsten Moment schon spürte er, wie seine Gedanken vergingen. Im blieb weniger Zeit, als er dachte. Doch in seinen letzten wachen Augenblicken zu sehen, wie sein Sohn wieder zu sich kam, gab ihm Frieden.
Folgende Benutzer bedankten sich: Korijo

LittleIths Oneshots 8 Monate 6 Tage her #790780

Du hast das wieder echt gut geschrieben. :D Deine Geschichte ist wirklich interessant und spannend, man kann sich den Ablauf auch bildlich gut vorstellen. Ich finde es auch ganz toll das du Absätze machst, denn so wird das ganze übersichtlicher, es ist einfacher zu lesen und es sieht außerdem schön aus.

Mir persönlich würde deine Geschichte noch viel besser gefallen, wenn du die Gefühle deiner Charaktere mehr beschreibst. Zum Beispiel als Max vor dieser bewaffneten Gruppe zurückgewichen und geflohen ist. Ich hätte da vielleicht noch dazugeschrieben, dass er Angst oder so gehabt hat.

Ansonsten gefällt mir die Geschichte echt wahnsinnig gut und freue mich schon auf das nächste Kapitel. :D

Liebe Grüße
Korijo
~*☆Vielen Dank an Dyssomnia für den wunderschönen Avatar & die Signatur.♥☆*~

LittleIths Oneshots 6 Monate 1 Tag her #796413

Guten Abend. ^ ^
Danke noch einmal für deinen Kommentar Korijo. Entschuldige bitte die späte Antwort. Ich habe mir in einem anderen Thread angewöhnt damit zu warten bis ich neuen Inhalt habe den ich präsentieren kann, aber ich schätze das ist hier nicht wirklich haltbar.
In der letzten Geschichte wollte ich hauptsächlich aus dem Blickwinkel Nikolais schreiben, und der ist aufgrund seines langen Daseins als Todesbote eher gefühlskalt. Aber das ist irgendwie eine Ausrede.

Vorwort [ Zum Anzeigen klicken ]

Böses Blut
Illustration [ Zum Anzeigen klicken ]

Hexenjagd:
Auszug aus dem roten Buch [ Zum Anzeigen klicken ]

Einige Sekunden vergingen, die Scheinwerfer erloschen. Dann strampelte sich Nadine unter dem Tuch frei. Ein Mann um die Vierzig kam über die Bühne, um ihr aufzuhelfen und über die Probe zu diskutieren. Sie einigten sich darauf, dass sie mehr von den Beziehungen zwischen der Hexe und den Dorfbewohnern zeigen wollten, um der Szene mehr Gewicht zu verleihen. Sie wollten sich die Tage treffen, um die Details zu diskutieren, wenn sie frisch und ausgeruht waren. Und Albrecht wollte in der Zeit die Texte überarbeiten. Für heute machten sie aber Schluss.

Nadine ging in die Umkleide, zog sich um, schminkte sich ab. Das kräftige Rot ihrer Haare war der einzige Hinweis darauf, dass es irgendwo in ihrer Familiengeschichte etwas gab, was kein Mensch gewesen sein mochte. Und in den Zeiten von Haarfärbemittel erregte das niemandes Verdacht. Niir, ihre Mitbewohnerin, die bereits auf sie wartete, um gemeinsam mit ihr nach Hause zu gehen, hatte nicht ganz so viel Glück. Die junge Frau mit schulterlangen schwarzen Haaren benötigte eine magische Halskette, um menschlich auszusehen. Eine auffällig magische Halskette, die ein Auge formte, das sich mit dünnen Fledermausflügeln um den Hals der jungen Schwarzhaarigen klammerte. Aber der Schmuck war immer noch weniger suspekt als schwarze Augen lange Ohren.

“Wir sollten heute direkt nach Hause gehen.“
Nadine, die dabei war ihre Schuhe zu binden, blickte fragend auf. “Warum das?“
“Im Radio haben sie berichtet, dass heute Nacht ein Wolfsungeheuer in der Gegend gesichtet wurde. Sie vermuten, dass es sich tagsüber versteckt hält, haben die Leute aber angewiesen das Haus nur zu verlassen wenn es nötig ist, bis die Inquisitoren das Untier eingefangen haben.“
Die Rothaarige blickte mit großen Augen drein. Ein Wolfsungeheuer? Nach dem ersten Schreck klammerte sie sich um Niirs Hüfte und schluchzte laut.
“Ein Monster? Wie schrecklich! Beschütze mich!“
Niir seufzte. Nadine hatte die schlechte Angewohnheit ihre Sorgen so zu überspielen, wie sie annahm um sich nicht selbst damit befassen zu müssen. Aber irgendwie war es auch niedlich sie so zu sehen. Mit schiefem Lächeln streichelte die Dämonin über den roten Schopf.
“Natürlich beschütze ich dich. Aber lass es uns nicht drauf anlegen.“
Nadine richtete sich ruckartig auf und packte Niir an den Schultern, Faszination in ihren Augen.
“Du könntest es mit einem Monster aufnehmen?“
“Erschreck mich doch nicht so!“
“Kannst du?“
“Du meinst kämpfen? Nein.“
“Aber irgendwas kannst du tun.“
“Können wir zu Hause darüber reden?“
Nadines Neugier war geweckt. Aber sie stimmte zu. Sie wollte die Tarnung ihrer Freundin nicht auffliegen lassen. Aber bevor zum Auto ging, wollte sie ihre Mitarbeitern noch Informieren damit sie auf dem Heimweg auf sich achten.

Die ganze Fahrt über fiel es ihr schwer sich zurückzuhalten. Für einen Moment wollte sie so sehr wissen welche Fähigkeiten Niir hatte, dass sie sogar ihre Furcht vor einem Angriff vergaß. Insgeheim hoffte etwas in ihr, dass sie dem Wolf begegnen würden und ihre Freundin ihr Geheimnis offenbaren müsste. Aber sie verwarf den Gedanken gleich wieder. Sie glaubte auch nicht wirklich daran, dass das einzige Monster der Stadt ausgerechnet ihnen seine Aufwartung machen würde.

Daheim angekommen wurde sie daran erinnert, dass sie nie besonders gut in Wahrscheinlichkeitsrechnung war. Die Tüte mit den Einkäufen die Niir an diesem Tag besorgt hatte rutschte Nadine aus dem Arm, als sich ein schnaubendes Biest mit langen, klauenbewährten Fingern und gebrochenem Arm in ihrem Garten auf über zwei Metern aufplusterte, und versuchte einen Mann in Inquisitoren-Uniform nieder zu starren. Der Mann, selbst von beeindruckender Statur, war mit einer Art Gewehr bewaffnet, der Lauf kurz und das Kaliber von der Größe von Tennisbällen. Als Munition schienen Metallkugeln mit erhobenen Kreuzen aus Silber zu dienen. Zumindest lagen mehrere davon in der Wiese.

Eine erschreckende Kombination aus Angst und Faszination überkam Nadine, als das Biest seinem Gegner entgegen stürmte. Der Inquisitor schoss seine Waffe ab, aber die wolfsartige Kreatur schlug einen Haken, schwang sich mit seinem heilen Arm zurück auf Kurs und warf sich auf den Mann. Der Inquisitor stürzte zu Boden und das Monstrum war bereit den Kampf mit einem Biss zu beenden. Doch Niir kam plötzlich dazu, packte den pelzigen Kragen des Untiers und versuchte es zurückzuhalten.

“Verschwinde!“ brüllte der Inquisitor. Doch Niir achtete gar nicht auf ihn. Sie war ganz auf die Kreatur konzentriert.
“Ruhig. Du darfst ihn nicht töten. Lauf einfach weg.“
Das Biest reagierte nur verzögert, aber langsam entspannte es sich, zum Erstaunen sowohl des Inquisitors als auch Nadines. Die Rothaarige näherte sich zögerlich. Sie wusste nicht, was vor sich ging. Sie wusste nur das ihre Freundin in Gefahr war. Sie wollte flüstern, doch ihre Stimme überschlug sich.
“Was machst du da? Geh da weg.“
Ein lautes Klicken erklang und eine Patronenhülse fiel ins Gras, als der Mann mit geübten Handgriffen seine Waffe neu lud und zum Schuss anlegte. Nadine spurtete los um Niir aus der Gefahrenzone zu stoßen. Der Wolf fuhr herum und packte nach dem Gewehr. Dann war da ein lauter Knall, dann ein dumpfer Schmerz.

Nadine spürte, wie Blut warm über ihre Schläfe strömte. Sie fühlte ein bohrendes Pochen in ihrem Schädel. Sie hörte Niirs Rufen, doch all das wirkte so weit entfernt. Nadine hatte Angst. Sie hatte Angst einzuschlafen, aber sie war so müde. Sie wollte nicht sterben.

Sie spürte, wie Ohnmacht sie übermannte, doch dann, ganz langsam kehrten die Sinne zur Rothaarigen zurück. Sie spürte Niirs Hand auf ihrer Stirn, wie sie scheinbar eine Art Salbe auf ihrer Verletzung auftrug. Sie spürte, wie eine Wärme dickflüssig in sie hinein sickerte und sich in ihren Adern ausbreitete. Die Dämonin redete inständig auf sie ein. Nadine versuchte ihrer Stimme zu folgen. Sie hörte, wie ihre Freundin sich inständig entschuldigte, konnte aber nicht verstehen wofür. In diesem Augenblick war sie nur froh wieder da zu sein. Da erkannte sie den Mann mit dem Kirchenwappen auf seiner Uniform, wie er nur wenige Schritte abseits der beiden stand. Ein Zweiter seiner Zunft wartete daneben und hielt ein Telefon. Sie starrten die beiden Frauen stumm an.

Der erste Mann kam näher. Er legte Niir die Hand auf die Schulter.
“Wie hast du das gemacht?“
Als Niir nicht imstande war eine Antwort zu liefern die nicht das Wort 'Magie' enthielt, wollte Nadine aufspringen, den Inquisitor verscheuchen. Er durfte ihre Freundin nicht wegnehmen. Aber die Schwarzhaarige hielt sie zurück, hinderte sie am Aufstehen.
“Bitte bleib ruhig.“
Der Mann wartete immer noch auf eine Antwort. Aber die Schwarzhaarige wiederholte sich nur.
“Bitte bleib ruhig.“
Dann stand sie auf und nahm ihre Halskette ab. Die Dämonin präsentierte ihre wahre Gestalt: ihre Augen so schwarz wie tiefe Löcher, ihre langen Ohren, die Symbole auf Teilen ihrer Haut, und sprach mit ruhiger, besorgter Stimme. “Ich komme freiwillig mit.“
Nach einer Weile kam ein Krankenwagen, um Nadine abzuholen. Die Rothaarige sah nur noch, wie Niir in ein Auto geschoben wurde.

In menschlicher Verkleidung:
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Nadine saß in ihrem Krankenbett. Sie versuchte sich auf Albrecht zu konzentrieren, der neben ihr saß, als der mit ihr den zweiten Akt durchging. Dabei blätterte sie in dem Buch, das ihr als Vorlage für die Geschichte gedient hatte. Aber sie war nicht wirklich bei der Sache. Hätte er gewollt, er hätte Rotkäppchen rezitieren können und sie hätte es vielleicht bei der Erstaufführung gemerkt.
“Sollen wir die Aufführung verschieben?“
“Hm? Entschuldigung, ich war kurz in Gedanken.“
Man sah in Albrechts Gesicht, wie er im Kopf verschiedene Antwortmöglichkeiten durchging. Schließlich entschloss er sich zu einem beruhigenden Lächeln.
“Ich werde den Anderen sagen, dass wir warten, bis du wieder auf dem Damm bist.“
“Ach Unsinn. Ich hab doch nur im ersten Kapitel eine Rolle. Und die kann...“
“Du hast das Stück geplant, du solltest dabei sein. Die Anderen verstehen das. Mach dir keine Gedanken.“
Nadine versuchte sich an einem Lächeln. Aber sie wusste, Albrecht würde erkennen, wenn sie ihm etwas vorspielte. Er gab ihr noch eine Tasche mit Dingen, die sie ihn gebeten hatte ihr zu bringen. Dann verließ er das Zimmer. Draußen war noch kurz Streit zu hören, aber die Rothaarige konnte nicht ausmachen, worum es ging.

Nach nicht ganz einer Stunde war ihr langweilig. Sie wälzte sich im Bett hin und her ohne eine Position zu finden, in der sie bequem lag, und entschloss sich schließlich zu einem Spaziergang. Also tauschte sie ihr OP-Hemd gegen ein T-Shirt, streifte eine Hose über und ging zur Tür.

Sie hatte das Krankenzimmer nicht ganz verlassen, da stand ihr ein Mann gegenüber. Sie erkannte ihn als den kleineren der beiden Inquisitoren von zuvor wieder und blickte ihn entsprechend missbilligend an, bevor sie versuchte sich wortlos an ihm vorbei zu schieben. Der Mann aber stellte sich ihr in den Weg.
“Es tut mir leid, aber Sie dürfen ihr Zimmer nicht verlassen.“
“Du kannst mich hier ja wohl nicht festhalten.“
“Es tut mir leid, aber genau dafür bin ich hier.“
“Du hast eine saublöde Frisur.“
“Bitte?“
“Ich wollte nur sehen ob dir das auch leid tut.“
Wütend machte Nadine kehrt und schlug die Tür zu. Ihrem Frust Luft zu machen hatte sich noch nie so gut angefühlt. Aber wie sollte sie jetzt raus kommen? Sie ging zum Fenster und blickte hinaus. Ihr Zimmer lag im zweiten Stock. Aber dem Fenster schräg gegenüber stand ein Baum. Und die junge Frau fühlte sich heute mutig.

Die Rothaarige öffnete das Fenster und stellte sich auf den Sims. Einen Sprung später konnte sie für mehrere Sekunden nur das ohrenbetäubende Rascheln von Blättern wahrnehmen. Und im nächsten Augenblick hing sie mit den Beinen über dem Kopf zwischen den Ästen. Sie wartete kurz, blickte sich um, prüfte, ob irgendjemand sie in ihrer unschmeichelhaften Situation gesehen hatte. Dann zog sie sich an einem Ast auf und ließ sich das letzte Stück zum Boden fallen. Alles in allem lief das besser als erwartet. Nicht mal Kratzer hatte sie davon getragen.

Da sie sich hier auskannte, wusste sie, dass in der Nähe eine Bushaltestelle war. Und eine halbe Stunde später wurde sie nur einen kurzen Fußweg von ihrem Haus entfernt abgesetzt. Daheim wollte sie im Krankenhaus anrufen und alles klären. Sie tastete nach ihren Schlüsseln. Es wäre ungünstig gewesen, hätte sie die ausgerechnet jetzt nicht dabei gehabt. Schon weil Niir nicht mehr da war, um ihr die Tür zu öffnen. Seufzend ballte sie die Faust.

Die Einkäufe lagen immer noch auf dem Boden. Und noch mehr war zu ihrem Bedauern genau da, wo sie es in Erinnerung hatte. Der Größere der zwei Männer in Kirchenuniform hatte auf sie gewartet. Und Nadine begrüßte ihn mit demonstrativ vor der Brust verschränkten Armen.
“Bist du hier festgewachsen oder hast du mich verfolgt?“
“Nachdem Sie nicht mehr in Ihrem Krankenzimmer waren, war es naheliegend hier zu suchen.“
“Clever. Aber dass ich eure Gesellschaft nicht wünsche ist eurer Aufmerksamkeit entgangen?“
Er zögerte. Für einen Moment schien er trotz seiner Statur sehr klein.
“Es tut mir wirklich Leid, dass Sie verletzt wurden...“
“Nein.“
“Nein?“
“Ich 'wurde' nicht verletzt, du hast mich verletzt. Du hast geschossen. Nachdem Niir die Situation schon im Griff hatte. Nachdem sie dich gerettet hat! Obwohl sie da stand, hast du geschossen! Das sollte dir leidtun, nicht die Konsequenzen.“
Der Mann schwieg einige Sekunden, es gab nicht viel, was er dazu sagen konnte.
“Sie haben Recht, es war mein Fehler. Dennoch, Sie müssen jetzt mit mir kommen.“
“Ach ja, ihr glaubt ja an Wunder.“
“Es gibt keinen Grund so feindselig zu sein.“
“Ich wüsste mindestens drei.“
Der Mann ging auf Nadine zu und griff nach ihrem Arm, aber sie wich zurück und stierte ihn mit fuchsteufelswilden Augen an.
“Fass mich an und ich breche dir die Finger!“
“Wenn Sie einfach mit mir kommen, werde ich alles in Ruhe erklären.“
Seine Hand schob sich von Neuem vor. Und Nadines ohnehin angespannter Geduldsfaden riss mit lautem Knall, als sie zu einem rechten Haken ausholte. Der Mann taumelte einen Schritt zurück, fing sich aber gleich wieder.
“Einen Kampf könntest du nicht gewinnen.“ warnte er, aber sie lächelte nur selbstzufrieden.
“Das nicht, aber der Versuch tut unheimlich gut.“

Der Inquisitor näherte sich erneut und Nadine hob nach, traf ihn diesmal auf der Brust. Davon unbeeindruckt packte er sie an beiden Armen und hielt sie fest. Die Rothaarige stemmte einen Fuß gegen sein Bein und trat mit dem Anderen in seinen Bauch. Der Mann ließ sie fallen und stolperte gekrümmt zurück. Nadine wälzte sich herum und kam wieder auf die Beine.

Einen Moment standen die Beiden einander schweigend gegenüber. Als der Inquisitor mit Bedauern in den Augen seine in Angriffsposition ging, erklang von weiter oben ein Heulen. Beide fuhren herum, wandten ihren Blick zum Hausdach, wo das Wolfsungeheuer gerade zum Sprung ansetzte. Das Biest versetzte dem Mann bei seiner Landung einen unsanften Hieb mit dem offenbar nicht länger gebrochenen Arm, fuhr herum, stürmte los, packte Nadine, riss sie zu Boden und bohrte ihr dabei einen seiner langen, klauenbewehrten Finger zwischen die Rippen. Nadine schrie laut auf. Doch da war nicht nur Schmerz. Sie spürte, wie sofort etwas begann in der Wunde zu arbeiteten. Irgendetwas was nicht das Untier war. Irgendetwas was sich gut anfühlte.

Der Wolf neigte sich zu Nadines Ohr hinunter. Überrascht weiteten sich deren Augen, als sie feststellte dass die Kreatur sprechen konnte.
“Hallo Rotkäppchen. Was hast du mir heute gebracht?“
Nadine konnte sich nicht helfen. Trotz den Schmerzen, trotz dem Schrecken, obwohl sie nicht wusste wie ihr geschah, fand sie das irre komisch. Sie kicherte und grinste schmerzverzerrt.
“Großmutter, ich hätte dich fast nicht erkannt.
Großmutter, wo sind deine Sitten?
Großmutter, was hast du mit mir gemacht,
Großmutter, wie ist so groß dein Hand?“

Der Wolf erwiderte das Grinsen. Doch bevor er eine Antwort entgegnen konnte, schnitt ein lauter Knall ihm das Wort ab. Er blickte auf die Kugel zu seinen Füßen, dann zu dem Inquisitor mit seiner Waffe in der Hand.
“Gummi-Munition?“
Der Mann lud seine Waffe nach und zielte auf den Kopf des Biestes.
“Ich habe erwartet ein Mädchen ruhigstellen zu müssen, nicht ein Ding wie dich. Im Namen der heiligen Kirche Roms nehme ich euch beide in Gewahrsam.“

Das Untier nahm seine Pranke von Nadines Brust und zog sie auf die Beine.
“Da fällt mir nichts ein. Willst du was dazu sagen?“
Die Rothaarige keuchte und drückte die Hand auf die Verletzung.
“Ich muss nun doch fragen,
warum interessiert sich plötzlich jeder für mich?“
“Willst du es sehen?“
Der Wolf schob Nadines T-Shirt hoch und dabei deren Hand zur Seite, bis das Loch unter ihrer Brust zu sehen war. Die junge Frau war überrascht von dem Versuch des Untiers sie auszuziehen und machte Anstalten sich zu wehren.
“Ich weiß, ich bin schön,
aber...“
Beim Blick auf die Wunde verschlug es ihr die Sprache. Statt einer blutenden Kluft in ihrem Fleisch starrte sie auf einen zuckenden roten Film, der mit Zerren und Ziepen die verletzte Haut zusammenzog. Auf ein Mal machte so vieles einen Sinn. Was auch immer Niir getan hat, um sie zu retten, es hatte etwas nicht menschliches aus ihr gemacht.

Doch was sollte sie jetzt mit dieser Information machen? Sie stand vor einer Entscheidung: sollte sie sich von dem Mann der Kirche einsperren lassen, herausfinden, warum der Wolf wollte, was in ihr war, oder versuchen sich alleine durchzuschlagen. Sie war nicht mehr sicher, ob sie heute besonders mutig oder besonders dumm war, aber ihre Neugier war geweckt. Sie wandte sich an den Wolf.
“Gut, fürs Erste entscheide ich mich für dich.
Doch nur dann,
wenn ich dich reiten kann.“

Der Inquisitor war erwartungsgemäß ungehalten über die Ablehnung. Er feuerte eine zweite Kugel auf den Wolf, doch der ließ das Gummigeschoss von seiner Schulter abprallen, sprang nach vorn versetzte dem Angreifer einen mächtigen Hieb, machte auf dem Absatz kehrt und vor Nadine wieder Halt. Die junge Frau stieg auf den Rücken des Tieres und grub ihre Finger in das dicke Fell an dessen Nacken. Dann preschten die beiden los, mit wenigen Sprüngen die Hauswand hinauf und über die Dächer weiter.

Gebändigt:
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Nadine schloss das Buch und fuhr mit den Fingern über den Einband. Vermutlich würde sie nicht mehr dazu kommen seine Inhalte auf die Bühne zu bringen. Aber im Moment war es das Einzige, was ihr von Niir noch geblieben war. Wenn sie so darüber nachdachte, war es inzwischen ihr einziges Erinnerungsstück an ein normales Leben. Mit vorwurfsvoller Stimme wandte sie sich an den Wolf, in dessen Fell sie sich gelümmelt hatte wie in die Kissen eines Sofas.
“Wärst du nicht gewesen, hätte ich jetzt keinen Ärger. Ich würde zu Hause sitzen und Niirs Pizza essen.“
“Dann stellt sich die Frage, warum du mit mir gekommen bist.“
“Der Kerl von der Kirche ist nicht weniger Schuld an meiner Misere.“
“Aber er hätte Zugang zu Pizza gehabt.“
Sie dachte kurz nach. Dann ärgerte sie sich, dass sie das als Argument in Betracht zog.
“Da siehst du, was du getan hast. Von der Kirche gejagt, keine Pizza, und meinem Verstand ist schon schlecht vom sich um die eigene Achse drehen.“
“Um ehrlich zu sein“ warf eine dritte Stimme ein “hältst du dich besser als alle, die vor dir in deiner Situation waren.“

Die dritte Stimme klang rau und kratzig, wie die eines Erkälteten. Sie gehörte zu einer schlanken Gestalt, unter deren Kutte schwarz-weiß gestreifte Kleidung zu erkennen war. Die Kapuze wurde von rückwärts gerichteten Hörnern durchbohrt und kalte, schwarze Augen blickten darunter hervor. Begleitet wurde der Gestreifte Dämon von einer großen Frau mit kurzem dunklem Haar. Über deren Schultern lag eine breite Bahn aus Schlangenhaut und eine lebende Schlange schlang sich wie ein Gürtel um ihre lederne Hose. Selbst ihr Gesicht hatte etwas Natternhaftes.

Nadine stellte sich vor die Neuankömmlinge und plusterte sich auf so sehr sie konnte.
“Ihr wollt haben, was in mir ist?“
Der Gehörnte schwieg, aber Nadine reichte das als Bestätigung. Der Wolf hatte ihr das Wichtigste erklärt, als sie gewartet hatten.
“Ihr könnt es haben. Aber dafür verlange ich, dass ihr Niir befreit!“
Der Gestreifte Dämon ignorierte sie weiter. Er hielt eine Hand auf, und darin hielt er ein seltsames Pulver. Der Wolf streckte seinerseits seine Pranke hervor, an Nadine vorbei. Aus dem Fell eines seiner Finger sickerte ein roter Tropfen, der sich hungrig mit dem Pulver vermischte. Die raue Stimme des Gehörnten erklang wieder.
“Du wärst überrascht, wie gerne ich dir helfen würde, aber ich bin noch nicht mächtig genug mich offen gegen die eure Kirche zu stellen.“
“Dann gib das wieder her!“ rief die Rothaarige aus und riss die Hand nach vorne, um nach dem Blutstropfen zu greifen. Die Schlangenfrau packte ihren Arm und hielt sie zurück, aber der Tropfen bäumte sich auf, sprang über und legte sich um Nadines Finger. Alle Anwesenden schwiegen im kollektiven Staunen darüber, dass so etwas überhaupt möglich war.

Des Gestreiften Dienerin war die Erste, die das Schweigen brach. Nebel sammelte sich neben ihr und fiel als Dolch in ihre freie Hand.
“Kannst du das auch noch, wenn ich dir den Kopf abschneide?“
Als Nadine die Überraschung verdaut und die Drohung verarbeitet hatte, machte sie zögerlich einen Schritt zurück. Sie fühlte Angst, Angst vor den Leuten, mit denen sie sich hier eingelassen hatte. Aber mit der Angst machte sich auch eine unheilvolle Lust in ihr breit. Ohne es zu wollen, grinste sie schief
“Wenn ich es kann, dann, gib zu, bin ich cooler als du.“
Der Wolf lachte, ebenso die Schlangenfrau. Sie wandte sich an ihren Meister.
“Ich mag den Knirps. Und wenn ich ehrlich bin, Ihr habt mir schon lange nichts mehr zu tun gegeben. Es wäre eine schöne Gelegenheit mich mal wieder auszutoben.“

Der Gestreifte Dämon schien nachzudenken.
“Deine Kontrolle über das Hexenblut ist erstaunlich. Aber was glaubst du, wie lange du seinem Wahnsinn ohne Niirs Hilfe noch standhalten kannst?
Nadine stutzte. Sie verstand nicht, welche Bedeutung Niir in dieser Frage hatte. Aber zumindest schien ihr Gegenüber endlich bereit mit ihr zu verhandeln. Also versuchte sie ihre paar klaren Gedanken zu sammeln und zu kooperieren.
“Ich weiß nicht. Ich fürchte mich davor einzuschlafen.“
“Du siehst nicht besonders fit aus.“
“Das macht der Stress.“
“Dann bleibt nicht viel Zeit für einen Plan. Wenn ich dir meine Dienerin leihe, verlange ich, dass kein Wort über mich fällt, gleich, ob das Vorhaben gelingt oder nicht.“
“Ich weiß doch gar nicht, wie du heißt.“
Der Gestreifte streckte erneut die Hand aus. Nadine zögerte, dann gab sie den Tropfen ihres Blutes zurück.

Eine Stunde später ritt sie wieder auf dem pelzigen Rücken des Wolfes und raste zwischen den Bäumen der Allee hindurch die aus der Stadt führte. Die Dienerin des Gestreiften Dämons schlängelte sich in der Gestalt von Nebel mit unheimlicher Geschwindigkeit neben ihnen her. Bei Sonnenuntergang waren sie an einem hell erleuchteten Gelände angekommen, das etwa zehn Kilometer außerhalb der Stadt lag. Dies war eine der Unterbringungen in denen die Inquisition gefangene Kreaturen brachte, und auch Niir musste hier sein.

Der Nebel verwandelte sich zurück in die Schlangenfrau. Diese warf ihre Gürtelschlange über die Mauer der Anlage. Dann geschah eine Weile nichts. Dem Wolf kam die Pause ganz gelegen. Nadine nutzte die Zeit um den Verschluss eines Beutels zu öffnen, der um ihren Knöchel geklebt war. Wozu der diente, wusste sie schon gar nicht mehr, es war ihr schwergefallen sich zu konzentrieren, als es ihr erklärt wurde. Aber es klang sinnvoll, also hielt sie sich an die Anweisungen, die sie verstanden hatte.

Fünf Minuten später meldete sich die Frau mit dem Natterngesicht zu Wort.
“Meine Kleine hat den Schalter gefunden.“
Im nächsten Moment schoben sich dicke Eisentore unter dem dröhnenden Klang elektrischer Motoren auf. Die kleine Gruppe drängte sich auf den Hof, wo einige moderate Ungeheuerlichkeiten unter der Aufsicht weiß uniformierter Wachhabender frische Luft schnappten. Als diese das offene Tor sahen, kam es zu einer Auseinandersetzung, die, in der Hauptsache durch elektrische Halsbänder, ein schnelles Ende zugunsten der Inquisitoren fand. Die Schlacht, die noch folgte, sollte allerdings nicht so einfach werden.

Die Wachmänner reihten sich zu beiden Seiten der Angreifer auf und versuchten sie so in die Zange zu nehmen. Der Wolf jedoch schlug einen Haken und warf sich auf die Männer zu seiner Rechten. Die Schlangenfrau fuhr in die Lücken, die sich in der Formation auftaten, und stach auf Arme und Beine ein. Nadine hoffte den Kopf unten halten zu können, bis sie Niir entdeckte. Aber das änderte sich, als sich eine vertraute Gestalt vor ihr aufbäumte.

Der hünenhafte Inquisitor hätte sich sein drittes Treffen mit der Rothaarigen anders gewünscht. Aber das lag nicht länger in seiner Macht.
“Ich wollte es Ihnen einfach machen. Sie sind nur ein Opfer der Umstände. Aber das hier ist Wahnsinn!“
“Das ist richtig.“
“Das ist Ihre letzte Chance friedlich zu kooperieren.“
“Mir ist zurzeit mehr nach Gewalt.“
“Bist du noch bei Verstand?“
“Ich dachte, das hätten wir geklärt.“
Verdutzt blickte der Inquisitor Nadine an. Eine Gelegenheit, die diese nicht verstreichen ließ und zum Schlag ausholte. Sie traf ihr Ziel, richtete dabei aber keinen sichtbaren Schaden an.
“Ups.“

Die Geduld des Mannes war am Ende. Er packte Nadine an der Schulter und hob ihr in den Bauch. Laut keuchend fiel sie vorn über. Als der Inquisitor aber einen Moment den Blick von ihr löste, um nach einem elektrischen Halsband zu verlangen, packte sie sein Bein, hob es an und stemmte sich mit ihrem ganzen Gewicht gegen seine Hüfte. Der Hüne fiel fast wie in Zeitlupe hinten über.

Nadine wollte nachsetzen, indem sie ihm das Knie in den Magen stieß, doch der Inquisitor fuhr mit dem Arm herum und traf die Rothaarige mit der Faust im Gesicht. Nadine taumelte zurück und hielt sich die blutende Nase. Da war sie wieder, diese Lust an Gewalt. Es war ihr inzwischen sogar, egal ob sie es war, die Gewalt antat, oder ob sie ihr angetan wurde. Sie verspürte das einfache Verlangen, und es war schwer dem zu widerstehen. Laut kicherte sie.
“Dieser Schmerz! Die Furcht! Ja, wie
genieß ich diese Pein.
Erfüllt sie mich mit Euphorie!
Hack mich klein. Los hack mich klein!“
Der Mann, noch dabei sich aufzurichten, blickte die Rothaarige erschrocken an. Doch diese war nicht geduldig genug zu warten, bis jemand ihrer Aufforderung nachkam. Sie preschte vor und rammte ihm den Ellbogen aufs Nasenbein.

Nun erst kamen weitere Wächter dazu, um beim Ruhigstellen der jungen Frau zu helfen. Sie schlug dem Ersten auf die Schulter und spürte beim Aufprall die Kraft, die Adrenalin und Endorphin ihr verliehen. Der Wachmann knurrte schmerzverzerrt auf. Ein Weiterer ließ sich gar nicht erst auf einen Faustkampf ein. Er schoss mit einem Betäubungsgewehr. Doch das Mittel im Pfeil zeigte keine Wirkung. Die junge Frau zog das Geschoss aus ihrem Fleisch und blutige Masse drückte die Medizin direkt wieder aus dem Einstich heraus.

Nadine wollte augenblicklich dem Schützen nachsetzen, doch da hörte sie eine Stimme, die ihr Einhalt gebot. Sie fuhr herum, packte den Arm, der dieses Mal nach ihr zu greifen suchte und zog den Körper der daran hing grob an sich heran. Da erkannte sie Niir, die sie mit flehenden Augen ansah.
“Lass mich dir helfen.“ rief die Dämonin. “Wenn du noch da drin bist... Bitte, ich kann dich von deiner Wut befreien.“
Die Rothaarige haderte mit sich selbst. Es gelang ihr nicht das Gefühl von Macht und die Freude an all dem Chaos zu verdrängen. Sie musste den Blick senken nur um ihr Grinsen zu verbergen. Gern hätte sie das Angebot angenommen. Aber wie lange würde das dauern? Sie hatten nicht die Zeit für lange magische Rituale, sie waren hier Niir zu befreien. Doch wollte sie der Dämonin auch keine Sorge bereiten.

Nadine ging in sich, versuchte zu vergessen, was um sie herum geschah. Sie versuchte sich vorzustellen, sie stände auf einer Bühne. Sie dachte an viele verschiedene Versionen ihrer selbst, dachte sich in eine davon hinein. Dann ging sie auf die Knie und küsste Niir die Hand.
“Habt keine Furcht meine Prinzessin. Ich und meine Vasallen sind gekommen Euch aus Eurer Gefangenschaft zu befreien.“
Niir starrte sie an, ungläubig, aber auch erleichtert. Nie zuvor hatte sie sich so über eine von Nadines Rollen gefreut. Dann stieg mit einem Mal Nebel auf. Die Schlangenfrau auf der anderen Seite des Hofes erkannte, dass Nadine gefunden hatte, wofür sie gekommen waren und überraschte die Wächter mit den Kräften, die sie bisher zurückgehalten hatte. Augenblicke später konnte man keinen Meter weit mehr sehen.

Nadine und Niir wurden von mächtigen Pranken gepackt und die Wolfskreatur folgte mit den zwei Frauen im Schlepp der Duftspur, die die Rothaarige mit ihrem Beutel über das Gelände gezogen hatte. Ein paar Mal stießen sie gegen Wächter, oder gegen andere Monster die noch einmal versuchten die Verwirrung ebenfalls zur Flucht zu nutzen. Dann durchquerten sie das offene Tor und entkamen in die Dunkelheit.

Später in der Nacht saßen die beiden Frauen gemeinsam auf einer Bank, die an einem Spazierweg nahe der Stadt aufgestellt war. Nadine spürte, wie die Nähe Niirs die Lust an der Gewalt schwinden ließ, und lehnte sich an deren Schulter. Endlich hatte sie das Gefühl unbesorgt einschlafen zu können.

Niir wartete. Sie wollte der Rothaarigen diese Pause gönnen, und erst, als sie sicher war, dass diese schlief, wandte sie sich in gedämpfter Lautstärke an den Wolf, der über sie wachte.
“Wie sag ich ihr, dass wir uns stellen müssen?“
“Wieso willst du wieder zurück?“
“Diese Leute gehören zur Kirche. Wenn es jemanden gibt, der Nadines Fluch aufheben kann, dann sind sie es.“
“Du konntest den Hass des Hexenblutes Jahre lang bändigen. Warum solltest du es nicht weiterhin tun? Ich bin sicher das wäre auch ihr Plan.“
“Ich will nicht, dass sie nur schlafen kann, wenn ich in der Nähe bin. Ich will nicht, dass sie von den Inquisitoren gejagt wird, während jeder Wutausbruch sie tiefer ins Verderben zieht.“
Der Wolf schwieg eine Weile. Nach einer Weile zuckte er mit den Schultern.
“Tu, was du für richtig hältst. Sie wird dir folgen.“
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LittleIths Oneshots 2 Monate 5 Tage her #805593

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Somna saß allein in einem alten, verfallenen Haus, wenige Hundert Meter entfernt von einem alten, verfallenen Schloss, in einer alten, verfallenen Stadt. Hier war ihr Unterschlupf. Ihr Versteck. Sie fragte sich wie lange nun schon.

Sie erinnerte sich. Warum auch nicht. Sie hatte wahrlich die Zeit dafür. Früher war sie eine Succubus, in den Augen mächtigerer Dämonen dafür geschaffen ihnen mit ihrem Körper zu dienen. Da ging es ihr wie all ihren Schwestern. Doch sie war nicht so schön wie die Meisten von denen. Bestenfalls Durchschnitt. Gerade gut genug für Handlanger, die sich eine kleine Belohnung verdient hatten.

Somna seufzte tief, lehnte sich an eine Wand. Es waren keine guten Zeiten damals. Manchmal machte es Spaß. Dann, wenn sie schwachen oder unvorsichtigen Fußsoldaten vorgeworfen wurde. Es war ihr einziges Vergnügen in dieser Zeit, wenn sie diese armen Schweine aufmischen konnte. Sie vermutete, dass ihr damaliger Meister sich auf diese Art einen hämischen Spaß mit seinen Männern erlaubte. Leider hinderte ihn das nicht daran, ihr danach für ihren Ungehorsam die Hölle heißzumachen.

Das alles war früher. Jetzt saß sie in einem baufälligen Haus und versuchte sich davon zu überzeugen, dass ihr Leben seither ein Besseres geworden war. Immerhin war sie frei. Ihr alter Meister war tot, und seinem Nachfolger konnte sie entfliehen. Auch der war inzwischen gestorben. Zudem war sie stärker als damals. Sie überlebte in einer Welt in der die Männer, die sie einst fürchtete, gefressen worden waren. Und zu guter Letzt hatte sie ein Ziel, dem sie sich verschrieb.

Jetzt musste sie traurig lachen. Ein Ziel, ja. Sie wollte weitere ihrer Schwestern befreien, wollte eine Familie. Klang doch gut. Nur die Umsetzung machte ihr einen Schnitt durch die Rechnung. Sie war allein, ohne Verbündete. Sie hatte einige Waffen gesammelt, magische Artefakte, doch das reichte nicht. Die Wahrheit war, dass man die Herrscher dieser Welt nicht mit Antiquitäten bekämpfen konnte.
---Somna: 20HP---

Während die Succubus so vor sich hin sinnierte, merkte sich nicht, wie sich jemand anderes Zutritt zum Haus verschafft hatte. Ein Dämon, oder zumindest etwas Ähnliches, und die Kreatur war auf der Suche nach den Schätzen die, wie sie gehört hatte, in diesen Ruinen versteckt waren.

Carinae war eine junge Frau mit langem, tiefschwarzem Haar, der man ihre Natur auf den ersten Blick nicht ansah. Sie trug eine Puppe bei sich, einen gehässig grinsenden Hasen, der die Dunkelheit, die sie in sich trug, zu gleichen Teilen darstellte und verschleierte.

Sie wanderte eine Weile durch den Flur, zwischen dem Geröll der eingefallenen Wände hindurch. Dann erkannte sie in einem der Zimmer die fledermausartigen Schwingen der Hausbewohnerin.
"Hier wohnt also doch noch jemand."
stellte Carinae vergnügt fest.
"Könntest du mir vielleicht helfen?"
---Carinae: 20HP---

Somna beäugte ihren ungebetenen Gast missgünstig aus den Augenwinkeln. Eine Fremde hatte ihr gerade noch gefehlt.
"Nein."
So wies sie die Schwarzhaarige unwirsch ab. Zugleich überlegte sie bereits, wo sie ein neues Versteck finden konnte. Dieser Unterschlupf war nun potenziell kompromittiert. Doch wie sollte sie ihre Waffen transportieren? Es war nicht viel, was sie besaß, aber darauf verzichten konnte sie trotzdem nicht. Vielleicht war es auch einfacher die Fremde verschwinden zu lassen? Wenn sie alleine war...

Carinae allerdings ließ sich nicht einfach abwimmeln. Mit einem ungerührten Lächeln setzte sie sich im Schneidersitz direkt vor die Succubus und lehnte sich vorn über, bis sie ihrem Gegenüber mit dem Gesicht ganz nah war.
"Ich bin Cari."
stellte sie sich vor.
"Ich habe interessante Geschichten von diesem Ort gehört. Von Monstern und geheimnisvollen Bewohnern, die es ganz offensichtlich nicht gibt, von verschwundenen Schätzen und von Gestalten, die aus der Traumwelt herüber wandern. Ich hatte gehofft, unter all dem Geheimnisvollen würde es etwas geben, was mir hilft, den Weg für meinen Meister zu bereiten. Doch bislang habe ich nur dich gefunden."

Die junge Frau wartete einen Moment, lauerte auf eine Reaktion der Succubus. Dann lehnte sie sich leicht zurück.
"Bist du auch wegen der verschwundenen Schätze hier? Vielleicht könnten wir zusammenarbeiten, dann kämen wir schneller voran."

Somna fühlte sich nicht wohl dabei, dass es schon so viele Gerüchte über diesen Ort gab. Es war wohl doch besser sich ein neues Versteck zu suchen. Doch zunächst musste sie diesen Störenfried verscheuchen.
"Das könnten wir vielleicht tun. Aber dann müssten wir teilen was wir finden, und darauf habe ich keine Lust."
Sie wedelte verächtlich mit der Hand.
"Und was noch viel wichtiger ist, ich kann dich nicht leiden. Wenn du nach Schätzen suchen willst, warum versuchst du es nicht im Schloss? Dort sollte es eine sogenannte 'Schatzkammer' geben. Und einen Kerker. Du solltest es definitiv im Kerker versuchen."

"Die Tür war zu."
erklärte Carinae sich. Aber schließlich gab sie sich geschlagen. Sie stand auf, erklärte, es sei schön gewesen Somna kennenzulernen, und wandte sich zum Gehen. Nur wenige Schritte später jedoch hielt sie wieder inne. Einen Moment lauschte sie in die Leere.
"Übrigens..."
setzte sie irgendwann wieder an, deutete auf die Puppe, die an ihrem Hosenbund baumelte.
"Meine Freundin hat ein feines Gespür. Wieso warst du eben so nervös?"

Carinae wartete nicht lange auf eine Antwort. Sie hatte schon eine Ahnung dessen, was sie wissen wollte.
"Als man mir von einer Succubus erzählt hat die sich gegen Fürsten stellt und die Grenzen zwischen Traum und Realität einreißt hatte ich eine Sexgöttin erwartet. Ich hätte nicht gedacht, jemandem so Unauffälliges zu begegnen. Aber ich stehe auf Überraschungen."

Somna fluchte innerlich. So viel war bereits bekannt geworden? Sie musste aus dieser Stadt verschwinden, auch wenn sie nicht alles mitnehmen konnte. Sie war noch nicht stark genug um etwaige Verfolger zu bekämpfen. Sie musste Gras über die Sache wachsen lassen.

Langsam stand sie auf.
"Wenn du schon so viel weißt, kann ich dir auch noch das hier zeigen."
Sie schob den Kragen ihres Tops nach unten und gab den Blick auf ein drittes Auge frei, das zwischen ihren Schlüsselbeinen über ihrer Brust eingebettet war. Es blinzelte sich langsam wach und Somna erlaubte Carinae es näher zu betrachten. Dann, in einer fließenden Bewegung, formte sie eine rot leuchtende Blitzkugel in ihrer Hand, und drückte sie der Dämonin ins Gesicht.
---Somna: 20HP---

Carinae schrie auf vor Schmerzen. Sie ergriff Somnas Handgelenk und versuchte sich zu befreien. Durch die Berührung spürte sie zugleich, dass die Succubus keine Soldatin war. Sie spürte ihr Mitleid, aber auch dicke Schichten aus Wut und Angst und Hass die darüber lagen. Langsam begann sie diese Schichten abzutragen, während sie Somnas Hand von ihrem Gesicht zog.

"Doch nicht gleich so grob!"
forderte sie schnaufend. Sie spürte, wie der Schmerz unter ihrem Auge pochte.
"Aber du gefällst mir. Ich schätze, deine Fähigkeiten werden meinem Meister nutzen, aber ich glaube dich selbst behalte ich für mich."

Mit einem Ruck zog sie Somna zu sich heran. Gleichzeitig tat sie einen Schritt nach vorne und schlug aus direkter Nähe auf ihre Brust. Während sie die Succubus am Arm führte und vor sich her trieb versuchte sie, mit einem weiteren Schritt und einem weiteren Schlag nachzusetzen.
---Carinae: 15HP---

Es lag nicht viel Kraft in Carinaes Schlag, trotzdem ließ Somna vorsicht walten. Beim ersten Angriff ging sie einen Schritt zurück, um diesem seine Kraft zu rauben. Der Zweite ging direkt durch sie hindurch.

Für einen Moment war der Torso der Succubus verschwommen geworden, löste sich in Nebel auf. Dann begann er, sich um den Arm der Dämonin wieder herum wieder zu festigen, und nun steckte diese fest.
"Hast du auch nur die geringste Vorstellung, wie widerlich du bist?"
wollte Somna wissen. Dann blickte ihr drittes Auge in Carinae hinein. Es suchte nach etwas, was ihr Angst machte, einem Albtraum. Es schien verstörend wenig zu geben, was dieser Ische Furcht einflößte, aber Somna fand trotzdem etwas, was ihren Ansprüchen genügte. Als sich der Prozess, in dem ihr Körper wieder Substanz annahm, seinem Ende näherte, war sie von dickem, weißen Fell bedeckt, dass dennoch kaum in der Lage war stark ausgebildete Muskeln zu verbergen. Ihr Gesicht verzerrte sich zu der Schnauze einer Raubkatze und schwarze Streifen schlangen sich um ihre Gestalt. Die Bestie, in die sich Somna verwandelt hatte, ließ einen gewaltigen Hieb auf ihr Opfer niedergehen.
---Somna: 18HP---

Carinae kam aus dem Staunen nicht raus. Sie begann wirklich daran zu glauben, dass diese Frau den Kampf mit Fürsten suchen konnte. Im Moment fiel es ihr allerdings schwer, ihre Begeisterung in Worte zu fassen. Der Schlag hatte ihr den Atem geraubt, und so wie es sich anfühlte auch eine Rippe gebrochen. Schwer sackte sie auf die Knie.

"Der Wahnsinn."
kicherte sie leise durch den Schmerz und die Atemnot hindurch.
"Kein Vergleich zu der Kraft des Originals, aber doch der Wahnsinn."
Die Dämonin versuchte, sich wieder aufzurichten. Auch versuchte sie weiterhin, die Schichten aus Wut und Hass in Somna abzubauen. Aber da war so unglaublich viel davon. Wenn sie etwas freilegen wollte, was sie für sich nutzen konnte, musste sie den Kampf in die Länge ziehen. Die Frage war nur wie.

"Irgendwann musst du mir erklären, was du mit widerlich meinst. Du wirst wohl kaum so prüde sein mir den Spaß mit einer Succubus zu vergönnen, nur weil ich eine Frau bin?"
Der Versuch Zeit zu schinden war deprimierend plump, aber was sollte sie machen? Sie kannte das Biest, das über ihr stand. Und es hatte nicht wirklich viele Schwächen. Im Moment fiel ihr nur eine ein, die sie sich vielleicht zunutze konnte, es war allerdings fraglich, ob sie genug Luft dafür hatte. Nicht dass sie Optionen gehabt hätte. Also atmete sie noch einmal tief ein, drückte den Rücken durch und kreischte aus voller Lunge.
---Carinae: 10HP---

Der Schrei klang schmerzhaft in den Katzenohren wider. Somna löste sich von ihrer bestialischen Gestalt und schwang sich mit ihren Schwingen in die Luft. Durch die niedrige Decke kam sie nicht weit, aber zumindest hatte sie jetzt etwas Abstand gewonnen.

Etwas war seltsam. Früher hätte sie es genossen, ein Miststück wie dieses in Grund und Boden zu stampfen. Doch heute war es irgendwie unbefriedigend. Irritiert knurrte sie, als sie Blitzkugeln in ihren Händen formte, um die Sache zu Ende zu bringen.
"Ich meine deine Annahme, dass wir Succubi etwas seien 'womit man Spaß hat'. Ich meine, dass du dich hier ohne Sinn und Verstand tot prügeln lässt, weil du denkst, es sei für deinen Meister. Mit widerlich meine ich, dass du vermutlich auch noch denkst, er schert sich um dich. Aber das hat nun ein Ende."
Mit diesen Worten schleuderte Somna die Blitzkugeln von sich.
---Somna: 15HP---

Im gleichen Moment rannte Carinae los. Sie schrie, um sich von dem Schmerz abzulenken, der sich durch ihren Körper bohrte.
"Wenn etwas an mir nicht widerlich ist, dann mein Meister!"
Mit schnellen, weiten Schritten durchquerte sie den Raum, und auf halbem Weg warf sie sich, die Schulter voran, in die magischen Projektile. Die Explosion riss ihr das Fleisch ihres Oberarms auf, drohte, sie aus der Bahn zu werfen. Aber die Dämonin erlaubte sich nicht, lange zu straucheln. Der Lichtblitz und der Knall gaben ihr arg benötigte Deckung, aber nur für einen winzigen Augenblick. Und in dieser Zeit musste sie eine Hand in eine Tasche im Rücken ihrer Puppe schieben, das Band zerreisen dass den Hasen an ihrem Hosenbund hielt, die scharfen Zähne des Puppenkiefers auseinander drücken, und die restliche Strecke zu Somna zurücklegen, um einen letzten Versuch zu starten deren emotionale Mauer gewaltsam einzureisen. Ein Maul, gespickt mit einem Dutzend kleiner Messer, diente ihr hierfür als Meißel.
---Carinae: 6HP---

Die Succubus schaffte es nicht rechtzeitig auszuweichen, riss den Arm in die Höhe und fauchte leise, als sich kleine Zähne in ihre Haut bohrten. Die Wunden waren nicht tief, nicht sonderlich schmerzhaft. Aber wenn sie unvorsichtig war, sich ohne nachzudenken los riss, drohten die Klingen ihren Unterarm zu zerschneiden.

Dennoch verstand sie nicht, wieso jemand eine solche Waffe wählen sollte. Ein gewöhnliches Messer wäre doch besser gewesen. Auch fand sie es seltsam, dass dieses Miststück immer noch aufs Kämpfen versessen war, statt zu fliehen. War sie ihrem Meister wirklich treu bis in den Tod? Oder war sie einfach lebensmüde? Oder wusste sie vielleicht einfach nur, dass Somna eigentlich keine Absicht hegte sie zu töten?

Moment, was? Natürlich hatte sie die Absicht. Sie hatte es sich fest vorgenommen. Die Schwarzhaarige wusste zu viel über sie, sie musste sie los werden. Warum fühlte es sich dann auf einmal so unnötig, so unwirklich an? Fragend hob sie eine Augenbraue.
"Hast du mich hypnotisiert?"
Sie fauchte.
"Du dreckige Schlampe manipulierst mich?"
Mit der freien Hand packte sie Carinae am Schopf. Dann stieß sie sich nach oben und ihr Knie auf der Dämonin Kopf zu.
---Somna: 10HP---

Carinae konnte das Gröbste vermeiden, indem sie sich zurückwarf. Aber solange sie Somna festhielt, konnte sie auch deren Reichweite nicht ganz entkommen. Und mit den Wunden im Gesicht war auch ein schwacher Treffer schmerzhaft.

Um weitere Angriffe für den Moment zu unterbinden, griff sie nach dem erhobenen Bein der Geflügelte und hielt sie nun mit aller Kraft über sich.
"Die Leute merken es immer, wenn ich zu schnell vorgehe. Aber wenn du mir ein paar Minuten gibst, wird es dich bald nicht mehr stören, dass ich mit deinen Gefühlen spiele."

Es wurde schnell immer schwieriger die sich sträubende Succubus festzuhalten. Also nahm Carinae noch einmal ihre verbliebene Kraft zusammen und warf sich vorn über, schleuderte Somna zu Boden.
---Carinae: 3HP---
Die versuchte mit schnellem Flügelschlagen den Aufschlag zu bremsen, doch als sie sich erst mal in Rückenlage befand, hatte sie keine Chance mehr. Mit ihrem ganzen Gewicht knallte Somna aufs Kreuz, keuchte atemlos auf. Das größere Problem jedoch, besorgniserregender als der kurzlebige Schmerz, war, wie ihr Widerstand spürbar dahin schmolz.

Sie wollte Carinae nicht länger wehtun. Sie fühlte sich wohl bei ihr. Und die Schwarzhaarige hatte recht gehabt, es kümmerte sie nicht, dass es nicht echt war. Immerhin war Somna eine Succubus. Zumindest war sie es früher einmal. Welches Recht hatte sie da Gefühle daran zu messen, ob sie echt waren? Schließlich konnte auch sie sich in die Herzen ihrer Opfer stehlen.

"Sie sieht dir ähnlich. Ist sie deine Mutter?"
Achtsam zog sich die Succubus soweit unter Carinae hervor, dass sie sich aufsetzen konnte. Sie war nun eine hübsche Frau geworden, ihre Augen unendlich schwarz aber voller Liebe. Ihre Stimme war sanft und fürsorglich. Sie strich mit der Hand sanft über die verletzte Wange des geschundenen Kindes. Ihres Kindes.
"Du musst erschöpft sein. Du träumst ja schon. Ruh dich aus, lass mich nur machen."
---Somna: 4HP---

Carinae bekam für einen Moment große Augen. Dann lachte sie leise, resigniert. Wie albern war das denn bitte? Nach all den Schmerzen und den Anstrengungen sollte der Kampf so enden? Es war zum Verzweifeln. Aber ihrer Mutter konnte sie kein Leid antun.

Aber es war nicht ihre Mutter. Es war Somna. Carinae wollte aufstehen, wollte die Succubus für sich und für ihren Meister erobern. Sie war so kurz davor. Nur ihr Körper regte sich nicht. Jeder ihrer Muskeln brannte. Ihr Arm, ihre Brust, ihr Gesicht, alles schmerzte. Selbst das Atmen fiel ihr schwer.

Sie legte den Kopf in ihrer falscher Mutter Schoß. Sie musste nur kurz die Augen schließen, sich nur kurz ausruhen. Dann konnte sie weiter kämpfen. Der Duft und die Zuwendung einer geliebten Person fühlten sich gut an. Dann schlief sie ein.

Somna verblieb noch eine Weile in ihrer geliehenen Gestalt. Sie wollte das Gefühl familiärer Zuneigung noch ein wenig genießen, selbst als der Einfluss der Dämonin langsam nachließ. Erst nach einer viertel Stunde schob sie Carinae von sich herunter und kehrte in ihre ursprüngliche Form zurück.

Sie holte Seile um Carinae zu fesseln. Sie hegte ihr gegenüber keinen Gräul. Um ehrlich zu sein, fühlte sie sich so ruhig wie lange nicht mehr. Aber sie musste immer noch in Erfahrung bringen, woher sie so viel über sie wusste. Außerdem hoffte sie, einen Handel mit der Dämonin eingehen zu können. Das war es doch, was Dämonen taten, nicht wahr? Und Somna brauchte immer noch Verbündete. Vielleicht konnte sie sie zumindest so lange benutzen, bis sie echte Vertraute fand?

So saß die Succubus da, an einer verfallenen Wand, in einem verfallenen Haus, in einer verfallenen Stadt, und dachte nach und wartete. Und sie versuchte sich davon zu überzeugen, dass sie weiter war als am Tag zuvor.
Letzte Änderung: 2 Monate 5 Tage her von littleIth.
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